Zwischen den Seuchenjahren

Das Krasse ist ja, du läufst durch die Straßen und denkst, jeder müsste dir ansehen, was mit dir los ist, dabei sieht dich niemand, du bist unsichtbar und willst das ja auch sein. Du ziehst Freude aus der eigenen Unsichtbarkeit, die nur Berlin garantiert. Immer war das schon so. Deswegen wohnst du hier und nicht in einem der Weiler außerhalb, in die immer mehr deiner Freunde ziehen, wenn sie 40 werden und ihnen die Stadt fürs Gemüt zu hart wird.

Stadtschneisen. Vierspurig. Wie Lebenslinien nach Norden geschlagen. Du könntest Sturzbäche an Tränen weinen und niemand würde sie sehen.

Dezemberberlin. Seelenschwarzklebriger Bitumen. Tiger im Käfig. Mufflon im Käfig. Pinguin im Käfig. Beim Blick in den Badspiegel fällt mir auf, dass ich seit Tagen mit niemandem gesprochen habe. Kein Wort gesagt habe. Nicht mal zu mir selbst.

Ich suche wieder nach Möglichkeiten. In der erzwungenen Untätigkeit ist die dunkle Wolke so dunkel wie niemals vorher, dunkler sogar als in der dunkelsten Zeit damals, viele Jahre her, am Tiefpunkt, dem Zustand, an dem wirklich nicht viel gefehlt hat.

Die Wellen kommen im Einschluss in kürzeren und unregelmäßigeren Abständen. Ich nehme sie gewohnt routiniert, durchlebe sie intensiv, kämpfe nicht gegen sie an, koste sie fast aus. Danziger Straße. Die vielen B-Seiten von Depeche Mode in den Ohren. Leere. Nieselregen. Beißender Wind. Baumskelette. Verrammelte Läden. Tonnenschwere auf der Brust, die mir niemand abnehmen kann. Ytongpaletten. Planblock. Porenbeton. Zerdrückend.

Die Wellen machen mir keine Angst mehr wie früher, ich kontrolliere sie fast immer und sie mich nur noch manchmal. Je höher der Scheitelpunkt der vorher ausufernden Großartigkeit, desto tiefer das immer folgende Tal. Und dann kriegen sie mich manchmal wieder mit ihrer Intensität wie früher. Die Täler. Die Brecher. Dann kann es sein, dass ich mal nicht stehenbleibe. Ergeben fortgespült werde. Dann filmgerissen irgendwo aufwache. So mache ich das. So konfrontiere ich die Wasserwand, wenn ich spüre, dass sie mich umwerfen wird. Ich knipse mich dann aus. Nehme mich aus dem Spiel. Routiniert wissend, wie das geht. Ich habe alles da, was es dazu braucht.

Ich kann nicht der Einzige damit sein, mit dieser Hypothek, dieser zuverlässig wiederkehrenden Last, der üblen Kolosswolke von Horizont zu Horizont immer wieder und immer wieder, auch wenn das so wirkt, dass ich der Einzige bin, wenn ich mich umschaue, shiny happy people everywhere, dann sieht es eindeutig so aus, als wäre ich der Einzige auf der ganzen Welt. Der Allereinzige. Ich bin der, der nicht rund läuft, in einem Ameisenstaat, in dem sie alle mit dieser hässlichen Präzision funktionieren. Der Kälte. Dieser Gnadenlosigkeit. In der immer mit dir abgerechnet wird. Für alles. Wegen allem. Mache einen Fehler und du wirst zerschnitten. Die Fänger sind schon wieder auf der Jagd.

Ich schlafe schlechter als sonst. Und kürzer. Erschöpft vom Nichtstun. Lost in Hängepartie. Vor mir nur Fragezeichen. Zwei Meter Sicht. Ich bin der Maschinist. Zerpflückter Schlaf. Unruhig. Rastlos. Vier Stunden. Fünf mit Glück. Sechs, wenn ich kiffe. Immer unterbrochen von Blicken auf die Weckeruhr. Diese Unruhe. Zwei Uhr. Drei Uhr. Dann vier. Um halb fünf gestatte ich mir aufzustehen. Zerschlagen. Zersägt. Kaputtgeschlafen. Brett vor der Stirn. Ich habe damit begonnen, morgens zu trinken, wenn ich vor dem Mittag noch einmal ein wenig schlafen möchte. Der Körper funktioniert dann wie er soll. Auf Knopfdruck. Drink. Nap. Ich bin ganz sicher einer, der nicht rund läuft.

Schreiben darf ich das nicht. Weiß ich doch. Mensch! Niemand will das lesen. Und heraussagen darf ich das erst recht nicht. Sagen, was ich gerne sein möchte. Sagen, was ich wünsche. Ich soll den Zapfenstreich nicht wünschen wollen. Wer sagt, dass so ein Zapfenstreich auch Vorteile hat, setzt Routinen in Bewegung, die nicht mehr aufzuhalten sind, weil sie nicht wollen, dass Leute so sind wie ich. Sie wollen nicht, dass ich so bin. Ist da sonst noch jemand?

Du hast doch keine Probleme, sagen sie immer, die Schulterklopfer, bei den kleinsten Verstimmungen, die sie natürlich bemerken. Und dann aufgreifen. Sie müssen immer alles aufgreifen. Und reinpieksen. Wenn ich einmal nicht blöd lache. Einmal. Sehen sie das. Und dann sagen sie ihre cheesy Sachen. Die man so sagt, wenn man etwas sagt. Nicht so schlimm. Halb so schlimm. Das wird schon. Durchbeißen und gut. Und ich höre nur Indianer. Denn der weint nicht. Der Indianer weint nicht. Ich weine ja auch nicht, macht euch da mal keine Sorgen. Ich bringe niemanden in Verlegenheit. Ich weine nie. Schon vor Jahren abtrainiert, um niemanden zu belästigen. Und natürlich, um mich nicht lächerlich zu machen. Weil Mitleid samt dieser ganzen dackeläugigen Plattitüden (ich wünsche dir viel Kra-haft) schlimmer ist als alle ihre Schulterklopfer zusammen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal geweint habe. Ich weiß gar nicht mehr wie das geht.

Dieses Jahr endet so trist wie jeder einzelne der ganzen letzten klinischen Monate. So vergleichbar trist wie nur ein Jahresende vorher. Vierzehn Jahre ist das her. Mitte Dezember. Der Knockout mit dem Anruf. Sie will dich nicht sehen. Du sollst nicht vorbeikommen. Sie wird es dir erklären (und hat es nie erklärt). Die Fehlgeburt. Die am 16. Dezember rauskam. Kurz vor dem groß geplanten Fest. Irgendwann abends. Beim Duschen Krämpfe. Plumpsblut. Halbfertiger Mensch. Dessen nicht abgeschlossenes Entstehen mir ihre Mutter dann doch verraten hat, später, schon im neuen Jahr, weil sie es nicht mit ansehen konnte, den jungen Mann in der Luft hängend, mit Fragen, unruhig, schlaflos, an der Wand der viel zu kleinen Wohnung über dem grellen Monitor an einem schiefen Nagel die winzigen rosa Schuhe, ein Geschenk zur Überraschung, ein paar Monate vorher im Sommer als Botschaft an meiner Wohnungstüre baumelnd (einmal endlich ist alles für einen Augenblick gut, es klart auf, du bist stabil, wirst Vater und jeder soll es sehen), saß der jetzt da, der Typ, eingefallen, abgelegt unter Teddys Denkmal in Teddys Park, zuletzt dann doch kein Vater. Im Player Martin Gores Compulsion in nie endender Schleife, dessen Lyrics heute noch alle lange verheilten Schnitte pochen lassen. Finding the right words. Can be a problem. Eine Insel versinkt. Der Himmel wird schwarz. Ein Beginn monatelanger Dunkelheit, von deren Verstreichen ich nicht mehr viel weiß. Trümmer. Meine Trümmer. Es sind immer meine Trümmer. Trümmer sind die einzige Regelmäßigkeit. Manchmal stelle ich Trümmer selber her, wenn es lange keine gab und ich des Wartens auf sie satt bin.

Tod. Teufel. Dieses verschissene Jahr. Der Prenzlauer Berg kalt im Eiswind, wenn ich durch seine narbigen Straßen laufe, Bier, ein Lausitzer Porter, dunkelschwarz, bittersüß, die Hände zerfroren, weil ich die Handschuhe vergessen habe, dumpf, schal, dämmernd, taub für ihr Lachen, unempfänglich für die Durchhalteparolen irgendwelcher Einpeitscher, die schon lange an mir vorbeigehen, unwillig, im Moment überhaupt einen von ihnen zu sehen. Sehen zu wollen. Froh, dass die wegbleiben. Die Schulterklopfer. Du hast doch keine Probleme. Hohoho. Keine Geldsorgen (noch nicht, nein), hohoho, Freunde über Freunde (ja), hohoho, und jeder mag dich, jeder, du bist doch Mister Charisma (so nennen sie mich seit der Ausbildung, je mehr ich das ablehne desto penetranter tun sie es) und wer Mister Charisma ist, der darf gar nicht trübe sein, weil das seine Aufgabenbeschreibung nicht hergibt, selbstverständlich alle Erwartungen (Projektionen) enttäuscht und all jene mit den Glühweinbechern in der Hand und dem lauthalsenen Gackern in der Luft überfordert, wenn der Narr nicht funktioniert wie er soll. Wenn ich nicht funktioniere wie ich soll. Weil sie alle ihren Trugschluss pflegen, dass einer wie ich gar nicht so sein kann wie er ist. Wo sie mich doch als lustig einsortiert haben. Mister Mister Mister. Charisma. Her mit deiner Schulter. Lass mich doch mal klopfen.

(Konzentriere dich. Sprich in der Ich-Form. Sprich für dich. Fool. Du hast das geübt. Projiziere du wenigstens nicht. Wenigstens du. Wenigstens ich. Immer wieder fällst du (falle ich!) zurück in die zweite Person, um mich zu schonen. Sei nicht weich. Konfrontiere dich. Verletze dich. Hau es raus. Leide. Tu dir weh. Blute aus. Und schreib das auf. Kaue deine Sätze. Friss deine Sätze. Verdaue deine Sätze. Bleib stehen. Ich bleibe jetzt stehen.)

Die Straßenbahn quietscht. Schellt empört. Einer ist bei Rot über die Ampel gegangen und der Fahrer wollte ihn nicht töten, was gnädig ist, weil der Tod durch Straßenbahn ein qualvoller ist. Eingeklemmt unter Tonnenmetall. Knackende Knochen. Langsames Verbluten. Höllische Schmerzen. Die Feuerwehr. Ein Kran. Dann die Rettung. Das zerfetzte Bein. Prothesen. Übungen am Barren. Stück für Stück für Stück. Und wieder die Schulterklopfer. Wird schon. Hohoho. Kopf hoch. Gut machst du das. Gut Gut Gut.

Das Jahr stirbt. Seuchenjahr. Pissejahr. Ein Auswurf. Das lächerlichste aller lächerlichen Jahre. Jämmerlich ihre Angst vor dem Tod. Dieser Versuch zu vermeiden, was sie gar nicht vermeiden können. Meine einzige Weihnachtspost ein paar Tage vor dem Fest eine lieblos personalisierte E-Mail von Check24. Vorsicht Dispofalle! Haben sie gerufen. So sparen Sie mit einem günstigen Ratenkredit, Mark Zimmermann! Jetzt weiterlesen. Noch ein Ausrufezeichen. Als würde ich eher einen Kredit abschließen, wenn sie laut rufen und mich beim Namen nennen. Mark! Zimmermann! Eine E-Mail so überflüssig wie die Unmengen unvermeidlicher Clips, die mir die Gutmeinenden dieser Tage auf mein Smartphone senden. Winkende Weihnachtsmützenträger. Tanzende Elche. Ein Medley aus Slayer und Last Chrismas. Und ein uraltes Weihnachtssingen von Union Berlin in der Alten Försterei, weil sich niemand daran erinnert, dass ich Fußball noch mehr hasse als Weihnachten.

Es nieselt wieder. Knaackstraße. Kollwitzfuck. Ausgestorbener Dinkelkeksblock. Noch drei Querstraßen. Netto. Schwarzgelber Discounter mit dem Scottie. Immanuelkirche. Ein Restaurant heißt Muse. Selbst gemachte Sandwiches und Soulfood, serviert in kreativem Ambiente mit rauem Look und Designglühlampen. Es hat geschlossen wie alle geschlossen haben. Mein Kragen hat ein Fell. Und es zieht trotzdem. Der Winter in Berlin ist nie ein schöner Winter und der Frühling beginnt hier frühestens April. Ich fahre eine Runde mit. Eine weitere Runde mit allem. Und jedem. Der Narr, den sie sehen und der ich nicht bin. Januar. Februar. Noch ein Jahr. Ein Baumring. Der Dezember endet grau und nass in dieser dreckigen, harten Stadt.


Jetzt lach doch mal (2019)

Licht (2016)

Januarblues (2013)