Gleichgültigkeit ist großartig

Cause we are living in a material world
And I am a Material Girl

Karl Marx


Es gibt 800 Millionen Blogger, die alle irgendwas wollen. Es muss auch einen geben, der nichts will.

Icke


Ni·hi·lis·mus/Nihilísmus/Substantiv, maskulin [der]

  1. philosophische Anschauung von der Nichtigkeit, Sinnlosigkeit alles Bestehenden, des Seienden
  2. weltanschauliche Haltung, die alle positiven Zielsetzungen, Ideale, Werte ablehnt; völlige Verneinung aller Normen und Werte

Quelle: Googlesuchmaske


Ich muss doch noch einmal einen Scheit nachlegen.

Der Chris hat heuer wieder hierher verlinkt. Auf einen doch wieder ein wenig politisch gewordenen Text (was ich ja eigentlich nicht mehr machen wollte, aber egal, ist mir wieder einer durchgegangen, weil die da oben mal wieder mehr Geld für ihren komisch gewordenen Rundfunk von mir wollen und ich nicht weiß, was das soll).

Chris hat den Text als „erstaunlich moderat“ bezeichnet und damit hat er Recht. Ich habe etwas länger als sonst gefeilt an dem Ding. Sätze raus. Sätze anders. Phrasen weg. Verfängliches abgetragen. Halbsätze gelöscht, weil misszuverstehen. Viel mehr Arbeit investiert als einfach nur unmotiviert in einem tourettigen Anfall einen unförmigen Brocken in zehn Minuten auf den Teppich zu brechen wie sonst.

Ich mache das nicht mehr gerne. Politdinger. Bringe sie nicht mehr gerne auf, diese ganze Arbeit für einen politisch eingefärbten Text, weil ich finde, dass politisch zu schreiben zum einen zu nix führt und zum anderen inzwischen mit der Notwendigkeit einhergeht, möglichst unverfänglich zu formulieren, auf dass Sie nicht sofort reflexartig von einer gruppendynamischen Windhose in eine unhygienische Kiste einsortiert werden, in der Sie sich selbst nicht sehen und in die Sie auch gar nicht gehören.

Doch Obacht auch damit. Mit solchen Statements. Allein die Feststellung, dass Sie inzwischen die Sätze sorgsam abwägen und nicht mehr einfach rausballern können, weil alles ab einer bestimmten Reichweite beobachtet, einsortiert, bewertet und zuletzt gemeldet wird, gilt inzwischen schon als rechts. Strenggenommen ist auch das unsagbar geworden. (Erkennen Sie den Zirkelbezug? Sie können nicht mehr einfach sagen, dass Sie nicht mehr einfach alles sagen können. Großartig, nicht? Was für eine Zeit. Ein Wadenkrampf von Diskurs. Wie Blei in allen Beinen. Die ersten fangen wieder an, in Bildern zu schreiben. Leser lesen zwischen den Zeilen. Schreiber stellen routinierte Distanzierungen voran. Ich bin kein Impfkritiker, aber…)

Zu vielen Themen können Sie quasi gar keine oppositionelle Position mehr einnehmen, ohne dass Sie sich sofort auf ewig die schöne weiße Ausgehweste ruinieren. Kommen Sie, spielen wir doch mal ein wenig rum:

  • Sagen Sie, finden Sie etwa auch die Höhe der Rundfunkgebühren absurd und die in Rede stehende weitere Erhöhung erst recht? Palim Palim die Naziklingel. Den Rundfunk zu teuer zu finden ist klar rechts. Kuck mal da, die AfD meint das auch. Und zwar nur die AfD und ein paar unappetitliche Sturmtruppen in der CDU. Bitte sehr. Viel Spaß in der Schmuddelecke.
  • Sie finden die Coronamaßnahmen überzogen und die polizeistaatliche Attitüde aus Bayern sehr eklig? Hier Ihr Label: Rechts. Eindeutig. Fast alle Reichsbürger finden das nämlich auch. Wollen Sie mit denen … also mit denen?
  • Sie möchten die Wiedereinsetzung Ihrer Grundrechte? Ja hallo, das ist inzwischen auf jeden Fall rechts. Stellen Sie sich doch gleich mit ans Brandenburger Tor zu den Brüllern, die wir in zauberhaften Freakshowcollagen zusammen mit einer Parade durchgeknallter, schief singender Esoterikschnepfen durch Spiegel TV jagen. Also besser Fresse. Und Maske auf. Einreihen. Arschbacken zusammenkneifen. Stillstehen. Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Abstand. Flankiert von früher mal kritischen Geistern, die sich jetzt lesen wie die rechten und linken Eier von Markus Söder.
  • Na? Wollen Sie noch einen? Kommen Sie, einen noch, hier: Sie haben das komische Gefühl, dass Journalisten mehr denn je in ihrer Mehrheit eine bündnisgrüne Agenda promoten, die Sie in ihrer gängelnden Übergriffigkeit abstößt? Holla, wie megarechts. Die Umfrage dazu hat letztens ein AfD-Abgeordneter bei Twitter verteilt. Wollen Sie mit dem … also mit dem? Ehrlich mit dem? Sagen Sie jetzt besser nix mehr, sonst stell‘ ich Sie zu dem dazu. Und bei dem wollen Sie doch wohl nicht stehen, oder?

Puh. Nein, will ich natürlich nicht. Aber … aber … aber … ach egal.

Wenn ich, selten, aber doch mal den Fehler mache, auf einen Link zu Twitter zu klicken, den mir einer auf dem auch schon wieder reputationsmäßig vollkommen verbrannten Messenger Telegram (wie kannst du nur bei Telegram sein, da sind doch alles nur Nazis, komm doch zurück zu WhatsApp) zuschiebt, wird mir schlecht. Was sie da zur Abschreckung gegen jeden beliebigen Widerspruch zu inzwischen egal welchem Thema auf die Widersprecher ausrichten, ist schon keine Nazikeule mehr, das ist ein Nazimaschinengewehr. Auf Autofeuer. (Ich habe extra nicht Nazikatjushabatterie geschrieben, er ist vorbelastet, der Begriff, den könnte man falsch verstehen. Hat jemand meine rohen Eier gesehen? Eben waren sie noch…)

Sie sehen, es wird ein schlimmer Text. Klar krampfig. Keine klare Kante. Lirum Larum. Den Löffelstiel im Arsch. Zu viel Vorsicht. Zu viele Falltüren und Bärenfallen zu umtänzeln. Sowieso ein Eiertanz. Vielleicht verstehen Sie, warum ich darauf keinen Bock mehr habe.

Auf Politik.

Schon länger nicht mehr.

Weil das null Spaß macht.

Als es diesen Sommer noch kurz mal größere Partys gab und Leute in Trauben in Gärten, Höfen, Kellern rumstanden und anfingen zu politisieren, wurde es jedes Mal schnell ungemütlich. Zwischenmenschlich sehr eklig. Fast schon wie im Internet. Thema wurscht. Corona. Seenotrettung im Mittelmeer. Klima. Black Lives Matter. Oder auch nur die alte Merkel. Beim ersten Anzeichen von verschiedenen Sichtweisen war die Gemütlichkeit sofort vorbei und das Geblöke ging los. Üble Betitelungen. Hanebüchene Polemik. Kreuzdumme Sprüche. Lautstärkepegel verzerrt. Unsachlich bis zum Zäpfchen. Und dann so schön passiv-aggressive Sätze wie „Ich wusste gar nicht, dass hier auch Rechtsradikale eingeladen sind.“ Weil da einer von der Maskenpflicht nichts hielt. Und das dummerweise sagte. Auch hier: Rechts. Gegen die Maskierung zu sein ist jetzt rechts. Steht jetzt auch in einer direkten Kontinuität zu 1933.

Ich bin da raus.

Wirklich raus.

Ich mag da nichts mehr zu sagen. Zu gar nichts mehr. Sobald das Thema auf Politik kommt, mache ich zu. Suche mir andere Leute. Oder stelle mich zur Flasche Glenlivet und schaue mir das zwangsläufige Trauerspiel mit etwas Abstand an. Und sage nichts. Von mir keine Worte mehr. Und schon gar keine Positionierung. Mir ist das zu blöd geworden. Weil sie alle einen kapitalen Knall entwickelt haben. Eine Vollmeise. Und weil plakative Gleichgültigkeit im Angesicht von denen dort großartig geworden ist. Zufrieden, erleichtert, ein gutes Gefühl macht. Als hätte man es aus Aleppo rausgeschafft.

Das so Schöne dabei ist ja, gegen Ende des Pulverdampfs, wie sie glotzen, wenn sie mich doch mal ansprechen, nach der Position fragen, ich solle sagen, wo ich stehe, und dann nur zurück kommt: Weiß nicht. Keine Meinung. Egal gar. Wie sie dann lugen. Sorry. Kein Anfasser zum Beschimpfen. Schnapp Schnapp Luft. Weil Egal auch wieder nicht richtig ist. Sie wollen am Ende ja alle überzeugtes Mithüpfen und kein teilnahmsloses Egal.

Ich habe vor Jahren mal über meine Schere im Kopf geschrieben. Ja, ich weiß. Ganz naiv noch. Da war ich noch anti-überwachungsaktivistisch unterwegs. Also nicht nur innen im Kopf, im Geheimen ganz für mich selbst so wie jetzt, sondern ich habe auch viel dazu geschrieben. Mich überall wo ich konnte positioniert. War sogar bei den jährlichen Demos dagegen. Sehr überzeugt davon, das würde zu irgendetwas führen.

Jetzt habe ich gar keinen Bock mehr, dazu etwas zu schreiben und schon gar keinen Bock mehr, zu so etwas hinzugehen, weil es (eine Binse, ich weiß) zum einen nix bringt und zum anderen singt die Mehrheitsgesellschaft seit Neuestem das Loblied des Inlandsgeheimdienstes, seit der verstärkt die AfD in sein Visier nimmt, so dass es als nächstes vermutlich sogar als rechts gilt, sich gegen Überwachung und Geheimdienste zu positionieren. Weil AfD. The famous Boogieman. Wirkt gegen alles. Ins Spiel gebracht inzwischen zu allen kontroversen Themen, bei denen sie Widerspruch erwarten und ihn brechen möchten: Los, reihe dich ein. Ab in die Reihe mit dir. Kuck mal die AfD ist dagegen. Du willst doch nicht AfD sein? (Nee, will ich nicht, aber ich will mich auch nicht bei euch einreihen. Was also tun?)

Sie blicken nicht, dass sie mit all ihrem Blei, der Gleichmacherei, dem erdrückenden Mehrheitskonsens, von dem nicht mal mehr in Einzelfragen abgewichen werden soll, den früher mal altbackenen Karowestenkonservativen jeden Tag neue Elfmeter einräumen, sich dem angekotzten Publikum allen Ernstes als fresh, frech und rebellisch zu verkaufen, weil sie im Vergleich zu allen anderen eben kein Blatt vor den Mund nehmen. Hoho. Endlich mal wieder sagt einer, was gesagt werden muss (Das Gehalt von Tom Buhrow ist zu hoch. Stimmt, ist es, nur das offen auszusprechen ist problematisch geworden. Wie kann das passieren?).

Und so wirken die alten Konservativen plötzlich smooth. Urban. Hip. Weil der Mainstream (auch so ein verbranntes Wort, können Sie eigentlich nicht mehr bringen, weil es in jedem zweiten Statement der AfD auftaucht) bräsig, fett und stinkend faul geworden ist und nur noch so stumpf wie möglich die in den Zehnerjahren eingenommene Machtposition verteidigt, egal an welcher Front. Jetzt sind die Konservativen die Rebellen, die gegen die Burgmauern rennen und von oben aus den bequemen Polstern mit heißem Öl begossen werden, die Reitschusters, die Lengsfelds, die Dushan Wegners, was weiß ich wer noch, sie sind das Echo auf diesen vollkommen untauglichen Versuch, meinungsmäßige Geschlossenheit (nein, meine Güte, ich schreibe nicht Gleichschaltung, entspannen Sie sich) mit einem ermüdenden Übermaß an medialem Aufwand zu erzwingen.

Na komm, Butterfische, los, hier: Ziehen Sie sich mal die Reichweite von denen rein (darf man das überhaupt verlinken, darf man, darf man, keine Ahnung, ich mach‘ einfach mal). Liebe werbesatte Influencer. Na? Kriegt ihr das noch mit oder blendet ihr das aus? Merkt ihr was da wegbricht? Und weggelöscht von euren Plattformen auf ganz neuen Portalen bemerkenswert schnell heranwächst? Dass einer wie Reitschuster mit seinem Credo „Kritischer Journalismus. Ohne Haltung. Ohne Belehrung. Ohne Ideologie.“ inzwischen die Bundespressekonferenz zum Schwitzen bringt und nicht mehr der zahm gewordene Tilo Jung? Dass er sogar dazu ansetzt, seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Focus, im Wirkungsgrad abzuhängen? Hat jemand den unsichtbaren Staffelstabwechsel mitgeschnitten? Nee? Na klar nicht, ihr habt die ja alle geblockt. Kriegt ihr gar nicht mit sowas. Die gute alte Reaktion auf unangenehme Dinge: Augen zu. Was ich nicht seh‘, das gibt es nicht. Lalala.

Und jetzt viel Spaß mit denen. Nun erntet mal schön. Das ganze gammlige Streuobst. Das so schön gärt unter eurem schönen englischen Rasen.

Ich schaue dem nur noch zu, habe mich abseits gestellt, bewusst, mit Vorsatz, in einer ganz rationalen Entscheidung, denn es fiel mir zuletzt unangenehm schwer, überhaupt noch irgendwas mit Bezug zu aktuellen Streitfragen zu schreiben, das nicht missverstanden werden kann – in dieser Zeit, in der Sie sogar aufpassen müssen, wer Ihnen für irgendwas ein Like dalässt, weil so ein Like auf Sie zurückfallen kann, ohne dass Sie was dafür können. Es macht keinen Spaß mehr, dieses ständige, durchgehende Weichzeichnen, Abwägen, Abklopfen, Dinge zwischen die Zeilen zu packen, weil sie verfänglich geworden sind, was Texte naturgemäß schwurbelig, umständlich, schwammig natürlich macht.

(ja, auch diesen hier, ich weiß gar nicht, ob ich diesen ekelhaft verblähten Fettschwanz von Text überhaupt absenden werde)

So schreiben zu müssen macht halt keinen Bock. Es ist ätzend. Toxisch. Abstoßend. Weil die Schere in meinem Kopf noch größer und die früher mal große Lust, zu aktuellen Themen irgendwas einfach so rauszuhauen, was ich raushauen möchte, spürbar geringer geworden ist, da können die gleichen Journalisten, die permanent Mindermeinungen wegen Halbsätzen im Haltungsrudel ins indiskutable Abseits blöken, jetzt noch tausendmal sagen, dass man doch alles sagen dürfe, was man sagen will. Wäre doch kein Problem. Es gibt doch kein Problem. Man kann doch sagen was man will. Steht sogar in der Verfassung. Lies doch nach, meine Güte. (oh tschulligung, flascher Link, hier der richtige, wie schusselig, das darf doch wohl mal passieren dürfen.)

Und so läuft das jetzt halt.

So fühlt sich das jetzt an.

Es fühlt sich an wie keine Lust mehr drauf, deswegen macht mal weiter so, bitte auf jeden Fall ohne mich weiter so, lobbyiert mal, agitiert, diskreditiert, labelt, bastelt an eurem Framing, sendet euch die Griffel wund, ich sag‘ nix mehr, ich habe keine Meinung mehr, zu nix, ich schau‘ nur noch zu, zurückgezogen auf die bequeme Position, aus Prinzip gar keine Position mehr zu haben, keinen seriösen Beitrag mehr zur Meinungsbildung einzubringen, nix Konstruktives, keine Bemühung um Weiterentwicklung, null, von mir nur noch destruktiven Scheiß, einfach so, aus Bock, und weil es am Ende des Tages eh keinen Unterschied macht, ich bin raus aus dieser schlangengrubigen Schlammkuhle voller erleuchteter Wahrheitspächter, die mit heiligem Ernst in ihre vielen digitalen Kriege ziehen, ich stelle mich da nicht mehr dazu, ich stelle mich abseits. Egal wohin. Nur weg von denen.

Lesen Sie also morgen wieder sinnlosen Blödsinn von meinen Kacknachbarn. Missionierenden Nervsäcken mit Unterschriftenlisten für oder gegen irgendwas. Blöden Berliner Kodderschnauzen in blöden Currybutzen. Den Säufern vom Späti. Dummen überforderten Hundehaltern und ihren noch dümmeren Kötern. Autonazis. Fahrradnazis. Dreiradnazis. Ökobratzen. Bonzenbudenbewohnern. Drogen. Alkohol. Frauen. Männern. Retrospektiven. Mein eigener kleiner beschränkter Kosmos. Meine Depressionen. Meine Manie. Lecker zu essen. Mies zu essen. Oder zu trinken. Unhörbare Minderheitenmusik (die ich so mag). Oder ziehen Sie sich meine schlechten Smartphonepics aus dem bescheuerten Prenzlauer Berg rein, zu denen mir oft nicht einmal mehr ein halbgarer nichtssagender Satz einfällt.

Und so will ich das. So ist das jetzt gut. Sehr gut. Ich bin jetzt ganz 2020. Bald 21. Ein grauer positionsloser Schatten. Nirgendwo mehr dabei. Alles unerheblich geworden. Beliebig ohne Ende. Heute hü, morgen hott. Ich mein‘ nix mehr. Ich sag‘ nix mehr. Ich will nix mehr haben. Nix mehr wissen. Und schon gar nicht erreichen. Ich schaue der Feuerschale beim Brennen zu. In der keiner mehr löscht, sondern alle nur zündeln. Rumhängen. Popcornfressen. Feuerschalenglotzen. Das muss genügen. Seien wir realistisch, Gleichgültigkeit ist großartig.


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