Best of Shitstorms 2020

Seitdem jeder Honk aus dem Kinderzimmer seine Befindlichkeiten wie Kot in den Abfluss namens Internet spülen kann und verzweifelte Zeitungspapierportale den Meinungsmüll mit ihren letzten Resten an Reichweite auch noch in die Landschaft blasen, bekommen Sie jeden Tag einen Shitstorm gegen irgendeinen Mist durchs Dorf gejagt, mit dem die immergleichen Digitalkampagnenkurbler versuchen, sich mit einem gut abgepassten Tweet immer noch einmal neue 15 Minuten Digitalnischenruhm an die Pluderhose zu heften, um danach wieder dort zu landen wo sie hingehören: Im Brei des Vergessens.

Natürlich nutzt sich das Daueraufgerege mit den Jahren ab, aber kurz mal erfolgreich ein Empörungswellchen gegen eine Nudelfirma, einen Dachdecker oder einen drittklassigen Provinzpolitiker vom Zaun gebrochen zu haben, ist im allgemeinen Entrüstungsrauschen immer noch eine gute Gelegenheit, die eigene Bekanntheit nach Jahren des Absteigens oder Niemals-entdeckt-worden-Seins doch noch einmal aufflackern zu lassen, bevor man endlich wieder völlig zurecht vergessen wird.

Das Jahr ist bald vorbei. Schauen wir mal. Was für fürchterliche Highlights der Aufregungsökonomie haben sie denn 2020 gezündet? Natürlich viele, zu viele, um sie alle aufführen zu können. Hier eine Auswahl:


Januar 2020

Wer ist Lars Eidinger? Keine Ahnung, was der so treibt, außer ständig bei Jan Böhmermann auf dem gebührenbezahlten Sofa zu sitzen, was unter Quasiausschluss der Öffentlichkeit natürlich kein Karriereboost ist, also entwirft er eine Alditüte, inszeniert sich als Obdachloser und bekommt endlich den kalkulieren Shitstorm, den es braucht, den eigenen Namen wieder in die Medien zu bringen und natürlich um das Produkt abverkaufen zu lassen. Eine Alditüte. Mit Obdachlosenchic. Lame. Ich hätte noch Heroinbesteck dazugelegt. Und einen positiven Aidsbescheid. Zum vollgeritzten Unterarm, so ganz isoliert nur als Tüte mit dem lümmelnden Eidinger dran ist das ein bisschen oll, aber gut, für die Panikhühnerherden aus dem Durchdrehinternet hat es ja gereicht. Und der Erfolg ist auch da: Die ersten Idiotenmuseen wollen die Tüte ausstellen, Reich und Schönblöd hat die Bestände komplett aufgekauft und das nächste Booking für einen weiteren förderfinanzierten Film von Fatih Akin, Til Schweiger oder Mirdochegal Fickteuchdoch steht schon.


Februar 2020

Jetzt häuten und fressen sie sich schon gegenseitig. Eine privilegierte Spiegelkolumnistin steht als transfeindlich da und bekommt, sonst selbst oft Urheberin eines solchen, den schönsten Shitstorm des Februars. Weil sie ein Peniskissen getwittert hat. Penis! Huhu! Peh! Nis! Jaha, doch doch, das war es. Mehr war nicht. Das reicht schon. Wenn ich mir etwas wünschen kann, dann das: Ich möchte, dass diese ganzen giftigen Leute noch mehr Macht und Einfluss bekommen als sowieso schon. Ehrlich. Gebt ihnen Ämter. Quoten. Weisungsbefugnis. Gestaltungsspielraum für ihr abstruses Weltbild. Und mir eine Popcornmaschine mit Cola Zero-Zapfhahn. Und lasst sie alles anzünden bitte. Konsens. Umgangsformen. Verlässlichkeiten. Jede Contenance. Ich will eure Zivilgesellschaft brennen sehen.


März 2020

Das Borderlinesyndrom bekommt im März einen ganz neuen Drive. Bahlsen kassiert einen Shitstorm für einen Waffelkeks, der seit 60 Jahren Afrika heißt (warum auch nicht?) und knickt nach ein paar Tagen hochemotionalem Twitterdruck der üblichen freidrehenden Krakeeler ein. Afrika wird nicht mehr Afrika heißen, sondern möglicherweise „Heißer sonniger Kontinent südlich von Europa“. Oder einfach „Kontinent“. Weil heiß sexistisch konnotiert ist und sonnig ein widerlicher Ableismus.

April 2020

Til Lindemann veröffentlicht ein Gedicht, das Internet dreht wie vorgesehen durch und die alten Holzportale schreiben empört ab. Gähn. Was? Wo sind wir gerade? Verdammt, ich Promi war seit zwei Wochen nicht mehr auf der Startseite von Stern und Gala.de. Wird mal wieder Zeit. Ich kacke mal eine Skulptur, drücke ein paar Kerzen rein und zünde die an. Wo ist der Empörungsknopf? Welchen Viralweg nehme ich nur? Ah, hier, den. Klick. Schau mal auf die Uhr, in ein paar Stunden müsste das Ding bei den üblichen Moralaposteln beim Frühstückskaffee auf den Vorderhausbalkonen zu Berlin-Friedrichshain steil gehen. Für die kostenlose Promo. Ich habe nämlich ein neues Album. Es heißt „Ich ficke euch alle blutig in den Darm, ihr Minipimmel.“ Und das soll bitte gut gekauft werden. Ist noch Bier da?


Mai 2020

2019 war klarer gesellschaftlicher Konsens, dass über die superheiligen Klimaaktivisten keine Witze gemacht werden dürfen. Darf nicht. Wehe. Heiliger Ernst möge sein. Hier ist nämlich Deutschland. Und wenn das Land etwas macht, dann macht es das richtig. Ohne Witz. Denn das Leben hier ist kein Witz.

Der Einzige mit Reichweite, der sich damals wider des Klimas (haha) Witze dazu getraut hat, war leider Dieter Nuhr. Seitdem sitzt er mit dem Neosatanchuckymörderpuppestempel auf der Stirn isoliert herum und bei der ARD werden sie die nächste Gelegenheit ergreifen, seine Sendung zu begraben. Diesen letzten freidrehenden Kantonisten schauen die sich nicht mehr lange mit an.

Das mit dem unverschämten Was-erlaubt-der-sich-Humor über die uns allen immer so mühsam erklärten Tabus hat sich 2020 wiederholt. Nu(h)r (hahahaha, mein Schenkel ist schon ganz wund, ich kack‘ mich ein, dieser Wortwitz ist so endlos geil und vor allem so neu) mit Witzen über Corona. Er hat echt Witze über Corona gemacht. Der Nuhr! Über Corona! Witze! How dares he? Hallo? Halloooo? Immer ist es der elende Nuhr, der die Stinkbombe wirft. Brockiges vors feine Buffet reihert. Auf die goldenen Birkenstocks der Gerechten pisst. Der Nuhr! Ausgerechnet der! Und das geht nicht. Ging nicht. Darf man nicht. Weil das ist ernst hier. Alles. Vor allem Corona. Nochmal: Hier ist Deutschland. Das ist nicht komisch. Hören Sie endlich auf mit dem Lachen. Lachen ist Nazi.


Juni 2020

Auch dieses ganze ermüdende Geschlechteridentitätsgetröte ist eine Schlangengrube geworden, zu der Sie als exponierter Mensch besser gar nix mehr sagen, weil Sie sonst sozialmedial als Barbecue enden und sich Ihre künftigen Engagements in den Arsch stecken können. Außer Sie können es sich finanziell erlauben, frei zu sprechen: Im Juni hat das eine Autorin getan, von deren Zaubererbüchern ich ehrlicherweise nicht eines gelesen habe. Was sie gemacht hat? Sie hat in einem Witz durchblicken lassen, dass nur Frauen menstruieren können. Ist die denn irre? Menstruieren ist ein Konstrukt!

Kulinarisches wurde auch gegeben: Pizza Hawaii ist jetzt auch politisch problematisch, nicht nur geschmacklich. Wegen … dingsda … Cultural Appropriation.

Autsch. Diese Schmerzen. Meine Nerven sind wundgescheuert. Und ist das Schuppenflechte da an den Eiern? Wie weit bin ich schon? Ein halbes Jahr erst? Meine Güte.

Juli 2020

Die großartige Schauspielerin Halle Berry erwägt, die Rolle eines Transmanns zu spielen und wird von der Kanzelcommunity in die übliche Entschuldigungsorgie gebissen. Was ich seltsam finde, denn nach meinem Verständnis ist es der Job von Schauspielern, sich in fremde Rollen, die nicht die eigenen sind, hineinzuversetzen. Doch das passt halt momentan nicht in das gerade propagierte identitäre Bild, in der nichtweiße Charaktere bei den Simpsons nicht mehr von weißen Menschen synchronisiert werden dürfen. Wegen der Gene. Spielen wir doch das so schön absurde Spiel weiter: Was ist denn mit Bart Simpson? Der wird von einer Frau synchronisiert. Geht das noch? Darf das noch? (Spoiler: Na klar geht das. Weil Kastendenken auf allen Ebenen bescheuert ist und es übrigens immer schon war.)

Und dann war da im Juli nochmal Dieter Nuhr (jetzt reicht’s aber auch, ich will den gar nicht zum Märtyrer machen, dafür finde ich den zu langweilig und das schon, bevor er zur ständigen Jungfrau von Orléans wider die Kanzel wurde).

Der Nuhr wurde erst um einen Beitrag für eine Kampagne der Deutschen Forschungsgemeinschaft gebeten, den sie dann, als er ihn wunschgemäß geliefert hat, wegen der Empörung der üblichen Empöreria gelöscht haben. Weil der Nuhr nix dazu sagen soll. Am besten gar nix mehr zu irgendwas sagen soll. Natürlich ist das erbärmlich. So erbärmlich wie das 2020 extrem eingerissene Löschen aller möglichen Kanäle, Clips, Stellungnahmen, Kommentaren auf allen möglichen Plattformen. Löschen Löschen Löschen. 2020 in einer Breite wie vorher nie. Ich glaube nicht, dass irgendjemand seit der sehr gründlichen Fahrtaufnahme des sehr deutschen NetzDG noch empört mit dem Finger in Richtung des meinungsregulierten Chinas zeigen darf. (macht auch keiner mehr, ist Ihnen das aufgefallen?)

(Ich bin übrigens – gestatten Sie mir den kurzen Einschub – sehr froh, dass Blogs als relevantes Medium komplett tot sind und ich hier nur für eine kleine, befreiend irrelevante Zahl von randständigen 69 Followern (Grüße an der Stelle) schreibe, die dankenswerterweise nicht mehr so oft weit streuen. Blogs haben die Löschfritzen und Meldemuschis, die ihre eigenen Social Mediaäste netzwerkdurchsetzungsmäßig zerfräsen, einfach nicht auf dem Schirm. Zu irrelevant. Was sind schon Blogs? Wer unter 30 weiß schon was das ist? Ich sag‘ es Ihnen: Nix ist das. Nur noch eine unter allen Radaren gammelnde Minderheitennische, in der Sie tatsächlich noch schreiben können was Sie wollen. Niemand kanzelt hier. Wahrscheinlich lohnt sich der Aufwand für die paar Versprengten einfach nicht.)


August 2020

Gut, 2020 ist auf jeden Fall das Jahr, in dem der Begriff der Cancel Culture in den allgemeinen Sprachgebrauch überging, auch weil das Entziehen der Plattformen, auf denen jemand sprechen darf, immer weiter greift und der Korridor dessen, was ohne soziale Folgen und ausufernde Stigmatisierung gesagt werden kann, immer enger wird. Im August traf das Lisa Eckhart stellvertretend dafür, dass abgrundtief schwarzer Humor inzwischen auf der Liste der Dinge steht, die nicht mehr ohne Sanktionen praktiziert werden können, dabei hat gerade der österreichische schwarze Humor eine bemerkens- und auf jeden Fall erhaltenswerte Tradition.

Mir gefällt ehrlich gesagt das Wort Kanzelkultur viel besser, weil das Bild so schön passt: Eine fast leere Kirche. Vom Staat ausgehalten. Da oben stehen sie und predigen. Gift und Galle. Tod und Teufel. Pest und Nazis. Von ihrer Kanzel. Aufgebracht. Entrüstet. Todernst. Woke bis in die Haarspitzen.


September 2020

Im September hat es dann Serdar Somuncu erwischt. Na endlich. Ich frage mich schon so lange, wie er ihren Treibjagden die letzten zehn Jahre entgehen konnte. An den Hassias haben sie sich lange nicht rangetraut. Jetzt im September haben sie ihn endlich vor den Bock gespannt und durchgenommen, weil er das gesagt hat, was er immer sagt. Würde sonst keinen jucken, aber bei Twitter war gerade Spätsommerloch und niemand anderes da, über den sich die Echauffierblase echauffieren konnte, also nahm man halt den. Und natürlich hat er die pflichtgemäße Entschuldigungspirouette vollführt. Ein Profi halt.

Auch im September: Adele hat den falschen Bikini an. Und das Internet schäumt. Wegen … ach egal, ich gehe in die Kloschüssel onanieren, um mir die ganzen Bekloppten aus dem Hirn zu wichsen. Wollen die echt so weitermachen? Tag für Tag? Empörung folgt Empörung? Wegen jedem Schiss? Immer ausrasten? Für sowas da? Bikini? Wissen die nicht, dass das auf die Pumpe geht?

Oktober 2020

Es wird immer schlimmer mit den Ausrastern wegen der Marginalien. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Lana del Rey trägt die falsche Maske, Rihanna eignet sich irgendwas Kulturelles an, Olaf Scholz sagt was er verdient und Kubicki mahnt als gar nicht mal so einsamer Rufer, dass die Meinungsfreiheit unter die Räder gerät, wofür sie ihn wegen seiner Meinungsäußerung grillen. Das alles innerhalb von zwei Tagen und wahlweise rastet Instagram, Twitter oder einfach nur „das Internet“ deswegen völlig aus. Fassungslosigkeit. Wortreich geschriebene fehlende Worte. Pures Entsetzen. Befindlichkeitenbingo. Noch einer nicht betroffen?

Puh. Zwei Monate noch. Ich sehe inzwischen aus wie auf Crack, die Haut auf meinem Unterarm ist blutig geritzt, die Lippen sind zerbissen und mein Knie wippt hyperaktiv auf und ab. Immer. Auch wenn ich laufe.

Komm, Spendierhosen runter, einen noch: Finnlands Regierungschefin löst mit Tittenbild Debatt… (gnagnagnagna, na super, ihr verstrahlten Erste-Welt-Problemspinner, ich habe den Regalboden durchgebissen, jetzt liegt die Topfpflanze auf dem Boden…)


November 2020

Mit der US-Wahl geht nun ein glatter vierjähriger ununterbrochener Shitstorm zuende. Was haben sie sich nun wirklich alle täglich an dem orangen Horrorclown abgearbeitet. Meinung Meinung Haltung Haltung. Vier Jahre lang. Pausenlos. So lange haben sie nicht mal bei Putin, Orban oder der polnischen Piss(haha)partei durchgehalten. Der Typ muss sie wirklich sehr getriggert haben. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber habe das nach einer Weile gar nicht mehr gelesen. Überschrift. Was? Ach, schon wieder Trump. Wie scheiße der ist. Wie böse der ist. Dass der gar nicht geht. Klick. Weg. Müde.

Was war noch? Nochmal der Nuhr? Oh nää.


Dezember 2020

Boar, fast vorbei. Endlich. So viel Stumpfsinn. So viel leergelaufene Rage. Diese ganze verpuffte Energie. Schwefelrückstände in der Atemluft. Ich kann nicht mehr.

Okay, last call: Zum Ende des Jahres häuten sie wieder einen der ihren aus dem Haltungszoo. Ein Moderator, den ich nicht kenne, weil ich diese traurigen Sender nicht schaue, macht einen halbgaren Witz über den nun wirklich lächerlichen Genderklicklaut, den die Orthodoxen aus den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten jetzt so gerne sprechen. Und wird dafür auf einen Pfahl gesteckt und ausgestellt. Wegen des Klicklauts. Nochmal: Des Klicklauts. Mehr nicht. Das Jahr endet wie es begonnen hat: Komplett irre.

Und hey, wollen Sie zum Dezember nochmal eine neue Aufregung um Lisa Eck… nein? Ich auch nicht. Reicht jetzt. Ich muss zum Urologen. Mir haben sich vor lauter Stumpfsinn die Hodensäcke verknotet.


Ich mag Sie aus hygienischen Gründen nicht mit dieser geballten Idiotie aus der digitalen Vollspackenblase entlassen, nicht dass Sie diese Unsympathenparade am Ende noch so dement macht wie ich mich das Jahr über beim Sammeln gefühlt habe. Sehen Sie hier eine wegweisende Entscheidung, die Sie den Wahnsinn der ganzen traurigen Bildschirmkotwindhosen aus dem Internet in einer Nanosekunde vergessen lassen wird: Der Fischotter ist Tier des Jahres 2021. Wenn das mal kein schöner Ausblick ist. Ich meine hey, Fischotter. Von dem kriege selbst ich gute Laune. Einen schönen Tag noch. Bleiben Sie ge… (bargh)