Was ich nicht mehr hören kann (2)

Der Floskelei kein Ende, niemals ein Ende, denn die Floskeln bilden Metastasen, kalben, duplizieren, multiplizieren sich, einer haut ein Ding raus und der Rest der Welt kupfert ab. Will auch witzig sein. Wochen. Monate. Jahre. Bis es brennt, blutet, verschorft und wieder aufplatzt, ich es nicht mehr leiden, hören, riechen und ganz einfach nicht mehr sehen kann, diese ewig gleiche Scheiße, diese dummen Sprüche, bitte, schauen Sie, schauen Sie, den abgewanzten Flachmist mal wieder:


1. Wortwitze mit Abstand

Ja doch, wir wissen es jetzt alle. Abstand halten. A-h-a. Plus L. Hust Hust. Sonst tot. Der mit Abstand bescheuertste Wortwitz kommt zu der mit Abstand beschissensten Zeit daher. Alle Getränkehonks, Currybutzen und natürlich die Friseure, diese mit Abstand (möööööööök!) ungenialsten Wortspielhelden aller Wortspielschwurbler, bringen das Ding jetzt. Und dabei sind sie alle mit Abstand (hahaha, vastehnse vastehnse, Abstand, einsfuffzig, wejen dit Coroner, hahahaha) die einfallslosesten Schilderspruchschreiber der Welt. Allein deshalb schon muss das mit Abstand (Tröööööt! Alaaaaaaaaaaf!) blödeste Virus aller Viren bald verschwinden, zumindest aus der Wahrnehmung. Damit sie sich in Einzelhandel und Dienstleistungsgewerbe endlich neue dumme Scheiße in ihren mit Abstand (tok tok tok brain? Are u there?) degeneriertesten Gehirnen aller Lebewesen einfallen lassen können, die sie sofort überall abkupfern, hundertfünftausendmal bringen und mich an allen Ecken immer wieder noch einmal damit penetrieren können, auf dass ich diesen seit acht Monaten durch den mit Abstand (rulla rulla rullala) dämlichsten Bezirk aller Bezirke getriebenen Abstandswortwitzhirnkot nicht mehr ertragen muss und damit aufhören kann, bei Amazon nach Zyankalikapseln zu suchen.


2. Bleiben Sie gesund

Gimme more Coronabla. Bleiben Sie gesund. Kennen Sie, nicht? Den Standard gewordenen Floskelsatz der Coronaparalyse im geschäftlichen Umgang? Krankenkasse. Weinhändler. Der Vermieter. Bäcker. Fleischer. Schneiderin. Jeder, wirklich jeder Bommelslipperdepp im Borgwürfel. Sogar der Scheißnachbar. „Bleiben Sie gesund“ ist das neue „Wie geht es dir?“ Please eat shit. Mir geht jedes „Bleiben Sie gesund“ so sehr auf meine vergammelten Eier wie keine Floskel sonst. Weil es sich so penetrant festgezeckt hat in den Umgangsformen. Wie ein Blutegel. Bandwurm. Schlupfwespe. Hat das, was vorher war, einfach gefressen. Ausradiert. Man wünscht sich jetzt im allgemeinen Sprachgebrauch gegenseitig keinen guten Tag mehr beim Verlassens des Gewerbes, bei dem man etwas gekauft hat, sondern tut ganz fresh aktuell pseudoempathisch kund, dass jemand, an dem einen maximal der Geldbeutel interessiert, gesund bleiben möge, denn es ist wieder nur eine ihrer Floskeln, die sie in das Konventionenskelett der Geschäftswelt geschissen haben. Ein Ritual. Ein Kommunikationsclusterfuck. So wertlos wie „Mit freundlichen Grüßen“ oder „Hochachtungsvoll“ (was übrigens der letzte Dreck an Floskel ist, wer „Hochachtungsvoll“ schreibt, verachtet Sie in Wahrheit mehr als einen fetten überreifen und schmerzhaft nach innen wachsenden Eiterpickel unter seiner Achsel, ich weiß das, ich schreibe auch „Hochachtungsvoll“, wenn ich jemanden hasse).

Und alles nur, weil er so ist. Der Mensch samt seinen Floskeln. Im Wust seiner Rituale, die er immer wieder erneuert, damit Leute, die einem was abkaufen sollen, denken, dass man sie mag, an sie denkt (was nicht so ist, aber so aussehen soll). Das ist wie das gegenseitige Entlausen bei den Affen, wobei das Entlausen wenigstens einen Sinn besitzt: Man hat danach keine Läuse mehr.


3. Merkt ihr selbst, ne?

Das ist einer der dämlichsten Abschlusssätze dieser ständigen Internetmoralpredigten, den nölige Leierkastenapostel an das Ende ihrer Twitterthreads kleben, meist als finales Dickpic einer längeren, übergriffigen Schnöselelegie über ein Thema, zu dem es viele entgegen gesetzte Auffassungen gibt, auf die der Schreiber keinen Bock hat, weil sie nicht in sein Bild passen, das er sich von der Welt gemalt hat. Weil sie alle nicht mehr mit Widerspruch oder auch nur einfacher Abweichung vom erwünschten Common Sense zurecht kommen und dann unsachlich werden müssen, nicht zuletzt auch, weil sie sonst in der Internetaufmerksamkeitsökonomie nicht wahrgenommen werden. Und weil grundsätzlich inzwischen immer alles sofort persönlich werden muss. Deshalb agieren sie so blödpampig in ihren Predigten. Kanzelnd. Von oben, vom Podest herab, auf dem sie sich sehen. Und von dort ihren giftigen Übelsatz borniert nach unten näseln: Merkt ihr selbst, ne? Ne? Nenene? Ihr Nixblicker? Fast jeder, der im Internet moralpredigt, bringt den Mist. Soll cool klingen. Abgeklärt. Zeigen, dass der Schreiber Bescheid weiß und der Adressat nicht. Und wie immer führt massenhaftes Verwenden dieser Floskel nicht dazu, dass der Schreiber, so wie er es beabsichtigt, als der kluge Weise mit dem Durchblick aus dem Morgenland dasteht, sondern als Depp. Weil er phrast. Floskelt. Nervt. Jeden schließlich ermüdet. Mich ermüdet. Merkt ihr selbst, ne? Ne? Ne? Bsssssss.


Was ich nicht mehr hören kann (1)