Hirnsudelei 11/20

Wenn ich piss, dann auf mein Leben. Gott bleibt ein Nazi, aber wo bleibt sein Segen?

Torti Tortsen


„Hier, nimm zum Kacken dein Smartphone mit“, sage ich auf dem Weg nach Hause zum dringend kackenmüssenden und deshalb voraneilenden Kind und ernte damit endlich wieder diesen vernichtenden Sauerblick einer der hier wieder verstärkt umherschleichenden Prenzlauer Berg-Mütter, die meinen wertvollen Hinweis gehört hat und ihn missbilligt. Diese bösen Blitzblicke, die mich die letzten neun Jahre des Vaterseins begleitet haben, werden ja weniger in letzter Zeit, seit meine Spielplatzaufenthalte in den Geschichtsbüchern dieser sinnlosen Blogwucherung hier verschwunden sind. Je mehr das Kind in Richtung Pubertät rast, desto mehr werde ich wieder unsichtbar für die wohnblockeigene Mütterrotte. Gut. Ehrlich. Das ist gut. Eine gute Nachricht.

Mode (oder das was Berlin dafür hält): Bei den Frauen Berlins sind diesen Herbst mal wieder Kampfstiefel modern. Also gut, nein, es sind keine Kampfstiefel, es sind nur diese lächerlichen Kleinemädchen-Doc Martens ohne Stahlkappen. Gähn. Aber okay. Das kommt bei denen im Schnitt alle fünf Jahre daher und dann läuft fast jede damit rum. Eine wie die andere im Einheitsschuhlook. Und fühlt sich von Castingallee bis zum Arnswalder Schmockplatz voll Wellnessantifa. Der Kiez ist der Laufsteg und der Punk das Accessoire. Dieses Jahr kombinieren sie die Docs mit lustigen schwarzen Musterstumpfhosen und schwarzem Stoffminirock, was ausnahmsweise für Berliner Verhältnisse ziemlich gut aussieht, ist sonst Berliner Mode zwar supergenderfluid, aber chronisch grottig. Schade, dass sie diese für diese schlumpfige Stadt bemerkenswert okaye Kombination spätestens zum Frühjahr wieder einmotten und ihre goldenen Birkis aus dem Schuhschrank holen werden, die aus irgendeinem Grund nie aussterben.

Die übliche monatliche Bloggeronanie: Der Nachteil, dass ein paar von Ihnen dieses Kackblog aus dem Arschloch des Internets immer mal wieder irgendwo auf irgendwelchen Social Media-Metastasen teilen, ist, dass jetzt wieder Bräsige, Superkorrekte und Übelnehmer über die Scheiße diskutieren, die ich hier aus meinem Hals in die Internetkloake würge. Die ganze Kakophonie ist wieder da. Buhu, der is so negativ, bäbä, der schreibt nie was Schönes, mimimi, der kotzt nur ab, so destruktiv, uäh, das geht gar nicht. Bläh über bläh. Und dann linken sie auch noch hierher und ich klicke in der Dummheit zurück, weil mir WordPress eine Mitteilung über eine plötzliche Trafficexplosion als Push Nachricht aufs Smartphone geschissen hat, und dann muss ich doch wieder nur das bleierne megakorrekte Geseier irgendwelcher verschnöselter SPD-Cupcaketwittermütter lesen, die sich aufregen. Und ick versteh et nich, lesen Sie doch hier schlicht nicht, sondern bitte woanders, zum Beispiel in einem dieser zehntausenden superpositiven Blümchensonnenblogs, in denen nur superschnafte positive Dinge stehen, die garantiert supi Laune machen. Berlin-Mitte-Ernährungsberatermüll. PR-bewehrte klickbunte Muttistories aus dem Windelkosmos zwischen Calendula und Schulfestfotowänden. Der Lastenfahrradclub von Niederschönhausen, der Ausfahrten ins Brandenburgische unternimmt und Fachwerkfassaden fotografiert. Blumenrabatte. Yukkapalmen. Streuobstwiesen. Irgendeine Scheißpetition für irgendeinen Scheiß. Oder hey, supi Rezepte für die ewigen Cupcakes. Mit eigener Domain. Malte-Trelleborgs-veganes-Cupcakeparadies. Dot. Com. Oder Was-Malte-Trelleborg-heute-für-Musik-gehört-hat.de. Und-morgen-wird-Malte-Trelleborg-glutenfreien-Zwiebelkuchen-backen.blog. Wegen mir auch Malte-Trelleborg-träumt-von-Einhornfeen-und-macht-krakelige-Comics-davon.net. Geben Sie Patreongeld, Sire! Klicken Sie! Klicken Sie! Jetzt!

Ich verstehe das Echauffieren immer nicht. Niemand zwingt Sie, diesen manisch-depressiven Müll hier in sich reinzuschütten. Ich will nix verkaufen, null, gar nix, mich selbst nicht, kein bescheuertes Buch, kein Merchandise, keine Kackshirts oder hässliche Tassen, nicht mal Werbung. Ich zahle ernsthaft Geld dafür, dass hier auf dieser teerlungenschwarzen Blogmissgeburt keine Werbung geschaltet wird, weil mir von Werbung nässende Ekzeme auf der Eichel wachsen. Dieses Aufregen irgendwelcher Leute wird nicht dazu führen, dass ich auch noch damit beginnen werde, über Blumenbeete, Yukkapalmen, Napfkuchen, fürchterliche Petitionen und Schäfchenwolken zu bloggen. Eher blogge ich über meinen eigenen Schwanz und das, was sich nach drei Tagen Wacken (oder zwei Wochen Lockdown) so alles unter der Vorhaut befindet (es ist gelb. Trocken. Und krümelig. Bah).

Und weil das an Weirdos nicht reicht, linken jetzt ein skurriles Illuminaten-Deep-State-Merkelreptil-Blog, das sich mit Hexensprache und Alternativmedizinmutationen befasst, ein tiefenreligiöser Nazi mit Touretteanfällen und ein ironiebefreiter Frauenhasser hierher. Ein Gruselkabinett. Und das, nachdem das Ding hier die letzten Jahre schon durch die Internetidiotenhölle irgendwelcher Tatortfanforen, Augsburger Stadtteilfacebookgruppen, vertrottelter Incelsandkästen und die vertrockneten Kommentarleisten eines fucking Mittemütterblogs (mit Cupcakes, kein Scheiß) sowie eines FDP (!)-Ortsvereins gezogen wurde. Und das ist der absolute Absturz. Die FDP. Das tut ehrlich weh.

(Interlude: Wenn auch Sie in Ihrem Disqusforum Wetten abschließen wollen, wann ich mich umbringen werde: Jetzt noch nicht. Ich kann nicht sagen wann, aber jetzt noch nicht.)

An zwei Ecken gehen aber ausdrückliche Grüße raus und es ist mir ein Anliegen: Dickste Propz, gelüfteter Hut und eine Wackenpommesgabel mit ausgelassenem Schweineblut an den Fingern an das Antiveganforum und die Chaos-Punks. Es ist mir ein Fest. Mit Bratwurst und Sempf.

Zwei einschneidende Erlebnisse diesen Monat:

1. Ich sah jemanden beim Frühstück einen halben Zentimeter Butter unter die Nutella eines Brotes schmieren. Und dann aß der das.

2. Ich sah direkt vor meinem Balkon einen Vogel tot senkrecht runter auf die Straße fallen. Flatsch. Dann fuhr ein Müllauto drüber. Beeindruckend. Vergänglichkeit mal ganz plastisch. Like. (Scheiß Vögel)

Frage an der Stelle: Warum stinken Berliner Müllautos inzwischen so erbärmlich, dass ich in meiner Wohnung bei offenem Fenster fast ohnmächtig werde, wenn eines davon vorbeifährt? Übel. Extrem übel vergoren. Tränen. Augen. Hals. Kotzreiz. Macht die BSR die Dinger nicht mehr richtig sauber? Aus Kostengründen gar? Zieht so ein Berliner Müllauto deshalb solch einen fiesen Dunst durch die Straßenschluchten, der noch locker zwanzig Minuten in der Luft kleben bleibt? Wegen Betriebswirtschaft? Echt mal, ich habe in Neukölln gewohnt. Lange. Da mockerte es auch in und vor allem aus jeder Ecke. Aber die Müllautos stanken dort damals nicht so himmelschreiend. Jetzt schon. Wem nutzt das?

Apropos Müll. Hier die Pornhubperversion des Monats, die mir der Algorithmus aus dem Nichts unten in die Vorschläge zum Weiterglotzen schob: Ein nackter dicker Mann sitzt in einer Mülltonne und wird von verschiedenen Männern und Frauen mit ziemlich widerlichem Unrat beworfen, den sie aus keimigen Mülltüten in ihrer Hand fischen. Als kein Müll mehr da ist, spucken und pullern alle nacheinander in die Tonne. Am Ende des Clips filmt die Kamera aus dem Innern der Tonne nach draußen und der Deckel geht zu. Film vorbei. Echt jetzt. Das war’s. Endzeit, Leute. Da kann nix mehr nachkommen. Ich bin ratlos. Ehrlich. Es muss Leute geben, die dazu abgehen. Sonst würde es sowas nicht geben.

(Interlude: Oder es ist feministische Filmkunst, gefördert von der Staatlichen Filmakademie, der Friedrich-Ebert-Stiftung und Arte: Men are trash, Sie baden gerade Ihren Hashtag drin)

Na? Erstmal sacken lassen? Den Pornoprinzen aus der Tonne? Ach komm‘, ich hab‘ noch was schönes, hier, kuck mal, bisschen Kotze in der S-Bahn, gnädig mit Filter überlegt:

Nee? Zu viel Filter? Man sieht die Kotze nicht gut genug? Na gut, eat this:

Ist ja gut. Sie sehen, ich bin unausgelastet. Aus der Spur. Laufe nicht rund. Für jemanden mit bipolarer Gestörtheit sind diese Einschlusstage herausfordernd. In der Manie laufe ich in der Wohnung auf und ab wie ein verhaltenszerpflückter Tiger im Zookäfig und weiß nicht, wohin mit überbordernder Energie und nutzlos krebsstreuender Kreativität. In der zwangsläufig folgenden Depression liege ich mattmau unter der Wolkenglocke und finde außer sinnlos illegalisierten Substanzen keinen Ausweg. Das alles interessiert den Zeitgeist nicht, genauso wie die stark gestiegene Zahl der Selbsttötungen. Stay at home. Flatten the curve. Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich den Zwang.

Das Desinteresse für die Folgen von derart stark ins Private eingreifenden Entscheidungen spielt in der Liga der sinnlosen Zeitumstellungen, für die ich Wochen brauche, um den zum Funktionieren notwendigen Rhythmus wieder zu finden. Dass auch das niemanden interessiert, der solche Entscheidungen trifft, weiß ich natürlich selbst.

Derweil plakatiert der infantile Senat in meinem infantilen Idiotenbezirk für seine infantile Anhängerschaft infantile Durchhalteparolen als sprachlichen Offenbarungseid:

Ich selber eiere dieser Tage politisch positionsmäßig orientierungslos vor mich hin, vor mir liegend letztlich nur drei verbliebene Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen:

  1. Ich gehe wegen meiner tiefsitzenden Abneigung gegen die neue, ganz offen und lustvoll zelebrierte staatliche Autorität und die von diesem ekelhaft grinsenden Söder mit vollkommen unverhehlter Freude angezogenen Zügel auf die Straße, gemeinsam mit einer recht wirkungsmächtigen Reihe von unhygienischen Spinnern, die erwartungsgemäß zur Abschreckung in Dauerschleife am Nasenring durch den üblichen Haltungsmedienzirkus geführt werden, und in deren Schublade sie mich stecken werden, sobald ich die Wohnung verlasse und mich gegen die gezogenen Zügel positioniere.
  2. Ich reihe mich zusammen mit den befriedeten, zahnlos die Kreide schaufelweise fressenden anderen Linken und der irritierend maskenfreudigen Antifa hinter der bundesdeutschen und der bayerischen Staatsregierung ein, fordere die Suspendierung von Grundrechten, die mir genau jene Linken als Lehrer in der Schule mal als universell gültig und unverhandelbar verkauft haben, und feiere jeden Wasserwerfer, den sie gegen Demonstranten dagegen auffahren.
  3. Oder ihr leckt mich einfach alle säuberlich und bitte auf jeden Fall sexuell erregend am Arsch.

Spoiler: 3. Es wird 3. Ganz klar 3. Ich habe keine Peilung mehr. Null Orientierung. Keinen Bock auch. Mein Kompass liegt in Einzelteilen auf dem Boden. Je mehr Meinung, Meinung und noch mehr Meinung ich lese, desto mehr geht mir meine flöten. Die Optionen unappetitlich. Geblieben die große Leere. Das absolute Nichts. So verloren wie derzeit stand ich noch nie herum.

Lesezeichen:

Zuerst zwei Videos. Sie wollen abnehmen? Probieren Sie das: Wenn der Typ / die Typin isst, habe ich sofort keinen Hunger mehr. Verdirbt mir jeden Appetit, so dass ich nichts mehr essen mag. Weniger Kalorienzufuhr bei gleichem Kalorienverbrauch = Abnehmen. Perfekt. Das Ding mache ich jedes Mal an, wenn ich was essen will. Dreieieinhalb Kilo, dann bin ich wieder beim Normal-BMI. Sogar noch vor Weihnachten. Danke, Internet. Hier die Fortsetzung. Nein, kein Witz. Mir wird davon ernsthaft schlecht.

Am Lagerfeuer der gemeinsamen Empörung

Es ist mir ehrlich egal, wer die Vereinigten Staaten regiert. Das hat mit mir nichts zu tun und wenn es das doch hat, dann kann ich mit meinem Gelaber und meiner unwichtigen Meinung auch nix dran ändern. Aber die Berichterstattung hat was mit mir zu tun. Der kann ich schwer entgehen, vor allem dem ständig empörten Duktus, mit dem die Aufgeregten die Kanäle bis sogar zu meinen zwei lausigen Telegramgruppen, in denen ich drin bin, fluten, geflutet haben und ganz bestimmt fluten werden. Journalismus ist das schon lange nicht mehr, es ist Verlautbarung, ewiges Positionieren, das Vergewissern, dass alle mit in der Reihe im richtigen Glied stehen. Neutralität ist altmodisch geworden. Heute haben sie Haltung, das muss reichen. Mich stößt das ab, ich klicke da weg.

Ich weiß ich übrigen gar nicht, warum sich alle über das Verbalmaschinengewehrgebet der spirituellen Beraterin des scheidenden US-Präsidenten lustig machen. Seit sie bei uns im Borgwürfel die Führungsetagen mit den Absolventinnen irgendwelcher Orchideenfächer und von der Straße aufgeklaubten fünftklassigen Juristinnen, die woanders keiner haben wollte, geflutet haben, läuft bei uns exakt so ganz normale Kommunikation ab. Als verbale Katjushabatterie. Brutal. Laut. Ratternd. Ausschließlich in eine Richtung. Und durchschnittlich 30 Minuten pro „Gespräch“ statt dieser paar hier. Normal. Wo ist das Problem?

(Interlude: Lustigerweise sehen die bei uns auch alle so aus wie die da – blond, blass, dürr und immer fürchterlich aufgeregt)

(Interlude II: Ich finde die Metalversion von der Alten übrigens mega.)

#besonderehelden

Na, ihr insolventen depressiven vereinsamten Arschgeigen in euren kleinen Scheißbutzen über eurem verrammelten Kackrestaurant? Heute schon geritzt? Den Alten geklatscht? Mit Tellern geschmissen? Oder endlich vom Balkon gesprungen, aber leider überlebt? Aber hallo, hier ist eure Bundesregierung. Achtung eine Durchsage: Habt euch doch mal nicht so. Mimimi. Mimi. Und noch einmal Mi. Gruß aus den vollversorgten luftigen Glasbunkern von Berlin-Mitte, von wo aus wir drollige Videos drehen lassen, die unsere influencenden Hofkasper direkt aus unserem Arsch reichweitenstark nach Social Media promoten. Heult leiser.

Die Opposition:

Kunstaktion Bern gegen die Corona-Maßnahmen

Dystopie. Gut gemacht ausnahmsweise mal und nicht so plump. Hat mir gefallen.

Doch noch mal kurz zu allem und überhaupt: Ich habe nach wie vor große Schwierigkeiten damit, wie unkritisch, reflexartig und schnell jede Kritik am Handeln der Regierung in einem absurden Schulterschluss von Söder, Seibert, Bildzeitung, Buzzfeed, Volksverpetzer über Rotrotgrün bis hin zur maskengeilen Antifa als illegitim zerblökt wird. Es ist noch zusammengerückter als sonst eine bizarre Allparteienkonstellation hinter der ewigen Kanzlerin entstanden, die jede von ihren Beschlüssen abweichende Position inzwischen noch routinierter als bei der Klimasache letztes Jahr mit argumentativen Vorschlaghämmern und unappetitlichen Labels bearbeitet, bis Situationen entstehen wie bei unserem wöchentlichen Borgwürfeltelefonmeeting, in dem die Führung nach Meinungen zu dem Ganzen fragt und keiner mehr was sagt, außer maximal ein paar unverfänglichen Allgemeinplätzen über Kindererziehung, Hausaufgabenbetreuung oder was man im Homeoffice so alles zu Mittag kocht. Was da läuft, wird dazu führen, dass Leute wieder zwischen den Zeilen lesen, indirekte Rede praktizieren, sich in Bildern ausdrücken oder besser gar nix mehr sagen. Aber was weiß ich schon, hey, es ist eure Gesellschaft, die ihr da zerfickt, ich kuck mir das nur von außen an und weiß immer noch nicht, wie ihr das je wieder reparieren wollt.

Auf der anderen Seite lese ich von einem Treffen maßgeblicher Verantwortungsträger des Protests mit Peter dem Ersten, dem deutschen König, was im Vergleich zu dieser verstrahlten und jetzt berühmten Rednerin aus Hannover, die sie die letzten Tage einmal quer durch Twitter, Bild und Tagesschau kohlrabenschwarzgegrillt haben, eben nicht mehr mit jugendlicher Dummheit oder Naivität erklärt werden kann. Der König von Deutschland. Peter der Erste. Echt jetzt? Und ihr wundert euch, wenn ihr dafür filetiert werdet?

Zum professionellen Filetieren ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Der Umgang mit Opposition, wenn sie ein bestimmtes Maß an Unterstützer eingesammelt hat und nicht mehr als harmlos, lächerlich oder ignorierbar abgetan werden kann, ist in dieser ganzen Sache mustergültig und das meine ich ganz objektiv, ohne mich in diesem Jahr jemals irgendwo dazugestellt zu haben oder mich überhaupt jemals nochmal irgendwo mit hinstellen zu wollen: Das was sie da machen ist gar nicht neu. In jedem Staat der Welt diskreditiert die Regierung die Opposition. Überall. Aus allen Rohren. Lässt mit Dreck werfen. Schneidet Clips der allerletzten randständigen Vollidioten zur Abschreckung zusammen und hängt die hin. Sammelt Kompromat. Und leakt giftiges Zeug. Labelt. Intrigiert. Zermürbt. Ich weiß gar nicht, warum jetzt auf der Seite derer, die das jetzt trifft, so getan wird, als sei das so neu. Oder überhaupt ungewöhnlich.

Ich habe das auch mal miterlebt, wenn auch auf der anderen Seite, in vollkommen anderer Konstellation, kiek ma, der Affe erzählt von damals, ich krame mal ein ganz altes Ding raus: Steine und Flaschen. 2015. Blockupy. Frankfurt. Da war ich kurz mal ein, zwei, na gut, drei Jahre bis in die Haarspitzen politisiert (ja, peinlich, ich weiß, aber keine Sorge, war nur ’ne Phase).

Und wenn Sie den immerhin gut fünf Jahre alten abgehangenen Schinken durchlesen, werden Sie sehen: Auch da haben sie das gemacht, was sie immer mit Opposition machen, egal woher sie kommt. Sie haben den Protest zersetzt, mit vielen kleinen Mitteln, sukzessive, salamitaktisch, stetig, hartnäckig, erfolgreich. Und auch da ganz vorne mit dabei vor allen Kameralinsen in die Mikrofone blökend: Megapeinliche Esoterikkräuterhexen, komische Schamanen, alte krakeelende Wichser, dumme 22-Jährige, die dumme Scheiße in Mikrofone lallen. Bis keiner mehr Bock hatte. Nix Neues also, ehrlich, nix Neues.

Bleiben Sie insofern einfach locker. Egal wo Sie stehen. Ob am Brandenburger Tor oder auf den Balkonen darüber. Bald schon, spätestens nach der ersten Impfkarussellrunde wird es sich erledigt haben und die Ballmanns und Schiffwegs verschwinden wieder hinter die Hecken ihrer fein gemähten Vorstadtgärten, von denen aus sie kurz mal am Weltgeschehen gezupft, gerochen, rumgesägt und natürlich nichts erreicht haben werden. Und da sitzen sie dann wieder, zurück in die Hollywoodschaukel geblökt von den Lobos, den Restles, den Heufer-Umlaufs, jeder Menge austauschbarer Regierungsrezos und natürlich dem Böhmermann.

Und in fünf Jahren gibt es wieder die nächste Opposition gegen irgendwas, die mehr als die üblichen 200 nachrangigen Sektenfreaks am Ernst-Reuter-Platz aufbringen wird. Und dann werden sie es wieder genauso machen. Dividieren. Labeln. Sturmreif schießen. Und auf jeden Fall jede Menge abschreckende Idioten rauspicken und durch die verschiedenen Manegen ziehen. Böhmermann. Restle. Joko und Klaas. Bibis Beauty Palace. Und wenn gar nichts mehr geht Sarah Connor. Alle wieder dabei. Bis auch die nächsten aufhören damit. Trockengelegt sind. Und es wird klappen. Versprochen. Es klappt immer. Protest bringt nix. Machen Sie es lieber wie ich. Bleiben Sie auf dem Sofa und scheißen sich einen.

Oder wissen Sie etwa noch, was Blockupy war? Und was die wollten? Nee, ne? Verständlich. Selbst ich weiß das kaum noch.

Ansichten eines Selbstmörders

Ich finde mich nur noch selten in den Politpositionierungen anderer Blogger wieder, was wahrscheinlich an mir liegt. Ich bin einfach müde. Die meisten haben keine Antwort mehr auf gar nichts. Reiten uralte Gäule (kuck mal wie doof die SPD wieder ist), reihen sich kritiklos hinter die Söders und Schwesigs ein oder ergehen sich in nichtssagendem Klamauk ohne Mehrwert, der inzwischen so abgestanden fad wie die Gags irgendwelcher superkorrekter Youtubecomedians daherkommt.

Aber machmal trifft einer meinen Nerv. So wie der Text hier. Fast ein Volltreffer, dieser Lockdownblues, fast, hätte er nicht am Ende alles wieder relativiert, vermutlich um zu verhindern, fortan als Suizidaler gelabelt zu werden.

(Interlude: Ich habe diese Skrupel im Übrigen nicht. Ganz ehrlich, nüchtern und ohne Pathos finde ich die Existenz auf diesem Planeten ausgesprochen sinnlos, blödsinnig und stumpf. Jetzt im Einschluss mit dieser fiesen horizontweiten Wolke aus objektiv trüben Aussichten, für die sich weder die einpeitschenden vollversorgten Lauterbachs noch die dauerstreamenden werbeeinnehmenden Influencerärsche interessieren, wird das ganze Zinnober noch einmal ein paar Jota nutzloser, überflüssiger und sinnbefreiter als unter normalen Umständen schon. Oder kennen Sie den Sinn von dem Klamauk auf dieser durchs Weltall gurkenden Eierkugel hier? Was machen wir hier eigentlich? Backen? Stricken? Ficken? Essen gehen? Geld machen? Geld ausgeben? Baden gehen? Porsche fahren? Blödsinn ins Internet schreiben? Onanieren? Was soll der Mist? Und wohin führt das? Und ob wir jetzt abscheißen oder in vierzig Jahren macht doch im Ergebnis keinen Unterschied oder übersehe ich da was?

Ich folgere daraus, dass suizidal zu sein sehr logisch und in hohem Maße rational ist. Und das ist kein Kokettieren (wofür auch), ich meine das wirklich so.

Huhu hu, sagt die eulende Unke, das darf man doch nicht, aber das darf man doch nicht, das ist so negativ…

Doch doch, ich darf das. Und ich will auch. Lesen Sie doch Cupcakes, Sire.)

Möglicher Suizid: Zahl der Rettungseinsätze steigt massiv an

Die Zahlen für Berlin: Die Retter rückten 2020 bisher 294 Mal unter dem Stichwort „Beinahe Strangulierung/ Erhängen“ aus. Im Vorjahr gab es drei vergleichbare Einsätze, 2018 sieben. Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen. Denken Sie selbst.

Dazu:

Coronoia: Suizid

Zwei Comedians über ihre Depressionen

Und zuletzt noch das:

Von Berührungen wird berichtet

Schlechte Laune via fefe

OB-Wahl Stuttgart: Friedhild Miller stellt sich vor

Würde ich in Stuttgart wohnen, ich hätte die Alte gewählt. Ich würde nur solche Leute wählen. Ich finde es auch schade, dass Sawsan Chebli nicht als Bürgermeisterkandidatin für ganz Berlin antritt. Ich würde die wählen. Schwöre. Mit allen Stimmen, die gehen. In jedes Amt. Je höher desto besser. Als Statement gegen jede langweilige Ernsthaftigkeit. Es braucht viel mehr Punkrock in der Politik.

Dann wäre womöglich auch endlich folgendes bei uns möglich:

Die israelische Koalition will innerhalb der nächsten neun Monate Cannabis als Genussmittel legalisieren

So langsam glaube ich, wir werden das letzte Land der Erde sein, das das tun wird. Nach Gambia. Dem Sudan. Und Nordkorea. Warum sollten wir auch mal etwas anders machen als sonst? Hamwa doch imma so jemacht. Könnt‘ ja jeda kommn’n. Es ist Deutschland hier.

Bud auf dem Einwohnermeldeamt (Video via Danisch)

Hahaha, echt wie in Berlin, Verwaltung wie in Berlin. Ich hoffe, dass uns Brandenburg bald eingemeindet und einmal feucht durchwischt durch den wilhelminischen Bürokratiepuff hier, aber die Brandenburger wollen uns ja nicht und ich kann das verstehen. Ich würde diese Comical Politkloake, die diese Republik in einem schwachen Moment von Fahrlässigkeit zu seiner Hauptstadt gemacht hat, auch nicht in meinem Bundesland haben wollen.

Grüße nach Nürnberg an der Stelle. Er ist wieder da. Leider nicht mit den alten Texten, aber okay. Kenne ich. Was er gemacht hat. Keinen Bock mehr. Keine Zeit mehr. Keinen Nerv mehr. Killen, das Ding. Durchatmen. Sortieren. Sparflamme. Neu anfangen. Kucken was kommt. Vielleicht wieder killen, wenn es nervt. Welcome. Alles fließt.

Wenn Dich Dein Supermarkt ankumpelt

Oh ja, ich hasse das. Rewe macht das jetzt auch. Ungefragtes Duzen ist Krebs.

Trinken für den guten Zweck: Das fränkische „Keuper.hilft“-Paket

Saufen zugunsten der Obdachloseninitiative von Frank Zander. Da bin ich auf jeden Fall dabei. Charity mal in gut.

Netflix lässt kritische “Cuties”-Tweets wegen Copyright-Verletzung entfernen

Netflix gar nicht mal mehr cool, sondern eher dünnhäutig.

Einen noch zum Schluss: Es gibt wieder Beef in der Ramenhandlung. Das Wortspiel des Jahrhunderts. Vor allem endlich mal ein gutes.

Musik: Van Morrison – No more lockdown. Oh. Opa positioniert sich noch mal.

Mehr Musik: Unter meinem Fenster stand in der Novemberkälte ein junger bärtiger Kerl mit Klampfe, der unglaublich traurige und vollkommen massenuntaugliche Lieder in die Leere meines Kiezes sang. Bei Nieselregen. Ein, zwei Leute blieben kurz stehen, ein Kind warf eine Münze in den Gitarrenkoffer, immer wieder lärmten dämliche Besoffene mit klirrenden Pullen an ihm vorbei. Er hielt zwei Stunden in der Kälte durch, es war schon eine Stunde dunkel, als ich runter ging zum Späti auf ein Bier und ihm den Schein in den Koffer warf, den so viel Melancholie an einem ekligen Novembertag in Berlin-Prenzlauer Berg verdient. Mir hat der Typ den dunklen Monat heller gemacht, aber das versteht wieder keiner.

Musikstatistiknerdscheiße. Ich habe entdeckt, dass ich eine miese Neuentdeckungsquote an Musik und echt stockkonservative Hörgewohnheiten, was das Genre angeht, habe, kuckema (Quelle):

(ja, der Benutzername ist peinlich, mir fiel 2008 nichts blöderes ein, und man kann ihn nicht nachträglich ändern. Crap. Lachen Sie ruhig.)

Ich glaube im Übrigen nicht, dass der des Neonazismus‘ unverdächtige Berliner Rapper Audio88, der zusammen mit Yassin auf dem Label Normale Musik zum Duo Audio88 & Yassin wird, lange über seinen Künstlernamen nachgedacht hat. Egal was noch aus dem wird, diese unglückliche Künstlernamenswahl wird ihm um die Ohren fliegen, was schade wäre, den die beiden sind doch recht tight und laufen bei mir momentan in voller Lautstärke beim Badputzen, bis die alten Kacheln scheppern. Ein Brett von Track: Mann im Mond. Was für ein Beat. Was für ein Text. Sehr stark, wenn Sie deutschen Hip Hop mögen.

Kommen wir zu einer wunderschönen, unglaublich niveauvollen Filetierung künstlerischen Auswurfs. Finden Sie hier die brilliante rezensorische Vernichtung eines ganzen Musiklabels: Guturale Klänge aus dem Enddarm – Industrial Nazi Dark Wave. Er hat das Label nicht verlinkt, ich tu es auch nicht, aber suchen Sie gerne nach „Steinklang Industries“ und kommen dann zu Bandcamp. Textlich nicht zu greifen, zumindest nicht mit den Mitteln des Strafgesetzbuches. Aber jeder weiß was sie meinen.

Wir bleiben kurz noch beim Thema Unsinn. Netflix-Scheißdreck des Monats: Barbaren. Ganz schlimm. Wie Vikings haben sie gesagt. Besser als Game of Thrones haben sie geschrieben. Was für ein Mist. Platt. Holzschnittdialoge. Holzschnittfiguren. Laientheater. Bissken was geklaut von Vikings. Bissken was von The Last Kingdom. Und auf die ewige „Frauen sind so furchtbar geknechtet“-Leier konnten sie auch nicht verzichten. Hat mich null erreicht. Komplett kalt gelassen. Ich sollte jetzt damit aufhören, immer diesen Historienshit zu schauen. Vikings war prima, GoT streckenweise wirklich großartig, Last Kingdom gerade noch akzeptabel und was jetzt kommt ist nur noch Mist. Abgekupfertes Zeug. Ein Wellenreiten. Rahmabschöpfen. Dabei ist der Zenit vorüber. Der Rubikon überschritten. Mein Hirn wund. Barbaren ist wirklich ein übler, vollkommen überbewerteter Mist.

Netflix-Knaller des Monats (ich mag das altbackene Wort „Knaller“, fragen Sie mich nicht warum) ist etwas, das leider nur eine Miniserie ist: Das Damengambit. Ich bin ein lausiger Schachspieler, kann mich für dieses Spiel nicht genug quälen und verstehe das Gewese nicht, aber ich hatte sehr viel Freude an dieser viel zu kurzen Serie und an dem umwerfenden Schauspiel aller Beteiligten. Groß. Eine echte Freude.

Am Ende das Essen. Vorab zwei Hinweise, wenn Sie in Berlin-Prenzlauer Berg wohnen und einen guten Fleischer und einen guten Bäcker suchen:

Fleischerei Gottschlich in der Prenzlauer Allee: Immer noch einer der zwei guten alten Fleischer im Kiez, bei denen ich so viel wie möglich versuche zu kaufen. Der hier verkauft unter anderem Currywurst. Also roh. Zum Selbermachen zuhause.

Bekarei in der Dunckerstraße: Wenn ich für die verfressene Kumpelei Burger mache, die illegalerweise aus vier Haushalten zu mir kommt, dann kaufe ich hier die selbstgemachten Buns. Dieser portugiesische Bäcker hat aber noch jede Menge anderer fieser Dinge im Angebot, Süßkram, portugiesische Sandwiches, komische Törtchen mit Pudding und Zeug, alles, nur nicht gesund. Ein herausragender Bäcker.

Dann habe ich noch die neue Haselnusscreme von Milka gekauft, die Rewe fies lilaleuchtend gestapelt vor die Kasse gestellt hat. Scheiße. Schmeckt null wie Nutella. Kein Stück. Ist auch viel flüssiger. Und noch süßer. Der totale Mist. Kaufen Sie das nicht, es ist Unsinn.

Gekocht habe ich über vier Tage lang ein Wiener Wirtshausgulasch (via Fliegende Bretter). Was für ein Aufriss. Und dann doch nicht so gut wie im Wirtshaus, maximal ganz okay, aber bei Weitem nicht so sensationell wie vier Tage Kochen erwarten lassen. Seltsam brackig. Ich habe esslöffelweise Cayennepfeffer hinterher geworfen. Dann ging’s.

Kurz vor dem Einschluss war ich aus Prinzip noch ein paar Mal essen und zwar hier:

Seaside, Fisch, Mitte: Eine ganz alte Empfehlung vom alten Qyper Eichi, dessen Blog auch schon wieder seit ein paar Jahren brach liegt. Schade. Natürlich ein gutes Lokal, alte Qyper empfehlen meistens gute Lokale, allerdings ist das Ding preislich für mich eher etwas, was ich irgendwann, sofern der Borgwürfel in seiner jetzigen Form überlebt, in die Spesen buche. Locker dreistellig zu zweit. Autsch.

Brasserie Colette Tim Raue, französisch, Schöneberg: Da esse ich oft (ja, auf Spesen, es ist Tim Raue) und hatte es noch nie hier drin. Natürlich perfekt. Es ist immerhin Tim Raue. Ich diskutiere da nicht.

eins44, Neukölln: Aus dem Magazin Forum gezogen. Auch das: Ein astreines Lokal, auch wenn es mir wehtut, dass jetzt auch diese siffige Ecke unweit der Neuköllner Sonnenallee mit einem hochpreisigen Lokal infiltriert wird. Aber immerhin ist es nur eines und noch keine Gentrifizierungsflut. Und es sieht aus wie eine fucking Kantine.

Wenn die Restaurants dicht haben, bleiben noch die Imbisse. Die freuen sich, dass die Leute sich bei ihnen in Trauben vor der Theke ballen und ihr Essen haben wollen, weil die Restaurants mit ihren blöden Abstandsregeln, Lüftungsanlagen und Glasscheiben zwischen den Tischen geschlossen haben. Eine irre Zeit. Ein ganz guter Stand mit dem Namen Damisch (nein, nicht der berühmte Blogger) steht momentan oben im Weißenseer Industriegebiet vor Allegra Trockungstechnik, neben Vergölst Reifenservice und gegenüber von Lidl. Romantisch, nicht? Aber gut ist das, zumindest der Leberkäse. Der Beste der Besten der Besten. Lassen Sie die Haxe bitte liegen, die taugt nix, ist recht trocken und die Haut nicht (mehr) kross, ebenso der Krustenbraten, der mir auch nicht gut genug ist. Aber der Leberkäse. Ein Statement. Hier in diesem schmucklosen Industriegebiet kurz vor Polen Brandenburg.

Sie sehen: Keine Verrisse. Es ist nicht die Zeit, Gastronomie zu verreißen. Ich weigere mich. Das mache ich erst wieder, wenn die Gastronomie wieder auf den Beinen steht oder sie mich wirklich sehr ärgern.

Es endet mit Penis:

Das war der November. Im Einschluss. Mehr war nicht.