Der Stumpfsinn meines Sofas

Ich bin inzwischen morgens schon bekifft.

Und das geht in Ordnung, denn sie haben uns genötigt, den restlichen Jahresurlaub zu nehmen. Und die Überstunden dazu. Uns aus den Glasbetonschluchten gejagt. Den Borgwürfel bis auf einen Restrumpf geräumt. Weil es kaum einen Unterschied macht. Von uns will sowieso gerade keiner irgendwas haben. Unser Geschäftsmodell hat wenig Konjunktur dieser Tage. Ist eingefroren. Auf Sparflamme. Alles seltsam entrückt. Keine Ahnung, ob überhaupt mal wieder irgendwann irgendjemand was von uns haben wollen wird, doch das ist noch so schön weit weg und interessiert mich gar nicht, denn ich zerkiffe die Novembertage grammweise auf dem Sofa. Nur unterbrochen von Lieferando, die wieder irgendwas zu Fressen bringen und für deren Ankunft ich mir vorher Pep in die Nase schniefen muss, um überhaupt aus dem Sofa heraus und hin zur Türe zu kommen.

Ich kiffe, seit ich 14 bin. Beigebracht hat mir das ein Typ aus der Nachbarschaft mit dem Namen Zickerick, den alle nur Ziegenfick genannt haben, was ihm bemerkenswert egal war. Mit dem Ziegenfick habe ich das erste Mal im Leben gekifft. Auf dem Dach einer runtergeratzten Garage im üblen Licht einer blauen Araltankstelle. Und hier der Klassiker: Ich habe nichts gespürt. Kein bisschen. Das höre ich oft. Beim ersten Mal nix. Nada. Nullwirkung. Keine Ahnung was der Körper da macht, abwehren, absorbieren, verkapseln und ausscheiden, aber die meisten Kiffer, die ich kenne, haben erst beim zweiten Versuch die Wirkung gespürt, die schöne Wirkung, die ich mag, diese zufriedene Ruhe, die in den Körper wabert, die sedative Watte, das gnädige Egalsein von wirklich allem, von dem ich nicht lassen mag, seit ich gelernt habe, dass Egalsein zu unbedingter Zufriedenheit führt.

Ich habe kürzlich über ein uraltes Experiment namens Universum 25 gelesen. Das Ergebnis des Experiments ist das Aussterben einer Mäusepopulation, die vollversorgt und satt im eigenen Saft brütet, dann aber überraschend auseinanderfällt, da die elementarste Sache für das Aufrechterhalten einer Mäusepopulation (Reproduktion) nicht mehr funktioniert. Deren ganze Gesellschaft zerlegte sich selbst, da zu vielen am Ende alles egal war. Es ist ein recht verstörendes Experiment, aber selbst dessen mögliche Übertragbarkeit auf menschliche Gesellschaften wäre mir egal. Ich fänd’s sogar in Ordnung, wenn es dazu käme, was manche Apokalyptiker voraussagen. Destruktion. Implosion. Zerlegung. Nichtreproduktion. Ich würde Popcorn dazu nehmen. Endzeit von meinem Balkon. Superflatscreen. Hurra wir gehen drauf. Brechen auseinander. Der Gesellschaftsvertrag zerrissen. Alte Autoritäten von verschiedenen Seiten aus dekonstruiert und die neuen zum Funktionieren untauglich. Gewissheiten zerkloppt. Verlässlichkeit gemörsert. Fundamente gesprengt. Konventionen gekippt. Die Regeln gebeugt. Flippernd in den Untergang. Wie der alte T-Shirt-Spruch. Ich geh‘ kaputt, wer geht mit?

Oh.

Lieferando hat geklingelt. Heute bringen sie Falafel. Mit Hummus. Und dem guten weichen arabischen Brot, das ich so gerne in den Hummus titsche.

Mit 15 habe ich zum ersten Mal versucht, mir selber eine Platte zu organisieren, naja Platte, so einen Kanten für 30. Der Italiener, der mir das besorgen wollte, hieß tatsächlich Luigi, arbeitete bei seinem Vater in der kleinen schmuddeligen Pisspizzeria an der Ecke und nahm mein Geld im Voraus. Und kam nicht wieder. Der Ziegenfick, der gerne an meinem Kanten mitgebufft hätte, hat mich übel zusammengebrüllt, wie doof ich bin, wie man das machen könnte, dem Itaker das Geld im Voraus geben. Wie bescheuert bist du denn? Du dümmster Mensch der Welt! Denk doch mal nach! Meine Güte, ich war 15, was erwartete der?

Es endete damit, dass wir den Pizzamann abgepasst haben. Im Hinterhof der Pizzeria beim Rauchen. Wir haben ihm aufs Maul gehauen. Zu zweit. Was okay war. Er war ja auch größer als wir. Am Ende rückte er unseren Kanten raus. Der Ziegenfick sagte noch, dass der Kanten ganz schön klein sei für 30, aber deswegen da nochmal hinzugehen und ihm nochmal aufs Maul zu hauen, kam uns beiden übertrieben vor. Irgendwann ist’s ja auch mal gut. Außerdem waren wir froh, dass der sich gar nicht gewehrt hat. Und wir am Ende doch den Kanten hatten.

November 2020. Ost- statt Westberlin. Viele Jahre später. Was heute für ein Tag ist, habe ich vergessen. Könnte Dienstag sein. Vodafone hat mich angerufen. Der erste Anruf seit Tagen. In mein Ohr plärrte ein junger, viel zu hektischer Ghettostyler im Stakkato. Ich habe ihn kaum verstanden. Irgendwas wegen meines Festnetzvertrags. Oder Mobilfunkvertrags. Oder egal. Ich habe ihn unterbrochen bekommen. Mit meiner tranigen Kifferstimme in ihrer ganzen quälenden Langsamkeit, die ihn wahnsinnig gemacht haben muss: „Sie … können … aber schnell … reden.“, und er dann so: „Isch bin Rapper. Soll isch rappen?“ Ich begeistert: „Au ja, rappen bitte!“ Er: „Siehabenvierzehntagewiderrufsrecht. Verlängertsichautomatisch. Umzweijahre. Wennsiewollenkönnensieeinen – Biaaatch! – Vodafonepassaktivieren. Dieseristfürsie: Ko! Sten! Los! Checka!“ Rappte der mich mit seinen beknackten AGB voll, dieser witzigste aller Vodafonedrücker. Ich kam wegen der ganzen Absurdität der ganzen außer Kontrolle geratenen Situation aus dem Lachen nicht mehr raus und legte aus Versehen auf. Geriet mit dem wurstigen Ringfinger auf die Wischfläche des roten Auflegebuttons. Klick. Wieder Stille. Und der Rapper rief nicht noch einmal an. Egal. Habe ich noch Speed?

2001. 2000. Wer weiß das schon noch. Ich habe zum Ende der Loveparadephase um das Millennium herum damit begonnen, Amphetamine zu nehmen. Als alle schon damit durch waren, musste ich damit anfangen. Amphetamine machen glücklich. So viel kann ich berichten. Ein Endorphin/Dopamin/Wasweißichdauerfeuer. Sie haben die ganze Welt lieb. Ich hatte alles lieb. Jeden, der da war. Raum. Zeit. Stein. Straßenschild. Mir gefiel das. Der mir immer innewohnenden Depression nicht so, denn sie fiel ab wie eine alte Schlangenhaut. Über Jahre. War sie weg. Was nur daran lag, dass ich selten nüchtern genug für sie war.

Es ist Dienstagmittwochdonnerstag. Wen interessiert das schon. Die Tage gleichen einander, ebenso wie der Soundtrack der Agonie im immer zu wenig gelüfteten Zimmer der schrumpfenden Wohnung, in der meine Nullerjahre noch einmal Polka tanzen. Static-X. Agent Olivia Orange. Wumpscut. Rammstein. Zur Triebabfuhr. Ich liebe nicht, dass ich was liebe. Ich mag es nicht, wenn ich was mag. Ich freu‘ mich nicht, wenn ich mich freue. Das Lied der Lieder im Surroundsound. Bis es an der Wand bollert. Es ist der Feind von nebenan. Die blödblonde Ökoeule mit den Spaghettihaaren. Die optimierte Karrierevettel. Mit verkniffen zerfurchtem Mund im Homeoffice. Sie kann nicht arbeiten, weil ich zu laut bin. Ich arbeite nicht. Ich höre Musik. Den ganzen Tag. Unterbrochen von Netflix. Eine superdiverse Reißbrettserie nach der nächsten. Was auch sonst. Draußen ist feindlich. Draußen ist Irrenanstalt. Nur Psychos. Und es ist kalt. Windig. Herbst. Nur der Berliner Winter ist ekliger als der Berliner Herbst. Und der Winter kommt erst noch.

2003. Die Hochphase von allem. Immer zu viel von allem. Ich bin auch einer, der Speed und Koks gerne mischt. Abwechselnd nimmt. Wovon eigentlich jeder abrät und das bestimmt aus gutgemeinten Gründen, aber es knallt einfach mehr. Ich mache das heute noch gerne. Es knutscht sich besser, es fickt sich besser, es liebt sich intensiver, meine potenzierte Manie schlägt knisternde Feuerräder. Ich finde wenig, was dagegen spricht, außer den unmöglichen Zustand am Tag danach, der bekämpft werden muss, dieses Loch, der Graben, das ganze tränige Schwarze, das nach dem Abklingen des rauschhaften Tanzes aus schlammigen Seelenlöchern hervorkriecht. Schön ist das nicht. Der Speedkokskater ist sowieso der übelste. Zumindest von den Katern, die ich kenne, und er ist in seinen psychischen Auswüchsen der Grund, warum ich noch nie Psilos oder Acid genommen habe. Weil sie mir gesagt haben, was da alles an Psychokram von ganz unten aus den sonst versiegelten Kellerverließen des Hirns ganz nach oben drängt. An die Oberfläche. Ins Freie. Nach draußen. Und das geht nicht. Was ich eingeschlossen und versiegelt habe, darf nicht raus, denn käme das raus, wäre ich erledigt. Es würde mich vermutlich umbringen. Oder es würde zumindest fürs Wegsperren reichen. Und das will ich nicht.

Gegenwart. Ist heute doch Mittwoch? Irgendwo in der Dämmerung des Läusesofas lese ich bei einem der stinkeöden Nachrichtenportale von diesem Attila Hildmann, der wieder irgendwas gebrüllt hat und den sie wieder festgenommen haben und der deswegen noch mehr brüllt. Wieso hat die DDR eigentlich 1989 nicht so einen abseitigen Typen auf den Alexanderplatz gestellt? Mitten in die Leute rein. Mit Megafon. Und unmöglichen Parolen. Der sich komplett sozial verbrennt. Und den sie dann jeden Tag mit seiner hassverformten Fresse durchs Neue Deutschland hätten peitschen können. Auf dass sich da keiner von den seriösen Oppositionellen mehr hinstellt auf den Alexanderplatz. Zu dem. Sich mit dem gemein macht. Und besser zurück nach Hause geht. Vermutlich würde es die DDR immer noch geben, wäre sie so clever gewesen, den ganzen Protest gegen sich mit so einer Gestalt auszuhebeln. Zu nett. Die Funktionäre waren damals einfach zu nett. Und die Presse zu doof. Nehme ich an, ich, der jetzt nicht mehr in Neukölln, sondern auf dem durchsanierten rosablankgeleckten Gebiet der ehemaligen DDR lebt und sich sowieso nicht damit auskennt, was damals ging, nicht ging oder gewesen ist. Oder hätte sein können.

Ich klicke das Nachrichtenportal weg, ohne mir zu merken, welches von denen ich eigentlich aufgerufen habe. Ich mag gar keine Meinung mehr lesen. Diese ganze triefende Haltung. Das erhabene Predigen. Das moralisch Zeigefingern. Zu lange geht mir das schon auf alle Zünder. Kind, lern‘ was Anständiges, sonst wird aus dir am Ende noch Journalist. Gnarf Gnarf. Ich schreibe diesen irgendwo aufgeschnappten Satz hier nur auf, damit ich ihn mir merke und irgendwann dem Kind mitgeben kann, wenn ich es wieder mal sehe.

2004. 2005. Irgendwann Mitte der Nullerjahre habe ich festgestellt, dass Ficken noch viel mehr Spaß macht, wenn man Poppers dazu nimmt. Ich kannte einen Chemiestudenten von der Humboldt, der mir das Zeug gratis zu den kostenpflichtigen Amphetaminen mitgebracht hat. Weil das damals in diesen komischen Laboren keinen gejuckt hat, wo von wem was gemischt wird und im Anschluss irgendwo (bei mir!) verschwindet. Und ich habe das alles genommen, es war ja da und schade drum, würde man das nicht nehmen.

Andere sind an solcherlei Mischungen untergegangen, mit denen ich das ewig ratternde Hirn betäubt habe. Sind draufgegangen. Down by the river. Ich nicht. Komischerweise weiß ich immer, bis wohin ich gehen kann. Was dieser Körper verträgt. Ich bin nie zu weit gegangen, nie untergegangen, ich war mal am Straucheln, habe meine Wohnung verloren, mich ein paar Wochen plus Monate durchgeschlagen, bei Leuten gehaust, so lange bis sie mich freundlich aber doch rauswarfen, die Nächte im Schlafsack im Treptower Park, unter Bauwagen am Spittelmarkt oder drüben Bellevue am S-Bahnhof verbracht, an dem die Punks saßen, doch es ging zuletzt immer gut, ich habe für die ganze Scheiße, die ich immer baue, chronisch viel Glück und reize es immer wieder aus. Bis Ende der Nullerjahre. Mein Riemengereiße. Ruderrumreißen. Schädlicheleuteaussortieren. Allesneumachenwollen. Endlich eine Ausbildung fertig bekommen. Endlich einen Job finden, den ich kann (Scheiße labern, Menschen fangen, jemanden darstellen, der ich nicht bin). Rauchen aufgeben. Trinken reduzieren. Drogen für ein paar Jahre sein lassen. Mit Sport beginnen. Vater werden. Generell verantwortlich werden. Erwachsen werden. Spät, aber immerhin nicht zu spät.

Womit ich mein Geld verdiene, ist das Ergebnis absoluten Zufalls, ich habe wenig dazu beigetragen, dort zu stranden, habe mich wie immer treiben lassen, andere, oft Frauen, die Weichen stellen und mich in die Richtung schieben lassen, doch es läuft gut bei mir, denn das, was ich für das Geld tue, das sie zahlen, kommt mir naturellmäßig entgegen. Allerdings nur in der Manie, die ich manchmal absichtlich ohne oder mit Hilfsmitteln herbeiführen muss, um zu funktionieren. Dann sprühe ich vor Charme. Meine Begeisterung ansteckend. Ich nehme die meisten derer, die vor mir stehen, für mich ein. Jeder braucht Leute wie mich. Sie mögen mich. Menschen mögen mich, wenn ich in meiner Rolle bin. Ich bin dann nie unangenehm. Sehr verbindlich. Strahlend. Ein Kumpel. Ihr Kumpel. Der Buddy. Kein Schwein ahnt, dass ich eigentlich vollkommen instabil bin, wenn ich nicht gerade Geld dafür bekomme, stabil zu wirken. Ich verkaufe in diesem Zustand der Übersprudelung alles. Ich würde auch Ihnen alles verkaufen, wären Sie so unvorbereitet auf mich wie die meisten. Wir könnten wetten. Und das liegt an irgendwas, das ich aus der Intuition heraus gut kann, immer schon konnte: Ich kann die allermeisten Menschen in meinen manischen Phasen schnell einschätzen, gut sortieren und mich innerhalb von Zehntelsekunden auf sie einstellen. Ohne nachzudenken. Spiegle ich ihre Bedürfnisse. Und bediene sie. Kriege die Verbindung problemlos hin. Lächle viel. Oder weniger, wenn ich in einem Gesicht lese, dass es nicht passen würde. Und ich irre mich selten. Treffe meistens ins Kontor. Fast alle von denen mögen mich, wenn sie wieder gehen. Ich spiele alles glaubhaft. Jede Figur, die es braucht. Einfach so aus dem Bauch. Keine Ahnung, ob der Scheiß angeboren ist, aber ich nutze das. Und Leute mögen es, wenn ich das nutze.

Das Ende der Manie, wenn das unvermeidliche Gegenteil, das eigentliche Problem meiner Diagnose, die tränenschwarze Depression, diese üble Wolke aus dickflüssiger Schwermut, das Oberwasser übernimmt, durchlebe ich alleine. Ich lasse das Elend niemanden sehen. Gehe auf Tauchstation hinter meine Mauern. Ich schaffe es nicht einmal, den Therapeuten mehr als nur einen kontrollierten Teil der Oberfläche abkratzen zu lassen, weil es mir unangenehm wäre, dränge er tiefer. Weil ich nicht damit umgehen kann, wenn das jemand sieht. Das was da drin ist. Unten vergraben ist. Was ich niemanden sehen lassen will.

Wenn es zu schlimm wird, betäube ich es. Das kann ich gut. Ich weiß auch immer, wie das geht. Welcher Zustand mit welcher Substanz neutralisiert werden kann. Paranoia mit jenem. Die schwarze Wolke vor der Stirn mit etwas anderem. Und der Schub aus giftigem Hass mit wieder einer neuen Substanz. Sie würden davon nie etwas mitbekommen, wenn Sie mich kennen würden. Sie würden nicht einmal was ahnen. Niemand ahnt irgendwas. Ich bin sehr gut darin, das niemanden sehen zu lassen, weil ich weiß, dass das, was da lodert, zischt, modert und gärt, alle Menschen überfordert. Mit so etwas kommt niemand zurecht. Und das ist okay, ich komme mit den schlechten Zuständen anderer Menschen auch nicht zurecht. Ich will auch gar nicht, dass mir irgendwer auf die Pelle rückt, mich ausquetscht, sein Helfersyndrom wundreitet oder mich gar behandeln will; und das gilt eben auch für den Therapeuten, der sich meistens nur stumm mein unzusammenhängendes halbgares Geseier anhört, ohne mich aktiv heilen zu wollen, weil er sein Geld damit verdient, mich nicht zu heilen. Sowieso: Wie meine Symptome zu behandeln sind, weiß nur ich.

Mein russischer Verticker erzählt mir bei einem Treffen die Tage irgendwo in einem Park von Hohenschönhausen, dass er jetzt auch Pharma in der Kollektion habe. Upper für tagsüber. Downer für abends. Oder umgekehrt. Kannsu machen wie du wills. Gutes Zeug, Alter. Warum erzählt der mir das? Sehe ich inzwischen aus wie einer, der Tabletten braucht? Ich zögere und lehne dann ab. Tabletten habe ich noch nie missbraucht, zumindest nicht dauerhaft. Ich kaufe lieber das was ich kenne. Und steuern kann. Jetzt noch Tabletten und ich weiß nicht, ob ich diese Runde des allgemeinen Einschlusses in meiner kleinen Scheißbude so gut überstehen würde wie die letzte.

14 Uhr. Der Himmel hinter meinen Fenstern speit seine schiere Tristheit in mein Wohnzimmer. Es ist ein Dahindämmern im Schmortopf der Pandemie. Nicht mein Lieblingszustand. Eigentlich einer, mit dem ich nicht umgehen kann. Mit dem Nichtstun. Dem Dahinverwesen. Dem Schmoren. Dem zu viel denken müssen. Diese ganze zähe Zeit. Hier ist jetzt Herbst. Das Land hat wieder dicht gemacht. Sie plärren. Intrigieren. Hetzen. Politisieren. Denunzieren. Stoßen sich ab. Spalten sich in Atome. Schließen sich ein. Und die anderen auch. Das geht jetzt so weiter. November. Dezember. Januar. Bis sie endlich ihr Exitszenario beisammen haben und mit dem Triezen derjenigen aufhören können, die nicht gerne getriezt werden wollen.

Mir bleibt das Sofa. Im Stumpfsinn. Der Stumpfsinn meines Sofas. Und morgen klingelt wieder Lieferando. Was es werden wird, weiß ich noch nicht. Ich könnte mal wieder Pizza vertragen. Pizza hatte ich vor vier Tagen zuletzt. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist 23 Uhr vorbei. Ich muss eingeschlafen sein. Eine ausgezogene Socke liegt über dem Notebook, den mir der Borgwürfel gegeben hat, um mich bei Laune zu halten. Der Späti hat schon zu. Eine Frau rennt den Bürgersteig entlang. Ein zerblättertes Plakat ruft zu einem Konzert im Dezember auf. Sie wollen Klezmer spielen. Es regnet.