Mich hat der Geist von David Bowie in den Arsch gefickt

Wer einen Smiley zu viel macht, hat irgendwann auch nix mehr zu lachen


Ich habe einen weisen Ratschlag: Wenn Sie sich in Brandenburg unter der Woche zudröhnen, dann sehen Sie zu, dass Sie die letzte S-Bahn zurück in den Moloch Berlin abpassen. Und sie auch bekommen.

Sonst geht es Ihnen wie mir. Ich habe nichts abgepasst. Kein Stück. Nicht nachgedacht. Mal wieder nichts geplant. Mich treiben lassen. Gehen lassen. Mitziehen lassen. Habe sinnlos mit irgendwelchen sinnlosen Menschen, von denen ich bis auf zwei keinen kannte, in diesem Einfamilienhaus in diesem Nest hinter der Stadtgrenze sinnlosen Billigalkohol in mich reingekippt, Ki Ka Koka zum MDMA geknallt und habe, weil das nicht reicht, auf dem Fußweg zu diesem S-Bahnhof mit dem irritierenden Namen Röntgental noch einen dicken Haufen Blütenträume in die viel zu frische Brandenburger Nachtluft gebufft. Nur das Ketamin habe ich liegengelassen. Ist nix für mich. War nie was für mich. Das können die Kids auf den Schulhöfen nehmen, die vertragen das. Ich falle davon einfach nur um und das ergibt keinen Sinn.

Röntgental.

Keine Bahn.

Null S-Bahn.

Alles tot. Nix fährt mehr. Außer der Zug in meinem Kopf, der fährt Achterbahn.

Ich bin zu wenig mehr in der Lage, meine Kopfhörer haben ihre Energie verloren und ich schaffe es nicht mehr, das Smartphone mit dem Fingerabdruck zu entsperren, weil ich die Finger vor lauter ausgeschütteten substanzenbedingten Endorphin- und Dopaminschüben nicht still halten kann, weswegen ich auch die Zifferntasten für die Pin zum Entsperren kaum treffe. Zitter. Energie. Manie. Trieb. Dunkel.

Dunkler. Ich sitze auf der Bank dieses nervigen Brandenburger Bahnhofs, auf dem es zieht. Blaue Klofliesen gammeln von einem altersschwachen Wachhäuschen herab, das so aussieht, als hätte von dort aus das letzte Mal 1989 irgendwer einen Zug abgefertigt. Ein Marder läuft die Gleise entlang. Stoppt. Schaut mich an. Ich ihn. Er mich. Wir verstehen. Eine Minute. Dann zieht er weiter. Buddy. Mein Marder. Mein bester Freund. Ein Schwall chemiebasierte Liebe wallt diesen einen Moment durch meinen durchgefrorenen Körper. Eine Minute Marder. Wenn das mal eine Minute war. Zeit ist relativ in meinem Zustand. Vielleicht habe ich den Marder gerade auch zehn Minuten angestarrt. Oder eine Stunde. Ich kann das nicht sagen. War kurz abwesend. Zitternd. Planlos.

Dass mir nur ein Taxi als Option bleibt, weiß ich selber. Wie ich in meinem Zustand die doch lange Fahrt von Röntgental zurück in das Zentrum meiner Stadt überleben soll, weiß ich hingegen nicht. Es war einfach wieder zu viel. Von allem. Mein altes Leid. Ich kenne nie das Maß. Kann kein Glas stehen lassen. Keine Pille im Tütchen lassen. Kann nicht auch nur einmal den Mittelweg nehmen. Kann es nicht zulassen, dass die Lage zumindest einmal auch mal nicht eskaliert. Weil ich so einen Abend ohne Eskalation eine Verschwendung finde.

Röntgental. So heißt das Abstellgleis hier. Ohne Bahnanschluss in der Nacht. Das Taxi braucht 20 Minuten bis hierher. Sagt die App. Die mir nicht sagt, wie ich die Übelkeit weg bekommen soll. Den Schwindel. Die Achterbahn. Die Schweißausbrüche. Den zitternden Daumen. Wie ich den ganzen verdammten schlechten Trip abschütteln kann.

Kalt hier. In Brandenburg ist es, wenn das Jahr dem Ende zugeht, immer noch ein wenig kälter als drinnen in der Stadt. Deswegen heißt das ja drinnen in der Stadt. Wegen warm. Wärmer. Drinnen. Nicht so kalt wie Brandenburg, da draußen, du Berlin, du Zuhause. Ich will heim.

Ich habe das Gästebett abgelehnt. Weil ich keine Lust hatte, in Brandenburg zu übernachten und den Bahnhof Röntgental verzottelt, verkopfschmerzt und bleich wie ein anorektisches Bread and Butter-Model tagsüber sehen zu müssen. Die verrammelte Brötchenbude. Die grässlichen Baustellen. Natürlich die Leute. Und dann diese Fliesen. Gästebett. Gästebett. Über nichts würde ich mich im Moment so sehr freuen wie über ein Gästebett. Mit Daunen. Bis zur Nase hoch. Körperwärme an Decke. Und Kissen. Morgen dann Kaffee. Zu den Kopfschmerzen. Den Geschmack nach toter Ratte aus dem Maul in den entzündeten Magen spülen. Irgendwas nachwerfen, um aufstehen zu können. Mit dem zahnpastabeschmierten Finger die Zähne rubbeln, weil es natürlich keine Gästezahnbürste gibt. Am Bahnhof dann ein Croissant zum Frühstück ziehen. Oder gleich einen Döner.

Doch ich habe kein Gästebett. Ich nicht. Heute nicht. Weil ich es abgelehnt habe. Der Stolz wieder. Und der Wunsch, alleine zu sein. Mir ist kalt. Ich zittere stärker. Schwindel. Übelkeit. Pelzige Zunge. Trockener Gaumen. Das Gefühl wie ein vor die Stirn genageltes Holzbrett. Husten. Schniefen. Ein Hupen. Das Taxi.

Schon als ich einsteige, weiß ich, dass es hart werden wird. Ich sitze wie immer hinten, weil das Hintensitzen die Taxifahrer eher davon abhält, mir die ganze Fahrt über Scheiße zu erzählen, die ich nicht wissen will. Er weiß, wo ich hin muss, die App hat Prenzlauer Berg als mein Zuhause gespeichert, so dass ich für ein Taxi immer nur noch einen Knopf drücken muss und alles ist geregelt. Meistens. Nur heute nicht, denn der Taximann fängt an, in Richtung meines Rücksitzes zu sabbeln. Sagt mir, dass er Bargeld will, statt die App via Paypal bezahlen zu lassen. Wahrscheinlich will er sich den Fünfziger, den die Fahrt sicherlich kostet, schwarz in die Tasche stecken, egal, bin kein Finanzamt und ich weiß auch nicht, was der Typ sonst so erzählt, weil ich nicht zuhöre. Weil ich damit beschäftigt bin, nicht zu kotzen. Hinten sitzen war eine Scheißidee, denn der antiquierte Mercedes dieses Brandenburgtaximanns schaukelt wie ein Hochseeangelschiff und mir wird noch schlechter als sowieso schon. Das war ein Fehler. Das alles war ein Fehler. Ich bin der größte Fehlermacher der Welt. Brandenburg. Wieder alles zu nehmen, was sie aufboten. Mein Bummeln. Mein Bahn verpassen. Das Taxi rufen. Und an erster Stelle: Das Gästebett ablehnen.

Draußen die Landschaft nur Rauschen. Ich schaue links. Schaue rechts. Dann nach vorne zum Fahrer. Und hoffe, dass der nicht merkt, wie schlecht mir ist, nicht dass der mich noch rausschmeißt, hier irgendwo im Wald von Berlin-Buch, weil er nicht will, dass ich ihm ins Auto kotze, würde ich auch nicht wollen, ein kotzendes Drogenopfer im Auto, wer will das schon, und was rege ich mich immer über die kotzenden Sauftouristen in Berlin auf, diese Ostkreuz-Hostelhorden vom Lenbachplatz, diese Drogenverpeiler, Assis, S-Bahn-Kotzer, Penner.

Hallo. Ich bin jetzt einer von denen. Ein Penner, dessen Höhepunkte des Tages darin bestehen, sein räudiges verdautes Sternburgpils an den Zaun der Lagerhalle an der Lilli-Henoch-Straße zu pissen und die Currywurst vom Billigmarkt im Mühlenkiez vor den Stromkasten zu kotzen, auf dem Reinhard Mey zweifelnd aus seiner Wäsche schauend seine Tournee für 2021 ankündigt.

Küß die Hand. Heute bin ich der Penner. Der Taxifahrer muss gemerkt haben, wen er da transportiert (einen Penner) und versucht plakativ, gutes Wetter zu produzieren, um den potenziellen Kotzer vom Kotzen abzuhalten. Geschichten über Geschichten schwimmen an mir vorbei. Er erzählt von seiner Familie, die mich nicht interessiert. Seiner Schichteinteilung, die mich auch nicht interessiert. Und vom kommenden Novemberwetter. Links. Rechts. Vorne. Ich weiß nicht, wo ich hinglotzen soll, in welcher Richtung mir am wenigsten schlecht wird, beschließe, dass es überall gleich schlimm ist und mache die Augen zu. Der Kopf sinkt mir gnädig nach vorne. Achterbahn. Kurven. Das geht so nicht. Das geht so nicht. Ich kann das nicht.

Klick.

Ich muss kurz eingeschlafen sein.

Pankow. Breite Straße. Vinetastraße. Wisbyer. Ostseestraße. Dann Greifswalder. Who the fuck is Lilli Henoch. Der Geruch nach verlebten Carbonblenden. Gummifußmatten. Fiesem Taxisitzleder. Abgestanden. Muffig. Faul. Von zigtausend Ärschen glattgerieben und vollgefurzt. Ich habe immer noch nicht gekotzt und möchte dem Taximann, der jetzt vor Spannung die Luft anhält, sagen, dass er mich hier rauslassen kann, auf dass ich die letzten zwei Kilometer an der frischen Luft laufe und runterkomme, aber ich bekomme kein Wort raus, der Mund füllt sich mit Spucke, sehr dünne Spucke ist das, Kotzespucke, Throw-up-precum, ich kann es nicht runterschlucken, denn es würde wieder hochkommen, es ist die Vorhut, der Ausblick auf das, was kommen wird. Jetzt gilt es. Grellstraße. Danziger. Mir war noch nie so schlecht. Marienburger. Jetzt reicht’s. Raus da. Stopp da. Hier ist gut. Möchte ich schreien, doch ich kann nicht, greife zum Portemonnaie, fummel mir einen Fünfziger und werfe den, als der Mann endlich (endlich!) anhält, nach vorne. Er will Rückgeld geben. Mir egal. Will ich nicht. Behalt das. Raus hier, gedankendurchdrehe ich, spucke den dünnen Schleim durch die schon geöffnete Türe, knalle die Türe, renne, renne, die Blumenrabatte, Urban Gardening, ganz sicher gehegt von einer hässlichen Heilpraktikerinnenhexe, egal egal, da vorne, da hin, da los, da rein, der schwarze Himmel kündigt schon die Sonne an, als ich alles, was ich die Nacht über zu mir genommen habe, auf die sorgsam geharkte Erde speie.