Junkshit aus der Industriehölle (9)

Sie irren, wenn sie glauben
dass man die Welt vom Müll befreien muss
sie irren, denn niemand liebt
den Müll der Welt wie du es tust

Tocotronic – Sie irren


Hier.

Die Scheiße lag bei mir im Briefkasten. Ein Beutel Junk. Extra für mich. Wahrscheinlich reingeworfen von meinen tollen Nachbarn, denen das womöglich irgendein Bummelstudent vor den Schönhauser Allee Arcaden als Promotionnötigung nach dem Einkauf im fucking Reformhaus in die Hand gedrückt hat. Genommen haben sie es wohl, denn immerhin steht auf der Tüte Industriepulver ganz groß „Natürlich“ drauf. Und damit kriegt man sie immer. Natürlich. Glutenfrei. Freilaufend. Ohne Laktose. Buzz Buzz olé. Gulp Gulp.

Kann auch sein, dass es ihnen ein ungentrifizierter Terrorist in den Briefkasten geschmissen hat, um sie zu ärgern und in den Wahnsinn zu treiben, ein currywurstfressender Schmock, ein ernährungsphysiologischer Querulant, ein letzter Nichtgrüner, ein Marginalisierter aus alten wilden Zeiten vom anderen Ende des Blocks. Einer, der seine Miete bald nicht mehr zahlen können wird und der Betongolderbenarmee jetzt schon einen kleinen Scheißhaufen hinterlassen will. Weiß man ja nicht, wer da noch so von früher wohnt. Ich kenne hier nur die Biofritzen, die mich einkreisen wie Helikoptereltern ihre Kinder auf hiesigen Spielplätzen.

Viel wahrscheinlicher ist, dass sie denken, dass ich das war, der ihnen das in den Briefkasten geworfen hat, um sie von ihrem Biowahn zu heilen, und jetzt schmeißen sie mir das wieder zurück in meinen Briefkasten, um zu zeigen, dass sie mit gleichen Waffen zurückschlagen, Auge um Auge, Junk um Junk, Alnaturakeks um Alnaturakeks, was weiß denn ich.

Jetzt habe ich das Ding also an der Backe. Die toxische Scheiße. Den Laborghul. Diesen Golem aus dem Reagenzglas. Frisch aus meinem Briefkasten. Was tun? Wegschmeißen? In die Biotonne? Immerhin steht da „Natürlich“ drauf, dann kann das auch in die Biotonne. Nicht? Nein? Ach komm, ich bin neugierig, was für fiese Schlacke sie da wieder verkaufen, welch Gülle da wohl drin sein mag, ich mach‘ das Ding auf:

Uah. Tonerde. Knusper Knusper Knäuschen, warte, ich halt‘ mal den Zeigefinger rein und lutsch ihn ab. Waaah. Die Aromakeule zieht in meine Nase wie Senfgas. Nur mit Tomate-Paprika-Geschmack. Meine Güte. Ein widerliches Stück … nee, Nahrung mag ich das nicht nennen, das ist Abfall, Müll in Pulverform, geschrotete chemische Experimente, von Menschenfeinden ohne Berufsehre hergestellt für Konsumenten, denen mit Sicherheit alles auf dieser Welt egal geworden ist, vor allem das, was sie sich in den Hals kippen.

Doch es wird noch schlimmer. Denn in der Tasse sieht die Rotze noch viel widerlicher aus. Blut. Gehirn. Eiter. Und Stücke von Krampfadern oder so. Er wird das nicht trinken. Er wird das nicht trinken. Er wird. Doch. Die Scheiße trinken. Aber sicher wird er das.

Tomate. Ganz klar Tomate. So wie’s draufsteht. Mit Sicherheit hat dieses Pulver maximal eine einzige Tomate gesehen. Oder nur den Kern. Ein Stück Schale. Den Strunk. Damit sie draufschreiben können, dass echte Tomaten drin sind, obgleich das Zeug mit Tomaten so viel zu tun hat wie Radfahrer mit Verkehrsregeln. Hahaha. Blurb.

Es ist ein Elend. Das Ding ist kaum im Magen, da schießt das Sodbrennen einen Schwall Säure die Speiseröhre hinauf. Okay, das war’s. Aus. Vorbei. Das gibt Krebs. Langfristig. Auf jeden Fall. Der Müll wanzt sich bestimmt tief in die Schleimhaut ein und mutiert in ein paar Jahren zu fetten Metastasen, die sofort bis runter zur Rosette krebsstreuen. Boar was ist das Zeug widerlich. Das Schlimmste sind diese fünf fettigen Croutons, die schmecken wie aufgeweichte Stücke meines Kloschwamms, mit dem ich den Urinstein wegschrubbe, der sich immer hinter der billigen Verankerung vom Klodeckel sammelt. An dem Ort, an dem nie jemand putzt. Oder nur alle zwei Jahre. Bah.

Und wie erwartet habe ich danach einen Durst aus der Hölle. Salz. Laboraroma. Tonnenweise Chemie. Ich habe so großen Durst, dass ich Angst habe, dass die Wasserwerke gleich vor meiner Tür stehen und einen sparsamen Wasserverbrauch anmahnen, weil der Leitungsdruck in Prenzlauer Berg die letzte halbe Stunde rapide abgefallen ist. Ding dong. Es sind nicht die Wasserwerke, es sind die Zeugen Jehovas. Sie wollen wissen, ob ich glaube, dass es einen Gott gibt. Gibt es nicht! Ihr Ficker! brülle ich und schleudere ihnen die Verpackung vor die Füße. Denn nie würde ein Gott so etwas hier zulassen. Belle ich und knalle die Türe zu.

Oh my Junk. My holy Junk. Wer kauft so einen Schrott? Es muss einen Markt dafür geben, sonst würde die Industrie so einen Mist nicht produzieren. Ich meine, hey, ich habe das wenigstens geschenkt bekommen, doch wer zahlt für so etwas Geld und das wahrscheinlich nicht wenig. Es müssen Freaks sein. Völlig Schmerzbefreite. Nahrungszombies. Mit Mägen aus Beton. Völlig kaputte Irre, die nicht älter als 35 werden wollen.

Danke Nachbarn, danke nötigender Promotionstudent, Briefträger, Hurensohn, wer auch immer mir diese Scheiße in den Briefkasten gesteckt hat, ihr wisst ja, dass ich das fresse, um zu wissen, um ganz genau zu wissen, um ganz sicher zu gehen, dass es auch wirklich scheiße ist. Meinen Dank. Bastarde.


Junkshit aus der Industriehölle (8)