Lost in der Hotspotmetropole

Kind, wenn wir nachher im Restaurant sind, geh‘ bitte aufs Klo, wenn du husten musst, sonst kucken die Leute wieder so zerknittert.

Icke


Ist es also wieder soweit.

Die Leute kommen mir so viel müder vor als letztes Mal. Es ist nicht das Gleiche wie noch im März. Es ist schlaffer. Fatalistischer. Schlicht erschöpft. Angekotzt in der Hauptsache.

Ich selber war auf mehreren dicken Partys die letzten Monate. 10, 20, einmal 40 bis 50 Leute. Kein Hygienekonzept. Keine Adresslisten. Oder Desinfektionsmittelspender. Dafür Whiskybiermexikanershots. Gemeinsame Tüten. Kreisende Gläser. Und diese Umarmungen mit wirklich jedem. Ich habe bisher nur ein wenig trockenen Husten gehabt. Einen Tag entlang. Abends war das weg, als ich ein wenig Bier draufgekippt habe. War das schon Corona? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sich immer noch keine Angst regen mag. Bei mir nicht. Bei den meinen nicht. Warum auch. So ein Leben muss wild und gefährlich sein, Arthur, also geh‘ da raus und atme es ein. Lass die anderen getrieben in ihren Sagrotanlöchern liegen. Sie sterben auch, möglicherweise später, aber sie sterben. Versprochen.

Wenn Sie sich mit den Leuten auf diesen Partys unterhalten, die wieder feiern wie früher, dann hat keiner mehr Bock auf das alles. Anders ist nach all den quälenden Monaten nur, dass kaum einer mehr argumentiert, mit so Faktenzeug angeschissen kommt wie fehlender Übersterblichkeit. Den wenigen Toten. Vielen milden Fällen. Fehlerhaften Tests. Dass infiziert nicht erkrankt bedeutet. Ungenutzten Intensivstationen auf Kurzarbeit. Und den vielen erratischen Entscheidungen, die sich oft widersprechen. Nix. Ich höre kaum Beschwerden mehr. Ich höre nur noch egal. Issmiregal. Einfach nur keinen Bock mehr. Müde eben. Sie kümmern sich schlicht nicht mehr. Sie juckt das nicht mehr. Sie haben auch keine Angst. Oder keine mehr. Was kommt, das kommt. Los, wir trinken noch einen. Wir haben kurz vor 23 Uhr, bevor in Berlin die Prohibition greift, mit dem Suffzeug vom Späti den Kofferraum vollgemacht. Das reicht bis nächste Woche, mindestens aber die Nacht.

Fatalismus. Viele der Menschen sind so und ich mag es, wenn sie so sind.

Zu der ganzen bemerkenswerten Laxheit, die sich trotz des senatsseitigen hilflosen Trommelfeuers durch Berlin zieht, passt die junge Frau in der U9, die über quälende zwanzig Minuten von Westhafen bis Steglitz ins Telefon plärrt und den ganzen Wagen darüber informiert, dass der nächste Rave ansteht, wer alles kommt und wie die Sperrstunde hiergegen bemerkenswert professionell umgangen werden wird. Und unten bei mir am Späti umarmen sich die Säufer und wollen auf ihre tranigen Tage einfach nicht mehr vernünftig werden. Cornern. Party. Und Rudelficken im Darkroom. Es ist immer noch Berlin hier. Die vielen Verstöße können die runtergenudelten Bullen hier alle gar nicht kontrollieren. So ist eben mein Berlin. Sie kriegen es nicht diszipliniert. Das fängt schon bei den ganz Jungen an. 17, 18, 19 Jahre alt. Dantze, Baby. Und das sind dann die Tage, an denen ich nirgendwo anders wohnen möchte als in meiner stinkend renitenten Kloake von Stadt. Diesem wunderbaren Kackloch. Das versöhnt mich mit allem wieder. Im März waren sie alle noch so brav, gebückt, völlig eingeschüchtert, wegen des Schocks, jetzt im Oktober untergraben sie alles. Weil auch so eine Schockstrategie sich abnutzt.

Ich gebe außerhalb dieses Internetdings hier nach wie vor überhaupt keine Kommentare zu irgendwas mehr ab. Ich sage einfach nichts mehr zu nichts, nicht mal wenn man mich fragt, sondern schaue dem Geschehen abgestumpft zu wie einem sich abzeichnenden Autounfall mit Überschlag in Zeitlupe. Dem Herumhampeln der Verantwortlichen. Dem Durchneurotisieren dessen, was sie mal Zivilgesellschaft nannten. Ich registriere die noch einmal stark hervortretende Freude am Denunzieren. Ankreiden. Melden. Labeln. In die Ecke stellen. Bei Twitter teilen sie jetzt reichweitenstark unverpixelte Smartphonefotos von Maskensündern, die sie irgendwo gestellt haben und die ihre Alltagsmaske nicht korrekt genug tragen. In der Bahn. Vor dem Supermarktregal bei den Fenchelkisten. Oder beim Dönermann vor dessen Coronaglasscheibe. Knips. Bitte recht freundlich. Für den Onlinepranger. Herzlich Willkommen in der Dystopie, von der ihr alle immer gesagt habt, dass ihr die nie wollen würdet. Und dann genügt ein einzelner kleiner Schockstoß und ihr fallt alle um. Knipst jetzt Maskensünder mit freier Nase und stellt sie im Internet aus. Oder meldet sie per Onlineformular den Bütteln. Meine Glückwünsche. Was für eine Polarisierung. Was für ein Geschrei. Was für ein Sozialdruck. Welch Blei. War es bisher sowieso schon ein unwirklicher Zustand, dieses komische Zäsurenjahr 2020 mitmachen zu müssen, hat das Ansteigen der Zahl der positiven Tests und das damit verbunde Garkochen der siffigen Hauptstadt im eigenen infizierten Saft des bundesweiten Beherbergungsverbots das alles noch einmal verstärkt.

Wir schmoren. Wir brüten. Zerrissen. Gegängelt. Vereinzelt. Isoliert. Bar jeder Mimik. Überwacht von den Nachbarn. Und den Kameras ihrer Smartphones.

Wie sie das alles irgendwann wieder kitten wollen ist mir völlig rätselhaft.

Der Borgwürfel, der aus irgendeinem Grund immer noch nicht sein überzählig gewordenes Personal abbaut, macht derweil auch wieder zunehmend dicht. Zögerlich zwar, aber erkennbar. Sie haben jetzt sogar wieder einen Teil der im Büro maskiert herumgeiernden Borgwürfelmänner nach Hause geschickt, wo die meisten der Borgwürfelfrauen immer noch seit März sitzen und mit dem Notebook sinnlose Angebote schreiben, die momentan sowieso kaum einer annehmen mag. Wie eine obskure Reise nach Jerusalem aus einem Low-Budget-Endzeitfilm kommt es mir vor. Erst verschwanden einzelne aus den Fluren, dann jeder zweite. Jetzt sind noch ein paar Handvoll da.

Ich habe beschlossen, dieses Mal der Letzte zu sein, der nach Hause gehen wird. Ich möchte hier im Puff das Licht ausmachen und den Sicherheitsdienst alleine im Dunkeln der ganzen grässlichen neu hochgezogenen Glasbetonschluchten zurücklassen. Ich möchte das so. Dieses Mal der Letzte von allen sein, nicht der Erste wie im März. Einfach aus Selbstachtungsgründen. Weil ich tatsächlich leider wirklich immer noch keine Angst habe. Und mit dieser Nanny-, Schneeflöckchen- und Dauerhysteriegesellschaft, die sie so übergriffig feiern, nichts anfangen kann. Konnte ich noch nie. Ich ticke, was die Bedürfnispyramide aus Wünschen nach enger Betreuung und Bemutterung angeht, ehrlich anders. Ich mag das nicht. Und wer mich bemuttern will, dem misstraue ich zutiefst.

Die Gespräche sind sehr fad geworden im Borgwürfel. Deutlich wird wieder einmal: Keiner mag irgendwo anecken. Sie hören Kritik an dem ganzen Zustand nur unter vier Augen. Bei einer Zigarette draußen am Raucherpranger. Oder am Pissbecken stehend. Bei geschlossener Bürotüre. In der Teeküche. Beim Nachhauselatschen zu zweit. Aber auch dann nur vorsichtig. Gerne in Frageform. Wie lange wollen die das noch treiben? Wie haben wir denn bloß früher überlebt? Wollen die jetzt bei jeder Grippewelle das ganze Land dichtmachen? Das wird man ja wohl mal noch – hihi – fragen dürfen. Keine Sorge, mehr kommt nicht. Weiter gehen sie nicht. Will ja keiner als Buddy dieses abstoßenden Veganerkochs dastehen, den sie als Boogieman durch die Medien schleifen. Der funktioniert nämlich. Ich mach‘ ja auch nix. Ich habe gar keinen Bock, irgendwas zu machen. Ich stell‘ mich doch nicht zu den Bekloppten hin. Das gibt nur Ärger.

Es bleiben mir die kleinen Freuden wie die brutale Wirkung meines kurzen Husters, wenn sich einer, von dem ich nicht will, dass er sich in der S-Bahn neben mich setzt, mit geweiteten Augen von mir entfernt. Hust Hust. Krrrrrr. Man weiß ja nie.

Natürlich weiß ich, dass ich in der Gesamtschau leichtsinnig bin. Das war ich aber schon immer. Immer Risiko. Immer die Kurve mit noch ein wenig höherer Geschwindigkeit nehmen. Sowieso zu wenig ernst nehmen. Machen was keiner macht. Huh? Keiner traut sich? Klar, ich mach‘ das. Her damit. Hauptsache es wird nicht langweilig, denn Langeweile ist für Leute wie mich fatal. Wenn mir langweilig ist, mache ich so lange Unsinn, bis mir entweder was passiert oder ich die Lust verliere. Oder im Rausch einschlafe. Bisher bin ich nicht daran gestorben, aber wer weiß, wenn die da oben mit ihren vielen Maßnahmen und ihrer überbordenden Angst Recht haben, bin ich vielleicht in einem halben Jahr bereits tot. Dann dürfen Sie lachen, wenn hier auf dieser Domain nach ein paar Monaten Funkstille nur noch ein paar vordatierte unzusammenhängende nutzlose Blogtextfragmente erscheinen, deren ungewollte Veröffentlichung zu irgendeinem Zukunftsdatum ich nicht mehr stoppen kann, weil ich ja tot bin.

Zu meinem prinzipiellen Leichtsinn addiert sich mein grundsätzliches Misstrauen. Ich mag dem Staat seine Fürsorge immer noch nicht abkaufen, denn hey, es ist der Staat. Für den bin ich eine Steuernummer, ein Aktenzeichen, eine Pimmelwurst aus dem Hängeordnerregal verschiedener lähmender Verwaltungsvorgänge, jemand, der maximal das Auskommen seiner Sesselfurzer*ping*innen zu sichern hat, auf jeden Fall niemand, dessen Wohlergehen ihn kümmern muss, warum auch. Doch selbst meinte der Staat die Fürsorge ernst, fände ich es umso gruseliger. Wie eine dicke fürsorgliche Mutter, die nach Backpulver und Melkfett riecht, mich mit ihren dicken Brüsten erdrückt und unter ihrem Arsch warm und behütet am Boden hält, wo ich doch da raus möchte in die gefahrvolle Welt. Gefährlich leben. Die Abenteuer suchen. Auch dabei mal verletzt werden wollend. Und gerne irgendwann daran sterbend. Wirklich nein, sie können mir keine Angst machen. Da kann ich nix für, ich funktioniere so nicht.

So eine Denke ist vermutlich sehr altmodisch und passt nicht mehr in die Zeit der Abwertung alles Abenteuerlichen bei gleichzeitiger Verherrlichung des Mimosentums. Das kann durchaus sein. Dass ich und die um mich herum Dinosaurier sind. So welche, die mit dieser neuen Lage nicht zurecht kommen, welche, die nur noch maximal so modern sind wie Klamotten von C&A und so exotisch wie ein lebender Dodo unter einer Rotte von sterbenden Schwänen, ich will das gar nicht in Abrede stellen. Es kann wirklich sein.

Wenn ich dieser Tage im persönlichen Kontakt Angst von anderen auffange, wird sie gleich existenziell. Dort im Gesicht der Franchisenehmerin meines Fitnessstudios. Die Angst davor, die Bude nochmal zumachen zu müssen. Einnahmeausfälle. Ausgabenexplosionen. Mitgliedschaftskündigungen aus besonderem Grund. Oder nehmen wir meine alteingesessene Gaybar, die sowieso schon an der Kante tänzelt und die mit der Sperrstunde und dem damit verbundenen Nullumsatz nicht mehr über den Winter kommen wird. Der Spätimann, dem das lukrative Geschäft mit den Besoffenen ab 23 Uhr weggebrochen ist. Mein türkischer Barbier. Mein chinesischer Gastronom. Der nigerianische Grasverticker vom Falkplatz, der klagt, weil die Touristen fehlen. Unverständnis für das alles. Die Leute sind runtergerockt. Der Herbst riecht nach Resignation.

Wussten Sie schon, dass Cirque du Soleil insolvent ist? Ich mochte diese Shows immer.

Doch ich bin brav. Weitgehend brav. Komme zurecht. Beuge mich. Atme meine eigene Gülle wieder ein. Betreibe den Laufsport wegen manch panischem Gesicht wieder wo ich kann auf der Straße oder renne über Wiesen und Äcker, um hyperventilierende Neurotiker abstandskorrekt zu überholen, die ängstlich über ihre Schultern lugen. Parke das Auto einen Meter fünfzig von anderen Autos weg, damit es niemanden ansteckt. Ich flatter meine Curve. Machen Sie sich bloß keine Sorgen um mich. Ich komme als jemand, der Menschen aus grundsätzlichen Erwägungen heraus nicht mag, mit der Vereinzelung sehr gut zurecht. Ziehe mich zurück. Verstoße wo ich kann gegen die Regeln und passe mich an, wo der Regelverstoß zu viel Stress fabriziert. Ja doch. Alles. Kriegt ihr. Mach ich. Kein Problem. Ich ziehe mich wieder zurück in meinen Kreislauf des ewigen Stumpfsinns. Sofa. Unvernünftiger Rausch. Fressen. Kacken. Irgendein androgynes Arschloch flachlegen. Laufsport bis ich kotze. Scheißdreck ins Internet schreiben, den immer noch zu viele Leute lesen. Mehr Rausch. Fressen. Kacken. Noch ein androgynes Arschloch flachlegen. Mehr Laufsport bis ich noch mehr kotze. Noch mehr Scheißdreck ins Internet schreiben. Dann wieder der Rausch. Auch mal beim Kacken gleichzeitig Fressen wegen der Abwechslung. Sitze ich da, schmore, warte auf das, was sie als nächstes wollen und öffne das Landbier, das mir der Chris empfohlen hat.

Mein Block. Meine Bude. Mein Sofa. Mein Puller. Ich bin gut vorbereitet. Die Kühltruhe ist voll, Cola genug da und der Drogenvorrat aufgefüllt und ergänzt. Bier. Acht Kisten Wein. Fünf Flaschen Single Malt. Laphroig. Lagavulin. Ardbeg. Lustiger Balvenie Doublewood. Ein israelischer Malt, dessen Namen ich vergessen habe. Don Papa-Rum und Rammstein-Wodka für den Notfall. Reserveklopapier auf dem Schlafzimmerschrank. Da sind wir. Alle. Sie. Die. Ich. Voll präpariert für den Herbst. You may begin. Macht zu die Tür, das Tor macht dicht.


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