Dieses Geseier (4)

Wenn meine extrem coole Sau von Masseur mal nicht im Physiopuff ist, weil er Urlaub hat oder krank ist, kommt der nervige Sabbler als Ersatz. Und des Sabblers Sabbel steht nie still. Er redet über alles. Und gleichzeitig nichts. Er schafft es, in einer halben Stunde die geballten Nichtigkeiten der letzten zehn Tage von promiflash.de runterzusabbeln, ohne merkbar Luft zu holen. Nur dass die Themen nicht die öden Leben irgendwelcher Königshäuser, das Rudelficken dahergelaufener Fußballspielerfrauen, das Rosettenbleaching der Kardashians, die Friseurrechnungen des Trump, das neueste Gegrunze vom blöden Söder oder das Geblöke der F- bis G-Promis aus der Big Brother-Celebritymüllkippe sind, sondern sein eigenes Dasein.

Schon bei seinem ersten Auftritt als Vertretung der extrem coolen Sau von Masseur war mir völlig klar: Der hier will gar nicht kommunizieren, der will nur reden.

Kommunizieren. Reden. Das ist ein Unterschied, denn dem, der nur reden will, ist es völlig egal, was Sie sagen, er nimmt nichts auf, keine Kommunikation, er braucht nur einen Stichwortgeber für seinen nächsten Redeschwall. Und ich bin stets nur die Wichsvorlage für seine Silbenejakulation. Ping. Hier das Stichwort. Bitte reden Sie jetzt. So lange Sie können. Herzlichst. Ihre Wortmülltonne. Da auf meiner Liege.

Ich habe beschlossen, heute nicht mitzuspielen beim allseits unbeliebten Stichwort-zum-Vollsabbelspiel, das er auch heute mit mir spielen werden will. Ich habe keinen Bock mehr, Rezeptor für diese Sabbelfontäne zu sein. Ich habe beschlossen, den Typen heute auflaufen zu lassen. Einfach in den Wahnsinn zu schweigen. Weil er nervt. Und ich nicht weiß, wie ich dieser extrovertierten Schwallschleuder anders beikommen kann.

Vorhang auf. Da ist er schon.

„Juten Tach!“

„Tach.“

„Och, ja, Tach, ist dat ein Tach heute. Ein Wetter. Heute morgen sah’s ja noch nich so jut aus, aber ick hab heute morgen schon gesagt, dass dat heute jut wird. Wat dat für ein Spätsommer… (…) Mannometer, war dat heute eine Einteilung mit die Kunden. Die in der Verteilung wissen manchmal och nich wat se tun (…) Ick hab ja heute die Frau Schrader jehabt. Die Frau Schrader, die hat ne krumme Wirbelsäule, weil die mal so ne Kathi Witt war, so Eiskunstlauf und so. Die Wirbelsäule hamse wieder halbswegs grade gemacht, und dann hatte die erst recht Schmerzen bekommen. Weil die vorher mit ner krummen Wirbelsäule (…) also ick würd ja nie Bungee Jumping machen, mein Kumpel Fred hat dit mal jemacht und der … (…) mein Bruder is ja leidenschaftlicher Angler und, haha, is der letzte Woche doch glatt ins Wasser jefallen (…) ick hab ja immer so nen langen Arbeitsweg, ick muss ja aus Brandenburg hierher fahrn, mit der Regionalbahn (…) morgens um sieben is ja die Welt in Ordnung, ick trink erstma nen Gaffee und dann jeh ick janz normal duschen (…)“

Dann stockt er das erste Mal und ich kann die Wirkung meines Schweigens greifen, jetzt, nach fünfzehn Minuten eruptivem Wortewaterboarding ohne eine einzige Pause, wird er unsicher. Ich habe nicht einen Ton gesagt. Nicht mal gebrummt. Ihm nix von mir zum Andocken gegeben. Und jetzt ist kurz mal Stille. Ich spüre: Er grübelt. Was ist da los? Warum reagiert der nicht? Warum kann ich keinen Kontakt herstellen? Wo ist mein Aufhänger? Irgendwas stimmt nicht. Hier stimmt irgendwas ganz gewaltig nicht. Seine Massageschwünge werden unrhythmischer. Er ist gestresst und startet einen Testballon.

„Machen Sie eigentlich Sport?“

(Na klar, er fragt mich was, er bezieht mich ein, muss Interesse vorschützen, weil er ohne mich nicht weiter kommt. Blöd für mich, sein geheucheltes Interesse, denn jetzt muss ich wenigstens brummen, sonst bin ich der Unhöfliche.)

„Mmmm-mmh.“ (übersetzt heißt das: „Ja, Laufsport.“)

Klonk. Da hat er den Aufhänger zum Weitersabbeln. Feuer frei: „Ja, der Sport, der Sport. Ick hab ja ma versucht zu joggen, hab ja ideales Waldland bei mir in Brandenburg, aber det is nix für mich, ick jeh lieber Inline Skaten, wobei dit auch doof ist, weil da kommt dann irgendwann der Sandweg und dann geht es nicht mehr weita…“

Da ich immer noch nicht antworte und nicht mal zwischendrin brumme, redet er immer hektischer. Weil er offenbar genetisch bedingt nicht das Maul halten kann, aber von seinem Gegenüber nichts als absolute Nullkommunikation zurückkommt, gerät er in sehr offensichtliche Panik. Anstatt aber einfach aufzuhören mit sabbeln, weil er merkt, dass etwas nicht stimmt, erhöht er die Wortfrequenz, weil er nicht weiß, was er sonst tun soll. Er hat kein Mittel gegen stumpfes Schweigen. Hilflosigkeit keimt aus allen Poren.

Er wird jetzt immer schneller in seinen Bewegungen, redet auch schneller, atemlos fast, die Wortfetzen explodieren im Raum: Oma, Fahrradfahren, Geburtstag, Geschenk besorgen, Paddeln gehen, Bootproblem, Verleih hat Feiertag, Achterbahn, Rakete, Bubble Tea, Merkel, Corona, Loch im Eimer, Karl-Otto.

Irgendwann klatscht er entnervt seine Hände auf meinen Rücken vor Erleichterung, dass die Zeit fast um ist, hechelt ein säuerliches „Tschüss, das war’s dann ja wohl“ und flieht in völliger Auflösung aus dem Raum, als wäre der Raum ein Grill und man hätte ihn dort geröstet.

Tick.

Und tock.

Stehe ich auf. Ziehe mich an.

Wie genial. Das war ein Mensch, der Stille nicht aushält. Der durchdreht, wenn er keine Verbindung für den Wortschwall bekommt, den er ihm ausgelieferten Massierten auf den Liegen des Physiopuffs in Halbstundenportionen um die Löffel haut. Das war ihm unangenehm. Enorm. Damit kam er nicht zurecht. So einfach ist das. So krieg ich sie.

Jackpot. Game Over. I win.


Dieses Geseier (3)