Gedankensudelei 09/20

„Ja, du hast recht und hast es sehr scharfsinnig erkannt“, sagte der Vorübergehende zum Depressiven, „das Leben ist völlig sinnlos. Das könnte die intellektuell und spirituell befreiendste Einsicht deines Lebens sein, wenn du nicht eine narzisstische Kränkung daraus machen würdest“.

Lumières dans la nuit


Wenn Sie auf der Parkbank auf dem vernachlässigten Ostseeplatz oben im vernachlässigten nördlichen Prenzlauer Berg, eingerahmt von einer vierspurigen Hauptverkehrsader und zwischen ein paar Bäumen, die aktuell ihre Blätter lassen, einen Typen in schwarzem Hoodie sitzen sehen und Sie empfinden das Verlangen, ihn anzusprechen, dann tun Sie es bitte nicht. Denn das bin nur ich, der kifft, schwer gestörte depressive Musik hört und Ruhe begehrt; hier auf dem mittelinselartigen Ostseeplatz, auf dem sonst nie jemand ist. Außer mir. Und Sie eben.

Morgens zum Nachkatern einer durchzechten Nacht habe ich Ayran als Hausmittel für mich entdeckt. Calcium, Salz, Flüssigkeit. Bringt mich nach vorne. Ein Liter und die Welt dreht sich weiter. Das kann ich empfehlen, um die ganze Angelegenheit am Laufen zu halten.

Bemerkenswert: Ich wurde zum ersten Mal in der Rolle als Vater zur Klassenlehrerin bestellt. Das Kind hat im Unterricht zum Besten gegeben, dass inzwischen alles, was Spaß macht, verboten werden soll. Schnelles Fahren. Böllern. Flugzeug fliegen. Feste feiern. Da wurde mir das Herz ganz weit. Es ist mein Kind, mein ganzer Stolz, wenn Sie da was ploppen hören, bin das ich, der platzt. Allein, die formulierten Kundgaben kamen beim Lehrpersonal nicht gut an, das möchte, dass ich mein Kind auf Linie bringe:

„Und Ihr Kind hat auf die Frage, warum wir die Masken tragen sollen, geantwortet: Weil die Politiker das wollen. Kommt das von Ihnen?“

„Stimmt es denn nicht?“

„Nein. Das kann man so nicht sagen.“

„Doch, kann man.“

„Nein, kann man nicht.“

„Kann man auf jeden Fall.“

„Aber nicht hier.“

„Ach so.“

Memo: Ich muss dem Kind beibringen, dass es zwei Meinungen gibt. Eine, die man hat und eine, die man sagt. Besser, das lernt es früh. Das zu wissen vermeidet Sanktionen. Zum Beispiel eine halbe Stunde in einem schmucklosen Sprechzimmer mit einem übelnehmenden Lehrkörper zu sitzen.

Das ganze endlose Coronablei hat noch ein weiteres Gutes: Die selbstherrlichen Fahrradnazis, die in Prenzlauer Berg mit ihrer Herrenmenschenattitüde die Fußgänger ständig so proaktiv vom Bürgersteig fegen, sind weg, beziehungsweise nicht weg, sondern suchen die Distanz statt die Konfrontation, wenn ich ihnen auf meiner Laufrunde aerosolsprühend entgegenkomme. Das ist toll. Karma is‘ ne Hure, ihr Ficker. Also flieht, ihr Narren.

Und noch eine Folge: Wir haben hier im Biedermeierlangweilerparadies Prenzlauer Berg wieder eine Schwangerschaftswelle. Wie schon Mitte Nullerjahre. Das flachte alles zuletzt ab, seit die Brut der Nullerjahrebiester jetzt in abschreckender Attitüde saufend und kiffend mit Boombox am Arnswalder Platz rumhängt und miesgelaunt vor sich hin pubertiert. Doch jetzt sind sie wieder da und schlappen durch meine Hood: Selbstzufriedene, verhärmte, im Coronalockdown vor lauter Zeit, Muße und Alternativlosigkeit geschwängerte Pantoffelfrauen mit komischem Indianerschmuck um den Hals. Was ich mich damals schon gefragt habe: Wer schwängert die? Und warum? Aber gut, so kann ich zumindest meine alten Lästereien von vor zehn Jahren wieder auspacken und ausbreiten. Wenn ich sie wiederfinde, was unwahrscheinlich ist, denn ich find‘ hier nix wieder. Ein Buchstabenfriedhof ist das Ding hier geworden.

Coronal lustig: „Darth Vader“ als Kontaktname – Bezirksamtschefin sauer auf „Katze“-Gäste

Gnihihi. Darth Vader. Lucky Luke. Schreiben sie da hin in die Liste vom Restaurant. Die Ignoranten. Und die Chefin der Obrigkeit ist sauer. Witzig witzig, drei Meter siebzig. Wenn Ihnen in Berlin übrigens auf einer dieser Kontaktlisten, die so gerne von den Bullen für die Strafverfolgung genutzt werden, der Name „Beppo Lauterbach“ aus der Neuköllner Ringbahnstraße auffällt: Das bin ich. Beppo Lauterbach. Mein Panikzeitalias. Was bedeutet: Ich war dort im Lokal kurz vor Ihnen essen. Und Achtung, 3, 2, 1, jetzt bitte empören. Schnarch.

Mit dem Berliner Tagesspiegel hat sich nun endlich auch das drittletzte herkömmliche und früher mal wirklich gute Nachrichtenportal aus meinen Lesezeichen verabschiedet, nachdem auch sie jetzt damit begonnen haben, mich wie fast alle anderen nahezu täglich mit superwoken Artikeln zuzuballern, warum ich ihre gehandicapte Kunstsprache mit diesen Sonderzeichen schreiben und am besten auch noch mit Klicklauten sprechen soll. Und jetzt schreibt dort sogar der selbstgekrönte Genderkönig höchstselbst, wegen dessen Omnipräsenz ich schon das Bildblog, Netzpolitik.org und Rivva aus dem Feedreader gekickt habe. Was lese ich also nun, wenn ich keinen Bock auf den Identitätsblasenschwachsinn eines sterbenden Haltungsjournalismus, aber auch keinen auf diese ganzen neuen reichweitenstarken Neoconportale habe? Bleibt nicht viel. Berliner Zeitung ist gut geworden. Und Faz gut geblieben. Bleibt ja nix sonst. Aber die beiden kriegen die orwellschen Neusprecher bestimmt auch noch auf Linie.

Was ich dann lesen werde, müssen wir sehen. Wahrscheinlich nix mehr.

Egal, wie viele Portale sie noch kapern werden: Ich brauche den identitären Kram nicht, ich will den ganzen verkopften modischen Mist nicht mehr lesen, ich muss mich als eine von ihnen umworbene Mehrfachminderheit auch nicht von ihnen empowern lassen und mag mir aus schlicht logischen Gründen nicht verquast erklären lassen, warum der weiße polnische Penner, der vor dem Planetarium an der Prenzlauer Allee herumliegt und den ich in seinem persönlichen Schiffbruch momentan freiwillig alimentiere, gegenüber einer mit B7 besoldeten Berliner Staatssekretärin privilegiert ist, die ich auf ihrer medial durchchoreographierten Daueropfertour durch alle Kanäle zwangsweise alimentiere. Vergesst das. Hör‘ ich mir nicht an. Les‘ ich auch nicht mehr. Ihr seid eine calvinistische Sekte und ich wundere mich, wer euch derart fördert, dass man inzwischen fast überall in diesem eifrig-aktivistischen Duktus über euer obskures Anliegen liest. Das fühlt sich an wie intellektuelle Zwangsernährung mit ekliger Astronautenkost. Und es würgt mich mit diesem Schlauch im Hals.

Der freundliche Orgelmann hat eine Theorie, warum die identitären Fronten derzeit so sind wie sie sind. Und was bin ich froh, dass nicht nur mir allein das alles komisch vorkommt.

Karmapunkte: Meine einzige gute Tat des Jahres fand oben auf dem fahrradnaziverseuchten Bürgersteig des Blankenburger Pflasterwegs statt. Irgendwas um die zwanzig megaknuffige winzige Schnecken wollten den überqueren:

Gott, sind die süß. Das hätten die nie überlebt. Ich musste was tun. Ich habe was getan. Ich habe die alle rübergetragen.

Menschen mit ihrem Haus auf dem Rücken hätte ich nicht rübergetragen. Denn ich mag zwar diese kleinen Schnecken, aber Menschen nicht. Hunde übrigens auch nicht, weil die genau wie Menschen entweder stumpf devot oder übergriffig sind. Und so parasitäre Tiere wie Katzen erst recht nicht, auch wenn die nicht so schlimm sind wie Frauen, die Katzen besitzen. Möglicherweise würde ich einen Biber mit Haus auf dem Rücken über den gemeingefährlichen Weg tragen, gäbe es denn Biber mit Häusern auf ihren Rücken.

Noch Ende August habe ich einen bemerkenswert durchgeknallten Dialog in einem Laden, der Messer verkauft, geführt:

„Ich nehme dieses krasse Messer hier. Nein, das da. Mit den Zacken auf der Rückseite.“

„Ich muss fragen, wofür Sie das brauchen.“

„Warum?“

„Vorschrift.“

„EU wieder?“

„Kann ich nicht sagen.“

„Was wäre, wenn jemand sagt, dass er jemanden damit abstechen möchte?“

„Dann würde ich ihm das Messer nicht verkaufen.“

„Okay. Plausibel. Keine Sorge, ich möchte nur ein Schwein damit bearbeiten. Spanferkel, polnische Hochzeit, Drehspieß, Sie verstehen?“

„Okay, das geht.“

Ein verrücktes Land. Wer lässt sich solch eine Frage einfallen? Und was erwarten sie sich von den Antworten?

Mein Kind wird groß. Unfassbar groß. Und kabelt sich ab. Schließt sich ein. Mit Tablet. Aufgeregte Stimmen aus dem Kinderzimmer. Die Kinder haben eine Videokonferenz eingerichtet. Eine Kinderkonferenz. Lautstark. Aufgeregt. Vertragsverhandlungsstyler. Keine Ahnung worum es geht. Es klingt, als versuchten sie, den Nahostkonflikt zu lösen. Und Taiwan, Tibet, Schottland und Katalonien gleich mit.

Haben Sie denn eigentlich Kinder? Dann mögen diese Kinder bestimmt Zauberei. Zumindest mag ich Zauberei. Und das schon seit ich ein Kind bin und ich will mir immer noch nicht illusionstötend ergoogeln, wie diese ganzen Tricks alle funktionieren und ich finde sogar nach dem hundertsten Mal den Trick mit den Stahlringen toll, die ineinandergehen, obwohl sie vorher nicht ineinander waren, ich will einfach in der Vorstellung treiben, dass es doch noch einen letzten Rest Magie gibt in dieser komplett unmagischen Welt, nur ein wenig bitte, und freue mich in so einer Zaubershow kein Stück weniger als mein Kind, das neben mir sitzt. Wenn Sie sowas genauso so mögen wie ich und in Berlin wohnen: Salon der Wunder in der Kulturbrauerei. (nein, ich bin immer noch nicht an irgendwelchen Umsätzen beteiligt, ich fand es einfach nur gut, weil es gut ist.)

Außerdem hat die Flipperhalle wieder auf. 10 Euro. 50 Flipper von 1977 bis heute. Flippern so lange Sie wollen. 14 bis 22 Uhr. 8 Stunden. Ich bin so einer, den stellen Sie um 14 Uhr da rein und holen ihn um 22 Uhr sehr zufrieden da wieder da raus. Ohne dass er was gegessen oder getrunken hat. Dafür mit Flipperfingern. Und glasigem Blick. Aber glücklich.

Das Kind hat die Tage zum ersten Mal eine Freundin nach Hause eingeladen und darum gebeten, dass ich nicht wie sonst in Unterhose in der Wohnung herum laufe. Das Kind versucht also jetzt, den unberechenbaren Asozialenpapa irgendwie in der Spur zu halten, während ich der knallharten Realität ins blutunterlaufene Auge blicke: Ich bin jetzt hochoffiziell hochnotpeinlich und die nächste Generation versucht, mich irgendwie einzufangen.

Und dann geben auch noch die Lehrer (oder auf Berlindummdeutsch: Lehrend*innen) dem Kind aus lauter Angst vor der nächsten Coronapanikschulschließung Noten über Noten über noch mehr Noten. Ein Noteninferno. Jeden Tag drei bis vier, einmal sogar sieben Noten an einem Tag. Richtige Antwort gegeben? Zack! Eins! Schuhe korrekt zugebunden? Zack! Nochmal ’ne Eins. Wer will noch? Einseinseins. Es regnet unzählbar viele der berühmten Berliner Masseneinsen, die jedes Berliner Abitur für jeden Personaler so wertvoll wie eine kleine durchnässte Brötchentüte werden lässt. Auf dass man überhaupt Anfang 2021 ein Halbjahreszeugnis wird geben können, falls die Politik zwischendurch wieder in operative Maßnahmenhektik verfällt und die Schule absperrt. Eine irre Zeit ist das, eine irre Zeit. Wir werden uns alle in ein paar Jahren zurück erinnern und immer noch nicht verstehen können, was sie in diesem verrückten Jahr alle geritten hat. Zumindest die, die den Shit überlebt haben werden.

Event Event. Ein Schulstreiker flennt. Weil mir der Sommer zu kalt war, bin ich Porsche gefahren, bevor die CDU mit den Grünen zusammen bald das Tempolimit durchdrückt, an dem sie nun schon so lange rumnagen (so lange sie dann auch gleichzeitig endlich Cannabis – und wegen mir flockig verarbeitete Amphetamine gleich mit – legalisieren, soll es mir sogar recht sein).

Kein Problem. So ein Porsche. Können Sie inzwischen an jeder Ecke gegen Entgelt ausborgen, so ein Ding. Jeder Horst verleiht den stunden- bis tageweise über irgendeine App. Oder Sie leihen direkt beim Porschezentrum. Ein großer Spaß. Porsche bringt Spaß. Ich kann nichts Gegenteiliges schreiben, weil es nicht wahr wäre. Bei 260 bekomme ich am Steuer des großartigen Autos erst eine Erektion und bei 280 schrumpfen meine Eier spontan vor lauter Ehrfurcht auf Murmelgröße und wollen sich nach innen stülpen. Zuletzt habe ich das Ding oben in Mecklenburg auf der zweispurigen freigegebenen Autobahn zwischen Jarmen und Grimmen auf 295 km/h getreten, bevor irgendeiner einen versprengten Laster überholen musste und mich abbremste. Ich glaube, ich habe vor lauter Ekstaserausch schmutzige Wörter in den Autoinnenraum gerufen. Irgendwas mit Ficken. Fuck. Mit achzig U. Was ich sage. Pure Freude. Esctasy ist ein Scheiß dagegen.

Serviceteil: Ich kann Ihnen für eine solche Aktion die A20 in Mecklenburg-Vorpommern an einem Mittwoch außerhalb der Ferien empfehlen. Unendlich lang. Einmal hin, einmal her. Geschwindigkeitstechnisch vollkommen freigegeben. Kaum Menschen. Wenige Laster. Noch weniger Autos. Null Bullen. Hat Mecklenburg-Vorpommern überhaupt eine Polizei? Kommt mir nicht so vor.

Interessant auch, wie sich die Relationen verschieben bei diesen Geschwindigkeiten. Ich sag‘ gerade noch zu mir „Ey, was gammelt der Typ da so langsam auf der linken Spur rum…“, da war das ein dauerlinksfahrender Mercedes mit 210, der mir vorkam als würde er mit 80 daherschleichen. Sie gewöhnen sich auch daran, dass jeder Ihnen ganz von alleine Platz macht, so dass Sie es ungewöhnlich finden, wenn mal einer keinen Platz macht. Manie Manie. Ich mag Manie. Rasende Manie.

Bedenken Sie neben der Miete für das Biest das Benzin, das es bei diesen Geschwindigkeiten frisst. Ich habe knapp 140 Liter Super in die Atmosphäre geblasen. Jeder Tropfen reinstes Endorphin. Wenn der Aktenkurs von BP kurz mal wieder hoch gegangen ist, war das alleine mein Verdienst. Acht Stunden Hochgefühl. Pausenlos. Kein Essen, keine Rast. Tunnelblickmann. Ich bin nur zwei Mal angehalten, um zu pissen und um das Näschen neu zu bestäuben (mit Spätsommerbrise, Luft und Liebe natürlich, was denken Sie denn?). Und wie immer gilt: Sorry, not sorry. Für nix. So lange es noch geht, geht es halt.

Beim Gewahrwerden der bei 280 km/h vorbeiziehenden Brückenpfeiler dann wieder dieser immer immanente Gedanke, den Carrera einfach mal zur Seite zu ziehen und folgerichtig sowie definitiv zuverlässig von hier ab zu gehen, aber ich tue es doch wieder nicht. Nicht wegen mir. Wegen der Maschine. Es ist immerhin ein Porsche. Profunde Ingenieursleistung. Liebe zu gutem Handwerk. Es käme mir respektlos vor.

Dennoch ist eine Depressionsepisode bei solch einer Geschwindigkeit kein guter Move. Null. Braucht niemand. Nicht in so einem Auto.

Ich bin mit dem brummenden und sprotzenden Fahrzeug unter meinem Arsch durch Mecklenburger Dörfer gurkend so oft gegrüßt worden wie noch nie zuvor. Teenager. Winkende Jungs. Strahlende Gesichter. Dreistimmige Cheerios. Anerkennend nickende Mittvierziger. Ehrgeizige Handwerker, die diesen Porsche ums Verrecken mit ihrem plumpen Kastenwagen auf der Landstraße mit 130 zu 120 überholen müssen und dann ganz stolz auf diesen Umstand sind, den ich anerkennend nickend zugelassen habe. Drei Typen mit Blaumann wie im Bollerwagen. Winkend. Immer freundlich winkend. Mit Porsche sind Sie sehr beliebt, so viel kann ich zu Protokoll geben. Jetzt weiß ich auch, warum verfettete alte Männer gerne solch ein Porschepenisding fahren: Weil sie dann endlich wieder jemand mag. So wie mich die Frauen, wenn sie vor dem Fahrzeug über die Fußgängerampel gehen und rüberschauen. Reinschauen. Blöd rübergrinsen. Sich so bescheuert durch die Haare gehen. Ja, ich weiß, sieht nach Geld aus, das Teil. Ich will trotzdem nicht ficken. Schon gar nicht dich mit deinen dreckigen ausgeleierten Berliner Turnschuhen. Geh weg.

Nein, schön, so ein Ding mal gefahren zu haben, aber im Ergebnis zu viel Aufmerksamkeit, so ein Auto, nix für mich. Zu viele Blicke. Zu viele Menschen. Dann lieber die vergurkte Reisschüssel, die vor meiner Bude steht. Gegen die will nicht mal ein Hund pissen. Und ich werde komplett unsichtbar, sobald ich drin sitze.

Soundtrack des Ganzen: Catnapp, gefolgt von Anetha, am Ende auf jeden Fall Rammstein, das Gesamtwerk. Acht Stunden lang, nur unterbrochen von ein wenig Erregung öffentlicher Erregung zum Runterkommen. Autobahn Autobahn Ostseelandstraßen Autobahn Autobahn Berlin-Spandau.

Lesezeichen:

Vorab verlinke ich auf den Kommentar eines Blogartikels, der für sich gesehen ohne diesen Kommentar gar nicht mal so lesenswert ist. Es geht um die übliche Pomoblablascheiße, die immer noch ausgehend von einer Elite gegenüber dem Pöbel bis aufs Messer ausgefochten wird: Das Gendern. Nix Neues an der Identitätsfront. Allerdings lohnt es sich immer öfter, die Kommentare dazu zu überfliegen. Ja, das Meiste ist grottig. Meinungskot. Haltungskotze. Trolldünnes. Weißes Rauschen. Und zwischendrin eine solche Perle, die ich fullquoten muss, um sie zu würdigen:


Man sollte sich vielleicht an die Vorstellung gewöhnen, dass die Menschheit ihren evolutionären Höhepunkt in den 1980ern hatte. Falco war der Kwisatz Haderach. Seither geht es mit Siebenmeilenstiefeln in Richtung Morlocks, schneller als Wells es hätte ahnen können. „Video killed the radio star“ und guckt rüber zu Total Terminator Idiokratie. Die frisst die Demokratie bei lebendigem Leib. Nur Romero klatscht. Im Hintergrund johlt ein oranger Affe und wirft mit frisch ge- und verzapfter Scheiße. 99 Luftballons – geplatzt.

Wannabe-Inquisitoren wie jenen hier kenne ich im Real Life. Sie leben! Sohn einer Ex. 19 oder 20, vergessen. Greta als bobygebuildeter Stichling. 10 Minuten lang maßlosen, selbstgerechten Standpunkten zu Boomern (der Begriff geht ihnen hemmungslos über die Lippen), Gesellschaftsordnung, Kapital, Sozialpolitik und, sehr wichtig, Work-Life-Balance lauschen, dann möchte man ihn in der Teetasse ertränken. Geht nicht, zu viele Zeugen im Café.

Die globale Gutmensch-Hysterie als Gegengewicht zum Hate Monger im Weißen Haus ist so tragisch. Teils sinnige Gedanken, alle außer Rand und Band. Hysterie wie im Salem-Schlussverkauf. Jeder ist Rassist, toxisch, Teilnehmer im Blame Game. Die gute Nachricht: Everyone’s a winner! Darauf eine Hot Chocolate. Skynet heißt Twitter und lacht sich ’nen Ast – warum gutes Metall im Krieg verschwenden, wenn es auch so geht? Kumpel Chrome klatscht ab.

Winter einer Spezies. Geschlechterkrieg, Rassenkonflikt, Maskulinitäts-Zerstörung usw. werfen weiter Scheite auf die Verbrennungsstätte. Das Wasser darunter in Tarans Zauberkessel blubbert schon. Spritzer verpuffen an Blasen, die nichts mehr durchdringt. Der Siedepunkt naht.

Möge der weiße Rauch der Immolation den Venus-Lemuren eine Warnung sein.


Wow. Eine popkulturelle Katjushabatterie. Ich bin bis in den letzten Zellkern der Eichel beeindruckt. Warum bloggt der nicht? Ein Wortegigant namens Walter. So einer fehlt. Ich habe seit Langem nicht mehr so etwas Erfrischendes über mehrere Absätze gelesen. Und die muffigen Getriggerten, die sich mit ihrem Zehntel von Walters sprachlicher Klasse unten an den Kommentar dranhängen und übel nehmen, lassen ihn noch mehr glänzen. Ich ziehe alle Hüte. Meine Verehrung. Sehr groß.

Dazu noch einmal der Orgelmann:

Lieber Boomer*innenhasser*in — oder warum ich nicht gendere

So. Jetzt reicht’s aber auch mit den Gendereierköpfen. Zurück auf den erdigen Boden zu den normalen Leuten:

Liebesgrüße vom Amt

Lokalkolorit hier aus Prenzlauer Berg. Keine Ahnung, worum es geht. Twitterkeilerei über Dinge. Einer schreibt Zeug über einen anderen. Aber hey, ich mag Querulanten und ich mag vor allem den notorischen Querulanten da mit seinem ungewöhnlichen Lokalmagazin. Immer schon. Der Typ ist alles, aber vor allem nie langweilig, auch wenn ich es nur schwer verknusen kann, dass er mir meinen Kifferladen aus der Wichertstraße totgeschrieben hat. Den gibt’s inzwischen nicht mehr. Ist jetzt ein Laden für Alltagsmasken. Und Shishas. Fuck the fuck.

Die stumme Hälfte

Gut. Sehr gut.

berlin – der holger

Alles Gute.

Steingarten

Das ist der mit Abstand beste und vor allem angenehmste, weil so schön uneitle Reiseblogger. Und wenn ich die paar restlichen verbliebenen Blogs auch noch aus dem Reader kicke, der da bleibt, so lange er schreibt. Er ist auch ein Steher. Sie haben ihn geshitstormt. Wegen dieses schönen rabenschwarzen Tweets zu coronaverseuchten Mallotzerückkehrern. Was für ein Schaum auf den Wellen. Geifer Geifer. Und er blieb stehen. Ist nicht eingeknickt. Gut so. Meine Güte. Macht ja keiner mehr geschmacklose Witze heutzutage, und wenn, dann entschuldigungsroutinieren sie sich sofort selbstentleibend vor den aktivistischen Mistgabeln. Umso schöner, wenn mal wieder einer einen bringt. Und so stehen lässt. Ich fand den gut. Entspannen Sie sich.

Im Vergleich zu den üblichen ekligen vollvernetzten enddarmgesponsorten Hochglanzklickklickfickmichreisebloggern macht der Kollege wenig Gewese um sich, lebt aber davon. Wenn Sie was übrig haben, spenden sie ihm doch was. Wenn ich überhaupt noch einem Blogger Geld in den Rachen werfe, dann dem.

Öffnungszeiten Wertstoffhof Eislingen

Eislingen. Wegweisend. Es erinnert mich an mein eigenes Epos namens Mett, eine Einkaufshilfe, angeklickt sagenhafte 85 Mal (Warum? Warum tun Sie das?), das aber natürlich nicht diese Klasse hier erreicht.

Weshalb ich jetzt seit 20 jahren blogge und so schnell auch nicht damit aufhören werde

Scheiße maaaaaaaann, ich habe ja dieses Jahr die zehn Jahre Internetvollschreiben voll gemacht. Voll verpeilt. Recht hat er, El Flojo, mit allem. Und Glückwunsch auch. Jahr 2000. Millennium. Eine Ewigkeit her.

Mehr Lesezeichen:

Roughhouse

Mit Fug‘ und Recht

Sparsamkeit (hihi, er hat Wichser gesagt)

Warum ruft er bloß die Bullen nicht? (Hihi, und der sagt auch Wichser, heute ist Wichsertag)

Kann ein Mann Nein zu Sex sagen?

Natürlich nicht, zumindest nicht in Brandenburg.

24 hours at burning man

Na? Auch Bock auf ein bisschen anachronistischen Hedonismus? Festivals, etwas aus den Zehnerjahren, kennen wir 2020 nicht mehr. Ich habe mir trotzdem eine Karte für das M’era Luna 2021 gekauft. Ich bin Festivaloptimst.

Winamp Skin Museum (via)

Wow! Das gute alte Winamp (kennt keiner mehr, weiß ich, egal).

Zur Musik: Die neue Scheibe von Slime ging bisher an mir völlig vorbei. Warum eigentlich? Der gebeugte alte Mann auf dem Rasenmäher kann es noch, auch wenn der Text inzwischen problemlos bei einer dieser Querdenkerdemonstrationen gespielt werden könnte und dort nicht auffallen würde. Verwirrend. Das. Alles. Die Gesamtumstände. Die Lager. Wer wie was und wie. Egal. Betrifft mich nicht mehr. Ich mag mich niemandem mehr zuordnen. Und jetzt alle.

Dann das neue Unpluggedalbum von Wirtz durchgehört. Güte, ist der schnulzig geworden. Das erste Album war noch Bombe. Rotzig. Frech. Ganz stark. Jetzt macht er einen auf Max Giesinger. Das kann nur schlimm enden und das tut es auch. Die besten Tracks auf dem Ding sind noch die alten, die er hier mit Klavier und Streichern verseichtet. Schade um ihn, wirklich schade. Der hätte was werden können.

Ähnliches gilt auch für das neue Album von Prinz Pi. Meine Nerven, muss man, nur weil man Vater wird, immer gleich so weich werden? Wozu? Damit die Kinder einen auch hören können? Ein halbes Brett hat er jedoch fabriziert: Die Gedanken sind frei. Guter Track. Guter Text. Aber kein Vergleich zu früher. So etwas könnte er heute gar nicht mehr bringen. Ächtung, Baby. Sie würden ihn kanzeln.

Das schrägste Album des Jahres kommt zweifelos von Serj Tankian und Jimmy Urine. Ich weiß gar nicht, wie ich das da nennen soll. Arcadepop meets Fuckpopelectro mit Crossoversurfloungeirgendwaseinflüssen. Keine Ahnung. Außerordentlich weird, aber irgendwie geil. Sie glauben, ich bin nur stumpf öbszön und pöbele nur rum? Stimmt, aber ziehen Sie sich das Rumgerante von denen da mal rein. Stupid fucking cunt.

Am letzten Sonntagmorgen habe ich zudem zehnmal hintereinander den Track Urlaub mit Stalin gehört. Ein weiterer Song meines Lebens. Schleife auf Schleife. Bis die biestige Kräuterhexe von nebenan bollerte. Dann habe ich ihn ein elftesmal gehört. Ich seh‘ das kommen, irgendwann flieg‘ ich hier raus, dann muss ich von Oranienburg aus bloggen. Oder Erkner. Eberswalde. Werneuchen. Gesundheit.

Mehr Musik: Warum mag ich die Russen so?

Ja, was weiß ich, ich mag die auch. Wahrscheinlich weil sie so schöne Musik machen. Diese Russen.

Zuletzt Fresscontent, wie immer. Ich habe zubereitet: Kalbstatar mit gebeiztem Ei und Kaviar. Ein enormer Aufwand, der Shit. Und leider teuer. Aber sehr gute Komposition. Nervend: Die Diskussion mit dem Fleischthekenfachpersonal, bis sie endlich das Kalbsfilet durch ihren Fleischwolf drehen. Ich habe so etwas ja öfter.

Gastrocontent:

Pizza Nostra, italienisch, Prenzlauer Berg: Die Gestalten pflastern bei mir im Bezirk alles zu, machen sogar Werbung in der U2 und haben wohl Onlineanzeigenplatz bei Google gekauft, denn die Aufforderung, bei denen Pizza essen zu gehen, wird mir sogar auf mit Werbung zugepflasterten Blogs wie danisch.de angezeigt. Ja, ja, jajaja, ich gehe ja schon da essen, und nein, es ist nicht die beste Pizza der Welt, nicht mal die zweitbeste, sondern maximal okay, für irgendwas um die 8 bis 9 Euro zu viel Geld für das was sie geben. Teig gut, Tomatenkram zu salzig und sie nehmen zu viel Käse. Geht. Aber geht besser.

Zum heiligen Teufel, italienisch, Kreuzberg: Empfohlen von der testenden Tina. Bitte. Sie müssen da hingehen. Hier vermarktet sich jemand megabeschissen, beziehungsweise gar nicht, kocht aber sensationell. Völlig unauffällig bin ich daran vorbeigelaufen und hätte dort in dem Kabuff nie ein Restaurant vermutet, schon gar kein so gutes. Keine Gäste zur Mittagszeit, nur ich, alleine, drei Gänge essend, während drüben Richtung Görli die blöden Langweilerhipsterbaristafuckbuden rappelvoll sind. Ein Jammer. Essen Sie dort. Denn es ist sehr gut. (Mimimanko: Nur Barzahlung. Es ist eben Deutschland hier.)

Mittmanns, deutsch, Mitte: Ein über 100 Jahre altes urberliner Lokal. Das würde ich nicht verreißen, selbst wenn es schlecht wäre. Und das ist es nicht. Das Ding gammelte jetzt seit fünf Jahren in meinen Lesezeichen herum und ich habe längst vergessen, wer mir das Ding empfohlen hat. Wäre ich mal früher hingegangen.

Brło, Bier, Gleisdreieck: Empfohlen noch von der wunderbaren Frau Indica, deren Blog inzwischen sehr derangiert daherkommt. In Ordnung das alles, echt in Ordnung, wobei mir das, was die da kochen, zu verspielt wirkt und für den Anspruch nicht gut genug ist. Nicht wirklich raffiniert, eher derb, nicht ganz mein Geschmack, zu banal in Teilen für den Preis, den sie abrufen. Aber das Bier ist gut, sehr gut sogar. Pro-Tipp: Sie wollen ein Kind dahin mitnehmen? Lassen Sie es sein. So ein Kind findet dort kaum etwas, das ein Kind üblicherweise isst. Also essen Sie am Ende alles vom Kind obendrauf, rollen folgerichtig fettgefressen aus der Bude und müssen dem Kind am Bahnhof bei Le Crobag eine Käsestange kaufen. Und danach ein Eis. Nee. Muss nicht nochmal. Zu gewollt. Zu glatt. Zu aufgesetzt. Blendwerk. Nicht gut genug. Aber freundlich sind sie immerhin, wenn auch ein wenig zu penetrant darauf aus, Sie nach dem Essen zügig aus dem Laden zu kriegen, um den Platz neu zu besetzen. Preisrahmen? Aber gerne: Sie lassen hier für vier Leute problemlos 300 Euro liegen. Naja.

Sticks N‘ Sushi, Tiergarten: Festzuhalten ist: Es ist das beste Sushi der Stadt. Perfekt angerichtet, unfassbar gut komponiert, qualitativ weit vorne. Und ursympathisch. Und auf meine Frage, ob sie Karten nehmen, antwortet die Charmante: „Sure, even though we are in Germany, you can pay contactless, we are a danish company.“ Lol. Megalol.

Raymons, Fisch, Spandau: Sehr komischer Laden. Rustikal und dann doch nicht gemütlich. Maximal okaye Küche, wenn auch klar zu fettig und für das, was sie bringen, zu teuer. Wirkt wie sein Umfeld wie vor Kurzem topsaniert und sofort berlintypisch vernachlässigt. An den Spinnweben in den Ecken unterscheide ich wie bei den Toiletten in Schulen zwischen gut und geht so. Für drei Leute essen Sie maximal Okayes für nicht unter 150 Ocken, wenn Sie noch ein wenig Wein dazu trinken. Dafür wird komisches Publikum gegeben. Reich. Fett. Schwitzend im Anzug neben meinem Tisch Anzugträgergrütze in ein Telefon brüllend. Und der Inhaber hat den Raum mit lebensgroßen Portraits von sich selbst drapiert. Weird. Unangenehm eitel. Nein. Ganz klar ein uncooler Laden. Ich möchte da nicht mehr hingehen.

Arcimboldo, italienisch, Zehlendorf: Ich würde gern mal was verreißen, was der Chris empfiehlt, leider geht das nicht, denn es ist immer gut. Dem Typen hinterher zu fressen ist das reinste Fest. Und wenn es in diesem komischen Westberlinfossilienbezirk mit diesen weirdo Alliierten- und Heimatmuseen ist. Aber er macht es mir immer einfach. Hingehen. Das essen was er gegessen hat. Ohne Abstriche gut, die Dorade gar mit die beste, die mir in Erinnerung ist. Danke mal wieder.

Das.

War.

Der September.

Mehr war nicht.