Das sagt man nicht

Ich kann doch auch nix dafür. Wenn Prenzlauer Berg mich erziehen möchte, bürste ich mich reflexartig auf Krawall. Das ist so ein Actio / Reactio-Ding. Die machen was und ich muss auch was machen. Ich kann sie nicht einfach passiv machen lassen, sondern muss zurückballern. Keine Schüsse in die Luft, sondern Schüsse zurück. In the fucking face. Auge um Auge. Haferkeks um Haferkeks. Diss um Diss. Kein Fußbreit. No pasarán. Nicht auch nur ein Mal. Sonst denken die nachher noch, sie kämen damit durch.

Es ist der Kollwitzplatz. Unser Epizentrum der neualternativen Oberschicht. Reiche Mütter ohne Probleme. Viel Erbmasse in energetisch ausgebauten Dachgeschossen mit riesigen Glasfenstern. Brunnenkresseunkraut in Rucolasalaten mit Litschidressing. Rasende SUV-Fahrräder mit obszön riesigen Kisten vorne dran, die durch Leiber pflügen. Weidenrindfilet. Agavenquinoasäfte mit Aloe Vera-Topping. Bunte Bioseifen aus Hinterhofmanufakturen. Ein Leben mit dem goldenen Löffel im Darm. Dieser Kollwitzplatz. Da sind wir. Auf einem seiner beiden Spielplätze. Nicht auf dem mit den unbenutzbar durchgeknallten Kunst-am-Bau-Spielgeräten, die sich ein kunststudentischer Geisteskranker ausgedacht haben muss, sondern auf dem mit den beiden Rutschen, bei denen die städtischen Raumgestalter offenbar vergessen haben, sie so sehr mit expressionistischen Gadgets zu verschnörkeln, dass niemand rutschen kann.

Es ist ein zum Rasierklingen ins Klo spülen schöner Spätsommer und alle meine Spezialfreunde sind da, die mein Karma verseuchen. Aufgedrehte Mütter. Reiche selbstzufriedene bärtige Schlümpfe in Designerschuhen aus Segeltuch. Devote Papas mit Dutt, die hinter ihren bebirkenstockten Drachen herschlurfen, von denen sie domestiziert wurden. Und ein Vollidiot sitzt tatsächlich mit Macbook auf einer Bank herum und schaut ganz wichtig, so als wäre das hier immer noch 2010 und hier der Rosenthaler statt der Kollwitzplatz. Ho ho ho, St.Oberholz ist auch schon tot. St.Obertotholz. Haha. Böh. Für Sie hier heute das finale Sommerschaulaufen der Klischees. Mein Prenzlauer Berg. Sojamilch to go. Birne-Gorgonzola-Eis. Selbstgestrickte bunte Kackmützen. Hässliche Teppichmusterstolas. Und dann dieser Filz, den sie immer tragen. Zu den lächerlichen goldenen Pantoffeln.

Ich sitze auf einer Bank und telefoniere in meiner Ausgeglichenheit, die noch herrscht. Ich bin nämlich auch wichtig. Und wer wichtig ist, hat entweder ein Macbook auf dem Schoß oder ein Phone am Ohr. Mein Kind, das ich heute in Obhut habe, rutscht derweil unmotiviert auf einer der Rutschen und winkt. Ich winke zurück und telefoniere weiter.

„Alter, verarsch mich. Hat er gesagt? Ist das scheiße.“

„Das sagt man nicht!“ grätscht mir die Blutgrätsche in Form einer von mir vergrämten Mutter von der Seite in die Parade und schaut mich mit dem patentierten Prenzlauer Berger Sauertopfblick an. Eruptives Schütteln lässt das Sauerkraut auf ihrem Kopf mäandern, so dass ich lachen muss. Wir haben hier heute wirklich Klischeeparade. Alle da. Und sie auch. Es ist kein Kind in Hörweite zu sehen und ich versuche, in ihrem Gesicht zu lesen, ob die Zurechtweisung eine Art augenzwinkernder Flirtversuch ist oder ob sie es ernst meint.

„Bitte?“

„Das sagt man nicht.“ Noch einmal. Ohne Anflug von Ironie wiederholt. Das sagt man nicht. Der bleierne Gesellschaftslieblingssatz momentan. Ich denke sofort an Somuncu. Eckhardt. Nuhr. Rowling. Was weiß ich wer sonst noch. Sie sind jetzt alle fällig. Jetzt sogar dieser komische Lindner. Am Ende gar dieser unappetitliche Merz, den sie wegen eines Nebensatzes gerade kross grillen und ich mich so ungern darin wiederfinde, ausgerechnet den für seine Redefreiheit verteidigen zu müssen. Komische Zeit das. Ein Ding und Fump. Das sagt man alles nicht. Im Großen wie im Kleinen. Hier am Kollwitzplatz sowieso nicht. Ficken. Arsch. Sex. Dingelingeling. Und alle Atzen singen. Mit abschwellendem Bocksgesang ins Zölibat. Und wohl nur in einer prioritätensetzenden Stadt wie meinem Berlin ist es möglich, eine Neusprechverordnung für die zerwucherte Bürokratie zu erlassen, während Sie als normallebender Honk gleichzeitig vor lauter Verwaltungsinfarkt keinen Termin mehr für die wohnungsrechtliche Anmeldung, das Passwesen oder für so etwas unwichtiges wie eine Beratung zu Berlins vollkommen absurdem gymnasialen Anmeldeprocedere bekommen. Aber dafür weiß Berlin immer, was man im Moment nicht mehr sagen darf. Dingeling. Bitte macht mal einer das Fenster auf. Brise. Brise. Es braucht mehr Brise. Weil es mufft. Nach B wie Bräsigkeit. Blei. Blasiertheit. Biedermeier. Böhmermann.

Nein. Glasklar. Was diese Mutter dort vornimmt, ist kein Flirtversuch. Mein Glück. Sie meint es sehr ernst da neben mir mit ihrer Zurechtweisung. Sie meinen immer alles ernst. Am Kollwitzplatz meinen sie alle Dinge ständig ernst. Und flirten können sie hier sowieso nicht. Hier füllen sie Profilfelder auf klimaneutralen Partnerportalen mit woken evangelisken Bibelsprüchen aus, bevor sie auf Absenden drücken. Match. No match. Und bitte nur Akademiker.

Als ich realisiere, dass ich nicht angeflirtet, sondern zurechtgewiesen werde, wende ich mich wieder meinem Telefongespräch zu und schalte den Turbo an: „Mann kacke. Is det’n Bastard, Alter, fick den Penner doch, was ein Hurensohn“ und grinse die ekelhafteste aller Charles-Manson-Grimassen zur Seite, zu der diese Mutter sitzt und die Dinge um sie herum – zu denen vor allem ich gehöre – so gerne problematisch findet.

Ja. Ich weiß selber, dass das unreif ist. Pubertär wegen mir. Absolut plump. Unbedingt. Und mir immer noch egal. Denn das muss so sein. Die können nicht anders. Und ich kann nicht anders. Mir macht das so großen Spaß. In dem Bezirk, in dem sie sagen, dass niemand mehr irgendwas hassen darf, hasse ich die, die mir sagen, dass ich nichts mehr hassen darf. Ein Kreislauf. Perpetuum Mobile. Die Unendlichkeit. Sie wollen was nicht und ich muss das deshalb unbedingt machen. Ich mag sie nicht und sie sollen das sehen. Sie sollen das spüren. Wissen, dass sie mich nicht gekriegt haben. Nie kriegen werden. Nie einzäunen können. Nie diszipliniert kriegen. Außerdem mag ich es, wenn sie so schauen. So schön empört. Aufgeregt. Getriggert. Mir macht das Freude. Hier im Bezirk der Glückseligkeit macht sonst sowieso niemand mehr ernsthaft Stunk, alle haben sich mehr lieb als auf Dauer gesund ist. Nur ich kann diese bräsige Glückseligkeit nicht ertragen und rülpse bei Tisch. Weil sie das nicht wollen. Not sorry. Wie immer. Bitte heulen Sie jetzt.

Oje. Kucke. Da sind wir. Jetzt hasst sie mich. Blitze aus Augen. Klassisch passiv-aggressiv. Komm. Leg nach. Bring noch einen. Nein? Scheiße. Arsch. Kackwurst. Oder reicht es für heute? Na bitte. So ist das hier. Fluchen ist nicht mehr angezeigt. Wir tun niemandem mehr weh. Flausch. Watte. Hier in der Wohlfühloase, in der dieser modrige Satz „Das sagt man nicht“ aus Biedermeiers Mottenkiste wieder so massiv Konjunktur hat, dass ich ihn nach all den Jahren wieder direkt zu hören bekomme wie früher von der Neuköllner Hauswartsfrau. Die mit den Pantoffeln. Die sagte auch, dass man das alles nicht sagen darf. Machen darf. Zoten. Fluchen. Leidenschaftlich hassen. Geht immer noch nicht mehr. Überall. Außer bei ein paar übrig gebliebenen Fossilien. Fluchenden Fossilien. Den Alkoholikern an den Tischtennisplatten vom Helmholtzplatz. Dem Penner vor dem Balzac an der Schönhauser, der jetzt Espresso House heißt, als würde es das besser machen. Und mir. Den sie ums Verrecken immer noch nicht aus ihrem Lilalauneland rausgentrifiziert bekommen. Ich mag fluchen. Immer noch sehr gerne. Fluchen ist wie ein Furz, der quer lag und dann doch endlich aus dem Arsch knattert. Eine Befreiung. Ein Ausbruch, der diese schöne innere Ruhe nach sich zieht. Ein offenes Fenster. Ich fühle mich danach richtig gut. Jedes Mal. Nochmal: Tut mir nicht leid.

Und auch das wird am Ende des Spätsommertages egal geworden sein. Denn bald ist wieder Winter. Dann sitzen die filzigen Hausmütterchen in ihrer warmen Stube. Bei Fußbodenheizung. Vor dem Holzpelletofen. Und stricken. Oder backen einen Gugelhupf. Bis Frühjahr. Dann sitzen sie wieder auf den Spielplätzen herum und erziehen ihr Umfeld. Sie erziehen. Sie werden erziehen. Sie werden erzogen haben. Mich nicht. Denn ich werde im Frühjahr einfach dort weitermachen wo ich im Herbst aufgehört haben werde. Ich werde meine Nachbarschaft zurückstressen. Weil die mich wieder stressen wird. Zurückstressen ist mein Gemüse. Lässt mich länger leben. Hält mich aufrecht.

Wichser.

Scheiße zum zweiten.

Und dritten.

Arscharsch.

Und Pimmel.


credits


Das ist dann auch vermutlich das Ende der jahrelang andauernden verbloggten Spielplatzgeschichten. Das Kind hat nämlich offiziell erklärt, für Spielplätze nicht mehr klein genug zu sein. So ein Kind wird groß. Und ich begrüße das. Es schafft noch weniger Berührungspunkte zu den immer noch so blöd wie vor zehn Jahren herumgeiernden Prenzlauer Berg-Müttern und damit enden eben auch die Geschichten, die sie auf solchen Spielplätzen zwangsläufig hervorbringen. Das gibt womöglich Raum für neue Geschichten von neuen Orten. Oder nicht. Müssen wir sehen. Sie alle werden mir nicht fehlen, die Helikopterspielplatzdrachen, mit denen ich die ganzen vielen letzten Jahre verbracht habe, aber ich ihnen womöglich. Oder auch nicht. Egal. Dinge enden. Alles fließt. Isso.

Ich weiß, dass ich sie nicht alle zusammenbekomme, diese vielen Geschichten aus dem Vaterkosmos vom Säugling über das Kleinkind zum Fast-Jugendlichen heute, dazu ist dieses Textkonglomerat hier auf diesem Ding einfach zu unübersichtlich und die Suchfunktion zu grottig, aber ein paar davon versuche ich mal zusammenzukratzen:

2011: Maria Heimsuchung

2013: Dialoge, die die Welt nicht braucht

2013: Vollkornvetteln

2013: Der Vater das Backpfeifengesicht

2013: Das Wunderkind von Prenzlauer Berg

2014: Prenzlauer Bergs tieffliegende Übermütter

2014: The parenting Omma of Kieser Training

2015: Der Staudamm

2016: Spielplatzschreck

2016: Unter Müttern: Bastelstunde

2016: Unter Müttern: Schönhausen

2017: Hey Kind

2019: Überbemutterte Straßenüberquerung

2019: Das Bier und die Sauerkrautköpfe

2020: Lass dein Kind fliegen, Vater