Die alte hässliche Paybackkartenfrage

Ich brauche Laufsocken. Und die bekomme ich bei Intersport – diesem Hort eifriger young urban fresher Verkäufer mit dem fürchterlichsten Job der Welt: Der intensiven Untersuchung, Vermessung und kennerqualifizierten Begutachtung von Läuferfüßen. Sie nennen diese Tätigkeit Schuhcoach.

„Guten Tag, ich bin Investmentberater.“ „Das ist ja ekelhaft.“ „Wieso? Was sind Sie denn?“ „Schuhcoach.“ „Oh. Das tut mir leid. Wollen wir uns zusammen mit diesem Schwert hier entleiben?“

Bah.

Wer so etwas tut, anstatt wie jeder anständiger Student an der Theke zu arbeiten, Taxi zu fahren oder gegen Taschengeld alten schwabbeligen Männern den kümmerlichen Schwanz zu massieren, muss sehr hart unterwegs sein, um den Anblick verhornhauter, lädierter und vom vielen Rumrennen krumm gewordener Läuferhaxen und ihrer halb abgefallenen gelben Fußnägel länger als einen Wimpernschlag nicht nur zu ertragen, sondern sich diese Horrormauken sogar noch von der Nähe anzuschauen, sie anzufassen und zuletzt auf dem Maukenmessgerät zu justieren, um den Krümmungsgrad der rissigen Fersen zu bestimmen. Huh wie es mich schüttelt, wahrscheinlich muss man als Anforderungskriterium vorher zwingend als Rettungssänitäter zerfetzte Torsos von Motorradfahrern vom Autobahnasphalt gekratzt haben oder Leichenwäscher in der Gerichtsmedizin oder Tatortreiniger bei Gewaltverbrechen gewesen sein, kein Plan, aber der Job am Käsefußanalysegerät bei Intersport gehört zweifellos zum Finstersten, was diese Republik an finsteren Jobs zu bieten hat. Schlimmer ist wirklich nur Investmentberater. Oder Bank. Versicherung. Politik. Immobilienmakler. Oder ganz weit unten vollkommen jenseits aller Ekelgrenzen als trauriger putzerfischiger Kasperclown, den niemand mehr ernst nimmt: Journalist in der Hauptstadt, im publizistischen Dasein so überflüssig wie fremdcontentverwurstende Hauptstadtbettelblogger mit ihren drolligen Patreonbuttons auf ihren bis zum Zäpfchen mit trashiger Werbung zugekoteten Blinkeblogs.

Laufmaukenanalysten. Ich weiß nicht, wie die das da machen, diese fröhlich freshen jungen Angestellt *klick* innen von Intersport, aber auf mich machen sie den Eindruck, als verkauften sie Blumen. Karamelleis. Radlerbrause bei 30 Grad. Keinesfalls Fußbekleidung. Und sie machen den Mistjob da unten an den Füßen anderer Menschen mit einem Esprit, der mich fast glauben macht, so ein Job mache Spaß. Ich bewundere das. Jobs zu machen als gäben sie Freude. Sinn. Erfüllung. Und ich weiß, dass das geht. Ich praktiziere das selber. Das kann man lernen. Diese Abspaltung der Rolle vom Ich. Wenn auch eigentlich nicht bereits mit Anfang 20. In dem Alter habe ich noch vor lauter Wut Dinge zerstört. Zeug angezündet. Oder einfach irgendwo gegen etwas getreten. Werbeaufsteller. Mülleimer. Schaufensterscheiben. Brav, diese Jugend. Und so professionell. Im Ernst: Wie machen die das? Wie haben die sie so hingekriegt?

Es ist Freitag. Ich habe einen Kundenkontakt vorgeschützt und mich von der würfeligen Robotterie abgeseilt. Denn ich will Socken kaufen. Laufsocken. Die alten sind durch. Federn nicht mehr. Bringen es nicht mehr. Sind der letzte Heuler. Löchrig. Früher weiß, jetzt grau. Sind widerlich geworden. Müssen weg. Und ich bin kaum drin im Intersport, da kommt jemand Young Urban Freshes daher, den ich hier in Berlin-Fuck-you-Mitte so freundlich, eloquent und zuvorkommend gar nicht erwartet habe, und beantwortet mir Fragen, die ich nicht gestellt habe, aber vielleicht gestellt hätte, wenn mich die Antwort interessieren würde.

Ich erfahre, ohne es zu wollen, dass die Laufsocken ganz neu konzipiert wurden, sie sind jetzt enger, aber auch durchlässiger für Fußschweiß, wobei man den Schwerpunkt vom Fußballen auf das Fußlängsgewölbe gelegt und den Fußaußenrand etwas mehr gedämpft hat.

Irre.

Wissen pur.

Wikipediamülliges Wissen.

In 25 Sekunden komplett vergessen.

Ich kauf‘ die trotzdem, die Socken, weil das alles so kompetent klingt und ich mich gerade nicht kompetent fühle, weil ich bereits nach 10 statt der üblichen 25 Sekunden alles vergessen habe und weil ich kompetentes Gelaber so toll finde, dass ich alles kaufe, zu dem mir irgendwer superkompetente Fakten um die Ohren haut. Hallo Gewerbe, hier bin ich, labern Sie mich voll und ich kaufe alles. Je mehr Sie labern, desto mehr kaufe ich. Zehn Paar Laufsocken. Für die nächsten zehn Jahre. Ich bin Vorratshalter. Und glücklich damit.

Doch dann.

An der Kasse.

Kommt sie.

Ist wieder da.

Aus dem Hinterhalt.

Ein weiteres mal überraschend.

Die Hassfrage aller Hassfragen:

„Haben Sie eine Paybackkarte?“

Aaaaaaaaaaaaaaah!!!!! Oh nein! Et tu, Brute? Warum? Hier jetzt auch? Dieser Paybackscheißdreck. Die Seuche von Seuche aller Seuchen. Kann ich dem nun wirklich gar nirgendwo mehr entkommen? Muss ich künftig in Grosny, Chisibubikaio, in der Wüste Gobi, auf dem Kometen Hyakutake oder von mir aus sogar in Herne (meine Güte) einkaufen gehen, um dieser scheiß Fragerei nach scheiß Rabattpunktekarten an allen scheiß Orten dieser Stadt auszuweichen? Überall nur noch Fragen. Jeden Tag. Mehrmals. Nach allem möglichen. Mein Fitnesstudio auch. Seit Corona fragen sie mich drei Mal die Woche, ob ich gesund bin. Sind Sie gesund? Sind Sie gesund? Sind Sie gesund? Sind? Sie? Gesund?

(Nein, ich bin todkrank. Ich habe Krebsaids und Penislepra, Sie Affe. Was sagen Sie jetzt?)

Gesund Gesund Gesund. Treuepunkte Treuepunkte Treuepunkte. Payback Payback Payback. Ich mag nicht mehr beantworten, was ich schon zweiundsiebzigtausendmal in diesem Jahr beantwortet habe, ich will generell nicht mehr antworten, aus, weg, sterbt doch bitte, jeden Tag muss ich fünfmal bei irgendwem verneinen, dass ich eine Paybackkarte habe, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kriege schon gar keine richtige Antwort mehr aus dem verrotteten Schandmaul:

„Haben Sie eine Paybackkarte?“

„Grmpf.“

„Bitte?“

„Grmpf.“

„Haben Sie nun eine Paybackkarte oder nicht?“

„Grmpfgrmpf.“

„Also nein?“

„Gnarf gnarf.“

„Soll ich den Notarzt rufen? Ihnen läuft Speichel aus dem Mund und da hinten kommt Schaum.“

„Raaaaaaaaaah, hören Sie auf, mir Fragen zu stellen und vor allem nicht Fragen, die mit ‚Haben Sie‘ beginnen, ich habe nämlich grundsätzlich gar nichts und auch bald keine Geduld, null Nerven und erst recht kein Gehirn mehr, wenn das so weitergeht.“

„Ist ja gut, Sie hätten auch einfach nein sagen können.“

„Kann ich nicht. Ich bin leergefragt.“

„Doch, das geht schon, Sie müssen nur wollen. Also: Haben Sie eine Paybackkarte?“

„N… N… …“

„Na los doch!“

„N… N … ächz … nein.“

„Sehen Sie, geht doch, ist doch ganz einfach.“

Als ich Intersport verlasse, überlege ich mir, wo ich in dieser Gegend einen Revolver herbekomme, mit dem ich mir möglichst schnell die senile Hirnmasse aus dem Schädel in die verseuchte Spree schießen kann, damit niemand mehr in der Lage ist, mich mit Fragen nach meiner Paybackkarte, die ich nie habe und deren Erfinder ich mehr verachte als irgendwen sonst, zu quälen.

Aber das hilft wahrscheinlich auch nichts, denn dann steht bestimmt kurz darauf der Teufel selber vor dem Höllentor, freut sich und lacht: „Halleluja. Gebenedeit seist du. Eintritt nur mit Paybackkarte.“

Und es wäre wieder einmal nichts gewonnen.