Diskurs (2)

Montag. Es ist ein weiteres Meeting im Borgwürfel, dem Arbeitgeber, dem nicht mehr ganz so sehr die Sonne aus dem Arsch scheint wie letztes Jahr noch. Alles ist noch nicht wieder so richtig angelaufen. Provisorien. Improvisationen. Schütteln. Sortieren. Regeln. Neuregeln. Der Zustand unwirklich. Die Männer sitzen in ihrer Mehrheit separiert, gegängelt und maskiert in den verschiedenen großen und kleinen Büros herum, weil es nach wie vor welche geben muss, die die sichtbar weniger gewordenen persönlichen Kundenkontakte machen und die Dinge klarziehen müssen, die immer noch physisch, in Papier, mit Hochglanzfolien, geheftet und broschiert zu erledigen sind. Die Frauen funken in ihrer Mehrheit von zuhause aus dem Homeoffice Anweisungen, welche Dinge vor Ort wie zu tun sind. Scheiß Patriarchat.

Der Borgwürfel hat gelitten. Klar Federn gelassen. Wirkt angefressen. Einnahmeausfälle. Ausgabenexplosionen. Miese. Flaute. Zukunftssorgen. Ein zarter Hauch von Depression auf den Koksklos. Wachkoma. Alles wirkt wie Blei. Alle warten auf den Knall, der nicht kommt, aber von dem jeder weiß, dass er kommen muss. Unwirklich, alles, schon. Doch niemand sagt irgendwas offen. Ich auch nicht. Ich sage in dieser Umgebung nie irgendwas zu irgendwas, schon gar nicht die Wahrheit, weil der ganze Organismus davon lebt, nie die Wahrheit zu sagen. Wir wissen das alle. Und wir spielen das alle. Und wir sind gut in dem was wir tun. Deswegen gibt es uns noch. Auch jetzt.

Was nach wie vor ohne einen einzigen Ausfall funktioniert und mehrmals wöchentlich über quälende Stunden totpferdgeritten wird, sind die Meetings. Die Gendertröte, die sie uns allen letztes Jahr wegen Diversity vor die Nase gesetzt haben, möchte dieses Mal aus dem Nichts heraus wissen, was die Belegschaft von der ganzen Situation hält. Dem Management. Krisenmanagement. Den Maßnahmen. Wünscht ein Meinungsbild. Das sie in einem ihrer ausufernden Wortschwallmemoranden nach oben berichten kann. Was haltet ihr von allem? Den Maßnahmen? Wie empfandet ihr den Lockdown? Das Nachhauseschicken? Herr Zimmermann, Sie waren in Quarantäne, oder?

Ja. War ich.

„Wie war das für Sie?“

(Oha. Dengel. Fiep Fiep. Alarm im Rauchmelder des Hypothalamus. Seit wann interessiert es irgendjemanden, was ich über irgendwas denke? Wie ich was geregelt bekommen habe? Was ist das wieder für eine Falle? Vorsicht, Junge, absolute Vorsicht, da stimmt was nicht, du bist nicht so weit gekommen, um jetzt hier zuckrigsüß eingeseift in irgendeine Schlinge zu treten. Dieser Ort ist keine Selbsthilfegruppe, auch wenn er sich inzwischen so anhört. Die da ist Führung. Sie interessiert sich einen Scheiß. Sie hat was vor. Wenn die da oben irgendwas wissen wollen, ist das immer schlecht. Drum wäge sorgsam. Formuliere Watte. Nicht Stacheln.)

„In Ordnung. Ich kam zurecht.“

(Hi, my name is Mark Zimmermann and welcome to Jackass. Ohne Struktur neige ich zum Exzess und hernach zum folgerichtigen Untergang. Ich saß über zwei Monate mit jedem Tag etwas mehr verwahrlost zuhause rum, habe morgens vor lauter Langeweile schon alle möglichen Drogen genommen, mittags die erste Flasche Wein aufgemacht, gegen Nachmittag den ersten Single Malt ins Glas gegossen, ein trantütiges Dämmern im Nichts, veranlasst von kurzsichtigen Führungsnulpen, die vor lauter Angstneurose einen ganzen Laden dicht machen, Kunden verprellen, den bisher legendären Ruf als Käfig voller närrischer Macher verspielen, alle nach Hause schicken, ohne dass die Technik funktioniert, um dann von dort aus sinnlose Videokonferenzen über fragwürdige koreanische Smartphoneapps als Kaffeekränzchen abzuhalten, auf denen unausgelastete dauerplappernde Mütter vom Sofa aus über quälende Stunden erzählen, wie die Zehnjährigen zwischen Matheaufgaben aus dem Internet, Spaghetti Vongole, Lotti Karotti und Playstation ihren Tag verbringen.)

„Sie waren drei Monate zuhause dann, oder?“

„Zweieinhalb.“

„Wie war das? Fanden Sie das angemessen?“

(Ach fuck you. Es war scheiße. Übertrieben. Bescheuert. Nervig. Für den Arsch. Angeordnet in unkontrollierter Gruppendynamik von hysterisierten Hypochondern, deren Geistesgeschwister in den Gremien eine ganze Gesellschaft in Geiselhaft genommen haben. Komplett überzogen. Peinlich vor allem. Weil ihr die Nerven verloren habt. Agiert habt wie ein paar Neunjährige, denen die Fußgängerampel auf dem Schulweg ausgefallen ist. Weil ihr durchgedreht seid. Euch habt treiben lassen. Und euch jetzt dafür feiern lassen wollt.)

„Es gab eine Ausnahmesituation und Sie haben das so entschieden. Das wird schon angemessen gewesen sein.“

„Aber wie empfanden Sie das?“

„Wie meinen Sie das?“

„Wie haben Sie das empfunden?“

„War okay, denke ich.“

(So. Da ist sie nun endlich. Eine weitere Lüge an einem weiteren Tag. Gesagt was sie hören wollen. Würde ich nicht den Rest eines Gewissens morgens am Frontdesk bei der unterbezahlten Empfangsfrau abgeben, würde es mich erschrecken, wie einfach, glaubhaft und jeden vollendet zufriedenstellend mir inzwischen solche Lügen fallen. Okay war es. Habe ich gesagt. Was es natürlich nicht war. Es war total bescheuert. Der Kaiser ist splitternackt. Die da oben sind freigedreht, klassisch in Panik verfallen und haben die Kiste in den Sand gesetzt, was dazu führen wird, dass uns der ganze Vulkantanzpuff irgendwann spät, aber sicherlich massiv um die Ohren fliegen wird. Weil sie das entschieden haben. Weil sie das gemacht haben. Und jetzt wollen sie Absolution für die Scheiße haben, in der sie sitzen. Ich Kasperkopf, den sie gängeln, schleifen, dirigieren, maskieren, soll ihnen bestätigen, wie gut sie ihren Job gemacht haben. Wie absurd kann ein Arbeitsverhältnis werden?)

Doch das spielt schon gar keine Rolle mehr, denn sie hat was sie will und dreht weiter ihre Runde.

„Okay, wie haben die anderen das empfunden?“

Stille.

„Keiner? Herr Pawlowski. Was halten Sie von allem? Den Maßnahmen?“

„War okay, denke ich.“

Was für ein Witz. Er sagt genau das, was ich gesagt habe, dabei war der sogar bei dieser Oppositionellendemo an der Siegessäule Ende August. Hat er mir gesagt. In der Teeküche. Vor ein paar Tagen noch. Er hält das alles für Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Führungsschwäche. Hypochondrie auf höchster Ebene.

Hysterie. Nervenverlust. Überreaktion.

Hat er mir alles gesagt.

Jetzt sitzt er hier und sagt okay. Wie ich. Ich sage auch, dass es okay war, ich bin doch nicht bescheuert, hier ist der Borgwürfel, ich sage doch hier nicht die Wahrheit über das, was ich denke, ich sage nicht einmal in der Teeküche mit der Kaffeetasse in der Hand die Wahrheit, weil es immer einen gibt, der Ihnen für die Wahrheit irgendwann mal einen Strick drehen und Sie daran publikumswirksam aufknüpfen wird. Das ist wie im Internet, wenn Sie so blöd und dort mit Ihrem echten Namen unterwegs sind: Irgendwer wird Sie irgendwann für irgendwas, das Sie kundgetan haben, aufknüpfen. Publikumswirksam. Nachhaltig. Endgültig. Erbarmungslos. Gnadenlos. Rastlos. Und restlos. Null. Nix. Ich sag nix. Am Arsch die Räuber. Ich bin doch nicht bescheuert. Und der Pawlowski ist genauso wenig bescheuert. Und der Müller. Die Greulich. Der Schneider. Der Kleinjohann. Nur der Hausmeister, der schert aus, der schert immer aus, der sagt allen immer, was er denkt („die sind alle doof da oben“), aber der ist auch Säufer, da unten in seinem Kabuff, freigeistschwebender Säufer und damit narrenfreier Pausenclown, was der sagt, spielt keine Rolle, niemanden interessiert je, was der zu irgendwas meint.

Doch bei uns stehen die Dinge anders. In den Büros. In den Konferenzen. In der Teeküche. Bei den Goldwaagen. Hier wird registriert, was wer sagt. Und wie. Und ich sage hier in dieser argusaugigen Runde nichts. Niemals. Zu gar nix. In dem Klima, das sie alle zusammen momentan geschaffen haben, bekommen Sie sofort ein unappetitliches Label an den fein gebügelten Kragen geheftet, sobald Sie etwas sagen, was nicht gesagt werden soll. War nie anders. Wird auch nie anders sein. Sagen Sie was, gelten Sie als Kritiker. Quertreiber. Als unsicherer Kantonist. Niemand, auf den jemand bauen kann. Aktuell würden Sie womöglich sogar zu denen gesteckt werden, die sie in Zusammenschnitten auf YouTube als Gestörtenparade durch die Head- und Timelines jagen. Die Bekloppten mit den Heilsteinen. Den Reichsflugscheiben. Kondensstreifen. Dort bei den halbseidenen Esoschnepfen. Den Hipsterfaschos. Youtubechristen. Oder gleich bei dem obszönen Veganerkoch, der wie eine Monstrosität jede Berichterstattung beherrscht. Boar ne. Auf gar keinen Fall sage ich irgendwas. Genau wie alle anderen. Niemand sagt hier heute noch irgendwas von Substanz. Es ist nicht die Zeit, irgendwas zu sagen. Nicht jetzt. Nicht hier. Heute nicht. Morgen nicht. Und übermorgen erst recht nicht.

Denn alles war okay.

Ich finde alles okay.

Alles was sie gemacht haben war okay.

Natürlich war alles okay.

Immer ist alles okay.

Jeder findet, dass das alles okay war.

Und das wird sie bereits am Dienstag nach oben berichtet haben. War okay. Die Belegschaft zieht mit. Alle finden alles gut. Die Maßnahmen. Die Führung. Keiner schlägt quer. Wir haben eine gute Stimmung. Wir haben Optimismus im Laden. Ein Team wie ein Baum. Wir packen es an. Wir kriegen die Kurve. Meistern die Krise. Keiner schert aus. Jeder zieht mit. Alle ziehen mit. Immer ziehen sie mit. Wir. Die Belegschaft. Der Laden. Von Welt. Wir verfügen über ein ausgezeichnetes Geschäftsmodell, herausragende Technologie und ausreichende Ressourcen für eine großartige Zukunft. Von unten bis oben. Hüben nach drüben. Da wie dort. Wir alle zusammen. Wie schön.


Diskurs (1)