Husum / 2020

Der Urlaub beginnt in einem dummen American Diner-Laden namens Miss Pepper irgendwo vor Hamburg:

„Ich darf Sie damit nicht reinlassen.“

„Warum?“

„Das ist keine Maske.“

„Nein, aber ein Mund-Nase-Schutz.“

„Das ist ein Halstuch.“

„Ja.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Das ist keine Maske.“

„Aber ein Mund-Nase-Schutz. Da steht, ich soll einen tragen.“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Das ist keine Maske.“

Ich gebe auf und gehe zu McDonalds. Und nehme mir vor, endlich eine Gasmaske kaufen zu gehen. Um dann mit Gasmaske in diesen Laden zu gehen. Aber wahrscheinlich ist das dann auch wieder nicht richtig.

Ich habe mit Blick auf diesen absurden Dialog einen Aphorismus zur Lebensweisheit für Sie: Dumme Leute merken nie, dass sie dumm sind, deswegen hören sie nie damit auf, dummes Zeug zu reden. Wenn Sie das einfach hinnehmen, anstatt ändern zu wollen, was Sie nicht ändern werden können, leben Sie gesünder. Gehen Sie einfach, wenn dumme Menschen dumme Dinge sagen. Einfach gehen. Versuchen Sie nicht, dumme Menschen zu einer Einsicht oder gar zur Vernunft zu bewegen. Es führt zu nix.

Meine ebenfalls sehr eifrige und in allen ihren Facetten ernsthafte Husumer Vermieterin weist mich nach der ach so üblichen Mülltrennungslitanei, wie als würde sie ein Kind dazu ermahnen, nicht in der Nase zu bohren, darauf hin, dass ich keine Abfälle ins Klo spülen soll. Weil das nicht gut für die Kanalisationsflora ist (oder so, keine Ahnung, habe nicht zugehört). Als sie endlich fertig mit ihrem Geleier und gegangen ist, gehe ich nach oben und werfe eine meiner stumpfen Rasierklingen ins Klo. Einfach um mich zu spüren.

Dann gehe ich Wattwandern.

Dort erkundet eine Mutter mit ihrem forscherdrängenden Sohn bei größtmöglicher Ebbe den Schlick, in dem auch ich wate. Sie blökt hinter ihm her. Nicht so schnell. Nicht so schnell. Nicht! So! Schnell! Marius! Nicht so schne-hell! Sie flattert wie ein Helikopterpilot auf Speed hinter ihrem selbstsicheren Kind her. Nicht so schnell. Nicht so schnell. Nicht so schnell. Schne-hell! Halt die Fresse. Sagt das Gesicht des Jungen. Dann rutscht die Mutter aus und landet mit ihrem Arsch halb im Schlick. Der Sohn feixt und ich verschlucke mich an meiner gummibärigen Energydrinkplörre, deren Dose ich später in eine Papiermülltonne werfen werde.

Eine Schnellimbisskette hier im Norden heißt „Kochlöffel“. Das Zeug, das es da gibt, schmeckt übel. Alles. Schlecht frittiert, schlecht verarbeitet, fieses Fleisch, dummes Gemüse, fade Soßen, stümperhaft ins pappige Brötchen gestopft, geschmacklich schlicht brackig. Schlimm.

Als ich in einer schlechten Kneipe schlechtes Bier trinke, komme ich mit einem verlebten Mittvierziger ins Gespräch, der den Eindruck macht, als säße er jeden Abend hier drin. Bis sie schließen irgendwann.

Er ist gerippt worden. Von einer Frau. Seiner Frau. Jetzt Exfrau. Bäckerin von Beruf. Die leider wegen einer Mehlstauballergie berufsunfähig wurde. Was ich nicht glaube. Weil es unglaubwürdig klingt. Aber er insistiert. Natürlich stimme das. So wie er sage. Mehlstauballergie. Als Bäckerin. Kann man sich gar nicht ausdenken sowas.

Sie ist nach der Diagnose durchgebrannt. Mit einem Frittenbrater. Hat das Kind mitgenommen. Und die Scheidung eingereicht. Fickt jetzt mit dem Kochlöffelmann. So nennt er den Frittenbrater eines räudigen Kochlöffels irgendwo abseits von Husum, der jetzt seine Frau knattert. Für die er zahlen muss. 1.500 von den 3.000 an Einkommen. Weg. Eingeheimst. Abzudrücken. Monatlich. Den Großteil davon für sie. Ja sicher für sie. Weil sie nicht arbeiten kann. Die Mehlstauballergie. Berufsunfähig. Sitzt sie da. Mit dem Kochlöffelmann in sich drin. Streicht die Kohle des Thekensitzers ein. Knapp 500 fürs Kind, die er gerne zahlt. Und irgendwas um 1.000 für sie. Weil ihr Lebensstandard von ihm für drei Jahre erhalten werden muss. Auch wenn sie jetzt den Kochlöffelmann fickt, was bei der Beurteilung der Sachlage keine Rolle spielen darf. Sagt die Richterin.

Von dem, was ihm vom Vollzeitjob bleibt, geht die Miete ab. Strom. Heizung. Der Rest landet hier an der Theke. Ich zahle heute sein Bier und versuche, es nicht gönnerhaft wirken zu lassen. Tropfen. Stein. Zisch. Arme Sau. Hat geheiratet. Ist abgezogen worden. Nackig gemacht. Nicht mal das Kind darf er sehen. Nur abdrücken.

Denn mit dem Kind spielt jetzt der Kochlöffelmann.

Ja klar. Sie haben ihn gedemütigt. Alle zusammen. Das sieht man. Und hört man an jedem Wort.

Ich habe solche Probleme nicht. Ich habe wie immer trotz des mir innewohnenden Unvermögens, möglichen Risiken aus dem Weg zu gehen, alle Kurven gut gekriegt. Mein Problem heute an diesem normalen Husumer Tag war nur ein absurd kleines Husumer Krabbenbrötchen mit einer lausig kleinen Handvoll Krabben in ekliger Mayo für 6,50. Bin also auch abgezogen worden. Aber uns unterscheidet einiges. Es war nur ein Krabbenbrötchen, das mir den Tag vergällt. Ich habe keine Probleme. Bei mir gibt es keinen Kochlöffelmann, der mein Geld mit der abgelegten Ficke verjuckt. Ich surfe auch nicht mehr auf dem Existenzminimum. Ich habe keine Probleme. Streng genommen gar keine. Aber das sage ich ihm nicht, sondern bestelle nur die dritte Runde Küstennebel und höre ihm weiter zu. Er tut mir leid. Er hat verschissen. Ist so. Manchmal haben Leute verschissen. Dann hilft Küstennebel.

Später werde ich bei leichtem Regen auf dem Deich am Windhosenpark vorbei gehen, mein Lieblingshasslied hören, dazu summen und mir trotzdem aus rein diagnostischen Gründen selbst leid tun. Da werde ich den Namen vom Kochlöffelmanngehörnten schon nicht mehr wissen. Knut. Fred. Jörg. Knecht Ruprecht. Weiß ich nicht mehr. So ist das alles immer schon. Ich vergesse schnell. Alles Episoden. Nichts bleibt.

Mich erstaunt, wie so oft an so einem wolkigen Tag, wie egal mir fast alles geworden ist. Und es wird von Tag zu Tag mehr. Ich mag mich nicht einmal mehr aufregen. Möglich, dass die Männermidlifedämmerung jetzt schon anklopft und alle Dinge fortspült, die mir mal wichtig waren, inklusive mich selbst. Ego. Stolz. Die ganze Aufregung. Sowieso alle Aufreger. Was soll das alles. Wo führt das hin. Und warum interessiert es mich nicht mehr.

Mein Schwebezustand im positionsmäßigen Irgendwo fällt inzwischen auch anderen auf. Oft wieder Frauen. Was ich sage, nervt sie. Triggert sie. So dass sie in der Folge allerhand zu mir sagen müssen: Wie kann dir das egal sein! Das kann dir doch nicht egal sein. Das darf dir doch nicht egal sein. Wieso ist dir alles egal. Wegen Leuten wie dir… und so weiter. In ihren Gesichtern Fassungslosigkeit. Entsetzen. Ehrlicher Ärger vor allem. Interessiert mich alles nicht mehr, sage ich nur. Und lerne, dass das nicht sein darf. Wenn sie davon hören, dass jemandem etwas egal ist, reden sie meistens noch mehr über ihre verschiedenen Anliegen. Wollen überzeugen. Auf dass auch ich mich wieder aufrege. Einbringe. Einmische. Und vor allem empöre. Und je weniger ich sage, desto lauter werden sie. Mit ihrem Club Mate in der Hand. Schnittchen in der anderen. Das kann dir doch alles nicht egal sein. Kann doch nicht. Egal sein. Nicht. Nicht!

Zu überlegen wäre, ab jetzt nur noch alles zu bestätigen, was sie sagen. Zu nicken. Ja zu sagen. Du hast recht. Genau. Jawoll. Skandal das. So geht’s ja wohl nicht. Damit ich meine Ruhe habe. Damit mein Egalsein nicht mehr ruchbar wird. Sie nicht mehr zu ihren Tiraden provoziert. Auf dass sie mit dem Insitieren aufhören.

Sag mir wo du stehst. Der Gassenhauer. Ist wieder da. Sag mir wo du stehst. Wollen sie wissen. Auf Geburtstagsfeiern. Beim Kaffee. Sogar nachts beim Bier auf irgendeinem Friedrichshainer Balkon. Wo stehst du? Bei mir oder nicht bei mir? Und bei einem falschen Satz kommen die Attribute, mit denen sie andere immer stempeln. Was mich dann schnell verstummen lässt. Denn ich weiß sowieso selber meistens nicht mehr, wo ich eigentlich stehe. Was ich zu welchen Dingen sagen soll. Mir ist die Energiewende scheißegal. Fahrradspuren auf der Schönhauser Allee. Wirecard. Donald Trump. Erdogans neue Moschee. Bundesweit misslungene Warnübungen. Furzende Biokühe auf der Weide. Der FC Bayern. Hafermilchpetitionen. Identitätsquoten in Parlamenten, die ich nicht mehr wählen möchte. Die ständige Empörungssau auf Twitter. Die ewige AfD. Habeck mit Pferden. Annalena und der Kemmerich. Gysi und Russland. Hildmann. Chebli. Meuthen. Der Lauer. Alle mir ernsthaft egal. Macht was ihr wollt. Ich bin durch damit. Mag dieses ganze Geheule nicht mehr hören. Seit 20 Jahren höre ich mir nun schon Geheule aus verschiedenen Richtungen an, ohne dass das zu etwas führt. Ich habe mein Soll erfüllt. Ich habe nachweislich viel Geheule absorbiert. In mich aufgenommen. Verdaut. Zuletzt ausgekackt. Jetzt endet das. Ich mag nicht mehr. Nehmt andere dafür. Ich mag das nicht mehr hören.

Auf eine absurde Art dazu passend treffe ich später auf eine verhärmte und natürlich sehr ernsthafte Frau in einem Teeladen, dessen Besitzerin gerade in Panik ausbricht, weil plötzlich vier statt fünf Kunden im Laden sind, was wegen der holsteiner Coronadekrete nicht geht und sie deshalb laut überlegt, wen von uns sie jetzt aus dem Laden weisen soll. Die ernsthafte Verhärmte fotografiert zwei Teepackungsetiketten. Es ist ein „Frauentee“ (mit Ananasstückchen, Mango und noch mehr Früchtemist) und daneben ein „Männertee“ (mit Ingwer, Zimt, Lakritz und irgendwelchem anderen Gewürzschrott). Ich stelle mir vor, dass sie eine der Dauerempörten ist und das Foto mit den Stereotypteesorten heute noch sehr aufgebracht verbloggen, verfacebooken oder vertwittern wird. Dann wird der Teeladen einen dieser inzwischen stündlichen Shitstorms bekommen und morgen geht dann die Sonne wieder auf und die Schafe scheißen den Deich voll.

Brise. Nase. Steg. Ich glaube gar nicht mal, dass Selbsttötung durch Nordsee so eine gute Option ist. Die Kälte. Dann das Ersaufen. Was ja streng genommen Ersticken bedeutet. Aber interessant wäre es schon. Kommt die Panik beim Untergehen oder sediert das kalte Wasser den Untergehenden in einen seltsamen inneren Frieden, der ihm das Ersticken (qualvoll wird das schon sein, man liest so viel davon, dass das qualvoll sei) egal werden lässt.

Als ich noch einen Moment darüber nachdenken mag, spricht mich ein Hundebesitzer an, dessen sehr kuschelig-pelzigen Hund ich offenbar eine Sekunde zu lange angeschaut habe. „Kuschelig, nicht? Ja, der wird gerne gestreichelt, Sie können den ruhig streicheln, der mag das und wird Ihnen nicht mehr von der Pelle rücken, ein richtig verkuschelter Begleiter, der könnte den ganzen Tag …“

Ich streichele den Hund.

Ich mag Ebbe und Flut gar nicht. Ich empfinde es als komplett sinnlos, dass das Wasser verschwindet, einen Berg Schlick hinterlässt und dann einfach wieder kommt als sei nichts geschehen. Es ergibt keinen Sinn. Wem nutzt das?

Dieser Planet ist sowieso ein Witz. Er ergibt so oft überhaupt keinen Sinn. Ebbe. Flut. Nazis. Antifa. Lenin. Marx. Ping. Pong. Mein linkes Ei hängt tiefer als das rechte. Verstehe ich alles nicht.

Schafe sind ausgesprochen blöd. Wie die immer glotzen. Aber ich habe eines gleichzeitig fressen und kacken gesehen. Das war witzig. Weil mir so etwas nicht gelingt. Ich habe mal ein Erdnussbuttertoast mit Aprikosenmarmelade aus Effizienzgründen mit zum Kacken genommen und dann festgestellt, dass mich beides zusammen vor erhebliche Koordinationsschwierigkeiten stellt. Kauen und Drücken geht schlecht zusammen. Nervt auch. Und fühlt sich unrichtig an. Ich habe es wieder sein lassen.

Einmal auf der morgendlichen Laufrunde über den Deich belegen die deichkahlfressenden Schafe in einer abschreckend großen Gruppe meinen Fußweg, auf dem ich ihnen entgegen laufe. Ich überlege kurz, was ich tun soll, und wäge die Optionen gegeneinander ab (durch die Herde durchrennen oder den ganzen Weg zurück laufen). Als ich durch die Herde durchrenne, will mich kein Schaf mit dem Kopf in den Schlick rammen, so wie ich es mir ausgemalt habe. Sie tun einfach nichts, was vermutlich daran liegt, dass Schafe keine Ziegen sind. Ich bin kein Biologe, ich weiß das nicht, ich esse Tiere, mehr als wie sie schmecken weiß ich über sie nicht.

Schafe sind wirklich doof. Würden sie sich zusammentun, könnten sie mich, den Störer ihres Chillens, aus ihrem Revier mobben. Den Schäfer ins Wasser treiben. Zäune einreißen. Eine neue Zivilisation aufbauen. Tun sie aber nicht. Fressen und Kacken. Das reicht ihnen.

Abends fabriziere ich das, was ich immer tue, wenn ich in einer fremden Stadt bin: Ich trinke bis ich schlafen kann. Morgens dann zum Ausgleich folgt der Laufsport auf dem Deich, bei dem ich immer mehr das Gefühl habe, dass es von Suffschiss zu Suffschiss schwerer wird. Dass ich mehr aufbringen muss, um auf die Kilometer zu kommen. Als mich eine junge Frau in pinkem Funktionsshirt und wippendem Pferdeschwanz mit demonstrativer Leichtigkeit überholt, stehe ich vor der Wahl, langsamer zu werden oder den Wettbewerb zu suchen. Dann fällt mir ein, dass schnaufend mit Alkoholfahne hinter einer jungen Frau her zu hasten keine gute Idee ist und ich sehe sie nur Minuten später weit vor mir um eine Kurve hinter dem Deich verschwinden. No risk. In solchen Dingen no risk.

Dann überholt mich ein Mann und ich setze hinterher, um ihn zu besiegen.

An den Orten, an denen ich Urlaub mache und eigentlich die Ruhe suche, finden regelmäßig Bauarbeiten statt, so dass ich inzwischen nicht mehr damit zurecht komme, wenn es einmal ruhig ist. Dann liege ich da und erwarte den Krach. Hämmer. Pressluftbohrer. Straßenwalzen. Ein Betonmischer vor meinem Fenster. Husum macht da keine Ausnahme. Neben meiner Ferienwohnung wird ein neues Haus gebaut, dessen Arbeiten um 6:30 mit einem raumgreifenden Palaver (Blablabla höhöhö) beginnen und zu 7:00 in geschäftigtes Hämmern, Sägen und Bohren übergehen, was von dem zarten Geräusch eines Winkelschleifers flankiert wird. Ich bin beruhigt. Husum passt in mein Beuteschema. So muss Urlaub sein, sonst kann ich nicht.

Husum. Klinker. Mehr Klinker. Am meisten Klinker. Rot. Weiß. Grün. Lila. Klinker my brain, baby.

Husum. Nordische Tapas auf Schiff. Sahneersäufter Rollmops. Fiese fette Mettwurst. Labskaus. Halligbrot. Alles was weg muss. Aber in gut. Dazu Bier über Bier über Bier bis ich fast vom Kutter falle.

Husum. Schafscheiße. Der ganze Dammweg mit einer irrsinnigen Menge vollgekackt. Ein Kotinferno. Ich werde mich nie wieder über bürgersteigvollkackende Berliner Hunde beschweren (doch, werde ich schon).

Husum. „Kann ich mit Karte zahlen?“ „Soweit sind wir leider noch nicht.“

Husum. Ein Fisch mit dem Namen Knurrhahn. Vom Backofen auf meinen Tisch. Zwiebeln. Knoblauch. Butter. Zitrone. In den Bauch. Und gut.

Husum. Mitfahrbank. Falls Sie jemanden mit dem Auto irgendwohin mitnehmen mögen. Alte Omas. Rollstuhlfahrer. Gebrechliche Althippies. Würde in Berlin nicht funktionieren. Da würden nur besoffene Skandinavier sitzen, die sich selbst vollgekotzt haben. Auf den Resten einer Bank, die irgendein boomboxbewehrtes Kokskind zu Klump getreten hat, wonach der Kiezspritti einmal draufgepisst und der Nachbarsköter kurz mal davorgekackt hat. Läuft nicht in Berlin. Berlin ist Darwin. Sehen Sie zu wie Sie irgendwohin kommen.

Husum. Ein nackter Mann morgens früh auf dem Deich, der Kniebeugen macht. Er hat einen riesigen Schwanz. Leider ist er alt. Der Schwanz. Und der Mann.

Husum. Sie verkaufen einen Theodor-Storm-Punsch für sechs Euro den halben Liter. Er ist komplett überflüssig.

Das Wetter ist oft Grütze. Kühl. Windig. Regen. Wo ist der Dürresommer, den sie auf allen Portalen großmäulig klimawellenreitend angekündigt haben? Ich habe mich drauf gefreut. Jetzt das. Ich habe das Gefühl, sie erzählen in allen Bereichen immer mehr Scheiße und je mehr sich die Leute über die erzählte Scheiße beschweren, desto mehr Scheiße erzählen sie, um die alte Scheiße vergessen zu machen.

Dazu passt, dass ich später auf dem doch sehr schönen und bemerkenswert großen Wochenmarkt von Husum einem Kamerateam begegne, das zwei Komparsinnen detaillierte Anweisungen gibt, was mit welcher Mimik gesagt werden soll. Es geht um Masken, beziehungsweise um die fehlende Pflicht zu ihnen hier auf dem Wochenmarkt. Die beiden sollen den Kräutermann vollnölen, dass sie sich die Maskenpflicht wünschen, während der Kräutermann immer wieder nur antwortet, dass das nicht seine Entscheidung ist. Ob diese gescriptete Realität nun RTL, bild.de oder öffentlich-rechtlich ist, lässt sich inzwischen nicht mehr mit Sicherheit sagen. Wem soll ich denn noch irgendwas glauben?

Wie sehr diese ganze tiefgehende Polarisierung inzwischen zu jedem beliebigen Thema die Luft verpestet, sehe ich an einer sehr lauten, dicken, schwarzgekleideten und mit Goldornamenten behangenen alten Diva, die wie ein Leopardpanzer über den Markt pflügt und wahllos Leute anfegt, die nicht schnell genug zur Seite gehen, um den vorgeschriebenen Abstand wieder herzustellen. Solche Leute blühen auf zu solchen Zeiten. Und versenken sich hoffentlich vor lauter Aufmerksamkeitsdefizit nach solchen Zeiten in der Nordsee, wenn sie in das psychische Loch fallen, in das sie gehören.

Ich habe Walter White gesehen! In St. Peter Ording! Er fährt einen braunen Audi!

Und ich sah eine Frau mit dem Gesicht von Mike Krüger. Das tat mir leid.

Ob es Mike Krüger überhaupt noch gibt, weiß ich nicht und ich bin zu faul, den Google Assistenten danach zu fragen.

Das war Husum. Sonst war nur Deich. Und darüber hinaus nix.


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