Unqualifizierte Teeküchenphilosophie

These: Teeküchen in Büros funktionieren nicht.

Noch bessere These: Anarchie funktioniert nicht. Kommunismus auch nicht. Und Faschismus erst recht nicht. Und Demokratie schon gleich gar nicht. Das alles beweisen Teeküchen in Büros. Hier funktioniert nix.

Es gibt drei Sorten Benutzer von Teeküchen: Die Korrekten, die Schlümpfe und die Nihilisten.

Die Korrekten schreiben Zettel, viele Zettel: „Bitte auf die Sauberkeit achten!“, „Bitte kein Geschirr im Spülbecken stehenlassen!“, „Bitte auch mal den Geschirrspüler ausräumen! Und anstellen! Und Spülmaschinentabs kaufen!“ und den Klassiker: „Nette Kollegen lassen ihr Zeug nicht überall liegen, den anderen ist es verboten.“

Das klappt natürlich nie, es klappt genauso wenig wie bei dem mich seit Jahren in die ewige Ignoranz nervenden Müllzettelnazi. Zettel sind nämlich scheiße. Und Zettelschreiber sind Dummköpfe. Über Zettel wird gelacht und über den Zettelschreiber sowieso. Manchmal wird er zusätzlich verhöhnt. Mit Edding. Auf einem seiner Zettel. Heul doch. Heul leiser. Mimimi. Schreiben wir da drauf. Weil wir alle wissen, wer garantiert die meisten dieser Zettel schreibt: Es ist der Zwanghafte, der die Türklinken vor dem Anfassen mit Sagrotan einsprüht und der sich nicht auf die Scheißhausschüssel setzen mag. Ein Schraubensortierer. Dübelaufheber. Ein Verklemmter. Korinthenpuler. Ein Analphasenhängengebliebener. Den keiner leiden kann. Er hat Stempel auf seinem Schreibtisch. Stempel. Ich schwöre Stempel. Wofür? Wir haben 2020. Papier ist tot.

Wenn er merkt, dass das mit seinen Zetteln nicht klappt, eskaliert der Korrekte: Er malt Schilder. Bunte. Unter Zurhilfenahme von alten, räudigen Cliparts. Ein Tellerchen mit Augen. Ein tanzender Schwamm. Und fünf Ausrufezeichen: „In dieser Teeküche wird auf Sauberkeit geachtet!!!!!“

Und er laminiert die Dinger. Sein hanebüchener Aufwand ist der Ausdruck seiner Ernsthaftigkeit. Keiner soll das Werk nass machen können.

Wenn er milde unterwegs ist, ersetzt er den Schreitext durch anbiedernde Bettelei und schreibt: „Bitte verlasst die Teeküche so wie ihr sie vorfinden wollt.“ Er probiert Nettigkeit. Kommt entgegen. Appelliert an Vernunft. Verantwortungsgefühl. Miteinander.

Alles das.

Hilft.

Nicht.

Die Teeküche bei uns im Büroidiotenpuff sieht aus wie in einer durchschnittlichen Studenten-WG. Oder irgendwo in einem Dritte-Welt-Land nach einem Erdbeben. Und einem Tsunami. Nachdem Godzilla einen Haufen Halbgares auf den Marktplatz geschissen hat.

Das ist der Verdienst von den Schlümpfen. Die machen alles, was der Korrekte nicht mag.

Apfelschalen auf dem Boden? Die Schlümpfe. Spülmittelschaum auf der Arbeitsplatte? Die Schlümpfe. Dreckiges Geschirr in der gerade fertig durchgespülten Spülmaschine zwischen dem schönen sauberen Geschirr? Die Schlümpfe.

Die Schlümpfe sind die Punker des Büros. Die Chaoten. Die Hooligans. Was der eine zu viel hat, haben sie zu wenig. Die Schlümpfe betreiben die einzige öffentliche Kaffeemaschine des Borgwürfels abseits des räudigen kommerziellen Standautomatens. Und glauben Sie mir, Sie wollen aus der Schlumpfkaffeemaschine keinen Kaffee trinken. Sie wollen nicht. Versprochen. In derem nur wöchentlich gewechselten Kaffeefilter brüten inzwischen Larven. Das glibbert dann beim Kaffeetrinken so schön in den Zähnen, wenn mal eine durchrutscht.

Flutsch. Glibber.

Sämtliche Vermittlungsversuche zwischen den Schlümpfen und den Korrekten durch Vorgesetzte in ebenso end- wie hirnlosen Meetings sind gescheitert, der Betriebspsychologe hat sogar eine Mediation durchführen wollen, zu der jedoch außer mir keiner gekommen ist. Und ich kam auch nur, um mich später hier öffentlich darüber lustig machen zu können.

Beide Seiten haben jetzt, am Ende aller Fahnenmasten, gelernt, miteinander zu leben. Die Schildermaler malen ihre Schilder und dürfen seufzen und kopfschütteln und still übel nehmen, ohne dass ihnen jemand hinter ihrem Rücken den Stinkefinger zeigt und die Schlümpfe siffen ihre Kaffeemaschinenecke ein und lassen in ihrem Einsiffen sogar die mahnenden Schilder unkommentiert hängen. Ein Burgfrieden. Bis …

… tja …

… bis die Kosten für die Spülmaschinentabs abgerechnet werden.

Jede dieser Abrechnungen scheitert, weil ein Teil der Schlümpfe behauptet, die Spülmaschine gar nicht zu nutzen, die anderen behaupten, sie nutzen sie nur einmal im Monat und sehen gar nicht ein, warum sie so viel zahlen sollen wie jemand, der das Ding jeden zweiten Tag anschmeißt. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass die Korrekten das alles wie auch schon das Handspülmittel und die regelmäßig zersifften Spülbürsten alleine zahlen und ganz korrekt unter sich selbst abrechnen, weil sie für eine direkte Konfrontation (die eh nix bringen würde) wieder zu mutlos sind.

Dann lachen die Schlümpfe. Weil sie wieder damit durchkommen. Weil sie immer mit allem durchkommen.

Und ich. Ich lache auch.

Wer bin eigentlich ich?

Der Nihilist. Ich bin der Nihilist. Ich glaube, dass kein Gesellschaftsmodell dauerhaft tragbar ist und schaue mir das alles nur teilnahmslos an. Über kurz oder lang ist alles immer ein Kampf zwischen den Korrekten und den Schlümpfen. Im Rahmen welcher Bedingungen auch immer. Auf welchem Spielfeld auch immer. Mal haben die Korrekten Oberwasser, dann wieder die Schlümpfe. Und keiner gewinnt dauerhaft. Nie. Und irgendwie geht es weiter. Immer. Geht es weiter. Und weiter. Wie schön.