Versteh ick nich (8)

Hans im Unglück. Stempeldepp. Dummladenhonk. Einer, der auszog, die Marktwirtschaft nicht zu verstehen. Ich weiß gar nicht, wie ich den Menschen nennen soll, dem ich versucht habe, etwas abzukaufen.

Ach was Hans. Ich nenne ihn Hans.

Liebe Kinder. Es begab sich eines Tages, dass der Hans in den Kiez hinausging, um im wunderschönen Takkatukkaland, auch bekannt als Prenzlauer Berg, einen Laden für Stempel, Schilder und Gravuren zu eröffnen. Hans muss sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, denn er hat ganz viele lustige Schilder gemalt und im Laden verteilt, auf denen draufsteht „Keine Karten!!!“, „Nur Bares ist Wahres!“, „Ohne Moos nix los!“ und „Cäsh in de Täsch!“, was ja doch sehr merkwürdig ist und jedem, der sich in des Hansens Laden verirrt, ein ganz schaurig ungutes Gefühl verleiht. Denn wer so offensiv nur Bargeld will, will kein Buchgeld auf sein Konto fließen sehen und das hat immer komische Gründe, aber das erkläre ich euch, wenn ihr alt genug seid, das Wort „Finanzamt“ zu schreiben und wisst, was Pfändung bedeutet.

Dennoch betrat ich des Hansens Laden. Um bei ihm was zu kaufen. Ich brauchte für einen zauberhaften Ort, den die einohrigen Elfenschlümpfe Borgwürfel nennen und der mir Geld für viel von meiner heißen Luft bezahlt, gravierte Schilder, so welche wie eines, das ich von einer anderen Heißluftgebläseveranstaltung übrig hatte, silber, verspiegelt, glänzend, nobel, nicht wie die aus des Hansens feilgebotenem Sortiment, solche merkwürdigen Ausstellungsstücke aus Messing, vergilbt, alt, fleckig, abgegriffene Dinger für nie sanierte neuköllner 50er-Jahre-Hauseingänge, Teile, die niemand außerhalb von Tadschikistan, eines mecklenburger Dorfmuseums oder einer babelsberger Filmkulisse für öde ARD-20er-Jahre-Goldenes-Berlin-Historienschinken mehr anbringen mag.

Nachdem sich der Hans widerwillig und erst nach Aufforderung durch seine zum Erbarmen überforderte Assistentin müde seufzend aus einem staubigen Kabuff irgendwo hinten im Laden quälte und lautstark sein Missfallen über die plötzliche Störung zum Ausdruck gab – watt denn, watt denn, watt is denn, watt is denn, solln ditte, wo simman hia – gefiel es ihm schnell, eine lange Predigt über den schlechten Verlauf seiner Geschäfte und die undankbare Kundschaft zu halten, die ihm das Leben, die Liebe und jede Lust vergällen.

Dass mir die sehr traurigen Auslagen seines Ladens nicht zusagten, gefiel dem Hans dagegen überhaupt nicht. So hört fein zu:

„Nun, ich hätte gerne was Spezielles zum Gravieren, ein bischen was Hochwertiges, hier, so wie dieses Muster hier.“

„Hab ick nich.“

„Ja, das sehe ich, aber vielleicht können Sie sowas besorgen und für mich gravieren. Ich brauche zwanzig davon.“

„Ick hab nur dit wat da is. Da musste schon sehen, wo de det herkriechst wat de so an Extrawürsten haben willst. Weeste, der Laden hier läuft so scheiße, da kann ick ma nich um jeden Sondawunsch kümman.“

An dieser Stelle, Kinder, könnt ihr lernen, was dabei rauskommt, wenn es jemandem an Logik fehlt. Stellt euch vor, ihr habt einen Laden und der läuft nicht gut. Dann kommt jemand mit einem Sonderwunsch daher, einem Sonderwunsch, den ihr euch, wenn ihr verstanden habt, worum es bei einem solchen Laden geht, gut bezahlen lassen könnt. Was der Sinn von so einem Laden ist. Gut bezahlt werden. Um am Kacken zu bleiben. In diesen Zeiten erst recht. Aber dann sagt ihr stattdessen, dass ihr den Sonderwunsch nicht erfüllen wollt, weil der Laden so schlecht läuft, was am Ende dazu beiträgt, dass es bei diesem Zustand bleibt oder sogar noch schlimmer als sowieso schon wird. Blöd, oder? Versteht ihr, oder? Na klar, versteht jeder, nur der Hans nicht. Der versteht nix.

Aber machen wir weiter, ich mache immer mal ein bisschen weiter, denn ich bin ein guter Brückenbauer und baue gerne Brücken für andere, die es mit dem Brückenbauen nicht so haben:

„Aber Sie wissen doch sicher, wo man so etwas bestellt, Sie bestellen doch selber dauernd solche Sachen wie man hier sehen kann.“

„Nee, ick wees det nicht. Ick will ooch nich. Dauernd komm’n hier Leute mit irjendwelchen Sondawünschen rin un’n wollen ditte und ditte un dieset und jenet un da wieder ne Extrawurst, nee nee nee, ick hab nur det wat hier da is. Mehr jibtet ooch nich. Die Ecke hier is eh kacke fürn Laden, da kann ick nich allet da haben.“

„Okay, Vorschlag: Sie schauen mal in Ruhe, wo Sie das Rohmaterial herbekommen, bestellen genau zwanzig davon und gravieren mir das dann gleich. Ich bin gerne bereit, etwas mehr für die Mühe draufzulegen. Zahlt sowieso mein Arbeitgeber für die Präsentation, die ich machen soll. Es soll halt was schönes sein.“

„Nee nee nee, mach det man schön selber und wennde jefunden hast wasde suchst, kannste ja wiedakommn’n un ick kiek ma.“

„Aha, gut, auf Wiedersehen dann.“

Soweit der Hans.

Ich frug noch auf dem Bürgersteig direkt vor des Hansens Laden den weisen Magier Google, der mir die gesuchten Schilder, silber, verspiegelt, glänzend, nobel, wie gewünscht komplett graviert in wenigen Minuten zur Hälfte des Preises dieser vom ollen Hans angebotenen alten, traurigen, fleckigen Messingschilder fertig machte. Bezahlt habe ich auch gleich. Auf dem Bordstein. Mit dem Telefon. Morgen soll schon alles da sein. Weit vor der Präsentation. Das gefiel mir sehr. Und löste alle Probleme sofort. Wie es der Magier meistens tut. Wie viele es tun. Nur der Hans nicht. Der löst gar nix.

Und so hat sich der Hans am Schluss ganz einfach selber in den Popo gekniffen, hätte er doch mit einfachsten Mitteln sogar ohne selbst arbeiten zu müssen ein wirklich tolles Geschäft machen können. Mit mir. Meinem Borgwürfel. Der einohrigen Elfenschlumpfzentrale. Dem immer noch völlig egal ist, was das Blendwerk kostet, mit dem seine Leute die Produkte garnieren, die sie mit heißer Luft bestäuben. Hauptsache es sieht gut aus. Darum geht es immer im Leben, bei allem, merkt euch das: Hauptsache es sieht gut aus.

Drum liebe Kinder gebt fein acht:

Der Hans hat alles falsch gemacht.


Versteh ick nich (7)