Die Scheißtaube von Prenzlauer Berg

Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau
Geh ma Tauben vergiften im Park

Georg Kreisler – Tauben vergiften im Park


Gu Gurr Gu! Ich will ficken! Gu Gurr Gu!

Sonntag. 5:15 Uhr. Es wird hell. Guten Morgen Prenzlauer Berg. Der Terrorist legt los. Pünktlichst. Wie jeden morgen. Seit Wochen. Monaten sogar. Montag. Mittwoch. Samstag. Egal. Gu Gurr Gu!

Ich weiß nicht, was das für ein Scheißvogel ist. Schleiereule. Uhu. Waldkauz. Rebhuhn. Oder von mir aus eine profane fickenwollende Taube oben vom S-Bahnhof, dem Rattennest, runter zu mir in die Straße geflogen, um mich zu nerven. Wahrscheinlich das. Natürlich. Eine Taube. Möglich. Keine Ahnung. Ich war schlecht in Biologie und will nur, dass diese fliegende Pestbeule die Backen hält. Ich hasse Vögel. Und Tauben erst recht.

Der Scheißer muss sein Nest irgendwo über meinem Schlafzimmer unter der Dachrinne haben. Oder sitzt auf der Dachrinne und feixt. Schornstein. Giebel. Oder auf der alten Fernsehantenne, deren ARD und ZDF keiner mehr glotzt. Egal. Jedenfalls von oben. Zu mir runter. Zwei, drei Stunden lang. Jeden Tag. Früh. Zum Sommersonnenaufgang. Dann nachmittags wieder. Klagend. Drängend. Verzweifelt. Und hörbar notgeil. Gu Gurr Gu! Ich will ficken. Wo ist das Weibchen?

Was will der hier? Hier ist die Stadt. Kein Ort für Fauna. Weil es schon laut genug ist. Wir haben brüllende Besoffene, Idiotenpubertätskrampen mit Boomboxen voller pissiger Plastikmucke, bollerndes Müllabfuhrgeschepper Samstags um Punkt sechs und die nachts im Wohngebiet Herumhuper. Mööök Mööök Mööök. Ich muss hupen. Hupen. Hupen. Muss ich. Alle wach? Mööök Mööök Mööök. Die kenne ich. Alle. An die habe ich mich gewöhnt. Stört nicht mehr, reicht aber an Gestresse. Da brauche ich nicht auch noch einen herumbalzenden Vogel, der nicht versteht, dass hier kein Wald in Brandenburg ist, sondern Stadt. Heftigste Stadt. Betonschlucht Prenzlauer Berg. Kein Platz für Tiere. Schon gar nicht für blödbalzende Ratten mit Flügeln.

Gu Gurr Gu! Ich will ficken! Nach zwei Stunden um sieben Uhr irgendwas hört der pünktlich auf, fliegt weiter, versucht woanders sein Glück, vielleicht drüben auf dem lausigen Brunnen am Arnswalder Platz. Oder vielleicht fliegt er über die Prenzlauer Allee zum Kollwitzplatz, zu den neureichen Biobonzen, die sitzen wahrscheinlich jetzt schon wieder selig beim Yoga auf dem Balkon mit selbstfermentiertem Kombucha, massieren sich gegenseitig die Chakren und freuen sich über jeden stumpf blökenden Kauz, Uhu, Taube, Miregalkackvogel. Wegen Natur. Huhu. Gu Gurr Gu.

Wahrscheinlich halten sie diese Viecher sogar als Brieftauben verbrämt in Naturholztaubenverschlägen auf ihren dicken fetten ausgebauten Dachgeschossen, aus denen heraus ihre hässlichen Kinder immer so untalentiert Geige, Klavier und dieses verdammte Schlagzeug spielen. Brieftauben statt gelber Post. Weil diese gurrenden Lärmemmissionsmonster da oben einen bessseren CO2-Fußabdruck haben als die rotgelben Stinkesprinter von DHL.

Gu Gurr Gu! Ich sitze im Bett und bekomme Hunger. Und überlege, was ich heute koche. Ich esse gerne Vögel. Wachteln. Rebhühner. Enten. Gänse. Ich würde mir auch diesen Kauz in den Ofen hauen. Oder Taube. Eule. Egal. Mit Kartoffeln. Rosmarin. Viel Olivenöl. Rupfen. Ausnehmen. Schmoren, das Vieh. Wenn ich den Bastard in die Finger kriegen würde. Was nicht geht. Weil der über meinem Schlafzimmerfenster sitzt. Ich müsste mich auf dem Dachgeschoss des Altbaus gegenüber auf die Lauer legen und selbst wenn ich den Schlüssel für das Dach bekäme oder wüsste, wie man Schlösser knackt, bräuchte ich immer noch eine geeignete Waffe, was in dieser Peacerstadt voller Pazifisten, die heutzutage sogar von der Liechtensteiner Feuerwehr ohne Gegenwehr eingenommen und annektiert werden könnte, unmöglich geworden ist. Nicht mal die Russen sind noch da, denen ich was zum Vögelabballern abkaufen könnte. Handgranaten. Mörser. Bazooka. Stalinorgel. Nix geht hier mehr.

Gu Gurr … wie ich dieses blökende Vogelvieh hasse. Wie ich jedem von ihnen so gerne den zuckenden Hals umdrehen würde. Welcher Gestörte füttert Tauben? Damit die bleiben. Ficken. Mehr Tauben machen. Wer tut das? Wer ist so kaputt?

Ehrlich, wegen der Abwesenheit von Natur wohne ich in der Stadt. Damit ich eben keine nächtelang kläffenden Nachbarshunde habe, keinen blasierten arschwundgefickten Kikerikiii-Hahn morgens um Vier, keinen über die Lausitz heulenden Wolf, von Scheunengiebeln runterschnatternde Gänse oder eben ficken wollende Scheißvögel, die mit ihrem Gegröle ein bräsiges Weibchen anlocken wollen, um noch mehr von diesen fliegenden Ratten zu produzieren als wir hier sowieso schon haben.

Gu Gurr Gu! Ich weiß, was das Geplärre für eine Ursache hat. Das kommt von dieser Scheißbegrünung meiner Scheißstraße, in der ich wohne. Die Vögel mögen das. Seit Jahren pflanzen sie hier wie entfesselt Stadtbäume alle paar Meter, die dafür sorgen, dass ich auf dem Balkon keine Sonne mehr habe, mein Auto mit Baumlauswichse vollgesuppt wird und derlei krakeelende Tiere ein Zuhause haben. Tiere, die ich hasse. Die ich mit einer Schrotflinte vom Baum schießen würde, wäre hier Amerika und ich hätte einen Waffenschrank zum Scheißvögelschießen in der Bude.

Nein, ehrlich mal, seit die von irgendwoher zugewanderten und hier nun versammelten birkenbestockten Ökobonzen diese Grünen in alle möglichen Entscheidersessel gewählt haben, komme ich ich mir vor wie in einem beschissenen Vogelhaus. Quietsch Quietsch. Zirp Zirp. Zwitscher Zwitscher. Gu Gurr Gu! Fickeeeeeeen! Meine Güte, hier ist die Stadt. Betoncitygulch. Für Natur gibt es Brandenburg. Fahrt doch alle da raus und geht den Dorfnazis auf den Sack. Was haben sie alle das mit den schönen urbanen Flair falsch verstanden und begrünen die Fassaden wie entfesselt, so dass ich jetzt Insekten in einer Anzahl auf dem Balkon habe wie an einem verfaulten See in der Neuruppiner Heide. Und die Efeuscheiße wuchert über meine Brüstung, so dass ich mir dafür eine Gartenschere bei Obi kaufen musste, ohne einen Garten zu haben oder überhaupt einen zu wollen, denn ich hasse Gärten, und Grünzeug, und Tiere, aber das interessiert wieder keinen, die Vollkornnazis von der Hausverwaltung wuchern mich einfach zu. Der Chef von denen sieht schon aus wie dieser über alle Kleewiesen voller Pferde gelobte Habeck. Brrrr. Da spiel‘ ich nicht mit. Keine Chance. Ich kenne diese übergriffigen Gestalten ja alle aus meiner Nachbarschaft und fresse lieber die im Hof unfassbar vor sich her stinkende Biotonne mit einer Plastikgabel restlos leer als auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, grün zu wählen. Wenn solche Typen die Macht übernehmen, gründe ich eine Guerillagruppe, die Sabotageakte gegen die dann raumgreifende Wohlverhaltensüberwachung verübt. Öffentliches Schnapstrinken. Rohes Fleisch fressen. Selbst geschlachtet. Mit einem Buttermesser aus dem Rinderleib geschabt. Oder ich klebe mir Plastiktitten an den Körper und eigne mir Weiblichkeit cultural an. Und fange an zu rauchen. Installiere einen Heizpilz auf meinem Balkon. Feure im Schutze der Nacht Silvesterbatterie um Silvesterbatterie ab. Werfe Dosenpfanddosen in ihre vorgärtenhölligen Baumscheiben, denen zum vollendeten Biedermeierglück nur noch Gartenzwerge fehlen. Warte Warte. Nur ein Weilchen. Dann fälle ich mit dem Hackebeilchen den schweineteuren brasilianischen Ökoscheißbaum im Hof, dessen Intensivpflege durch einen gottverdammten persönlichen Leibgärtner sie mir tatsächlich auf die Betriebskostenabrechnung umlegen.

Oder ich schütte einfach einen Kanister Frostschutzmittel ins Erdreich.

Scheißding.

Gu Gurr Gu! Ficken. Ficken. Ficken.

Scheißnatur.

Ich habe nach Mitteln gegen die gurrende Pest gegoogelt. Wanderfalken sind die Fressfeinde. Gut, kein Ding. Ich kaufe einfach fünf Stück von denen, lasse sie auf dem Balkon frei und dann ist Ruhe. Doch ich verwarf die Idee, denn fünf Wanderfalken würden mich 125.000 € kosten. Die ich nicht habe. Aber eine verdammte Taubenfalle wäre auch eine Idee, allerdings sind die nur als Lebendfallen legal und außerdem durch das Bezirksamt genehmigungspflichtig. Das kriege ich hier in diesem superawaren Tierknutscherbezirk nicht durch, keine Chance, und wenn ich so ein Ding illegal aufstelle, die gefangene Taube wegmessere und in der Badewanne in Lauge auflöse, findet sich bestimmt einer meiner aufmerksamen sozialkontrollierenden Maskenheinianscheißernachbarn, der mich beim zotteligen Bezirksamt anschwärzt und zwar noch bevor ich die Taubenleiche aufgelöst durch den Abfluss gespült habe. Taugt alles nichts. Alles. Taugt nix.

Ich hoffe, er findet bald was zum Ficken, der Nazivogel. Oder wird von einem Bussard gefressen. Oder einem Adler. Von einer Flugzeugturbine eingesaugt und zerfetzt. Oder irgendeiner mit Waffenschein knallt den wirklich mal ab. Und setzt danach das Nest in Brand. Sonst haben wir nächstes Jahr nicht einen Fickenwoller, sondern fünf. Oder zwanzig. Und irgendwann kann ich dann Eintritt verlangen für die Straße. Mein Vogelhaus von Prenzlauer Berg. Erleben Sie räudige Stadtvögel in ihrer naturgewordenen Umgebung bis Ihnen die Ohren klingeln. Tschiep Tschiep Tschiep. Geöffnet ab 5:15 Uhr.


Tauben abknallen

Gnaddrig