Gift und Galle und die Villa

Meine paar blöden Telegramgruppen quillen über vor Statements von Leuten, die sich aufregen, weil sich ein im Moment recht bekannter Minister eine Millionenvilla gekauft hat.

Wut. Hass. Hutschnur. Bluthochdruck. Lese ich.

Natürlich ist so etwas maximal unsensibel, selbstvergessen, arrogant, borniert, blasiert, verbonzt und vollkommen abgehoben. Aber legal. Darf der. Gibt das deutsche Recht her. Er sitzt da oben in diesem goldenen Zoo voller Selbstdarsteller, die mit ihren Worthülsen die dummen Mikrofone dummer Korrespondentinnen des dummen öffentlichen Rundfunks zumüllen, und bekommt einen Arsch voll Geld dafür, dass er das tut. Im Gegenzug dazu gehen Sie arbeiten. Ich auch. Für den. Damit der das kaufen kann. So sind die Regeln. Wenn Ihnen das nicht passt, müssen Sie die Regeln ändern. Idealerweise mit anderen zusammen, die wegen solch abgehobener Kretins im Moment eine kapitale Krawatte am dicken Hals hängen haben und vor sich hinbrüten. Aber nur meine Telegramgruppen mit Empörung zumüllen und dann einfach weitermachen wie immer ist sehr lahm. Das wirkt auf mich kein Stück souveräner als Oppa Kowalke im fleckigen Unterhemd auf der Fensterbank seines Parterres, wie er sich über den Tesla von der Bankerarschgeige gegenüber echauffiert, dessen Zombiezockerbude mit Insolvenzschutz und Staatsschuldenmitteln am Leben gehalten wird.

Es rauscht nur noch.

Ich dachte früher mal, dieses ganze Grummeln in den ganzen Leuten, diese latente Unzufriedenheit, die ich immer schon fühle, spüre und mir vor allem anhören muss, führt irgendwann mal zu irgendwas, im Idealfall dazu, dass die Dinge besser werden, aber das ist ein Trugschluss. Es ist nur Gesabbel. Gossip. Wohlfeil. Bla bla. Maximal ein Ventil. Ohne Sinn. Ohne Folgen. Und erst recht ohne Konsequenzen. Was mir als Grundtonart sehr auf den Sack geht inzwischen. Wie meine drögen Telegramgruppen, die gehen mir auch auf den Sack. Warum kommen die jetzt alle von WhatsApp rüber mit ihren ganzen Glückskeksbildchen, den Kackvideos windspielausnaturholzbastelnder Oberschichtenlangweiler und den dauernden Aufregern ihrer dämlichen Politscheiße, die mir möglichst noch schlechtere Laune machen soll.

Jetzt die Villa.

Ist mir egal.

Diese Villa ist mir vollkommen ritze.

Ich weiß langsam nicht mehr, was das ganze Aufregen immer soll. Es ist doch sowieso folgenlos. Und obendrein schlecht für die Gesundheit. Ein paar Telegramgruppen zumüllen, sich ein wenig echauffieren (Sauerei! Der Spahn!) und dann war es das wieder bis zum nächsten Aufreger (Der Habeck! Diese Pferde!).

Wie sinnlos. Wie ineffektiv. Wie ressourcenverschwendend. Machen Sie es doch wie ich und lassen Sie sich selbst alles egal werden. Das chillt die Basis. Nachhaltig. Egal. Immer mehr egal. Spahn. Habeck. Die Roth. Chebli. Die tausendjährige Merkel. Ich schalte inzwischen komplett auf Durchzug, wenn auf irgendeiner Party irgendein Empörter irgendeine Empörung über irgendwas Empörenswertes in die Runde wirft. Plötzlich wird dann Candy Crush auf dem Smartphone interessant. Demonstrativ. Ich schieße mir mein Hirn sturmreif. „Was sagst du dazu?“ „Nix.“ Sage ich dann. „Ist mir egal.“

Wirklich.

Auch ein Minister, der den ganzen bundesdeutschen Kulturbetrieb mit dem Kometenschweif an allen möglichen Subdienstleistern, Tagelöhnern und angeschlossenen Verwaltungsangestellten in den Ruin treibt (was er darf, der da oben macht die Regeln, ist so, dafür sitzt der da, war immer schon so), der die Selbstständigen rasiert, gängelt und deckelt, ganze Wirtschaftszweige, Autoindustrie, Tourismus, Gastronomie, nebst auch hier allen angeschlossenen Angestellten in die Pleite mobbt und sich zeitgleich zu dem, was er da tut, im bonzigsten Ortsteil der Hauptstadt namens Dahlem eine bonzige Villa zulegt.

Haha.

Ja geil, nicht?

Nein. Egal.

Ernsthaft egal.

Egal gal gal.

Ich rege mich nicht mehr auf.

Hier, hömma lieba Mucke: Gut erzogene Typen lutschen meine Schamlippen und rülpsen. Und ein Arschtittentiger. So weit geht mein Horizont jetzt. Mehr juckt nicht mehr. Um des Lebensfriedens willen. Interessiert mich alles nicht. Murrt doch alle das Internet voll, Gossip, Empörung, lange Polittheorietexte, ich mag nicht mehr. Soll der da doch wegen mir so viel Geld bekommen, bis es ihm aus allen Poren, Kimme, Arsch und Ohren quillt, mir egal, ich verspüre keinen Neid, keine Missgunst, es ist mir komplett einerlei, was immer noch besser ist, als nach all den Jahren immer noch als keifender Schmock in den muffigen Buden zu sitzen und auf verschiedenen Kanälen, die sie zur Verfügung stellen, übel nehmen, zu zetern, zu blöken, zu lamentieren, anzuklagen und am Ende doch wie immer wirkungslos zu bleiben, weil so ein Internetvollschreiben auch nichts weiter ist als das, was Oppa Kowalke auf seiner Fensterbank treibt, der folgenlos, reputationslos und reichweitenarm vom Parterrefensterbrett motzt und irgendwann einfach stirbt, ohne dass es irgendwen kratzt und ohne dass er auch nur irgendwas an irgendeiner Situation geändert hat.

Und machen wir uns nix vor, die Villa, dieser Vier-Millionen-Fickfinger an die Untertanen, triggert die meisten doch nicht, weil sie das alles ungerecht finden. Oder gleiche Verteilung von Reichtum wollen. Ein Änderung im System. Den Wechsel der Dinge. Nein. Das machen sie, weil sie selbst die Millionenvilla nicht kaufen können. Wie ich. Ich kann die auch nicht kaufen. Aber von mir kommt wenigstens nicht der hunderttausendste Empörungstext darüber, wie schlimm das alles ist, was der da oben immer alles noch tiefer in den nimmersatten Hals geschoben bekommt, der nie voll wird, nur um dann am Ende doch wieder die Parteien, in denen sie alle listenalimentiert in die fetten Sessel voller Sitzungspauschalen rutschen, wieder und wieder und wieder zu wählen, damit ich auch das nächste Mal wieder etwas habe, worüber ich mich beschweren kann.

Mache ich nicht mehr. Es ist mir ernsthaft egal. Wirklich alles, was sie da machen. Ich wähle sie nicht mal. Seit Ewigkeiten schon nicht mehr. Und ich fange auch nicht mehr damit an. Weil mir das alles keine tote Hirnzelle mehr wert ist. Jeder Aufreger. Jeder Sesselfurzer. Jeder Lobbyaktivist. Und das Gefühl dabei ein wirklich gutes ist. Macht was ihr wollt. Rafft. Intrigiert. Nölt. Motzt. Stopft euch gegenseitig die Scheine in den Arsch. Klagt die Welt an. Blökt euch voll. Ich bin durch. Raus. Ich höre nicht mal mehr zu. Da rein. Drüben raus. Was? Haben Sie gesagt? Wer ist wieder empört? Bitte? Sorry. Ich habe nicht zugehört. Ich habe gerade Stufe 290 bei Candy Crush gelevelt.

Ich habe so ziemlich alles abgeworfen, was ich wie Mühlsteine an Schiffseilen hinter mir her gezogen habe. Den Neid. Die Missgunst. Auch den toxischen Ehrgeiz. Vor allem das Dauerhechten nach mehr Geld, was viele derjenigen antreibt, mit denen ich den Arbeitgeber teile. Geld. Geld. Noch mehr Geld. Am meisten Geld. Alles abgeschichtet. Zur Seite gelegt. Bedeutet wenig nur noch. Juckt mich meistens nicht. Und ich komme mir dabei oft vor wie der einzige Mensch, der versucht, einfach nur irgendwie durchzukommen in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten, der Ellenbogen, der Ränke und der Allianzenschmieden, die er versucht auszublenden wo er kann.

Das ganze Ausblenden klappt jedoch nicht immer. Leider zu selten. Denn ich schwimme in einem Meer von Menschen, denen genau das, was mir egal geworden ist, wichtig ist, praktisch mein gesamtes Umfeld. Nehmen wir den Neid. Den ich mir weitgehend ausgetrocknet habe, um wenigstens eine kleine Form von Gleichgewicht wieder zu finden, die mir verlorenging in diesem feindlichen Pyranjabecken, in dem ich Geld verdiene. Was sind sie dort alle neidisch auf alles. Wie sie alle anderen um sich fixieren. Taxieren. Ranken. Sich in Stellung bringen. Andere in Stellung bringen. Äugen. Lugen. Was hat der was ich nicht habe? Warum der und nicht ich? Und der Affentanz, den sie alle dabei betreiben, ist allzu oft so erbärmlich anzuschauen, wenn jemand einen Bonus abgreift, der immer wieder regelmäßig und unregelmäßig zur Aufrechterhaltung des Wettbewerbs und vor allem des Neids auf der Basis eines ständig aktuell gehaltenen perfiden internen Rankings in die Belegschaft geworfen wird, gratulieren sie alle brav und freuen sich für den anderen in einer Weise, wie es Schönheitsköniginaspirantinnen auf der Bühne tun, wenn sie gerade Zweite geworden sind und die Konkurrentin gewonnen hat. Clownesk grinsend. Mit eingefrorener Fresse. Ganz grün im Gesicht. Weil sie so neidisch sind.

Hintenrum, irgendwo beim Kaffee, bei einer Kippe, auf dem Nachhauseweg zur S-Bahn, fallen dann die eigentlich gemeinten Worte und sie triefen vor Missgunst: „Der Pawlowski, die Sau, wie kommen die dazu, dem einen Bonus auszuzahlen? Nur weil der die Gendertröte aus dem Board knattert.“ „Die Schnepfenkraft-Greulich steckt so tief im Arsch vom Mitscherlich, das war ja klar, dass die der dafür den Bonus hinten rein schieben.“ „Wofür kriegt denn der Müller …“ Blablabla. Egal. Alles egal. Ich höre gar nicht zu. Ich muss das neue Schinkencroissant probieren, das diese hippe Baristabude am Mercedesplatz in der Auslage hat.

So geht das. Darum geht es. Fast nur darum. Neid. Neid. Neid. Immer Neid. Alles ist Neid. Der Mensch als Mensch ist ein Neidwesen und das Berufsleben ist durchwachsen davon, egal was sie erzählen, Team hier, Team da, Mannschaftsgeist, Synergien, Zusammenhalt, Teamspirit, den ganzen Businessschrott, den sie predigen, egal, alles egal, wenn Sie den Leuten einmal abseits der Schauspielerei zuhören, wenn sie sektbesoffen auf der Borgwürfeltoilette mit dem Schwanz in der Hand am Pissoir beginnen ehrlich zu werden, sehen Sie das, was wirklich gedacht wird, abseits der Fabeln, der Buzzwörter, des Bullshitbingos, dann fällt die Fassade und die Rückseite ist dirty, let’s party: Sie hassen sich alle wie die Pest, müssen aber so tun als wenn sie sich mögen, und wenn ich meinen Bonus bekomme, weiß ich genau, dass keine dieser grinsend vorgetragenen Gratulationen, keiner dieser jovialen Schulterklopfer ehrlich gemeint ist und ich mit dem Geld, das sie mir für die Wochenenden, die Überstunden und die vielen einsamen Reisen in dumme westdeutsche Sichtbetonstädte gegeben haben, die nächsten Tage das Hauptthema beim Kaffee, bei der Kippe oder auf den Nachhausewegen sein werde. Und sie werden mir das so wenig gönnen wie allen anderen vor mir. Ich weiß das. Weil sie das bei allen anderen auch so machen.

Dabei weiß ich immer noch nicht, was das ganze Raffen bringt, wenn sie es zum reinen Leben schon lange nicht mehr brauchen. Muss der zweite Tesla vor die Tür? Die dritte Immobilie an den Start? Und was kommt dann? Noch mehr? Warum? Der Sinn erschließt sich mir nicht. In 40 Jahren werden wir alle tot sein. Oder in 50. Möglicherweise früher. Sie. Ich. Alle anderen. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht dämmern Sie nur jahrelang bis zur 100 dement vor sich hin und wissen nicht mehr, wie Sie heißen, vergessen alles, was mal wichtig war, raffen gar nichts mehr, blicken nix mehr, finden Ihren eigenen Penis nicht mehr, regen sich aber zumindest auch nicht mehr über millionenvillenkaufende Politiker auf. Weil das endlich so schön egal geworden ist (haha).

Wenn es ganz fies läuft, kriegen Sie noch alles hellwach mit, die Villa, den Minister, die ganze Dekadenz, kacken aber in eine Windel und ein missmutiger unterbezahlter Pfleger darf Ihnen die verkrustete Scheiße vom Arsch wischen, während der Millionenminister auf Ihrem winzigen Zimmerbildschirm wohlfeile Wortblasen in die ARD-Mikrofone, die Sie auch dann immer noch bezahlen müssen, bläht. Na? Immer noch Bock auf den zweiten Tesla? Oder doch auf die Privatpflegerin und den Pornoflatscreen, auf den Sie sich BlackShiva5 in Originalgröße für das Besamen der den ganzen Tag getragenen Hilfigersocke streamen können?

Und hey, nein, ich höre nicht auf, bitte sehr, wenn Sie noch mehr Pech haben, siechen Sie unter Qualen vor sich hin. Wochenlang. Monatelang. Am Leben gehalten von Beatmungsmaschinen, künstlichen Lungen, Blutwaschungen, Dialyse, Bestrahlung und dem ekligen Katheder in der Schwanzröhre. Buhu. Das sind die Optionen. Das ist unsere Zukunft. Meine. Ihre auch. Mehr kommt nicht. Hopp. Topp. Tot. Da hilft euch eure ganze Gier nicht. Euer ganzer Neid auf die Gepamperten. Das ganze Leben lang. Tesla. Gierlappenbanker. Maybachdirektoren. Dumm wie weißes Papier streamende Plastiktittenmillionärinnen. Und natürlich die obszön fette Villa (Sauerei! Der Spahn! Mann! Was reg‘ ich mich auf!).

Ach nein, doch doch, ich glaube, ich bin frei davon geworden, fast jedenfalls, meistens, ich bin besser geworden, glaube ich, zufriedener, wenn Sie so wollen, chill chill-o-mat, wobei, hier, bei dem Bürotippspiel, dem langweiligen Fußballbundesligablödsinn mit zehn Euro Einsatz, den ich nur mitspiele, um mich sozial nicht zu isolieren, echt mal, dass der Müller den Pott abgegriffen hat, ausgerechnet der Müller, der Anfang des Jahres schon den höchsten Bonus eingesteckt hat, obwohl er viel weniger Reisen als ich in hässliche westdeutsche Sichtbetonstädte gemacht hat, nervt mich dann doch, zeckt mich, ausgerechnet der, zeckt mich das, nur ein wenig, ein ganz wenig, denn ich bin ja nicht neidisch, aber der Müller, was muss ausgerechnet der…