Hier ist Nacktbereichszone

(2011)

Thermen am Europacenter. Was für eine Geisterbahn, meine Güte, ein Gruselkabinett, lauter rückenbehaarte Bierwannenträger, feist mit gespreizten Beinen auf der Liege lümmelnd, deren verkümmertes aber stolz zur Schau gestelltes Gemächt wie an einem Glockenseil um die Kniekehlen schlackert und nicht weniger breitbeinig auf Liegen gewährte Einblicke in ausgeleierte Körperöffnungen, die ich mir gerne erspart hätte, wenn ich gewusst hätte, wo ich hinschauen soll vor lauter wandelnden und sich räkelnden Prüfungen meiner Selbstbeherrschung.

Wer hierhin Kinder mitnimmt, hat kein Gewissen und zahlt später völlig zu Recht viel Geld für den Therapeuten.

Oll wie die Gäste ist auch die Einrichtung, es mufft irgendwie, blättert hier, gilbt da, es ist fast als schwämmen sich hier immer noch die Reste der Westberliner Laubenpieperschickeria der Nachkriegsjahre die Angst vor der Roten Armee vom Leib, bevor es weiter geht ins alte Café Kranzler, in dem sie darauf warten, Günne Pfitzmann und Olle Juhnke zu treffen, um den Abend dann im Café Keese beim Ball Paradox ausklingen zu lassen.

Nein, ich habe kein Problem damit, mich nackt unter andere Nackte zu mischen, ehrlich, da bin ich freizügig, tolerant gar, jedoch lieber wäre es mir, würden sie nicht beinespreizend auf Liegen liegen, Schamlippen und Hoden auf den Oberschenkeln, zwischen den Knien oder auch nur auf dem orangen 80er-Jahre-Handtuch abgelegt. So ein wenig Contenance würde ich begrüßen, nur ein wenig.

Aber nein, keine Sorge, ich halte auch das aus. Ich halte alles aus. Wer einmal bei Hertha beim sich schon vor dem Anpfiff vollkotzenden und Affengeräusche mimenden Bieradel gestanden hat, in Wacken mit fehlgeleiteten Vroudenspilfans im Matsch versifft ist, einem Politiker die Hand geschüttelt hat (Schröder, Oettinger, Wowereit, tut mir ja auch leid), mit Heiko am Tresen abgekackt ist oder einfach mal am Wochenende mit der U7, U2 oder M4 fährt, der hat alles Grauen dieser Erde gesehen, den schockt nichts mehr. Auch keine ausgeleierten Schamlippen und lederhautartigen Glockenseilhoden, die sie hier in den Thermen wie Haustiere spazieren führen.

Viel schlimmer als ihre Lust, ihre Körperöffnungen in die abgestandene Luft zu halten, ist, dass sie alle so furchtbar griesgrämig starren, diese miesepetrigen Menschen, und so verbittert, verbiestert spaßarm und mit heiligem deutschen Ernst die Fahne ihrer Nacktheit hochhalten („Legen Sie das Handtuch hin! Hier ist Nacktbereichszone!“), wahrscheinlich nur, weil ich noch nicht ganz so viel Salzkruste angesetzt und die von Rolf Eden in eine Schiefertafel gemeißelten heiligen Regeln noch nicht auswendig gelernt habe („Wo sind Ihre Badelatschen? Die Dusche ist nur mit Badelatschen zu betreten!“), echt, wenn sie sich doch einfach mal locker machen würden oder einfach nur hier wären ohne gleich schon wieder klischeemäßig zu blockwarten („Das Handtuch nicht auf den Boden legen! Die Ablagefläche befindet sich in der Ecke rechts!“) und dabei so derart unfreiwillig komisch-biestig zu schauen, dass ich mich bei dem Wunsch ertappe, ihnen zuzurufen: Habt keine Sorge, alle Menschen werden alt und wabbelig. Hässlich und fett sowieso. Auch ich. Wirklich. Keine Sorge, Zeit heilt alles und der Tod ist die einzige Gerechtigkeit, die es hier auf der Erde gibt. Der trifft jeden, auch mich. Ehrlich. Mich auch. Nicht nur euch. Ist das nicht tröstend?

Doch ich sage lieber nichts, sie würden es nicht verstehen und wieder nur übel nehmen. Denn sie verstehen nie. Und nehmen immer übel. Alle. Menschen sind in der Mehrheit humorlos. Ironiebefreit. Und immer sehr ernst. Hier besonders. Hier noch einmal potenziert. Hier ist Therme.

Was sagt man? Saunisten sind locker? Entspannt? Chillig? Am Arsch die Räuber. Im Europacenter herrscht der Hauswart, der alles sieht. In dieser Gartenzwergheimstatt der Falschparkeraufschreiber. Und die Hecke bitte nur 143,7 cm hoch. Hat der Vorstand so beschlossen. Zucht und Ordnung. Nackte Disziplin. In Badelatschen. Und mit Glockenseilen.


Das ist ein etwas älterer Text, hier anlässlich der Insolvenz der schlimmsten Saunalandschaft der Stadt noch einmal als letzten Gruß rausgekramt. Das Ding habe ich irgendwann 2011 jung, dynamisch und wild auf dem schon längst gestorbenen Bewertungsportal Qype geschrieben, auf dem es ein paar Monate überlebte und dann wegen Beschwerden (ja sicher, bierernste Meldemuschis gab es damals schon) gelöscht wurde. Dann habe ich es ein paar Jahre später noch einmal überarbeitet und auf einem alten, inzwischen gelöschten Blog veröffentlicht, was mir den ersten, wenn auch vergleichsweise kleinen lustigen Shitstorm irgendwelcher Empörten (und vor allem Empörtinnen) wegen Ageism oder irgendeinem anderen modischmoralischen Mist einbrachte und es reihenweise diese Kommentare und E-Mails „Ich les‘ dich schon seit 80 Jahren einmal um die Welt, aber das hier ist zu viel. Jetzt reicht’s, ich gehe“ regnete, die mich nicht interessieren, weil ich das hier gar nicht wegen Geld, Ruhm, Reichweite oder so einem Scheiß wie Einfluss mache, sondern aus schierem Bock.

Und echt mal, meine Güte ja mann, buhu, nochmal, ich weiß, ich werde auch alt, fett, hässlich und werde sterben ( … na, angst … ?) und auch meine Eier werden voraussichtlich irgendwann kurz vor dem Abnippeln in ihren beiden ausgeleierten Säcken wie Glockenseile um die Kniekehlen schlackern, dann dürfen die dämlichen Millennials üble primitive höhnische Texte über mich alten Stricher schreiben, wobei sie das nicht machen werden, weil Millennials viel zu brav, angepasst, fad und bräsig dafür sind.

Ach ich weiß auch nicht, diese ganze Einordnung hier macht die ganze Sache schon wieder so lame, würdelos und halbseiden. Als würde ich irgendwas einordnen wollen. Egal. Wie immer alles egal. Hier ist er wieder, fürs Protokoll, der alte Schinken, salzig und trocken. Müssen Sie durch.