Dieses Geseier (3)

Böh. Es schüttet wieder Geseier aus Kübeln. Heute im Wartezimmer beim Arzt. Und natürlich ist so ein Wartezimmer traditionell ein Ort, an dem zu viele nicht die Backen halten können, sondern Wortbrechdurchfall im Raum verteilen müssen.

Wobei das besser geworden ist in den letzten Jahren. Viele verdammen die Erfindung der Smartphones. Ich nicht. Seit den Smartphones quasseln die Leute im Schnitt weniger dumme Scheiße in endlosen Monologen, die ich mir anhören muss. Blöd nur, dass immer noch nicht jeder ein Smartphone hat oder eines hat und es leider nicht dafür verwendet, sich zu beschäftigen anstatt zu reden. Wie jetzt. Wie heute. Wie hier.

Neben mir sabbelt eine Alte schon seit zwanzig Minuten auf eine andere Alte ein: „Und? Was haben Sie so? Unterleibschmerzen? Oje. Ich hab‘ ja Bandscheibe. Vier Wirbel. Nacken zwei. Lende auch zwei. Meine Tochter hat das jetzt auch. Die ist gerade drin. Hat so Angst. Ist aber nicht schlimm, hab‘ ich gesagt, ein paar Spritzen, dann geht das wieder. Vier Wirbel waren es bei mir. Sie hat ja so Angst. Aber das ist nicht schlimm, sag‘ ich immer. Die paar Spritzen. Nicht schlimm. Aber sie hat ja so Angst. Ich hab‘ das ja auch durch. Vier Wirbel…“

Sie nudelt eine Endlosschleife aus immergleichen Aussagen in den stickigen Raum und mir fließt ein Stück Hirn aus dem Ohr. Ein Elend. Weil viele Leute immer denken, andere Leute würden nicht richtig zuhören, wiederholen sie sich, um sicher zu gehen, verstanden worden zu sein. Gerne zwei Mal. Mehrmals. Immer wieder. Die Alte hier auch. Wiederholt die Suada. Bandscheibe. Wirbel. Nacken. Lende. Spritzen. Nicht schlimm.

Böh.

Die Torte neben ihr ist dabei wie so oft nur Stichwortgeber für die eigene endlose Wortschwallkotze. Diese Sabblerin sucht wie so viele nur einen Rezeptor, an den sie andocken kann, um zu reden. Dazu fragt sie irgendwen irgendwas, interessiert sich aber nicht für die Antwort, sondern seiert bei der ersten Atempause des Wirts das eigene Programm runter. So ein Rezeptor kann irgendwer sein, völliger Zufall, absolut egal, wer da gerade zu nah in der Nähe ist und als Wortmülltonne ausgesucht wird. Sie. Ich. Der Hausmeister. Die Verwesungsgase aus der Lunge seufzende Leiche von Fips Asmussen. Egal. Jemand muss ihnen zuhören, weil solche Informationsmüllverklapper vermutlich sonst platzen wie ein Fahrradreifen, der seine Luft im Bauch nicht los wird. Ich kann mir bis heute nicht erklären, was bei solchen Leuten schief gelaufen ist, wer da bei welcher Vermittlung von welchen sozialen Konventionen so gravierend versagt hat, dass diese Gestalten immer denken, es sei vollkommen in Ordnung, jemanden ungefragt mit endlosen Wortwasserfällen zu waterboarden, vorzugsweise an Orten, von denen andere nicht einfach weggehen können. Wie in so einem Wartezimmer.

Dann kommt die Tochter aus dem Arztzimmer daher. Die ist mindestens vierzig. Die Alte seiert nun mit Mütterchenstimme in die andere Richtung:

„Siehst du? War nicht schlimm, hab‘ ich doch gesagt. Ich hab’s ja auch hinter mir. Vier Wirbel. Das ist nicht schlimm. Du musst keine Angst haben. Ist nicht schlimm. Vier Wirbel waren es bei mir. Ein paar Spritzen und dann geht das wieder. Bei mir war das auch nicht schlimm. Vier Wirbel. Musst du keine Angst haben…“

Ich spüre etwas Hirn die Wirbelsäule Richtung Arschritze hinunter laufen. Voll verflüssigt, die Matschbirne, weichgequasselt, geliert, danach verdampft, Hirnzellenmassensuizid, denke ich, als die Tochter wieder ins Arztzimmer gerufen wird. Kurze Pause. Die Welt holt Luft. Leider nur einige Sekunden, dann wendet die Alte sich mir zu:

„Und? Was haben Sie so?“

„Ich habe Arschkrebs, Hirnverflüssigung und mein Penis fault weg. Sie überlegen jetzt, ob sie mir den Penis des Typen, der gestern auf der Frankfurter Allee vor den Laster gelaufen ist, rannähen, nachdem sie seinen abgetrennten Kopf schon für die Dauerausstellung mutierter Körperteile der Charité eingeweckt haben. Braucht der ja nicht mehr, seinen Penis, und ist auch nicht schlimm sowas, ein paar Spritzen, Penis ab, Penis dran, ich hab‘ das ja schon durch, die paar Spritzen, muss man keine Angst haben, viermal schon. Vier Penisse. Ab. Ran. Zack. Ist nicht schlimm. Hab‘ ich schon durch. Viermal. Jaha. Muss man keine Angst haben. Keine Angst. Nicht. Nie.“

„Herr Zimmermann! Arztzimmer Zwei bitte!“

„Tschüssi. Und immer dran denken. Muss man keine Angst haben. Penis weg. Penis dran. Viermal. Kein Problem. Haha und ich hab‘ gar keine Angst. Merken Sie schon wie es fließt? Das weiche Hirn? Aus den Ohren raus? Die Wirbelsäule runter? In die Arschritze? Willkommen in meiner Welt. Hahaha. Tschüsstschüsstschüss. Und immer dran denken: Muss man keine Angst haben. Ist gar nicht schlimm. Hahaha. Tschüsstschüsstschüss.“


Dieses Geseier (2)