Die Solariumsituation

Manchmal, wenn das Wetter so schlecht ist wie letzte Woche, brauch‘ ich Sonne. Sonne aus Röhren, wenn das die letzte Sonne ist, die an einem dämlich verregneten Sommertag überhaupt noch scheint. Sonne her, egal wie, egal wo, auch wenn es eine Sonne ist, nach deren Konsum ich so seltsam nach verbrannten Hautpartikeln stinke, so dass das Kind die Nase rümpft wie sie nur ein Kind rümpfen kann und mich unter die Dusche schickt. „Papa, du stinkst nach Solarium. Geh duschen.“

Und ja, ich weiß es ja. Wirklich, ich weiß es. Solarium ist böse wie Rauchen oder ohne Kondom ficken oder Atemschutzmasken blöd finden. Denn die Moralapostel moralaposteln: Wer ins Solarium geht, der riskiert, dass ihm irgendwann die Hautschichten einzeln vom Muskelfleisch abblättern, rissig lederartig verkohlt sich rollen, dabei bösartige blubbernde Metastasen bilden und sich in fiesen Blähblasen ablösen, bevor sie endlich zerplatzen und eine Eiterspur nach Hause legen, die die bemitleidenswerte Stadtreinigung mit Chemikalien wieder vom eingebrannten Asphalt ablösen muss. Argh.

Aber stimmt schon, einige der Lederhautkunden meines Solariums sehen wirklich so aus, als sei es bald so weit mit den Blähblasen und der Ablösung der Epidermis. Ich frage mich bei denen immer, wie oft am Tag die da hingehen, diese ganzen Winnetous, denn: Einige Solarien bieten in der Verzweiflung über immer weniger sonnenbankende Kunden ja immerhin eine Flatrate an, einmal zahlen, tausendmal monatlich hingehen, was sich für mich zwar nicht rechnet, weil es in Berlin dann doch nicht mehr so oft regnet, aber für diese Dauersonnendruckbetankungszombies offenbar schon. Das ist wahrscheinlich wie beim All-you-can-eat-Buffet, bei dem sie alle immer viel mehr essen als ihnen gut tut, weil sie haben das ja bezahlt und wollen ums Erbrechen so viel wie möglich von dem Zeug mitnehmen.

Mein Solarium nimmt auf meiner persönlichen Liste der Orte mit der größten Personalfluktuation die einsame und unschlagbare Spitzenreiterposition ein. So oft wie dort wechselt nicht einmal bei meinem prekären Fitnessstudio das Personal. Die Arbeitsatmosphäre im Zusammenwirken mit der Bezahlung dort beim Sonnenbankflavour muss so unterirdisch sein, dass ich jedesmal, wenn ich dort bin, eine neue Frau an der Kasse sehe. (ja, Frau, und nur Frau, tut mir ja auch leid, in meinem Solarium arbeiten nur Frauen und zwar nur welche mit dicken quietschbunten, wenn auch schon etwas abgeranzten Plastikschaufeln an den Fingern. Hat schon mal jemand ein Solarium mit Mann gesehen? Oder ohne eine Frau mit Plastikschaufeln statt Fingernägeln? Ich nicht. Isso. Macht doch ne Quote, wenn euch das nicht passt.)

Lustige Typen von Frauen arbeiten da sowieso. Ich hatte schon hellersdorf-rotzig („50 Euro? Wattnditte? Jeht’s noch grössa?“), wedding-prekär („Kennsta aus? Och jut. Muss ick nüscht tun. Ick hab heute keen Bock.“) , steglitz-zehlendorf-hochnäsig („Ich weiß nicht womit ich es verdient habe, den Schweiß anderer Leute aufzuwischen, ich finde, man sollte meinen Schweiß vielmehr in Flakons abfüllen und teuer verkaufen.“), charlottenburg-edel („Ich bin eigentlich zu fein hier zu arbeiten, aber Papa sagt, mit 25 soll ich wenigstens mal versuchen zu arbeiten, bevor ich jemand anderen finde, der mich versorgt.“) und auch manchmal sogar sehr freundlich (wahrscheinlich nicht aus Berlin, sondern aus Bayern, Hamburg, Polen, Weißrussland oder Chisibubikaio, alles, von überall her, nur nicht aus Berlin).

Heute ist eine neue Frau hinter dem Tresen. Sie klingt fordernd. Resolut. Sehr ernst.

(Dingdong)

„Moin. Einmal die 11 für 15 Minuten.“

„Bist du registriert?“

(Sie duzt mich. Im Solarium wird immer wanzig geduzt. Ich hasse es, wenn sie mich duzen.)

„Nein, zum Glück nicht.“

„Dann musst du das hier ausfüllen. Name, Geburtsdatum und Adresse und so. Und Daten über deine Haut.“

„Nee, lassen Sie mal gut sein. Möcht‘ ich nicht.“

„Musst du aber.“

„Nein, sicher nicht. Aber danke trotzdem.“

„Ich kann auch nichts dafür, das ist jetzt Gesetz. Von der EU. Wir müssen jetzt alle Kunden registrieren.“

„Wat? Gesetz? EU? Is‘ nicht wahr.“

Ist nich wahr? Is wahr? Is nicht wahr? Oder doch? Was weiß ich denn, was sie wieder für Gesetze machen.

Weiß man’s? Mein Paranoiadetektor fiept in meinem Ohr. Kann das sein? EU-weite Erfassung von Solariumkunden? Wer will das? Sind es wieder die Gesundheitsayatollahs, die jetzt eine neue Sau suchen, die sie durch die nicht-mehr-rauchenden Gassen scheuchen können? Werden Solariumkunden jetzt registriert, katalogisiert und überwacht wie Aussätzige, Coronaurlaubsrückkehrer, Asylbewerber oder Hartzer? Ja klar, lass mal rumspinnen, die Daten gehen wahrscheinlich direkt an die Krankenkasse, zusammen mit der Coronaadressliste vom Steakhaus, an der sich auch die Polizei bedient, so dass die Krankenkasse meine Ernährung tracken kann, aus der sich die individualisierten Krankenversicherungsbeiträge ergeben. Steak = Herzkreislauf = Zusatzbeiträge. Haha. Und jetzt hier. Ich soll wahrscheinlich demnächst meinen Hautkrebs selber zahlen, wenn ich über der monatlichen Besonnungsquote liege, nicht? Nein? Oder ich kriege einen saftigen Risikoaufschlag bei meiner Krankenkasse. Was weiß ich denn, kann doch sein, sagt der kleine Paranoia-Joe hinten in meinem Kopf und springt auf und ab wie ein Derwisch.

Tick Tack. Kann das echt sein? Regulieren die Gesundheitsnazis jetzt die Solarien? Will der Helikopternannystaat wirklich wissen, wer sich von seinen unmündigen Kindern so alles auf die Sonnenbank legt? Mit den Rauchern sind sie ja durch. Die sind plattgemobbt, marginalisiert, dürfen demnächst wahrscheinlich nicht mal mehr auf ihren eigenen armseligen zugeaschten Balkonen rauchen, aber dafür bald bestimmt ihren Lungenkrebs selber bezahlen, wenn sie von Nachbar Kowalke bei der Heimat Krankenkasse (nein, das ist keine von mir erfundene Gesundheitsnazikrankenkasse, die gibt’s wirklich) verpfiffen worden sind oder irgendwann auch endlich ihre eigene Datei haben, in der sie mit der Anzahl der am Tag gequarzten (und gechippten) Kippen registriert sind und sich die Höhe des Versicherungsbeitrags daran orientiert.

Was?

Hier so knistert?

Das ist mein Aluhut. Haha.

Was kommt nach der Solariumdatei? Wessen Kopf darf es sein? Wen trifft es? Wer ist noch zu ungesund? Die Schweinshaxenfresser? Für die Allgemeine Fleischesserdatei? Mit den Untergruppen Huhn, Rind, Lamm und Dönertiergrind? Und dürfen die dann auch die Kosten für ihren späteren Bluthochdruck selber bezahlen – gestaffelt nach Fleischsorte? Huhn günstiger weil gesünder, Rind teurer weil voll böse. (Rotes Fleisch!)

Hey, komm, was fehlt noch? Ich bin gut drauf. Spinnen wir mal weiter. Die Datei für die Dicken. Klar, oder? Natürlich! Jeder, der kilomäßig dreistellig ist, zahlt alles selber. Was soll das die Allgemeinheit zahlen? Kaputte Knie, Herzprobleme, Atemnot, Hirnkoma, egal, alles eben, sollen die alles selber zahlen. Dafür sind die ja registriert. Muss sich doch lohnen, der ganze Aufwand. Doch. Ja. Es braucht mehr Fitnesstracker. Vollvernetzte Körperfettwaagen. Pulsmesser. Ernährungstagebuchapps. Mit WiFi-Verbindung. Und ab mit alldem zur Krankenkasse. Und sie werden alle mitmachen, ganz sicher. Sie machen immer alle mit. Bei allem.

Okay. Noch eine Runde, eine kleine Wahnsinnsfahrt. Wir brauchen mehr Dateien. Was fehlt noch? Marathonläufer (Fersensporn!), Dachdecker (Steißbeinbruch!), Ehemann meiner dämlichen Vorgesetzten (Ohrenbluten!) und natürlich die Ohne-Kondom-Ficker (die kennen sich ja sowieso schon mit höheren Beiträgen aus).

Ja. Doch. Her damit. Mehr Dateien. Sollen die doch alle ihre Scheißkrankheiten selber zahlen. Sind ja auch selber schuld.

„Richtig so, hängt sie höher“ gröhlt der Stammtisch und hämmert mit den Bierhumpen auf den Eichentisch …

… aber nur so lange bis sie sich beim Kneipenbesuch registrieren müssen, die Anzahl der fiesen kleinen Jägermeister in der Alkoholikerdatei erfasst wird und der ganze Stammtisch ab sofort auf den Kosten seiner zwangsläufigen Leberzirrhose sitzen bleiben wird.

… und im Hintergrund singt Pink Floyd „Together we stand, divided we fall“ …

Ach was Unsinn, ist doch nur Spaß, so etwas wie eine gesetzliche Pflicht zur ordnungsgemäßen Registrierung für Kunden von Solarien gibt es gar nicht. Schon gar nicht von der EU. Die Alte da an der Solariumkasse erzählt Müll. So etwas machen die nicht. Oder doch? Oder nicht? Oder doch? So weit hergeholt ist das gar nicht, oder? Kann man fast glauben. Heutzutage. Ich weiß es nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts. Ich weiß nie irgendwas.

Ich habe es geglaubt. Ihr geglaubt. Das mit der Pflicht. Zum Adressenangeben. Hauttypangeben. Das Gelesenhaben der ätzenden Gesundheitsbelehrung bestätigen müssen. Und ich habe alles angegeben. Ehrlich. Mich völlig nackig gemacht. Also alles so geschrieben wie es der Wahrheit entspricht:

Name: Terrence Hill
Geboren: 7. November 1917 in Winsen an der Luhe
Adresse: Prospekt Pobediteley 31, Minsk 220126
Hauttyp: New York Cheesecake gepaart mit dunklem Hirschleder

Blep Blep.

(…)

Ich habe zuhause recherchiert. Bin ja neugierig.

Es gibt kein Gesetz, dass man als Solariumkunde jetzt erfasst werden muss.

Nein, auch keines von der EU.

Null.

Es ist auch nicht Bestandteil einer dieser Coronanotverordnungen, von denen jedes Bundesland eine hat.

Nix.

Ich wurde angelogen.

Um meiner Adresse willen. Für die Datenbank.

Gratulation Solarium.

Küsschen.

In Liebe.

Euer Terrence Hill.