Tangermünde / 2020

Altmark. Die Gegend ist ein Sammelbecken für gestörte Autofahrer. Einer tickt hinter mir schon seit der Autobahnabfahrt ohne auch nur eine Sekunde einzuhalten komplett aus. Fährt Schlangenlinien. Hupt. Fährt dicht auf. Dann lässt er sich zurückfallen. Nur um schnell wieder dicht ranzukommen. Und noch einmal. Abstand. Dicht drauf. Abstand. Dicht drauf. Wieder um wieder. So fährt er Auto.

Er ist ein Psychopath. Wer wo warum seine Hand über ihn hält und ihm den Führerschein belässt, kann ich mir denken, ohne es natürlich beweisen zu können. Er muss die Leichen in den Kellern aller Polizeiposten und Führerscheinstellen der Region kennen und dieses Wissen für die zahllosen Verfahren nutzen, die ihm anhängen müssen wie ein Kometenschweif. Anders kann ich mir nicht erklären, dass dieser Mensch ein Fahrzeug in der Fahrzeugnahrungskette oberhalb eines Kettcars fahren darf.

Warum er hinter mir dauerausrastet, ist mir natürlich bewusst, weigere ich mich doch, die drei Laster zu überholen, die vor uns mit 60 entervenden Kilometern die Stunde diese kurvige Landstraße auf der Suche nach ihrer Baustelle entlang tuckern. Und das macht ihn fertig. Treibt ihn in die Hypertonie. Ich sehe ihn hinter seinem Steuer gestikulieren, ich meine sogar ihn brüllen zu sehen. Das geht so lange, bis ich endlich auf einem geraden Abschnitt einen der Laster überhole, wonach er lichthupend hinter mir her jagt, so dass ich abenteuerlich zwischen zwei Lastern nach rechts einschere und er endlich an mir vorbeiziehen kann.

Ich lege mich fest. Er ist ganz klar ein Psycho. An Macke nicht zu überbieten. Das kann ich einschätzen, ohne Psychiater zu sein.

Dem Psycho folgt bereits zehn Minuten später der nächste Psycho. Der in seinem lila-metallic getunten Renault Twingo (!) diese wohl landestypische PS-Landstraßenmobbershow abzieht. Lichthupen. Schlangenlinien. Gestikulieren. Mir in den Kofferraum kriechen. Tangermünde ist recht weit von der Autobahn weg. Das führt zu viel Landstraße mit sich. Zu viele Laster. Zu viele Psychos hinter mir. Ich prangere das an.

Ich fahre durch einen Ort namens Groß Schwarzlosen. Ja. Aber klar. Ich weiß, was Sie denken und ich weiß vor allem, was ich denke: Groß Schwanzlosen. Haha. Fünfklässlerhumor. Ich mag das. Immer noch. Da kann ich noch so alt werden, aber Witze mit Schwänzen bleiben witzig. Schlichter Humor. Aber ja, aber egal.

Es gibt auch Klein Schwarzlosen, was sogar noch witziger ist.

Eine Wolke am Himmel über mir sieht aus wie ein Penis mit Eiern. Ja. Heute ist ein guter Tag.

In Tangermünde angekommen steht ein Auto in einer Gasse, dem der Eigentümer „Ich bin hier der Chefpilot!“ auf die Heckscheibe geschrieben hat. Warum tut jemand so etwas? Was will er damit erreichen? Wen beeindrucken? Oder ist das ein Prank?

Meine Vermieter sind Künstler. Alles in dieser Bude, in der ich mich über irgendein Internetportal mit Rabattaktion eingemietet habe, ist furchtbar verspielt. Wie eine Puppenstube. Irrwitzige kleine Holzschnitte zu absurden Preisen hängen überall rum. Vasen. Antike Töpfe. Trockenblumenshit. Ich traue mich kaum, irgendwas anzufassen, aus Angst, es zu zerbröseln, zu verschmieren oder umzuwerfen und in tausend kleine Scherben zerklirren zu lassen.

In Wohnungen wie diesen nehmen sie neckische Untersetzer mit irren farbigen Mustern für Designergläser und trinken nie das Bier aus der Flasche. Wir könnten uns fremder nicht sein. Dort die Ästheten. Filzhalbschuhe. Graue Weste. Quietschbuntes Hemd dazu. Teedosen. Trockenblumengedecke. Büsten. Holzskulpturen. Viel Gerahmtes. Und heuer zu Gast der Proll. Mit ausgelatschten Adidasgammelsneakern. Versiffter kurzer Hose. Fleckigem Shirt. Und null Sinn für Kunst. Nie gehabt. Exemplarisch ein Dialog: „Drüben auf der anderen Seite der Altstadt haben sie eine Brauerei aufgemacht. Als Crowdfunding. Genossenschaftlich. Sie können die Brauerei besichtigen. Ist alles liebevoll restauriert im alten Gemäuer.“ „Klingt jut. Ick mag Bier. Wird dann wohl spät heute.“ „Die Gastronomie hat heute zu, aber Sie können die Brauerei besichtigen.“ „Oh. Okay. Dann wohl andermal.“

Stille.

Mag ich.

Diese Stille dann. Wenn ich Dinge wie diese sage.

Und meine Vermieter nicken. Milde. Mit einem Hauch Resignation.

Später zum Nachmittag wird sie aufmerken. „Oh, Sie kochen?“ kommentiert sie, die Künstlerin, unabsichtlich herablassend meinen Einkauf, aus dem ein Porree herauslugt. Den zu überrascht um höflich zu sein geratenen Unterton bekommt sie nicht überspielt. Und ich weiß, was sie denkt. Sie denkt, was alle denken. Der Typ McDonalds. McRib im Menü mit Pommes und einem Doppelcheese. Möglicherweise noch einen McFlurry mit geraspeltem KitKat. So sehe ich aus. Nicht wie jemand, der kocht. Kochen kann. Will. Oder auch nur irgendetwas anderes abseits des Ofens für die Trattoria Alfredo Lidlkacksalamipizza bedienen kann. Stereotype. Sie schließt natürlich von außen nach innen, diese Künstlerin. Wie wir es alle machen. Wäre ich eines dieser Twitterschneeflöckchen, könnte ich mich jetzt medienwirksam empören. Über Bias. Dieses fürchterliche Modewort daueraufgeregter Sensibelchen. Ich könnte es um mich werfen wie eine Stinkbombe. Aber ich will nicht. Denn ich finde das ständige Empören lächerlich.

Den beiden Künstlern merke ich deutlich an, wie sehr das alles hier für sie unter ihrem Niveau ist. Das Vermieten eines Teils ihrer liebevoll geschmückten Butze. Das Drapieren der unwürdigen Klopapierrollen für mich auf dem sorgsam gefliesten Podest hinter dem Gästescheißhaus. Das stupide Erklären der Mülltrennung. Und wie die Fenster und Türen des 300 Jahre alten Hauses funktionieren. Nicht zu vergessen die hilflosen Zettel mit den Kontaktdaten der Galerie. Falls doch jemand mal einen winzigen schief gerahmten und auf jeden Fall potthässlichen Stich der örtlichen Dorfkirche für 260 Euro haben will.

Der Osten ist voll von solchen Leuten. Dieser besondere Typ Aussteiger. Diese Sorte Pärchen sehe ich nicht zum ersten Mal. Lychen. Wittstock. Neustrelitz. Überall sind sie und werden langsam alt, die desillusionierten Westpärchen aus einer längst verschwundenen Aufbruchzeit mitten in diesen entlegenen Ostzonenprovinzen. Ich kann das genau skizzieren. Vor irgendwas um die 25 Jahren sind sie in der Nachwendeeuphorie mit aus den Ohren quillender Romantik aus dem Sauerland, dem Stuttgarter Talkessel oder ganz einfach Frankfurt am Main in die ach so ursprünglichen Landstriche der abgewickelten DDR rübergejammt. Bisschen was Geerbtes in der Tasche. Davon irgendwo weit draußen abseits aller Infrastruktur ein vernachlässigtes Haus geschossen. In der Altmark. Uckermark. Seenplatte. Oderbruch. Entkernung. Renovierung. Viel Idealismus. Träume. Eröffnungen mit Rotkäppchensekt. Eine Galerie (die nicht läuft), ein Café (das nicht läuft) oder einen Buchladen (der nie lief und dem jetzt Amazon den Rest gibt). Und am Ende aller Optionen, bevor gar nix mehr geht, kommt die Dumpingübernachtung mit Rabatt ab drei Nächten bei booking.com für blöde Hannoveraner, Gießener, Nürnberger, vor denen man eigentlich mal geflohen ist, so tief in den Osten, 75 Kilometer von Magdeburg, der nächsten größeren Stadt, entfernt, sterbende Höfe, Elbhochwasser, Wüsteneien, undichtes Dach, Lidl und Penny, mieses Internet, AfD-Gemeinderäte, perspektivlose Restjugendliche aus dem osteigenen Männerüberschuss mit knatternden Mofas an Tankstellen, die nachts bierbedröhnt gröhlend die Fensterläden der alten Butze klappern lassen, die Fachärzte, für die man inzwischen anderthalb Stunden nach Magdeburg reinfahren muss, die Stille, die wenigen flüchtigen Bekanntschaften, die schon lange nach Berlin gezogenen Kinder, die nur noch an Weihnachten hier raus kommen, das Pfeifen des Winds an den undichten Doppelfenstern, das poröse Fallrohr, der feuchte Keller, das Fehlen an so vielem, was sie jetzt, mit über 60 und den schon winkenden 70, zunehmend unruhig werden lässt.

Pling. Pluff. Das sind die Träume. Hören Sie sie? Sie platzen. Auf dem EU-finanzierten Asphalt Richtung Stendal.

In Coronazeiten ein Frühstücksbuffet aufzusuchen ist keine gute Idee. Denn Frühstücksbuffets nach regulärer Lesart sind verboten. Also werden sie streng orchestriert. Tisch für Tisch soll nach vorne kommen, um dort von eigens eingestelltem Personal bedient zu werden. Natürlich klappt das nicht, denn alle haben Hunger, so dass sich schnell ein Menschenknäuel bildet, das bedient werden möchte und sich dewegen gegenseitig bekämpft. Ich bleibe am Tisch sitzen, trinke nur Kaffee und atme Atmosphärisches, warte, bis sie endlich essen: Keifende Rentner, plärrende Kinder, zickende Emopubertanten, eine alte Schachtel, die sich beim Personal beschwert, weil irgendwer gedrängelt hat. Deutschland. Das kann es nicht. Kooperation, wenn Hunger herrscht. So etwas kann Deutschland nicht. Sie würden sich totschlagen, wäre Totschlag nicht verboten.

Interessant ist, und das ist mir schon öfter aufgefallen, dass nur die jüngeren Gäste auf die Mundschutzpflicht hingewiesen werden, ganze Kohorten an Rentnern jedoch unbehelligt „gesichtsnackt“ (auch eine weitere großartige abwertende Wortschöpfung der Lockdownfanboybullys) durch die Szenerien laufen und das Personal zwar stets lugt, aber nichts sagt. Respekt vor dem Alter? Angst vor der sprichwörtlichen Renitenz? Oder Laissez-faire, weil die Alten ja, wenn man den Berichten glauben kann, nicht die Jüngeren zu Tode husten können, aber doch wohl umgekehrt.

Ich kucke Leute.

Eine Frau läuft zu einem Automaten, aus dem heraus ein landwirtschaftlicher Betrieb landwirtschaftliche Produkte anbietet. Als sie davor zum Stehen kommt, zieht sie ihre Atemschutzmaske auf. Was mich im Gesamtbild ratlos zurücklässt. Was plant sie? Möchte sie vermeiden, den Automaten anzustecken?

Am Hafen kommt mir eine dicke Frau im Blümchenkleid auf einem Fahrrad entgegen. Sie trägt Plastikohrringe in Kirschenoptik und an ihrem Lenker baumelt eine Boombox. Es läuft Rammstein. Engel. Erst wenn die Wolken schlafen geh’n, kann man uns am Himmel seh’n. Ich mag Rammstein. Aber ich finde Rammstein aus Boomboxen peinlich. Ich finde Boomboxen sowieso peinlich.

Nur wenig später kommen mir drei Jugendliche entgegen. Sie tragen eine dicke obszöne JBL-Bassrolle, aus der eklige Bausa-Quietschmucke quäkt. Ich korrigiere mich sofort. Dann lieber Rammstein, doch, dann lieber Rammstein.

Später stehe ich beim Bäcker. Ich frage, ob ich Butter auf die Laugenstange haben kann. „Das müssen Sie aber selber machen. Ich darf das nicht.“ „Okay, kein Problem, aber warum nicht?“ „Ist Vorschrift.“ Während ich meine Laugenstange mit der Butter einschmiere, frage ich mich, welcher Kleingeist Vorschriften in dieser Detailtiefe erlässt. Brüssel. Wahrscheinlich war das Brüssel. Nur Brüssel regelt solche Dinge.

Sie haben auch hier in Tangermünde wie auch schon in Sottrum einen örtlichen Besoffski. Er steht vor dem historischen Rathaus herum und spricht wen an? Genau. Mich. Er faselt was von Merkel. Corona. Und dass das alles hier doch gar nicht mein Ernst sein kann. Nicht dein Ernst! Mann! Rotes Gesicht. Zusammengekniffene Lippen. Purer Furor. Dabei habe ich nicht ein Wort zu ihm gesagt. Keine Positionierung angefordert. Ihn nicht einmal angeschaut, weil ich solche übergriffigen Gestalten von Berlin kenne und zum Kotzen finde. Ich höre ihm zehn Minuten zu, dann gehe ich rüber zum Fleischer auf eine Wiener. Es ist Geflügel.

Ein Nachbardorf namens Goldbeck, in direkter Nachbarschaft von Klein Schwechten, beherbergt eine Bundeskegelbahn. Die ich nicht besuche, weil ich glaube, dass Kegeln schlimm ist. Ich bin hier im guten alten Osten und dachte immer, dass Bundeskegelbahnen so typische 60er-Jahre-Westeinrichtungen sind. Ruhr. Kohle. Autobahndreieck. Pulsschlag aus Stahl. Kommissar Haferkamp. Bundeskegelbahn.

Statt Kegelbahn war ich im Wildpark Weißewarte, in dem ich einen ganzen Tag lang nichts anderes gemacht habe als für in der Summe locker 20 Euro Tierfutter in lustigen grünen Pappschachteln zu kaufen, das ich an Hirsche, Ziegen, Schafe, Rehe und einen Esel mit einem dauersteifen Penis (hihi) verfüttert habe, die jetzt von meiner wahnsinnigen Wagenladung Wildtierfutter bestimmt alle megafett werden und fortan auf Diät gesetzt werden müssen.

Als ich einmal in den fantastischen Exempel Gaststuben essen gehe, setzen sich kurz nach mir Sachsen neben mich. Wieder einmal. Das ist mein Naturgesetz. Egal wohin ich gehe, es kommen Sachsen. Ich habe das Gefühl, Sachsen sind überall, nur nicht in Sachsen vermutlich. Diese hier klimpern, nachdem sie den Raum betreten haben, auf dem Klavier, das im Raum steht. Blöken über die Tische. Einer grunzt unentwegt, als er das Hamburger Schnitzel mit Spiegelei bestellt, grunz, unnä Golä, grunz, on fürrdä Friedä ne Fonda.

Grunz. Was verstanden? Nee, ich auch nich.

Sie lästern über Berlin. Die Sachsen. Über Berlin. Das ist der Gipfel. Beziehungsweise der endgültige Absturz. Danach kann es eigentlich nicht mehr tragischer werden für die Hauptstadt, wenn selbst Sachsen…

„Se sinnä aus Berlin, oder?“

Die. Zu mir. Sprechen mich an. Natürlich tun sie das. Alle fremden Menschen, mit denen ich nicht sprechen will, sprechen mich gerne an, um mich an ihrem Leben teilhaben zu lassen.

„Doch. Berlin.“

Ja. Gotcha. Peinlich jetzt.

„Öh. Onwäsende ausgeschlossen. Hahaha.“

Hahaha. Ja. Witzige Truppe. Wieso habe ich kein Maschinengewehr dabei? Um mich selbst damit zu durchlöchern. Auf dass ich beim Essen keine lärmenden Sachsen mehr ertragen muss.

Tangermündes Spezialität nennt sich Nährstange. Tangermünder Nährstange. Nie von gehört. Es handelt sich um einen pappigsüßen Block, der Ihnen zuverlässig den Zugang zum Magen abdichtet und Sie für den Rest der Woche ernährt. Deswegen Nährstange.

Sonst beginnen sie überall in der Altstadt Tangermündes damit, auch hier den gesamten Prenzlauer Berg-Shit aufzufahren, den sie in allen deutschen Altstädten auffahren: Handgeschöpfte Schokolade für 4,90 die Tafel, Biobier den Liter für 7 Euro plus 3 Euro Pfand, lustige absurd überteuerte Gewürzteescheiße, Wollklamottenfuck, Trockenobstcrap, mundgeblasene Kinderbücher für 25 Euro die zehn Seiten. Nur einen Bioladen haben sie keinen. Kommt noch. Ganz sicher. Er fehlt hier.

Im sehr guten Lokal Zum Neustädter Platz esse ich draußen auf der Terrasse unter einem Schirm Fisch, als es zu nieselregnen beginnt. Das finden die drei Sachsen, die natürlich am Tisch neben mir sitzen, nicht gut, weil sie keinen Schirm haben. Weil ich manchmal auch freundlich bin, biete ich ihnen an, sich an meinen Tisch und damit unter meinen Schirm zu setzen, was sie sichtbar vergrätzt und was sie selbst für Sachsen eine Spur zu unfreundlich mit dem Verweis auf Corona ablehnen. Sie bleiben daher im Nieselregen sitzen und diskutieren, ob sie besser gehen sollen, trauen sich aber nicht, den bereits bestellten Fisch abzusagen, so dass der Fisch kommt und sie weiter sehr vergrätzt im Nieselregen Fisch essen müssen.

Dafür nörgeln sie, dass sich in der entgräteten Maischolle eine Gräte befindet und hören für lange Minuten nicht mehr mit dem Nörgeln auf. Der Kellner hört sich das Genörgle stoisch an und ich frage mich, ob er die Sachsen genauso gerne wie ich mit dem stumpfen Fischbesteck penetrieren würde.

Zwei Tische weiter sitzt ein Krebskandidat und quarzt einen Lungentorpedo nach dem anderen quer durch die Restaurantterrasse, so dass aus meinem Fisch ein Räucherfisch wird. Es scheint sich keine Verbotspartei in Sachsen-Anhalt zu finden, die das unterbindet.

Fischmesser ergeben keinen Sinn. Ich habe bis heute nicht gelernt, wie man sie bedient.

Kirchenglocken ergeben auch keinen Sinn. Sie bimmeln hier die ganze Nacht durch. Rätselhaft, wie die Leute das aushalten. Rätselhaft auch, dass der Lärmmüll legal ist. Alles verbieten sie, alles, aber das lassen sie durchgehen. Wo sind die Grünen, wenn man sie mal braucht?

Tangermünde soll Deutschlands schönste Kleinstadt sein. Ich glaube, das stimmt.

Tangermünde scheint mir auch das Zentrum der überall sonst so gemobbten „Maskensündermuffel“ zu sein. „Könnense ab lassen.“ sagen sie mir in gleich drei Läden und auf einem der Schiffe – mir, der ich ja niemandem Ärger machen möchte und schon gar nicht dem geschundenen darmpenetrierten Einzelhandel. Maskenmuffeleien. Sie haben keine Angst hier. Das mag ich am Osten des Landes. Wenig Angst. Sehr skeptisch. Schluckt nichts einfach so. Und grundsätzlich renitent. Das weiß auch der Dorfbulle, der mit seinem Polizeikleinwagen durch das Dorf gurkt und dabei so merkwürdig unbeteiligt wirkt, wenn die unmaskierten Menschentrauben mäandern.

Tangermünde. Kein Thor Steinar. Kein Ansgar Aryan. Kein Fred Perry. Dafür Metzgerei Haarmann.

Tangermünde. Eichenprozessionsspinner allerorten. Der Eichenprozessionsspinner ist immer noch der großartigste Name für einen Schädling nach dem Schwammspinner. (Ja, bleibt dabei, würde ich noch einmal wählen können, würde ich dieses Blog Schwammspinner nennen. Schwammspinner – Berlin ist nicht Haiti.)

Und eines bestätigt sich wieder: Touristen tragen Socken mit Sandalen, sogar grüne Socken zu braunen Sandalen. Ungelogen. Habe ich gesehen. Auf einem Ausflugsschiff, mit dem ich an den unmotivierten Genderkriegern der Bundeswehr vorbeigegurkt bin, die gerade versucht haben, über die Elbe eine Behelfsbrücke zu bauen. Wie die Pfadfinder. Ein trauriger Haufen. Ich wäre für Abschaffen. Wegen Geldgrab und Nutzlosigkeit. Ich bin überzeugt, dass die Streitkräfte des Kosovo dieses Land in knapp drei Tagen vollständig besetzen könnten. Wahrscheinlich ohne dass ein Schuss fällt. Die Frage ist nur, wieso sie es nicht tun.

Eine komische Stimmung ist das hier wie überall gerade. Mir kommt das Land derzeit vor wie in einem Schwebezustand. Am Abwarten. Auf den Hammer. Die Keule. Den Tiefschlag. Den wirtschaftlichen. Viele um mich herum wirken als scheinen sie zu ahnen, dass da etwas kommt, das nicht halb so witzig wie die Finanzkrise vor zwölf Jahren werden wird. Dass da etwas anrollt. Gerade Anlauf nimmt. Und wehtun wird. Wenn das Kurzarbeitergeld ausläuft, mit dessen 60% sie hier wie im Rest des Landes ihre Runden drehen. Und der temporäre Insolvenzschutz aufgehoben wird. Die Rücklagen aufgebraucht sind. Wird wohl Herbst werden. Frühjahr möglicherweise. Bis das durchschlägt und der Flurschaden zu sehen sein wird. Vielleicht schaffen sie es auch, den Tiefschlag bis auf nach der Bundestagswahl zu verzögern. Damit der, von dem jetzt schon klar ist, dass er gewählt werden wird, öffentlichkeitswirksam und bejubelt den blutschweißtränigen Aufräumer des Desasters geben kann. Und da stehen wir gerade, sediert auf Helikoptergeldketamin. Die Landstriche beatmet auf Pump vom Kapitalmarkt. So lange schweben wir noch dahin. Wartend. Ein bisschen was wegkonsumierend. Mal hier. Mal da. Mal Prenzlauer Berg. Mal Tangermünde. Mal egal. Den Storch in seinem Nest auf dem Eulenturm juckt es nicht, wer was wann wem abkauft. Oder nicht mehr.

Morgen werde ich drei Tage hier gewesen sein und zum Nachmittag über Rathenow nach Hause fahren. Mähdrescher. Traktoren. Laster über Laster. Immer weniger Psychos werden wutverzerrt hinter mir her fahren, desto mehr ich Sachsen-Anhalt hinter mir lasse. Friesack. Pessin. Ribbeck im Havelland. Nauen. Dann Berlin. Dort warten dann neue Psychos. Andere Psychos. Berlins Psychos. Und der Rest des verwachsenen Sommers.