Der Restaurantneurotiker

Mein Freundeskreis besteht größtenteils aus Verrückten. Spinnern. Menschen, die nicht so sind wie der Gurkennormalpatient. Typen, die alle irgendein Ding laufen haben. Einen Spleen. Eine Macke. Einen kapitalen Knall. Irgendetwas, das sie für mich interessant macht. Ich ziehe solche Leute an und finde ihre Gesellschaft spannend. Sie machen viele Dinge anders als alle anderen und ihre Handlungen faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Langweilige Leute finde ich langweilig. Und entsetzlich schrecklich. Das war immer schon so. Ich flüchte vor langweiligen Menschen so weit es die gesellschaftlichen Konventionen zulassen, denn von langweiligen Menschen gibt es genug, sie dürfen gerne unter sich bleiben. Sehr weit weg von den Orten, an denen ich bin.

Vielleicht kennen Sie Situationen wie solche: Sie sitzen in einem Restaurant und möchten zahlen. Es kommt aber keiner. Ewig nicht. Lange nicht. Niemand zu sehen und wenn, dann schaut er nicht hin, wenn Sie winken, dabei winken Sie nun schon das dritte Mal und machen sich mit jedem Wink einmal mehr zur Plockwurst.

Meistens sind Servicekräfte im Restaurant schnell da, wenn ich bestellen will, wenn ich nachbestellen will, wird es schon kritisch, und beim Zahlen tauchen sie zu oft komplett ab, keine Ahnung warum. Da können Sie gestikulieren, Sie können winken und fühlen sich doch wieder ungewünscht peinlich berührt, wenn Sie wieder gewunken haben und keiner hat Sie beachtet. Sie fühlen sich schlecht, Sie fühlen sich überflüssig. Nutzlos ignoriert. Was ja auch klar ist, denn Sie werden ja ignoriert. Wiederholt. Und keiner beachtet Sie. Schon wieder.

Viele stehen dann auf und gehen vor an die Theke. Verkniffener Gesichtsausdruck. Pistole auf die Brust. Entschuldigen Sie. Ich möchte zahlen. Bitte. Jetzt. Subtext: Ich möchte hier raus und zwar schon seit einer halben Stunde.

Walz und ich sitzen nun schon seit zwanzig Minuten in einem doch leicht gehobenen, ansatzweise schnöseligen Restaurant irgendwo am dummen Charlottenburger Savigyplatz herum und wollen gehen. Die leergefressenen Teller wurden schon vor einer Ewigkeit abgeräumt, dann gab es noch einen Espresso für jeden und jetzt wollen wir zahlen. Ich winke lässig. Keiner sieht mich. Irgendwo am Horizont läuft einer vorbei. Dann noch einer. Ich winke noch einmal. Auch nix. Andere Gäste schauen wie Kühe: „Haha, kuck mal der, der winkt und keiner kommt. Haha, der da, kein Charisma.“

Das geht eine Weile so. Wiederholt sich. Ich winke, keinen juckt’s. Keine Chance. Kurzer Blick, dann weg. Eins ums andere Mal. Ich kann heute keine Aufmerksamkeit generieren. Nicht mein Tag. Hier reiße ich nichts und weiß das auch. Das Nichtbemerktwerden lastet wie Beton auf dem Gemüt. So schmore ich dahin.

Walz schaut sich meine Versuche, irgendjemanden heranzubekommen, der befugt ist, mein Geld anzunehmen, fünf Minuten, dann weitere fünf Minuten und zuletzt noch ein paar letzte fünf Minuten an und kramt nach seinem Telefon.

(ring)

Stille.

(ring)

„Ja, guten Tag, Walz mein Name, wir sitzen bei Ihnen hinten in der Ecke unter dem Bild mit der drallen Matrone und würden gerne zahlen. Könnten Sie jemanden vorbeischicken? Ja? Vielen Dank!“

Geht. Ging. Klappte. Große bewundernswerte Bekloppte sind sie. Meine Kumpels. Alle. Aber sehr cool. Nie langweilig. Und immer inspirierend.


Bananenstaude