Dieses Geseier (2)

Auf dem Weg zum Büro. Die Sonne geht auf. Ein Lüftchen weht. Hatebreed läuft im Ohr. Ich freue mich auf einen Kaffee schwarz wie mein Gemüt. Die Welt kann kommen.

Und sie kommt.

Leider nur in Form der Bürotratsche. Wieder. Sie fängt mich derzeit jeden Morgen ab, um mich zu quälen.

„Morgääääään!“

(okay, Kopfhörer aus, joviales Lächeln, scheiß Konventionen)

„Wie?“

„Morgääääään!“

„Moin.“

„Naaaaaaaaaaaaaa?“

(Boar dieses beschissene langgezogene Naaaaaaaa mit gedehntem Fragezeichen aus dem Folterprogramm bekloppter Bürobratzen stirbt nie aus.)

„Möh.“ (Ich versuche, mich mit muffligem Brummen der Situation zu entziehen, was mir wie immer nicht gelingt.)

„Uuuund? Was gibt’s Neues?“

(Neues? Was soll seit gestern früh Neues passiert sein? Alle Führungskräfte leben noch. Ein Jammer.)

„Nüscht. Allet tutti.“

„Hamse schon jehört? Die Teamberatung soll ja jetzt … „

„Die Müllerin hat ja neulich gesagt …“

„Wenn die nicht bald mal ne Gehaltserhöhung…“

„Da haben die aus dem Homeoffice heraus ein…“

„Und der Hausmeister hat schon wieder…“

Wortfetzen. Nichtigkeiten. Geräusche. Reden. Reden. Reden. Immer reden. Keiner kann heute mehr einfach das ewig sabbelnde Maul halten. Nicht mal für einen Augenblick. Nicht mal morgens. Kommunikation um der Kommunikation Willen. Sie koten immerzu Worte in den öffentlichen Raum. Zu jeder Uhrzeit. Einfach um zu koten. Den ganzen Tag. Sie halten alle die Stille nicht mehr aus.

Es ist früh. Ich hatte noch keinen Kaffee. Und an meinem Ohr wächst schon wieder eine kapitale Bulette heran. Eigentlich möchte ich die Bürotratsche schweigend und dumm nickend aussitzen, bis ich endlich den rettenden Kaffeeautomaten erreicht haben werde. Doch plötzlich das:

„Der Pawlowski hat ja was mit der Schnepfenkraft-Greulich laufen…“

Jetzt werd‘ ich wach: „Was? Mit der Gendertröte aus der Geschäftsleitung? Der Pawlowski? Ist der bescheuert? Die sucht keinen Mann, die sucht einen Sklaven.“

„Hey, Herr Zimmermann, Sie können ja richtig reden! Ich wollte es schon aufgeben mit Ihnen.“

Bam. Schuppen. Augen. Fuck. Ein Fehler. Und was für einer. Jetzt denkt sie, dass ich ganze Sätze reden kann und wird nie wieder damit aufhören, mir frühmorgens brandheiße Nichtigkeiten aus dem hirntoten Bürokosmos zu servieren – und das, nachdem ich sie über Wochen auf dem Weg ins Büro stoisch angeschwiegen und maximal halbwissend genickt habe, in der Hoffnung, sie wird es irgendwann satt haben, mit einem Kommunikationskrüppel zu reden.

Doch jetzt ist alles aus. Die Fassade dahin. Denn ich habe geantwortet. In ganzen Sätzen. Das ist das Ende. Sie wird nun so lange bis ich tot umfalle jeden Morgen mein Hirn zu Dönersoße quasseln, weil sie weiß, dass ich zuhöre.

Memo an mich: Der Typ, der in ein paar Monaten hin und her wippend auf dem Mittelstreifen der Frankfurter Allee sitzt und sein eigenes Hirn auslöffelt, bin ich. Grüß mich mal schön, wenn du mich siehst.


Dieses Geseier (1)

Da läuft Herr Müller