Sie haben die Kreidefelsen von Dover gefressen

Was ist eigentlich plötzlich bei Saturn, diesem schlumpfigen Elektronikhändlerfossil im Treptower Parkcenter los? Charmeoffensive? Glückshormone? Drogen? Hare Krishna? Die sind da plötzlich alle ganz furchtbar mächtig (so ungewohnt) freundlich. Das ist nicht nur unheimlich, sondern geradezu gruselig. Mir tanzt die Brühe auf der Gänsehaut des Rückens Polka.

Bisher stand der Saturn bei mir auf der Servicestufe (=0) vom Obi in der Ostseestraße oder dem Medimax in den Schönhauser Allee Arcaden. Die Mitarbeiter rannten panisch vor mir weg als wären Teufel, Beelzebub, der moralinspritzende Twittermob und der Geist von Guido Westerwelle („Es ist Deutschland hier!“) in einer Person hinter ihnen her. Schaffte ich es, sie im Laufen irgendwie anzusprechen, haben sie immer nur einen Dialog wie den folgenden in die Welt gekotzt:

„Guten Tag ich suche Lautsprecher.“ (ich)

„Ja moment bin gleich wieder da….“ (der)

„(…)“

Ende.

Das war für die ein Dialog.

Mehr kam auch nicht. Denn sie verschwanden irgendwohin in eine Nische, an deren Verschlag ein Schild „Nur für Mitarbeiter“ angebracht war. Und ich sah sie nicht wieder.

Nervig war bei so einem Besuch vor allem, das ganze Moos von den Schuhen abzumachen, wenn ich Stunden später entschieden habe, nicht mehr länger auf irgendwen, der irgendwas zu den Produkten sagen konnte, zu warten und diesen unsäglichen Laden verließ, um doch irgendwann wieder zu kommen, um wieder zu stehen, zu stehen und mehr zu stehen, ohne dass irgendwer irgendwas zu mir zu einem der Dinge, die sie eigentlich verkaufen wollen, sagen konnte, weil keiner mehr da war. Alle weggerannt.

Soweit früher.

Nun aber bekomme ich seit Neuestem folgenden unaufgeforderten und auch wirklich nicht mit Handfeuerwaffengewalt erzwungenen Dialog:

„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“ (Er. Der Saturnmitarbeiter. Nein, wirklich kein Witz.)

„Äh… örks … wie bitte ?“ (Stellen Sie sich hierzu bitte mein durchschnittlich dämliches Gesicht in Fragezeichenform vor)

„Ob ich Ihnen helfen kann, Sie schauen so suchend.“

„Ja, bitte, danke, guten Tag, ich, äh, ich bin völlig von den Socken, warten Sie, was will ich, öhm, Dings, Sockenlautsprecherhabenwill…“ (Stellen Sie sich hierzu bitte wirres Kopfschütteln, einen Sabberfaden am Mundwinkel und parkinsonsches Händezittern vor.)

An einer anderen Ecke des Saturns bekomme ich kurz danach plötzlich und unvermittelt von wildfremden Mitarbeitern ein Lächeln und ein „Guten Tag“ zugeworfen, obwohl ich gar nix von denen will, sondern nur vorbeilaufe. Ich werde tatsächlich gegrüßt. Ich. Der Kunde. Der letzte Scheißer vom letzten Scheißer. Der Penner, den sie immer gehasst haben. Grüßen die mich. Im Saturn! In Treptow! Das ist wie wenn eine durchschnittlich ranzige Dönerbude plötzlich statt Fleischabfällen feinste marinierte Lammlachse ins handgebackene statt vom Großhandelscontainer billig geschossene Fladenbrot klatscht, das ist doch nicht normal, damit komme ich nicht zurecht, irgendwas stimmt doch da nicht!

Und an der Kasse erschlägt mich die ultimative Sensation: „Darf ich Ihnen die Sachen in eine Tüte packen?“

Wäh? Was? Wie? Jetzt? Tüte. Einpacken. Im Saturn. In Treptow. Was ist denn hier überhaupt los? Wo bin ich hier? Was ist das für ein Film? Wo ist die versteckte GoPro für den YouTube-Prank irgendeines 20jährigen Klickmillionärs? Oder welcher Zauberer hat es geschafft, aus dieser Vorbild-Servicehölle Saturn in Treptow einen dalai-lama-like eiapopeia freundlich lächelnden Ort zu machen, der jetzt plötzlich Service versucht?

Irritierend ist da zum einen die Spucke, die mir angesichts freundlicher Saturn-Mitarbeiter wegbleibt, und die Sprache, die vor Schock verliere und erst Stunden später mühsam wiedererlerne. Die scheinen beim Saturn in Treptow entweder kurz vor der Schließung zu stehen und greifen nun in letzter Verzweiflung zu so völlig absurden Mitteln wie Kundenfreundlichkeit oder irgendwer ist der Meinung, dass man hier an diesem Ort die Elektronikkunden nun aber auch lange genug gedemütigt hat und es an der Zeit ist, nach der Methode Guter-Bulle-Böser-Bulle ein paar Streicheleinheiten zu verteilen, damit der Delinquent nicht ganz auf stur stellt und nie mehr wiederkommt. So dass man zuletzt auch wieder schließen muss. Was sie nicht wollen können dürften.

Man weiß ja so wenig.

Nein, ganz im Ernst: Ich bin mir sicher, dass das Internet schuld ist. Endlich schuld ist. Und genau das jetzt weh tut. Elektronikfachmärkte dienen inzwischen sowieso nur noch dazu, so ein Gerät einmal in freier Wildbahn zu sehen und anzufassen, um es dann später durch die Preisvergleichssuchmaschinen zu jagen und bei irgendwelchen dubiosen Neuköllner Garagenfirmen zu bestellen, die solche Geräte massenhaft an Orten aufsammeln, an denen sie von den Lastern fallen.

Poor Buddy Saturn in Treptow, ich finde es ja gut, die Sache mit der Charmeoffensive, die Idee, die viele Mühe, aber wer zu spät kommt

… der kommt zu spät.