Dieses Geseier

Ringbahn. Kurz nach Mitternacht. Der Smartphoneakku ist leer. Keine Musik mehr. Ich muss Mitfahrer mithören.

Neben mir sitzt eine arme Sau mit traurigem Bosse-Gesicht. Und neben der armen Sau sitzt ein Geseier auf zwei Beinen.

„Da hab ich ihr gesagt, das ist total wichtig für meine Entwicklung, ich muss mich künstlerisch weiterentwickeln, reifen, weißt du, das ist für mich ein wichtiger Schritt in Richtung der eigenen Selbständigkeit, ich muss sehen, dass ich das hinkriege, mein eigenes Ding, wenn ich dann …“

Sein Blick ist ganz glasig. Ist das da Speichel am Mundwinkel?

„… wenn ich dann erst die Galerie habe, meine eigene Galerie, dann kann ich auf Promotour gehen, ich fühl mich momentan wieder so richtig selber, ich kann so richtig in mich reinhören, was ich will und …“

Der Typ ist doch schon weggetreten. Hirntot. Das hält doch sonst keiner aus.

„… so war ich eigentlich immer, ich muss mich da durchsetzen, meinen eigenen Stil finden, meinen Weg gehen, mein …“

Greifswalder Straße. Ich steige aus. Die beiden auch.

„… ich … ich … ich … ich … „

Die Treppe runter.

„… ich … ich …“

Die arme Sau. Hört der sich das alles an, weil er denkt, da geht heute noch was? Oder sind die fest zusammen und der Kerl vegetiert in einem pathologischen Dasein als akustischer Müllschlucker dieser wandelnden Egoshow dahin?

„… ich…“

Sein Hirn ist bestimmt schon weggeschmolzen. Matsch. Degenerierter Hirnbrei. Weichgequatscht. Kann man löffeln. Ein biologisches Phänomen und in Asien bestimmt eine Delikatesse: Weichgequatschtes Hirn. Hergestellt in Prenzlauer Berg. Ein Exportschlager. Organic. Regional. Handcrafted.

Du bist selber degeneriert, denke ich, als ich eine Straße weiter endlich dankbar abbiegen kann. Selber weiches Hirn. Wirst auch bald exportiert nach Asien, wenn du dein Smartphone nicht ganz schnell wieder auflädst. Geseier. Geseier. S-Bahn ohne Musik im Ohr ist hirnzersetzend. Das hält keiner lange aus. Samsung ist ein Arschloch. Hat keine Ersatzakkus mehr für solche Notfälle. Um meine armen Ohren abzudichten. Noch einmal so ein Auftritt und ich säge mir die Schädeldecke auf und löffel‘ mein eigenes Hirn aus.