Eine Hymne dem Fahrradnazi

Der Mensch ist ein böses Tier
So viel sag ich dir in aller Freundschaft
Und jetzt lass mich in Ruh
Kümmere dich um deine eigene Welt

Der Rest – Ausstieg


Hallo Welt, hallo Prenzlauer Berg, Platz da, hier komme ich, denn ich bin so einer, von dem die Klickmichportale schreiben, ich bin der, den alle hassen, ich habe ein Fahrrad und zwar ein stabiles Fahrrad, damit bei einer dieser unvermeidlichen Kollisionen mit den Knochen der kreuzdämlichen Fußgänger, die mir auf dem Bürgersteig vor die Speichen laufen, nichts verbiegt. Ich brauche so ein massives Teil, das Ding muss ein Leopardpanzer sein, eine Allzweckwaffe, eine Bazooka auf Rädern. Ich bin Rammbock.

Ich frage mich sowieso, warum die nicht besser aufpassen, wenn sie schon dort rumlaufen wo ich fahre. Die können doch auf der Straße laufen, dort leben sie gesünder als auf dem Bürgersteig, weil die Autoärsche völlig zu Recht sofort zum Steinekloppen verknackt werden, wenn sie einen Fußgänger umfahren. Die müssen vorsichtig sein, sehr, extrem, immer auf der Hut, denn wenn da was passiert, gibt es sofort Schmerzensgeld. In den Tausendern. Das Laufen auf der Straße rechnet sich also auch wirtschaftlich für den Fußgänger, denn von mir gibt’s nüscht, keinen Pfennig, null Cent, Krimskrams, einen Scheiß, bin ich doch nach jedem Aufprall ganz schnell weggeradelt, ohne dass mich jemand erkennt. Weg wie der Wind, ich Anonymer, ich Ninja, ich Tarnkappe, die schnell um die Ecke flitzt und die nie wieder jemand sieht. Und mir was kann. Mich kriegt. Schon gar nicht zur Raison. Heult leiser, ihr Pimmelköpfe. Hier mein Stinkefinger. Den gibt es gratis. Kennt ihr den schon? Mein Klassiker. Hasch mich, ich bin der Fahrradnazi.

Rote Ampel? Leckt mich doch. Zebrastreifen? Leckt mich doch zweimal. Spielende Kinder auf dem Bürgersteig? Leckt mich achtzigmal. Mir doch egal, gibt sowieso zu viele davon. Einer muss ja was zur Geburtenkontrolle beitragen, wenn es sonst keiner macht. Diese kleinen Drecksblagen, die auf dem Bürgersteig spielen, da spiel‘ ich doch mit. Ich fahr‘ mit einem Affenzahn auf sie zu, so dass sie paralysiert sind, und dann bremse ich theatralisch ganz knapp vor ihnen quietschend mit dem Elefantentröten meiner Bremsen ab. Ha! Viel Spaß beim Kinderpsychologen, Arschgeburten. Prenzlauer Berg-Rotten. Lernt draus. Ihr seid im Weg! Und ich muss da durch!

Ja, ich liebe die Theatralik. Komme im Slalom auf euch zugerast. Eiere herum. Rechts. Links. Rechts. Na wohin werde ich fahren, Fußgänger? Nirgendwohin, denn ich fahre auf euch zu und bremse direkt vor euch dramatisch ab. Was euch immer überfordert. Quietschende Reifen. Jaulende Bremsen. Alles an mir schreit. Und ich auch. Mach doch Platz! Arschloch! Ich. Mein Kosmos. Meine Machtdemonstration. Ich bin hier der, der vorfahrtfährt. Überall. Und ich möchte, dass sie alle das wissen.

Was? Wollen Sie sagen? Radwege? Wofür sind die denn? Da fährt doch keiner, sollen da doch die Jogger drauf laufen, wenn sie Platz zur sportlichen Entfaltung haben wollen. Radwege sind was für Ommas, Langweiler und Butterweichkekse. Niemand, der bei Verstand ist, fährt da. Könnte man sprengen, wenn es nach mir ginge. Braucht keiner. Es gibt doch Bürgersteige.

Und was bitte? Kinderwagen? Behinderte? Alte Ommas? Hunde? Mir doch egal, der Bürgersteig ist doch kein Vergnügungspark und hier nicht das Sozialamt, schon gar kein Ponyhof oder Bonnies Selbstverwirklichungsranch, sondern mein Revier, Freiheit, die ich meine auf meinen zwei Rädern, klimaneutral, superkorrekt und megaschnell. Steht ja nirgends dran, dass eine Tempo-30-Zone auf dem Bürgersteig gilt, also fahr‘ ich doch schneller. Wer nicht zur Seite springt, ist selber schuld am Oberschenkelhalsbruch und am ausgekugelten Schultergelenk, Bahn frei, weg da, zick zack, Schneckenpack.

Vor einigen Jahren wurde in Pankow eine Omma auf dem Bürgersteig von einem Radfahrer von hinten angefahren und gab den Löffel ab, vor ein paar Monaten hat es ’nen Jogger erwischt, wieder in Pankow, nur dieses Mal nicht tödlich, sondern nur krankenhausreif. Schienbein putt. Egal. Was denn? Selbst schuld, sage ich dazu. Man muss sich auch als Fußgänger umsichtig fortbewegen und hat jederzeit damit zu rechnen, dass der Stärkere sein Recht auf freie Fahrt durchsetzen will. Ich frag‘ mich ernsthaft, was die Fußgänger auf dem Bürgersteig suchen. Schon die Bergpredigt sagt, dass wer sich in Gefahr begibt, darin umkommt. Lest doch mal die fucking Bibel, meine Güte. Bisschen mitdenken, ja? Geht das? Ich mache ja auch nicht in Syrien eine Rundreise mit dem Fahrrad. Viel zu gefährlich. Klar, oder?

Und was weiter? Was? Ordnungsamt? Who the fuck is Ordnungsamt? Die Säcke schreiben doch nur Falschparker auf, weil das so schön bequem ist. Mehr Geld für wenig Risiko. Mir tun die nix, die kriegen mich eh nicht und so wie die glotzen haben die sogar Angst vor mir. Was noch? Polizei? Hahaha, na klar. Dit is Berlin. Home of the Fahrradnazis. Die Polizei tut uns nix. Wir sind unverfolgbar. Außerdem zu viele. Die kritische Masse. Und vollkaskogepampert. Gefördert. Protegiert. Von ganz oben. Sie bauen uns Fahrradstraßen. Fahrradstreifen. Furten. Wege. Die uns scheißegal sind. Wir haben nämlich den Bürgersteig. Der viel bequemer ist. Und der viel mehr Spaß macht. Und ihr könnt mir gar nix. Ich habe nämlich die Lobby mit mir. Ich bin pures Mithril. Meine Leute da hinten in Mitte schreiben ganze Gesetze für mich. Wartet mal ab. Sich über mich zu beschweren ist bald auch Hatespeech. Geht mal kacken alle. Ich bin die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Verpisst euch.

Manche nennen mich Sau, Drecksack, Hurensohn, Pest, Cholera oder Fahrradsalafist. Ich nenne mich „The Punisher“, weil ich immer schon ganz klare und seit Jahrhunderten bewährte Leitlinien habe: Der Stärkere siegt. Wo ich fahre ist Vorfahrt. Leistung muss sich wieder lohnen! Und wer zu langsam ist, kriegt mindestens den Lenker an den Unterarm. Oder besser noch das Vorderrad in den Arsch.

Ich würde beim Fahrraddealer meines Vertrauens gerne auch noch Schlagstöcke, Kuhfänger und Elektroschocker kaufen, gäbe es das fürs Montieren vor den Lenker, damit ich mir meinen Weg noch besser freikämpfen kann. Immer drauf, immer feste, ich bin schnell und spare Kohlenstoffdioxid, Monoxid, Scheißegalxid, der Fußgänger steht nur dumm rum und vor allem mir im Weg.

Obwohl, zugegeben, doch, schon, manchmal fahre ich auch auf der Straße, selten, aber muss ja, wenn auch nur dann, wenn es da schneller voran geht als auf dem Bürgersteig. Dann tauche ich – kuckuck! – als feistfeine Überraschung zwischen parkenden Autos auf der Fahrbahn auf, soll das Auto doch bremsen, der Stinker. Wenn was passiert, ist eh der schuld. Ich kann auch gegen die Einbahnstraßen fahren, oder auf den Bahnsteigen durch die Leute, ich darf alle Vorfahrten und rote Ampeln ignorieren, quer einen Zebrastreifen passieren, Kinderwagen touchieren und nie mit Licht fahren. Ich darf das. Ich darf alles. Und wenn mich irgendwann ein Auto erwischt, ist die Schuldfrage eindeutig. Gerichtsfest. Immer schon. Und ich bin nie schuld, nie, weil ich – mimimi (bigottes Rumopfern ist mein Gemüse) – der Schwächere bin, was kostet die Welt, ich fahre Slalom durch die vorher stehenden und jetzt anfahrenden Autos und keiner darf was sagen, alle müssen kuschen, alle müssen bremsen, müssen zehn Augen gleichzeitig überall haben, weil wir, welche wie ich, mehr von mir, von überall kommen, kreuzen, sprinten, queren, schneiden. Haha, das ist alles meine Welt und ich bin der König.

Hoho, so viel Macht macht mich ganz wuschig: Weiter jetzt im Spurt über diese grüne Fußgängerampel, was macht das blöde Kind da? Egal, drauf und ummähen. Der Schwächere kackt halt ab. Kann ich auch nix für. Hab‘ die Regeln nicht gemacht. Reifenloses Pack. Jetzt wieder rauf auf den Bürgersteig und im Slalom um diese schwerfälligen Statisten mit ihren beschissenen Einkaufstaschen herum, check, wieder einen gestreift, Depp, Tüte aufgerissen, ein Stück Plaste hängt an meinem Bremshebel und flattert, Arschlöcher, können die nicht aufpassen, haha, kuck da, jetzt rollen Äpfel und Tomaten, kann er aufsammeln, der Einkäufer, lustig, da ist ein Zebrastreifen, geil, ich kann wieder abkürzen, doch scheiß Fußgänger auch hier, fuck, Kinderwagen, bam, die blöde Mutter schön erschreckt, egal, erstmal die Omma da plattmachen, die verfrisst sowieso nur die Rente, für die ich einzahlen muss. Was hupt der Autovogel da jetzt? Was will der? Ich darf hier quer über die Straße, weil ich zwei Räder habe. Ich darf überall fahren und immer zuerst. Sieht der doch. Vollhorst. Schlagstöcke und Elektroschocker für dich und Harpunen für deine Autoreifen zum Aufmontieren auf meinen Rennlenker, Penner, das wär‘ schön. Und überhaupt Flammenwerfer für alle Autos, Kinderwagen und babytragende Arschlochpapas auf allen meinen Wegen. Vielleicht sogar auch eine Impulskanone zum Aufbocken auf den Rahmen, dann verschwinden diese Asseln endlich dahin wo sie hingehören: Ins Nirwana. Oder wenigstens nach Hause, in den Keller weggesperrt, bis sie endlich vernünftig werden, sich ein Fahrrad kaufen und werden wie ich: Ein Arschloch.

Kürzlich rief mir ein Fußgänger vom Boden des Bürgersteigs, auf dem er lag, hinterher, dass er Fahrradfahrer hasst und wir uns verpissen sollen.

Ich finde das menschenverachtend und ärgere mich über die fahrradfeindliche Stimmung in der Stadt, die sich in widerlichen, völlig irrationalen und absolut an den Haaren herbeigezogenen Plakaten wie diesem äußert: