Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (44)

If I wanted to listen to an asshole I’d fart.

House of 1000 corpses


Ehrlich. Ich hatte eigentlich keinen Bock mehr auf diese Rubrik. Dachte, dass es reicht. Dass es auch mal irgendwann gut ist. Aber das geht nicht. Es sind zu viele. Sie sterben nie aus. Wachsen immer nach. Und sie gehen mir auf den Zeiger. Und bevor ich irgendwann doch mal einen von denen im Affekt einfach mit Hundekot, Tapetenresten und alten Laufsocken bewerfe (was ich nicht machen soll und auch nicht darf, sagt der Therapeut), schreibe ich sie nieder, verarbeite sie zu Blogwurst, einen nach dem anderen, weil das hilft, die wundwütende Seele wärmt, es mir gut geht danach, auf dass ich irgendwann kurz vor dem Abnippeln auf irgendeiner Abnippelstation noch einmal nachlesen kann, wer mich so alles genervt hat und mir penetrant auf die Darmflora gegangen ist in diesem überflüssigen Leben.

Heute ist Rewe. Ich trage wie im Moment immer beim Einkaufen in diesen bekloppten Zeiten ein schniekes langes schwarzes Halstuch, das neben Mund und Nase auch über die Ohren geht, damit es nicht rutscht. Denn ich habe keine Lust mehr, arme Einzelhandelsfachangestellte, die den ganzen Tag atembeschwert mit Maske rumlaufen müssen, auch noch mit meiner hasskappenden Sturmhaube zu erschrecken, also habe ich dieses alte dumme schwarze Halstuch zum um den Kopf wickeln gewählt, als auf jeden Fall modischere Alternative zu den bescheuerten Chirurgenmasken, mit denen sonst alle rumlaufen und in ihrem heiligen Weisungsbefolgeernst denken, das sähe nicht unfassbar lächerlich aus.

In dieser Maskerade stehe ich wieder einmal auf der Höhe der Fenchelkisten. Neben den Pastinaken. Über den Salatherzen. Nicht weit von den Minikarotten.

Dort glotzt mich von der Seite ein dicker alter Furz mit speckigem Shirt in runtergefickten Sandalen mit rissigen Socken drin an. Er redet irgendwas. In meine Richtung. Zumindest bewegen sich seine Lippen. Zu mir. Mir deucht: Er spricht mit mir.

Was er nicht wissen kann: Ich habe Musik im Ohr. Unter dem Halstuch. Ich höre nix. Und weil er das nicht wissen kann, sage ich es ihm.

„Ich höre nix.“ sage ich.

Er labert weiter. Zeigt mir mit dem Finger ins Gesicht.

„Ich höre nix. Ich habe Musik an.“ versuche ich es noch einmal und zucke mit den Schultern.

Keine Chance. Worte helfen wie immer nicht. Er gibt nicht auf. Deutet mir ins Gesicht. Labert. Gestikuliert. Grient. Will irgendwas.

Ich wende mich ab, weil er mir innerhalb dieser zwanzig Sekunden, die das nun schon so geht, sehr auf die Mageninnenwand geht, dass ich ihn mit Gemüse, den dämlichen in einer Kiste gelagerten Kohlrabiblättern oder doch mit Hundekot, Tapetenresten und alten Laufsocken bewerfen möchte, doch da tippt er mir auf die Schulter, zeigt wieder auf meinen Kopf. Grient wieder. Macht Bewegungen an sein Ohr. Wünscht gestikulierend, dass ich ihm endlich zuhöre.

Ich streiche alle meine Segel, wickle mir das Tuch vom Kopf und polke einen der beiden Musikknöpfe aus meinem Ohr. Mein Gesicht leuchtet jetzt entblößt im Supermarkt wie eine Rettungsboje in der Nordsee und versprüht üble Aerosole, die alle hier töten werden. Eine Mutter neben mir schaut entgeistert (Er hat die Maskierung abgelegt!). Ein Typ bei den Töpfen mit den Kräutern, der einen Topf voller Melisse in der Hand wiegt, schaut missbilligend zu mir (Na das gibt Ärger). Und der Marktleiter drüben, der die Orangen in drollige eingedrückte Behältniskuhlen sortiert, hebt den Kopf wie eine Eidechse und lugt.

So steht die Zeit still.

„Bitte. Sagen Sie. Wie kann ich helfen? Was kann ich für Sie tun?“

Ich.

Unterbreche die Stille.

Mit dem rausgepolkten Musikknopf in der Hand.

„Höhö. Damit kannst du ’nen Banküberfall machen. Hahaha.“

Mumpft er unter seiner versifften Chirurgenmaske.

Hahaha.

Banküberfall.

Höhö.

Das war’s. Was er wollte. Mehr hat er nicht. Mehr kommt auch nicht. Deswegen das Insitieren. Das so lange Nerven, bis seine Mitteilung mein Ohr erreichen kann. Ja, eingeräumt, ganz offen: Ich hasse den. Ich hasse den sehr. Ich hasse sowieso Menschen. Fall doch tot um, du hässliche Missgeburt. Liegt mir schon wieder auf der Zunge, doch da ist die Gesichtswurst von Vollspackenlabersack schon weitergezogen. Nach da vorne Richtung den neuseeländischen Braeburnäpfeln. Wahrscheinlich, um einen anderen armen irren Einkäufer vollzusuppen.

Oder auch nicht. Den anderen armen Irren braucht es ja nicht mehr. Denn er hat mich ja gefunden. Wie alle Labersäcke. Die finden mich immer. Das kenne ich und nehme es nur noch hin. Ich habe schon lange aufgehört mich zu fragen, warum Dahergelaufene, die gerne völlig fremde Menschen anlallen, anfassen und vollsuppen, immer mich dafür aussuchen. U-Bahn. Supermarkt. Arztwartezimmer. Selbst an der Fußgängerampel. Egal wo. Da stehen fünf Menschen, vier, sechs, zehn, egal, machen Sie sich keine Sorgen, der Anquatscher wird auf jeden Fall mich aussuchen für seinen Verbalauswurf. Immer mich. Bla bla bla. Mit möglichst bescheuertem Inhalt. Irgendeinen Kommentar zu irgendwas. Der Ampel. Einem Hund, der da läuft. Oder einfach nur zur allgemeinen Weltlage. Merkel. Meuthen. Miederwaren. Musterhausküchenfachgeschäft. Meinen Mundschutz.

So ist das. Das ist so. War nie anders. Fremde Menschen labern mich voll. Und an. Und zu. Es ist ein ewiges Weltengesetz, das vermutlich das ganze Universum zusammenhält. Anders kann ich es mir nicht erklären. Ohne mich als Katalysator des Mitteilungsdrangs brabbelnder Honks wären wir vermutlich alle verloren. Für den Untergang bestimmt. Schon längst als Planet explodiert. Deswegen nehmen die immer mich. Labern immer mich an. Und voll. Mit meinem Gesicht, das offenbar nonverbal die gesegnete Botschaft in die Welt ruft: Hallo Honk! Sprich mich an! Ich will unbedingt angesprochen werden! Bitte mehr blöde Kommentare zu irgendwas. Meiner Frisur. Meinen sinnlichen Lippen. Den aus der Art geschlagenen blauen Augen. Kampfstiefeln. Ledermantel. Sturmhaube. Oder meinem dummen knuffigen Arsch, den dicke alte heimlich schwule Arschgeigen und faltige ungefickte Vorgesetztenschachteln gerne gönnerhaft anfassen, weil sie glauben, mir würde das gefallen. Bla bla bla. Bitte mehr Hinweise für mich. Laufsport. Musikgeschmack. Jobwahl. Einkäufe. Oder meinem Auto. Klamotten. Schuhen. Meiner Sporttasche. Egal. Sprechen Sie mich an. Labern Sie mich voll. Erzählen Sie mir alles. Von den Ursprüngen an. Und einfach nur so. Als Beitrag zur Weltlage. Als wertvollen Hinweis zu meiner Weiterentwicklung. Erbauung. Glückseligwerdung. Oder einfach nur so als allgemeinen Kommentar zu irgendwas. Bitte mehr. Bitte her. Ohne kann ich nicht mehr. Ich brauche das. Mag das. Will das. Muss die haben. Jeden von denen. Alle wie sie da sind. Und nie gehen. Immer von neuem angeschissen kommen und ihren Unrat abladen wollen. Ich kann nicht anders. Da sind sie wieder. Die Honks. Die guten alten Honks. Glückwunsch.


Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (43)