Retrospektive: Quertreiber

Ich bin als Jugendlicher oft mit Gesetzen kollidiert. Meistens blieb es bei niedergeschlagenen Ermittlungsverfahren. Kleineren Dingen, die sie eingestellt haben, weil ich noch so klein war und so unschuldig schauen konnte. Keine Zeugen, keine Beweise, nix zu holen. Ich schwieg bei den Vernehmungen immer, also gab es nie solche die Verfahren vereinfachenden Dinge wie Geständnisse.

Zwei Mal nur war ich bei Gericht. Als Beschuldigter. Einmal Sachbeschädigung, einmal Körperverletzung. Sachbeschädigung war mein ganz persönliches Delikt. Das kam daher, dass ich sehr viel kaputt gemacht habe damals. Meistens an meiner verschissenen Schule. Dort habe ich am liebsten Gegenstände zerstört. Denn wenn sie mich dort schon unfreiwillig und gelegentlich mit der Unterstützung uniformierter Beamter meine Zeit verschwenden ließen, wollte ich wenigstens die Sachen kaputt machen, die sie da so hatten. Es geht ja alles kaputt, wenn man das will. Klospiegel. Ein Tritt und Klirr. Mülleimer. Damals waren die bei uns aus Holz. Draußen auf dem Schulhof. Zwei Tritte und platt. Feuerlöscher. Bam. Die Halterung ein Witz. Klospülkasten. Drei Tritte und am Arsch. Wasser olé. Ein Schulranzen, den ein armer Wicht auf dem Gang vergessen hat. Ab aus dem Fenster damit. Sowieso schmiss ich gerne Zeug aus dem Fenster und freute mich an dem fiesen Geräusch, wenn die Gegenstände auf das Blechdach des Fahrradunterstands krachten. Papierkorb. Stühle. Kreidekasten. Kartenständer. Alles muss raus. Fick dich, Welt.

Das war meine Schule. Irgendwas ging immer kaputt. Und allzu oft war ich das.

Ich habe einmal die billigen Klospiegel ausgehängt, auf die Waschbecken gelegt und überall das Wasser aufgedreht. Die Überschwemmung haben sie viel zu spät bemerkt. Insofern habe ich den hässlichen Flurteppich mit dem beschissenen 70er-Jahre-Muster auf dem Gewissen. Er war aufgeschwemmt. Wasserversifft. Sie mussten ihn ersetzen. Sie haben nach dem gesucht, der das war. Es gab Zettel der Leitung an den Schwarzen Brettern. Am Haupteingang. An der Sporthalle. Ansprachen in den Klassenzimmern. Durchsagen in den Durchsagelautsprechern. Sie wollten den haben, der das war.

(Sie haben ihn aber nicht gekriegt.)

Ich habe Türschlösser verklebt, den stinkenden Müll hinter die Tafel gekippt, die Schulmilch in die riesigen Blumenkübel gegossen, was nach ein paar Tagen so erbärmlichst stank, dass die Klassenzimmer unbenutzbar waren, ich habe die Klokabinen mit Edding vollgemalt, Schulflure nach Schulschluss besprüht, Mülleimer angezündet, wenn ich sie nicht zertreten habe, Scheiben mit der Zwille eingeschossen. Ich war das. Ich war das alles.

Sie haben mich nie erwischt. Sie konnten mich nie überführen. Ich denke schon, dass sie wussten, wer ihre Dinge kaputt machte, doch sie haben mich nie gekriegt. Keine Zeugen, keine Bestrafung. Und ich habe immer so schön geschwiegen, wenn sie mich ausgefragt haben.

Doch dann haben sie mich einmal fast bekommen. Fast ans Leder geflickt. Fast überführt. Nur fast. Ich war unvorsichtig geworden. Wenn man zu lange mit den Dingen durchkommt, macht das automatisch unvorsichtig. Typen wie ich denken dann, dass das immer so weiter geht. Typen wie ich denken dann gar nicht mehr, sondern fühlen sich unerwischbar. Unerreichbar. Unfassbar.

Meine Schule hatte eine schicke Holztür am Haupteingang, die ich nach Schulschluss mit meinem Springmesser – eines von den Dingern, die heute verboten sind – noch ein wenig schicker gemacht habe. So mit Anarchie-A. Einem Hausbesetzer-N. Und Penissen. Ganz vielen Penissen. Reingeritzt in ihre scheiß Holztür. Ich fand das toll. Künstlerisch. Eine Verewigung. Hinterlassene Spur. Meine Zeichen. Endlich sah die Tür nach was aus.

Beobachtet hat mich bei meinem Werk damals ein Manuel. Dieser Manuel sah aus wie alle Manuels aussehen: Feist. Blond. Mit Kuhgesicht. Ein Draco Malfoy in fett. Der Neffe irgendeines korrupten Funktionärswichsers aus der CDU. Manuel. Ein Gesicht wie Zehlendorf. Der Feind. Hallo Berlin. Hier funkt Neukölln. Bei uns ist Zehlendorf immer der Feind.

Natürlich hat Manuel gepetzt, als erster Zeuge meiner Quertreiberreise. Und ich habe zum ersten Mal einen Gerichtssaal als Beschuldigter betreten. Mit einem Zeugen gegen mich. Das war neu. Sie hatten zum ersten Mal einen Zeugen.

Es hat ihnen nicht geholfen. Sie haben mich freigesprochen. Keine stichhaltigen Beweise. Aussage gegen Aussage. Manuel gegen mich. Einer gegen einen. Ich habe gesagt, dass ich gar nicht da gewesen war. Dreist gelogen. Habe ich. Natürlich habe ich gelogen. Ich gebe doch nichts zu, was eine Strafe nach sich zieht.

Manuel hat das Gegenteil gesagt. Das ergab juristisch ein klassisches Patt. Und ein klassisches Patt bedeutet normalerweise, zumindest bedeutete es das für mich, keine Verurteilung. In dubio pro reo. Ein Rechtsgrundsatz in diesem Land. Und ich bin damit durchgekommen.

Manuel selbst hatte das Pech, mir einige Wochen später unbegleitet über den Weg zu laufen. So standen wir uns wortlos gegenüber, ich und die Petze. Ich habe Manuel in eine Mülltonne gezwungen und die dann eine Böschung runtergerollt. Nicht weit, aber weit genug für ein Exempel. Denn Verräter muss man bestrafen.

Nicht?

Muss man doch.

Kann man doch nicht durchgehen lassen.

Meine Logik war in der Sache bestechend: Ich habe mich doch nur gewehrt. Ich habe mich immer nur gewehrt. Die Petze verpetzt mich, also wehre ich mich und sie kassiert das Echo in der Mülltonne. Die Schule zwingt mich in ihre Räume, also wehre ich mich und mache ihren Scheiß kaputt. Quid pro quo. Sie greifen mich an und ich schlage zurück. Habe ich immer so gemacht und kam immer damit durch. Ich war wirklich sehr im Recht. Ich habe das wirklich so gesehen. Wer angegriffen wird, muss sich wehren.

Für die Mülltonnenaktion folgte mein zweites Gerichtsverfahren. Körperverletzung nun. Ich wurde angezeigt und es wurde ermittelt.

Und sie haben mich wieder freigesprochen. Guess what: Manuel und seine verdammte Malfoy-CDU-Sippe haben es versäumt, für Zeugen zu sorgen. Er hatte keine, weil es keine gab. Ich jedoch hatte welche. Die zwar gar nicht da waren, aber das spielt ja keine Rolle, wenn man angeklagt ist. Zweck. Mittel. Muss ja.

Meine Zeugen waren zwei Siffer wie ich, die jeden Schwur schworen, dass ich zum fraglichen Zeitpunkt gar nicht da war wo ich war, sondern dort wo sie waren, auch wenn sie wahrscheinlich schon zehn Minuten nach Entlassung aus dem Zeugenstand gar nicht mehr wussten, wo das überhaupt gewesen sein soll. Klassische Fakezeugen ergo. Alter Hut. Immer wieder gern getragen. Wenn die andere Seite gar niemanden hat, kommen Sie im Jugendstrafrecht sogar mit solchen Typen durch. Gekostet hat mich das eine halbe Platte. Eine halbe Platte Shit. Für eine Story.

Und ich? Ich habe meistens geschwiegen und wenn ich nicht geschwiegen habe, habe ich stoisch alles abgestritten. Alles. Ich habe nie irgendwas gemacht, was ich gemacht habe. Und kam damit durch. Beim zweiten Gerichtsverfahren auch. Freispruch. Schon wieder. Zwei zu Null Zeugen. Advantage Becker.

Klingt unerträglich, nicht? Und das ist es. Unerträglich. Wenn auch nur von der heutigen Warte aus. Hier in der warmen Warte, in der nichts mehr geschehen kann.

In der Nachschau kann ich grundsätzlich dazu raten, nie irgendetwas zuzugeben, wenn Sie in irgendwelche Mühlen geraten, deren Kartenhäuslein beweismäßig auf tönernen Füßen steht. Nichts zugeben kann Ihnen den Arsch retten, wenn Sie Ihren Arsch gerettet haben wollen. Also sagen Sie am besten nichts. Oder so wenig wie möglich. Nein, besser nichts. Egal wie sie drohen. Was sie konstruieren. Drehen. Wenden. Versuchen. Wie sie locken, schmieren, säuseln. Schweigen Sie. Schweigen ist die beste Taktik in sowieso vielen Dingen. Weil es so wenige können, verunsichert Schweigen Ihr Gegenüber in einem Maß, das Ihnen Möglichkeiten eröffnet, die Sie sonst nicht hätten. Heute schließe ich auf diese Weise schwierige Vertragsverhandlungen ab. Durch demonstratives Schweigen in den schwierigen Momenten. Abstreiten. Lavieren. Dummstellen. Und wieder Schweigen. Zweieinhalb Stunden lang, wenn es sein muss. Schweigen ist eine Waffe, mit der die wenigsten umgehen können. Ich kann das gut. Und ich komme immer noch damit durch.

Ich kann Ihnen das nur mitgeben, wenn Sie jugendlich und angehend kriminell sind. Beschuldigt Sie jemand und hat nicht wirklich viel in der Hand, dann sagen Sie am besten nichts. Sorgen Sie stattdessen für maximal glaubwürdige Zeugen. Es müssen entweder die besten Lügner der Welt sein, intelligente Menschen mit Charisma, die professionell Menschen belügen können (Werber sind ideal, Anwälte oder Banker gehen auch, aber auf die haben Sie als Jugendlicher selten Zugriff), oder nehmen Sie zur Not, wie ich sie hatte, verpeilte Siffer, die vor lauter Verpeiltheit den Scheiß selbst glauben, den sie da erzählen.

Ding Dong. Das war Freispruch Nummer zwei. Der letzte bis heute.

Ja. Sie haben Recht mit dem, was Sie denken. Sicherlich war da Glück mit bei. Viel Glück. Ich hatte sehr viel Glück damals. Ich bin mit allem durchgekommen. Mit jedem Scheiß. Mein Führungszeugnis ist bis heute porentief rein. Ohne irgendeinen Kratzer, es sei denn, dass sie ihre ganzen erfolglosen Ermittlungsverfahren gegen mich irgendwo in einem Keller des Polizeipräsidiums bis in alle Ewigkeit speichern, das kann ja sein. Ich kenne mich damit nicht aus.

Dennoch bin ich zumindest auf dem Führungszeugnispapier ein guter Mensch. Dass das so ist und dass von dem ganzen Siff aus diesen Jahren so gar nichts hängenblieb, kann ich manchmal selbst nur schwer glauben.

Eine Geschichte jedoch toppt all das. Das war schon kein Glück mehr, das hatte etwas von Schicksal, an das ich noch nicht einmal glaube. Mancher wird nach so einer Geschichte religiös. Also sprechen wir lieber von Zufall statt von Schicksal.

Ich habe viel gesprayt damals. Ich hielt mich für einen Sprayer, doch machen wir uns nichts vor, eigentlich war ich nur ein kleiner blöder Tagger mit dem Anspruch, ein Sprayer zu sein. Ach was, auch das nicht. In Wirklichkeit hing ich nur mit echten Sprayern rum und kritzelte mit dem mir eigenen kulturlosen Dilettantismus mit, wenn es nachts auf Tour ging. Schultüren. Sporthallen. Bushäuschen. Runtergelassene Rollläden. Garagentore. Hauseingänge. Parolen. Hausbesetzersprüche. Mein eigenes blödes Tag namens ODO82, von dem ich nicht mal wusste was das sollte. Sowas. Scheißdreck. Nutzloser. Mehr war nicht drin.

Ausgangspunkt der Sprayerrunden war immer die Bude von Antonio, genannt Toni, einem durchgeknallten Spanier auf Speed: Rumhängen, Rauchen, Zeug in die Nase ziehen, paar Bier, Stallone-Filme kucken, Kapuzenpulli über, dann los. Immer wieder. So haben wir es gemacht. Immer wieder. Das war sehr cool. Eine sehr coole Zeit. Keine Sorgen, keine Zukunft, keine Gedanken, nur Hoodie über, Handschuhe an, Sprühlackdose in den Beutel und los.

Vor der Nacht der Nächte, in der über die Zäune zu den Abstellgleisen des Bahnhofs Lichtenberg geklettert werden sollte, um endlich mal wieder (für mich das erste Mal) Züge zu bomben, bekam ich auf Tonis Couch Bauchkrämpfe. Meine Gedärme fühlten sich an, als verknoteten sie sich im ganzen Körper zu seltsamen Skulpturen und wollten sich nunmehr eigenhändig ausscheißen. Und zwar durch meine Poren. Ich konnte nicht einmal mehr aufstehen.

Ich blieb vor Schmerzen auf der Couch liegen und die Jungs verschwanden alleine in der Nacht. Nur Tonis Schwester blieb bei mir. Kamillentee. Bauchwickel. Couch. Salzstangen. Cola. Ein paar softe Filme. Celias Hand auf meinem Bauch. Behutsame Genesung.

Sie sind alle eingefahren in dieser Nacht. Sachbeschädigung. Hausfriedensbruch. Gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr. Ermittlungen. Gerichtsverfahren. Verurteilung. Exempel. Vorbestraft. Ein dickes Ding in der Akte. Für alle war das die Fahrkarte ganz nach unten. Zwei von den Jungs haben ab da mit den ganz harten Dingen angefangen. Einbrüche. Verticken. Spritzen. Knast. Knast. Mehr Knast. Einer von ihnen lebt nicht mehr.

Ich hätte, wäre es nach Plan gegangen, in dieser Nacht mit dabei sein sollen und wäre irgendwann in letzter Konsequenz wahrscheinlich dort gelandet wo ich mich selbst irgendwann sah: Vorbestraft. Knast. Abstieg. Zerfall. Der konsequente Weg nach unten. Ich hätte einfach immer weitergemacht. Sie hätten mir einen mitgegeben. Ich hätte mich gewehrt. Sie hätten draufgehauen. Ich hätte mich mehr gewehrt. Sie hätten noch mehr draufgehauen. Und irgendwann wäre ich untergegangen. Typen wie wir gehen am Ende immer unter, wenn ihnen niemand einen anderen Weg, jenseits von Druck und Gegendruck, Eskalation, Spirale, Ausweglosigkeit und diesem ewigen Umsichschlagen zeigt.

Dass es dazu nicht gekommen ist, ist der Verdienst eines Lehrers, der als einziger mehr brachte als er musste und sich in unserer üblen Schule auch als Sozialarbeiter verstand. Der meine Logik der Eskalation durchbrach. Der mich geknackt hat. Mich zur Seite nahm. Viel mit mir sprach. Einer, der überzeugt war, dass das stumpfe Draufhauen auf den Typen am Ende niemandem hilft. Einer von der Sorte, den Hardliner gerne höhnisch und voller Verachtung als Gutmensch verschreien. Ein guter Mensch tatsächlich. Ohne den wäre ich heute nicht hier. Ohne den wäre ich nirgendwo mehr.


Für Jochen G. Du hast es hinter dir.


Danke, Herr H., der der Einzige war, der es geschafft hat, dass ich mit ihm geredet habe.


Retrospektive: 50 shades of Mach ich nicht