Was ich nicht mehr hören kann

1. Alles gut

Auf der Liste der Floskeln, die ich nicht mehr hören kann, steht „Alles gut“ konkurrenzlos auf dem ersten Platz. Danach kommt nicht mehr viel Schlimmeres, außer vielleicht die altgewordenen Reste der 90er-Jahre-Knaller aus dem Arsenal stupider Vollsprallos der trostlosen Büroflure dieser Stadt mit den Bommelslippern an den Füßen und ihrem Automatenkaffee in der Hand: „Muss ja.“ oder „Mach’s gut, aber nicht zu oft.“

Alles gut. Alles gut. Alles ist inzwischen gut. Hat Ihnen jemand Bier in den Schoß geschüttet und sagt anstelle von Entschuldigung wieder nur Hupsa? Alles gut. Sagen Sie. Anstatt „Verpiss dich doch, du verwachsener Bastard. Ich ficke deine Mutter.“ Sagen Sie nicht. Natürlich nicht. Sie sagen „Alles gut“, auch wenn natürlich gar nicht alles gut ist, sondern Sie aussehen als hätten Sie eingepisst mit dem Bierfleck zwischen den Beinen. Und schuld ist der Affe mit dem Restbierglas in der Hand, zu dem Sie was sagen? Genau. Alles gut.

„Alles gut!“ schreit der zu dürre Rumgeschubste beim Dritte Wahl-Konzert, den ich letztes Jahr umgepogt habe als Konzerte noch erlaubt waren, und den ich vollkommen korrekt mit der Punkrockerhandhebegeste um Entschuldigung gebeten habe. Alles gut. Nein. Nicht alles gut. Ich habe dich umgepogt. Und du bist gegen deine Freundin geprallt, der du deinen Ellenbogen unter die Titten gerammt hast, und bist danach umgefallen. Das ist nicht gut. Schon gar nicht alles. Sag doch Okay. Würde mir reichen. Oder heb‘ den Daumen. Das ganze Händchen. Passt. Aber nein. Aber nee. Alles gut. Behauptet er. Doch das ist es nicht. Gut sind koreanisch frittierte Hähnchenschenkel. Ein Blowjob für die morgendliche 2-Meter-Pisslatte. Gutes Gras in einer milden Sommernacht zu 2ZG in einem vernachlässigten Berliner Park. Das ist gut. Alles. Meine Schulter in deinem Gesicht und du danach am Boden ist nicht gut.

„Alles gut“ sagt auch die Hemdenverkäuferin bei Galeria Kaufhof, die für mich bereits das achte Hemd auspacken und entnadeln musste, weil ich fand, dass jedes bisher beschissen an mir aussah. Alles gut. Nein, mitnichten alles gut. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Sie findet es zum Kotzen, dass sie jetzt bereits das achte Hemd öffnen und entnadeln muss, weil sie das Öffnen und Entnadeln von Hemden hasst. Wie ich. Ich hasse das auch und bin froh, dass ich genau damit eben nicht mein Geld verdiene. Und ich, allein ich, bin der Grund für ihr Zumkotzenfinden, vor allem weil ich gleich in ein paar Minuten ohne eines dieser Hemden zu kaufen gehen werde und sie dann eine inzwischen auf zwölf angewachsene Zahl von Hemden, die ich bis dahin anprobiert und für nicht gut genug befunden haben werde, wieder vernadeln und einpacken muss, was sie noch mehr hasst als auspacken und entnadeln. Und weil ich der Grund für ihr ganzes Unglück bin, hasst sie mich. Und ich kann es verstehen. Ich würde mich auch hassen. Zwölf Hemden auspacken lassen. Und dann keines kaufen. Was für ein Arschloch. Stattdessen „Alles gut.“ Sie. Geseufzt. Ein geseufztes „Alles gut“. Yeeeh, was bin ich froh, dass jetzt doch alles gut ist, ich dachte schon es wäre nicht alles gut. Tralala. Da hinten kommt meine U-Bahn.

Sie sehen mal wieder: Bla bla. Immer nur bla bla. Ritualisiertes. Nur kann ich Floskeln nicht leiden und im Speziellen kann ich diese Floskel nicht leiden. Sie ist noch offensichtlicher geheuchelt als alle anderen „Wie geht es dir? Gut, und dir?“-Kackfloskeln aus den Drecksbüros dieser Stadt. Alles gut? Nein, Hurensohn, hier ist gar nichts gut und das wird es auch nicht mehr.

2. Hallo ihr Lieben!

„Hallo ihr Lieben“ ist schlimm. Grauenhaft. Ein Horror. Diese Begrüßungsfloskel klingt für mich immer noch als würde mich Brisko Schneider aus dem Millennium warm und herzig anstrahlen.

Dabei werden mit „Hallo ihr Lieben“ in den Büros dieser Stadt nur noch die megabeliebten Anscheißerrundmails eingeleitet:

„Hallo ihr Lieben, bitte denkt daran, das Besteck in den Besteckkasten der Spülmaschine zu räumen und nicht (nicht!!!!) in die oberste Schublade. Die ist nur für Pfannenwender!“

„Hallo ihr Lieben, bitte denkt daran, eure Spesenabrechnungen vom letzten Quartal bis dieses Quartalsende einzureichen. Was danach eingereicht wird, kann zurückgewiesen werden.“ (Wird aber nicht, wird es nie, ich weiß das, denn ich bin immer zu spät.)

„Hallo ihr Lieben, schon wieder hat jemand das Fahrtenbuch ins falsche Fach…“ Halt die Fresse! Halt die Fresse! Halt die Fresse! Ich lösche deine Scheißmails, du bescheuerte Eule mit deinem verfickten Fahrtenbuchfach. Und schon wieder Hallo ihr Lieben! Ich würde mich freuen, wenn mal einer von euch Gesichtsfünfen seine nöligen Rundmails mit „Hallo ihr Ficker!“ oder „Guten Morgen ihr Fotzen, Limbo!“ einleiten würde. Einfach so. Um mal wieder für Stimmung zu sorgen. Machen sie aber nicht. Sie heucheln wieder. Seifen alle erst mal ein vor dem Rasieren. Aber mir ist auch das jetzt egal. E-Mails, die mit „Hallo ihr Lieben“ beginnen, bekomme ich seit dieser Woche nicht mehr zu Gesicht, weil ich gelernt habe, wie man den Junkmailordner bedient. Den kann man mit so einer Phrase füttern und dann landen die Hallo ihr Lieben-Mails direkt dort drin, ohne dass ich sie sehe, und werden nach einer Woche gelöscht. Ballyho.

3. Virologen

Geht nicht mehr. Bin wundgefickt. Ich habe Buletten an beiden Ohren. Durchgescheuert. Zu penetrant penetriert. Virologen hier. Virologen dort. Virologen oben. Virologen unten. Rechts. Links. Schräg. Quer. In Reihe geschaltet. Nervt. Ich sähe jetzt gerne mal einen Nervenarzt gepusht. Oder einen Urologen. Von mir aus auch eine gendersensible Teilzeitfrauenärztin. Scheißegal. Hauptsache keine Virologen mehr.