Mein Karma hasst mich

Ich mag meinen Volkspark Prenzlauer Berg. Es ist ein Park, den keiner kennt. Zumindest keiner, der nervt. Es ist einfach niemand von denen da, die mir im Mauerpark so übel auf den Sack gehen. Keine verkappten House-DJs, die an ihren Turntables dilettieren, keine Kampfgriller, die ihre in minderwertiger Marinade eingelegten Fleischabfälle vom Discounter schwarz rösten, keine dummen Tänzer, die für ein bisschen Breakdanceherumhampeln schon wieder Geld von mir haben wollen, keine Frisbeewerfer, die mir immer, wenn ich gerade eingeschlafen bin, ihren vom wanzigen Köter vollgesabberten Plastikteller an die Murmel werfen, keine Junggesellenabschiede, die Andrea Bergs größte Hits rülpsen, keine Säufer, keine Assis, keine Irren. Wirklich: Niemand, der nervt.

Oder fast niemand.

Es ist einer der wenigen sonnigen Tage in diesem Frühsommer. Und es ist leer hier. Irgendwo da hinten liegt ein Nackter im hohen Gras, dort vorne sitzt eine Oma auf der Bank und chillt. Ein paar Leute gehen spazieren. Das war’s. Schöne Luft. Schöner Ort. Tralala.

Kaum liege ich eine halbe Stunde im Gras, freue mich über die Ruhe, freue mich, dass ich noch lebe, lasse mich von der Sonne streicheln, atme tief durch, chille, ruhe in mir, denke: „Jetzt kann es eigentlich nur noch schlechter werden“, wird es auch schon schlechter. Und wie.

Der ganze Park ist frei, überall ist Raum in verschwenderischer Breite, jedoch ausgerechnet etwa zwei Meter neben mir – also ganz knapp vor der Grenze, an der das Sichniederlassen neben einem anderen Menschen sozial inadäquat wird, setzen fünf nachlässig gekleidete und so typisch lichtenbergdebil in die Welt lugende Schülerinnen dazu an, sich ins Gras zu setzen.

„Die werden unmittelbar nach dem Hinsetzen anfangen zu sabbeln als gäbe es kein Übermorgen“ unke ich in Gedanken und habe Unrecht, denn sie fangen noch im Stehen, während sie ihre Handtücher auffächern, die Handtäschchen drapieren und ihre ausgeleierten Sneakers ausziehen damit an, Wortblasen zu produzieren – in einer Geschwindigkeit, mit der mein Hirn nicht mitkommt und unvermittelt schmilzt.

Es geht um Beziehungen, blöde Freunde, gute Freunde, wer mit wem. Da hat Sascha letzte Woche mit einer anderen am Tramhaltestellenhäuschen drüben Weißenseer Weg geknutscht, man munkelt, dass Tanja aus der Parallelklasse, mit der er eigentlich offiziell zusammen ist, das noch gar nicht weiß. Pläne werden geschmiedet, wie man dem abhelfen kann. Anonym über Facebook oder per Zettel ist doof. Das glaubt die nachher nicht. Dann lieber dem Bruder petzen, der wird sich die üble Gelegenheit zum Handstreich nicht entgehen lassen. Große Freude. Einvernehmen. Konsens herrscht. Das ist die Lösung. Der Bruder. Möge die Stinkbombe dort platziert werden.

Es folgt Themenhopping: Inga ist jetzt ausgerechnet mit Jörn zusammen, Pattie hat mit Janne Schluss gemacht, aber alle bis auf die Dicke glauben, dass die beiden wieder zusammenkommen. Svenja kann irgendwie keiner leiden, weil die sich an jeden ranwanzt, der aussieht, als hätten die Eltern ein wenig Geld. Dann gibt es noch Tamara. Und Matze. Der wiederum war mal mit Lara zusammen, aber die will nichts mehr von ihm wissen, weil er mal mit Svenja geredet hat (die keiner leiden kann).

Geblähe.

5.000 Wörter die Minute.

Maschinengewehrsalven.

Auf mein Hirn gerichtet.

Ich kann nicht schlafen. Ich muss mir wertlose Informationen reinziehen, sauge alles auf, analysiere mit, überlege, ob die Beziehung zwischen Pattie und Janne noch zu retten ist und versuche, das übrige Beziehungsgeflecht an der Schule zu entwirren. Pattie ist wohl ein Arsch, bekomme ich auf einem Ohr mit, weil er noch vor dem Schlussmachen mit Tamara rumgeknutscht hat, auf der Schulparty im Januar, auf der Svenja dem DJ so dreist ihre Handynummer zugesteckt hat, diejenige Svenja, registriert das andere Ohr, die eigentlich was von Matze wollte, aber abgeblitzt ist, weil Matze immer noch an Lara hängt, die ja bekanntermaßen wegen Svenja mit Matze Schluss gemacht hat. Meine Güte.

Kein Zweifel. Mein Karma hasst mich. Und lässt mein Ohr bluten. Mein Hirn hat einen Knoten. Anderthalb Rundtörn mit zwei halben Schlägen. Ich fühle mich wie ein Joko und Klaas-Zuschauer und spüre meine Hirnzellen sterben wie die Fliegen. Für diese Prüfung komme ich ins Paradies, denn ich gehe durch die Hölle.

Irgendwann schaffe ich es, raffe mich zusammen und gehe weg, irgendwo an den Rand eines kleinen Wäldchens, um dort zu sterben. Die Reste meines zerlaufenen Hirns ziehe ich wie einen Seesack hinter mir her, um es neben einem übervollen Mülleimer, den außer frühlingsnestbauenden Vögeln nie einer leert, möglichst feierlich zu begraben.

Dann bin ich wieder alleine und es herrscht Ruhe. Hier in meinem Volkspark Prenzlauer Berg, meinem Geheimtipp, den keiner kennt, jenseits der Plattenbauten, abseits der Touristenhorden, Powergriller, DJs, Kindergartengruppen, Jongleuren, Artisten, Duttträgern, Muttiblogvollschreiberinnen und fußballspielenden Sportskanonen. Denn hier ist es prinzipiell sehr schön und sehr ruhig, es sei denn, dass mich mein Karma gerade mal wieder hasst und mir eine zehnbrüstige Strafe direkt in mein Gehirn schickt.