Q wie Quarantäne (Aufräumarbeiten)

Ja gut, sagen wir es wie es ist: Sie haben überreagiert. Haben sich verrückt machen lassen von eitlen Virologen, heulenden Hypochondern und natürlich dem verdammten Internet. Dieser Heulboje. Hysteriemaschine. Dem Brüllaffen. Krakeelwürfel. Güllepumpe. Und jetzt steuern sie möglichst gesichtswahrend wieder zurück in den Sachstand zum Februar diesen Jahres. Schritt für Schritt. Damit es nicht so aussieht als hätten sie überreagiert. Und ich und Sie und, ja, Sie auch, dürfen die Scherben zusammenfegen.

Es ist bemerkenswert, wie schnell sich die Mehrheit im Land immer noch der Knute fügt, wenn man ihr nachdrücklich genug Angst macht.

Die neue Normalität, von der jetzt alle sprechen, sieht für mich vor allem so aus: Die Durchdreher haben aus dem Internet in die Realität gekalbt und bestimmen nun das Tempo, die Vehemenz aller Dinge und vor allem den Grad an Hysterie. Und sie fordern auch hier an der frischen Luft den Gleichschritt. Und wehe Sie scheren aus.

Sie haben auch die Framingschraube noch ein Stück weiter gedreht als bei der Klimakiste letztes Jahr. Jetzt gelten Sie bereits als Verfassungsfeind, wenn Sie auf diese komischen Grundrechte da hinweisen, von denen sie mir in der Schule noch erzählt haben, dass sie universell, absolut heilig und unverhandelbar sind. Mehr noch: Sie haben jeden, der irgendwas Kritisches sagte, in eine toxische Kiste voller unappetitlicher Parias gesteckt, nur um am Ende der Durchdreherei zerknirscht festzustellen, dass der Korridor der Positionen, die sie inzwischen zulassen, zu eng geworden ist. Dabei ist das nicht das erste Mal, doch das erste Mal in dieser doch gnadenlosen Konsequenz. Freund oder Feind. Merkel oder Aluhut. Dazwischen war noch enger als sonst nichts mehr.

Diese – doch, ja, gnadenlose – Polarisierung führt zu der absurden Situation, dass Sie in der Straßenbahn angeblökt werden, weil Sie keine Maske tragen, nur um ein paar Minuten später von einem angeblökt zu werden, weil Sie eine Maske tragen. Dabei möchte ich einfach nur, dass sie mich alle in Ruhe lassen. Aber Ruhe geht nicht mehr. Sag, Fremder. Freund oder Feind. Merkel oder Aluhut. Wo stehst du?

Ich weiß ja, dass sich die Menschen in Krisenzeiten hinter der Regierung versammeln. Das ist ein ganz normaler, vermutlich sehr natürlicher Schutzsuchreflex, ein Herdentrieb, wenn Sie so wollen. Das geht grundsätzlich klar. Nur muss es wieder mit dieser Unbedingtheit sein, mit der sie sich gerade in Deutschland gerne allen möglichen Regeln unterwerfen? Diese Lust immer, diese so lächerliche Leidenschaft gar, mit der sie das immer tun. Alles befolgen. Alles. Überall. So wie sie nachts an roten Fußgängerampeln stehenbleiben. Mülltonnen vor lauter Regelfetischismus nach falsch eingeworfenem Abfall durchforsten. Weil doch Regeln erlassen wurden und sie diese wie eine von Gott selbst auf die Erde geschissene Gebotetafel einhalten. Und alle disziplinieren wollen, die das in Frage stellen. Muss das so? Muss der Plan immer übererfüllt werden? Und muss man immer diejenigen melden, markieren und mobben, die das nicht tun?

Mit Angst lässt sich sowieso immer noch sehr gut regieren. Besser als ohne. Wollen Sie, dass der Deutsche tut was Sie wollen, so machen Sie ihm Angst. Vor Ausländern. Einem Gott. Vor dem Wetter. Oder so schön unsichtbar und damit gruseliger: Einem Virus. Lassen Sie Ihre immer noch reichweitenstarken Organe oder gleich den quasiverbeamteten Rundfunk was von Erstickungstod erzählen. Qualvollem Erstickungstod bitte. Kaputtgevirten Stücken der Lunge. Niere. Hirn. Leber. Hoden. Massenhaftem Untergang der Krankenhäuser. Not. Elend. Verderben. Zusammenbruch von so ziemlich allem, was den Leuten wichtig ist. Omma. Oppa. Nachbars Lumpi. Hausarztpraxen. Garnieren Sie das mit Vergleichen mit vergangenen Epidemien. Tote. Mehr Tote. Hunderttausende Tote. Ach was Millionen. Und vor allem teilen und herrschen Sie. Da hinten. Kucke. Der Schädling trägt keine Maske. Keine Handschuhe. Und er verlässt das Haus auch wenn die Regierung sagt, dass er das nicht darf.

Weniger bemerkenswert ist die Zustimmung in Krisenzeiten zu starken Männern. Nachdem ich gesehen habe, wie schnell und mit wie viel Furor sie sich alle ducken, war das nur die logische Folge bis einer wie Söder kanzlerumfragenmäßig durchmarschiert. Der hat das alles gesehen, sehr gut eingeordnet und exakt bedient. Doch doch, das verdient Respekt. Es ist ein Situationserkenner. So verbreitet ist das nicht.

Der übliche Gleichschritt in ihrem multimedialen Trommelfeuer, mit dem die Mehrheitsgesellschaft immer schon die Minderheit diszipliniert, war bei diesem Hype das erste Mal wirklich spürbar unangenehm. Ich kann sonst gut damit leben, eine Minderheit zu sein, damit komme ich gut zurecht. Klima? Leck mich. Gender? Leck mich. Rundfunkgebühren? Fickt euch, aber leckt mich drei Mal. Normalerweise kann ich das alles ausblenden. Mir alles egal. Betrifft mich nicht. Juckt mich nicht. Wenn eure Gesellschaft wegen irgendeiner eurer vielen Agenden, mit denen ihr ständig alle möglichen Leute penetriert, den Bach runter geht, tanze, saufe und ficke ich trotzdem weiter, weil mir eure Gesellschaft so egal ist wie ich ihr bin. Deshalb Internet ausmachen, wenn Schnauze voll. Keine Tagesthemen mit ihren traurigen Haltungsdurchhalteparolen mehr schauen. Das Flugblatt der fördermittelgepamperten Aktivisten auf der Schönhauser Allee für oder gegen irgendwas einfach nicht nehmen. Und die Musik im Ohr aufdrehen, wenn sie mich auf meinem Weg irgendwohin zulabern wollen. Doch Ausblenden war heuer nicht. Hat nicht funktioniert. Denn auch ich muss einkaufen. Essen aus dem Restaurantfenster meiner existenziell in den Arsch gefickten Lieblingsgastronomen abholen. Bahnfahren. Eine Runde um den hysterisierten Kiez drehen. Sport machen. Lockdownbedingt mehr als sonst. Und dabei sehe ich sie alle. Diese Angst überall. Panik. Geweitete Augen. Und dann ihre Masken.

Humor ist in solchen Zeiten auch nicht angebracht. Dumme Witze noch weniger. „Na? Umarmung?“ grinse ich sportdurchschweißgenässt und auf jeden Fall zu leichtmatrosig für diese Zeit meinem superbündnisgrünen Nachbarn zu, der mir im Treppenhaus entgegen kommt. „Darüber macht man keine Witze.“ Er. Ah. Stimmt. Macht man nicht. Witze nicht. Wir haben einen Keller. Da kann ich meine Witze machen. Vielleicht lachen ja die Ratten drüber.

Einen hab‘ ich aber noch:

Personaler: „Wann haben Sie Ihr Abitur gemacht?“

Bewerber: „2020.“

Personaler: „Wir melden uns.“

(credits)

Hey, was meinen Sie? Merkel muss es nochmal machen, oder? Die ist super, nicht? Was für ein Krisenmanagement. Steht doch überall. Können froh sein, dass wir die haben. So viele Fanboys wie aktuell hatte die in den letzten 370 Jahren, die sie nun schon regiert, nicht. Von rechts bis links. Alle wieder blümerant. Berauscht. Begeistert. Aber echt mal. Das war doch unfassbar souverän alles, nicht? Und überhaupt: Wer soll es denn sonst bringen? Den Job machen? Gibt doch keinen sonst, außer vielleicht den Söder, aber wer will schon Söder, wenn er Merkel haben kann. Die kann noch ein paar Jahre. Jahrzehnte. Ich habe mich jetzt schon festgelegt und werde nach all den vielen Jahren endlich wieder wählen gehen. Und ich werde nur Merkel wählen. Niemand anderen. Notfalls schreibe ich die Alte auf den Wahlzettel, wenn die nicht drauf steht. Weil die so super ist.

Der Wahlkampf 2021 wird denkbar einfach werden und wird angelehnt an die großen Auseinandersetzungen der letzten Jahre, e.g. Klima, Finanzkrise, Putin, Corona: Merkel hat Recht und wer widerspricht ist ein Aluhut, mindestens aber suspekt. Unwählbar mithin. Spiegel. Zeit. Faztaz. Sie werden es lesen, wetten wir?

Alte Menschen erzählen gerne mal von einer historischen Figur namens Breschnew. Das war irgendeine scheintote Mumie an der Spitze irgendeines untergegangenen Staates. Saß da oben bis sie ihn tot rausgetragen haben. Was? Nee. Weiß auch nicht wie ich da jetzt drauf komme. Weiß ich nicht. Keine Ahnung. Ick geh mal einen kiffen.

Jetzt mal wirklich, doch, jetzt mal in echt, Hand, Herz, Scherz beiseite und so: Bleibt bei Ihnen auch das schale Gefühl einer lauen Luftnummer? So als hätte jemand einmal über quälende Wochen lang mit dicken Backen heiße Luft durch das Land geblasen und jeder fing an, pflichtgemäß zu schwitzen? Und jetzt frischt es auf und die Nebelbank löst sich auf? Leute lachen wieder. Es gibt wieder Bier vom Fass. Nachts kann ich wieder spazierengehen ohne diese fiese Melange aus Ausgangssperre, ausgestorbenen Straßen und cruisenden Polizeiopels mit ihren äugenden Cops. Nein? Ja? Luftnummer? Doch, bei mir schon. Ich fühle mich insgesamt als Ergebnis dieser Wochen sogar ein wenig verarscht. Habe dem Zinnober die ganzen Wochen über zugeschaut wie einem unabwendbaren Autounfall in Zeitlupe. Die Frage, auf die ich die ganze bleierne Zeit über keine Antwort gefunden habe, steht bis heute im Raum herum: Wofür der Zirkus?

Keine Ahnung ob Luftnummer oder nicht. Das Perfide ist ja, dass sich nichts gegen die lustige kleine polizeistaatliche Episode und alle ihre Nebenwirkungen wie petzende Nachbarn, das massenhafte Abschießen von abweichenden Meinungen, gegenseitige Anscheißereien und unendliches Misstrauen von allen gegen jeden sagen lässt, weil es ja geklappt hat, oder? Hat doch geklappt, nicht? Na das ist doch Beweis, dass das alles richtig war. Manchmal muss der Sellerie eben mit dem Bärlauch ausgetrieben werden. Ist eben so. Also bitte keine Fragen stellen. Einreihen jetzt. Merkel oder Aluhut. Zweifeln Sie etwa? Ha.

Es ist ein wenig wie Homöopathie, Bachblütentherapie, Voodoo oder Lachyoga. Man macht etwas, es passiert etwas, aber die Kausalität lässt sich nicht herstellen.

Witzig war auch zu sehen wie sich nach den Wochen des penetranten Alarmdauerfeuers dann doch die reihenweise sonst sehr buchstabenreich kritischen alternativen Medienorgane und kümmerlichen Reste der superkritischen (huhu) Nullerjahrepremiumbloggerblase hinter der Regierung versammelt haben, die sie sonst verbal zerfetzen als hätte das je irgendwas gebracht. Ganz zahm jetzt, ganz zahm. Ein ganzer Kreidefelsen in den vielen mahlzeitengetränkten Tastaturen. Da sind bei mir ein paar Illusionen gestorben und es blieben nicht viele abseits des zulässigen Weges übrig, wenn Sie nicht gerade die Aluminiumfreunde aus dem Hildmannfanblock lesen wollen. Augstein und Fleischhauer stachen da meinungsmäßig aus dem bräsigen Brei einsam hervor, wofür sie von den üblichen satten Mehrheitsfanboys durch die Bank gegrillt wurden. Nein, traurig. Erbärmlich schon. Viel war da nicht mit Opposition abseits der irrlichtenden veganen Köche, alternden Ex-Tagesschausprecherinnen, atemlosen Ex-RBB-Funkern und ganz üblen Sängern, die sie genüßlich einzeln als abschreckendes Beispiel durch die Schlammcatcherkuhlen der Republik getrieben haben. Nix zu sehen sonst. Jeder kleine anonyme Kinderzimmeryoutuber ist da kritischer als die alten Nullerjahremänner und ihre alt gewordenen Blogs.

Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Das Blöde ist halt, dass man, wenn man sich zu früh festgelegt hat, nicht mehr ohne dumm dazustehen aus so einer Nummer rauskommt. Deshalb stellt sich niemand je hin und sagt „Hey schulligung, ich habe euch jetzt zwei Hysteriemonate lang Scheiße erzählt und jetzt erzähle ich was ganz anderes.“ Ich bin da nicht anders. Wenn doch demnächst der fiese üble Höllenschlund von zweiter Welle kommt, die sie seit Wochen wieder mangels anderer Neuigkeiten in alarmistischem Unterton durchs Dorf treiben, dann hatte ich unrecht und werde schnell ablenken und Ihnen nur noch was über Prenzlauer-Berg-Mütter, Sojalattescheiße und meine beschissenen Nachbarn erzählen, auf dass sich bald niemand mehr daran erinnert, dass ich dieses Virus, das nun doch im zweiten Anlauf die halbe Menschheit ausgerottet und jede Zivilisation zerstört hat, über die Monate dieser lächerlichen ersten Welle nicht schlimmer als eine blöde Grippe fand. Ich werde nicht sagen, dass ich falsch lag, sondern ich werde ablenken. Wie alle. Das ist doch klar. Der Mensch ist in erster Linie ein Mensch und auch die Paniktrompeter werden nie einräumen, dass sie zu sehr paniktrompetet haben, sondern einfach das Thema wechseln. Woanders hin. Eine neue Sau finden. Und sie treiben. Normal. So weit.

Es wundert auf der anderen Seite aber auch nicht, dass von den Etablierten noch auffälliger als sonst nur noch wenige mit ihrer Meinung vom Korridor abweichen. Wegen der Kontaktschuld. Und den Abseitigen, mit denen Sie sofort zu Zürcher Geschnetzeltem zusammengebraten werden. Oder wollen Sie mit Ihrer Position in einer verrosteten Gusseisenpfanne mit Xavier Naidoo, Jürgen Elsässer oder diesen ganzen telegramkanalenden Reichsbürgervirulogen schmoren? Ich nicht. Oh nein, ich auch nicht, wirklich nicht, ich sag‘ ja schon nix mehr, nix, weg, kucke mal, da draußen, das Wetter, schön wie nie, ich habe einen Himbeerstrauch auf dem Balkon gepflanzt. Wenn der bald die ersten lecker Himbeerchen trägt, fotografiere ich die und stelle die Bilder ins Blog. Was viel besser ist als Opposition. Und so bunt. Kuck mal die Himbeerchen. Ui.

Und dann war da noch meine Heimat- und sagenhafte Schlumpfstadt Berlin. Ein Geeier. So ein erbärmlicher Entscheidungsringelpietz. Ein zehnstimmiger Senat. Elf Köpfe, dreißig Meinungen. Und das Ergebnis ein Eiertanz olé. Erst nix machen, dann nachziehen, Schritt für Schritt und immer einen hinter Brandenburg. Lächerlich, ehrlich, entweder möchte ich Superberlin-Laissez-faire sein, dann muss ich das durchziehen und mache es so wie Schweden. Oder ich mache halt dicht. Igel mich ein. Ziehe durch. Von Anfang an. Und schreibe nicht immer einfach die Verordnungen von denen ab, die was entscheiden. Einen Tag nachdem sie entscheiden. Schlumpf-o-rama. Nie war ein Bundesland Berlin überflüssiger als während der letzten Monate. Da kann ich auch eine Gruppe Orang-Utans aus dem Berliner Zoo in die aufgeblähten Gremien setzen, die einfach alle Brandenburger Verordnungen einen Tag nach der Veröffentlichung im Potsdamer Amtsblatt abpausen und mit einem Federstrich ihres Penisses auf dem Büttenpapier für hauptstadtgültig erklären. Reicht doch. Wofür braucht diese Stadt einen ganzen Stall an feudalen B-besoldeten Premiumplaudertaschen, die am Ende doch nur das verordnen, was der Rest des Landes schon vor Tagen verordnet hat. Braucht es? Braucht es nicht? Keine Ahnung, ich bin nur uninteressierter Nichtwähler, was weiß ich schon wie viel Popanz so ein Apparat braucht.

Schöner waren wie immer die kleineren Dinge. Plötzlich gehen Sachen, die ich schon immer haben wollte, aber deren Umsetzung nicht möglich war, weil es keinen juckt was ich will. Türen gehen jetzt bei BVG und S-Bahn endlich automatisch auf. Plötzlich geht die spontane Sonntagsöffnung der Supermärkte, was bisher eine seltsame Allianz aus Klerus und Gewerkschaften verhindert hat. Und ich kann plötzlich überall mit Smartphone bezahlen, vom kleinen türkischen Supermarkt bis zum verkackten Späti. Selbst die verschissene Spesenabrechnung im Borgwürfel geht jetzt digital. Foto machen. Zuschicken. Geld bekommen. Ging früher nie. Der Buchhalterbürokrat wollte immer verdammte Papierschnipsel. Restaurantzettel. Krakelige Quittungen. Jetzt will er kein Papier mehr. Und das finde ich gut.

Ich selber verwahrlose in so einer Situation. Sitze ich antriebslos zuhause rum, nehme ich Drogen. Alles was da ist. Alles was ich kriegen kann. Ich kaufe die Pillen- und Graskisten von halb Friedrichshain leer und werfe mir alles ein. Aus schierer Langeweile. Immer war das schon so. Daran hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert. Anders bekomme ich die quälende Zeit, die mich martert, nicht totgeschlagen. Das ist natürlich erbärmlich, aber mir auch schon wieder egal. Großen Spaß hat es gemacht. 55 Tage lang. Vom Tag des bezirksamtlichen Quarantänebescheids über den runtergefahrenen präsenzlosen Arbeitgeber und seinen Homeofficeshit bis zur Aufhebung des allgemeinen Wahnsinns und dem Wiedereinzug des geregelten Lebens. Jeden Tag. Spaß total. Drogen nehmen ist gar kein Elend. Es macht Spaß. Sonst würde es keiner machen.

Wenn ich das tägliche Hirnsedieren nicht mit Sport kompensieren würde, wäre ich jetzt vermutlich am Arsch, obdachlos, wäre das Kind komplett los und den Job sowieso. Oder ich wäre ganz einfach tot. Doch gefehlt. Rekorde bin ich gelaufen. Weil ich endlich so viel Zeit dafür bekam. 30 Kilometer habe ich abgerissen. Pro Runde. 90 die Woche. Eine Distanz wie nie. Schon lugt der Marathon am Horizont zwischen den Plattenbauschluchten von Hohenschönhausen herüber. 30 Kilometer. Ich. Das rennende Wrack. Es geht. Es läuft. Ich hatte die Zeit.

Diese Distanzen schaffen natürlich neue Kosten. Ich habe festgestellt, dass ich mit morgendlichem Milchkaffee und zwei Gläsern Wasser im Bauch nicht länger als 25 Kilometer durchhalte, so dass ich mir einen lächerlichen Laufgürtel für die neue Wasserflasche und das bisher überflüssige Kohlenhydratpowergel anschaffen musste. 70 Euro kam der ganze Kram. Danke, Merkel.

Jetzt ist aber auch gut. Ich habe genug Ausnahmezustand für dieses Jahr getankt. Es reicht selbst mir jetzt langsam und ich entwickle zum ersten Mal den Wunsch nach normalisierten Umständen. Arbeiten gehen, Straight Edge bleiben. Zu normalen Zeiten ins Bett. Wieder so tun als sei ich seriös (was ich nicht bin, nie war und nie sein werde). Allein schon für das Kind, das jetzt wieder ein Vorbild einfordert. Vor dem ich das, was in meinem Schatten geschieht, besser: Was ich in meinem Schatten veranstalte, verbergen muss. Zwei Gesichter. Kommt das zweite aus dem Schatten ins Licht, bin ich geliefert. Also spiele ich die Rolle. Verberge die Dinge. Halte den Schatten im Schatten. Das war immer schon so. Ich kann das gut.

Das Vorletzte: Es gibt selten Texte zu dem ganzen Coronashit, bei denen ich vom ersten bis zum letzten Satz am Nicken bin. Oft klicke ich nach den ersten Sätzen weg, weil es schlimm geworden ist. Die meisten früher kritischen Schreiber haben sich in die Kolonne eingereiht als wären sie bei den Tagesthemen beitragsalimentiert. Andere drehen komplett ab und schreiben konsequent abseitig und bisweilen wirr. Selten mal jemand, der ruhig, gelassen, belastbar Kurs hält. Texte wie früher, als nicht immer alles sofort ein Weltuntergang war. Viel Freude damit.

Das Letzte: Geht einer mit Schnabelmaske zum Aldi. Ich mag das.


Das Allerletzte: Wenn ich so zurückblicke, habe ich tatsächlich auch so ein beschissenes Quarantänetagebuch geführt, über die ich sonst immer abäffe. Ohne dass das Absicht war, aber es passierte einfach nichts sonst. Wenn Sie also unbegreiflicherweise Bock auf die nutzlosen Lebensberichte nutzloser anderer Leute haben, dann hier die ganze nutzlose Scheißodyssee kompakt, damit ich das Zeug schneller wiederfinde, wenn ich später noch einmal nachlesen will, was eigentlich in dieser Zeit passiert ist, an die ich mich kaum erinnere:

13.03.2020

Quarantäne – Drecksnudeln, Geflügelrosettengulli, Asiatenhasserkabuffs

19.03.2020

Quarantäne II – Scheißhauspapierhamster, Paniktweeter, Kifferkuchen

22.03.2020

Quarantäne III – Erdbeerbubblebadeperlen, Mandelmilchprepper, Spätipenner

30.03.2020

Quarantäne IV – Rampenlampenlicht, Stuckspinnweben, Fensterverkauf

02.04.2020

Quarantäne V – Efeugezwiebel, Wohlstandsmütterchensammlung, Nürburgring

08.04.2020

Quarantäne VI – Frühlingsjungblutinsekten, Rammsteinwodka, Homofürst

16.04.2020

Quarantäne VII – Dackelhirn, Botoxfressen, Coronakitsch

20.04.2020

Quarantäne VIII – Sturmhaube, Gesichtsnacktnazis, Normaldeutschtot

03.05.2020

Quarantäne IX – Lockdownnirvana, Zia-Eh, Supermarktfenchelkisten