Lost im Medimax

Liebe Bundesregierung,

ich habe wieder den Fehler gemacht, in den Medimax zu gehen, um etwas zu kaufen. Ich bin nun schon seit Stunden in der Gewalt der rot-gelben Brigaden. Ich kann nicht sagen, ob sie mich gut behandeln, denn sie behandeln mich gar nicht.

Ich weiß, es war leichtsinnig und gegen den Rat des Auswärtigen Amtes, alleine in die so bekannt gefahrengeneigte Servicewüste zu gehen, in der schon so viele unserer fellow Mitbürger spurlos verschwunden sind, aber ich brauchte einen Kopfhörer für meine Musik, der alte Kopfhörer ging plötzlich nicht mehr und wer in Berlin im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist, der weiß, dass Musik im Ohr essenziell wichtig ist, um den allgegenwärtigen Zumutungen der mitfahrenden Gestörten zumindest akustisch etwas entgegensetzen zu können.

Ich habe mehrmals versucht, einen von diesen rot-gelben Brigaden zu kontaktieren, es schlug jedes Mal fehl. Diese sehr verschlossenen Aktivisten scheinen eine Art halbseidenes Schweigegelübde abgelegt zu haben, sie haben immer ein Papier in der Hand, schauen sehr wichtig und rennen weg, sagen dabei nichts oder – wenn Sie Glück haben – nur „Keine Zeit“, „Sie sind bei mir falsch“ oder „Jetzt nicht“. Ich fühle mich sehr einsam. Bitte holen Sie mich hier raus.

Sie haben hier eine Art Pilgerstätte, eine Art Schrein mit einem großen „i“ als Reliquie drauf, auf dem eine Tastatur und ein Bildschirm draufsteht, in den einer von ihnen unablässig meditativ reinstarrt und auf der Tastatur rumhämmert, mit zusammengekniffenen Augen und schmalen Lippen, nichts außer sich selbst und eine imaginäre Zahlenreihe wahrnehmend, die er analysiert. Er scheint obendrein mit den Nerven am Limit, seine Lippen sind fast so zusammengekniffen und die Mundwinkel hängend wie bei eurer Merkel (die einen wirklich fantastischen Job macht, ehrlich, sie ist großartig, ich werde die wählen, weil die so super ist) und aus seinen Ohren raucht es fast, ich fürchte, es genügt ein Funkenschlag, um ihn explodieren zulassen, denn die Pilgerstätte ist sehr gut besucht, es würde wohl Tage dauern bis ich an der Reihe wäre und sich jemand mit mir beschäftigen könnte. Wochen. Jahre. Ewigkeit. Nie. Ich weiß es nicht. Hier weiß man nichts.

Liebe Bundesregierung, ich kann ohne Kopfhörer den Berliner öffentlichen Nahverkehr nicht betreten, weil ich die Menschen dort nicht ertrage, allerdings kann ich auch keinen kaufen, denn ich weiß nicht welchen der fünfzigtausend Modelle zwischen 3,99 € und 249,79 € ich nehmen soll, weil die alle gleich aussehen und auf ihrer Packungsrückseite kryptische technische Daten stehen, die nur ein Physiknobelpreisträger verstehen kann, aber niemals ich. Den letzten der spärlich anzutreffenden rot-gelb Gekleideten, den ich wild fuchtelnd unter Androhung einer Meuterei tatsächlich für einen Wimpernschlag lang anhalten konnte, erklärte sich in einem reflexartigen Akt der Selbstverteidigung für nicht zuständig und rannte einfach weiter. Verzweiflung. Agonie. Ich bin am Ende.

Schicken Sie bitte die GSG 9, das KSK oder meinetwegen den BND, wenn kein anderer will. Die haben doch sicherlich alle Kopfhörer und können mich aus meiner Lage befreien. Hilfe. Bitte.

Herzlichst

(unleserlich)