Wir kaufen Autos

Fuck Pornhub hat irgendwas an der Menüführung gemacht. Ich finde mich nicht mehr zurecht. Auch der Algorithmus suckt. Letztens haben sie mir als Empfehlung eine fette Alte mit Blümchenkleid und vollkommen bizarren Riemchensandalen vorgeschlagen, die in einem Sessel fläzt und Chicken Nuggets mit Dip in sich reinstopft, während ein Maskierter zwischen ihren massiven Schenkeln vergraben ist und den Eingang sucht. Das kam direkt als Weiterglotzvorschlag zur Transe aus meinem Clip, die sich – plopp plopp plopp – eine Liebeskugelkette durch die schweinchenrosa Rosette in den Darm geschoben und wieder rausgezogen hat, während sie die Vorhaut des schlaffen Pullers schnell, dann langsam, dann wieder schnell zurück und wieder vor schob, was ich schauspielerisch sehr gelungen fand. Doch wo zwischen den Performances der fetten Alten und der Transe der Zusammenhang sein soll, weiß wohl nur der Algorithmusprogrammierer, den ich mir vor seinen Monitoren immer von einem Berg aus Pizzakartons, Colaflaschen und alten Resten der Chicken Nuggets seiner fetten Alten (na klar) umgeben vorstelle.

Pornhub ist inzwischen sowieso fast so zugeschissen mit Werbung wie das alte gammlige und vor knapp 80 Jahren das letzte Mal superhippe GMX-Portal, bei dem ich nur noch aus purer Nostalgie einen E-Mail-Account für die Massen an Fishingspam habe, den Sie immer noch bekommen, sobald Sie irgendwo eine E-Mail-Adresse angeben müssen. Fuck Werbung. Fuck Pornhub. So weit ist es schon. Wenn das so weitergeht, muss ich Pornos wie früher wieder bezahlen, auf dass sie endlich vom Werben ablassen. So wie ich das hier auf diesem hässlichen Schwarz-Weiß-Superkontrastding voller Buchstaben tun muss, sonst würden Sie hier wie überall im Internet blinkende Klickbannerwerbung für Riemchensandaletten, Blümchensommerkleider und garantiert eklige Gurkenblutorangensmoothies sehen müssen.

Und davon würde mir schlecht.

Denn ich hasse Werbung. Der Mensch wird mit Werbung zugeschissen. Schon immer. Von Anfang an. Ich weiß das. Selbst durchgestanden. Damals im Krankenhaus. Jedes Baby bekommt noch vor Ort ein Hallo-junge-Eltern-Starterpack mit blöden kleinen Pröbchen für Cremchen, Windelchen, Lotiönchen, und in der Drogerie gibt es dazu ein Rasselchen, ein Teddychen und noch ein Windelchen. Mit dick Rossmann draufgeschrieben. Oder DM. Müller Drogeriemarkt. Oder … wait … Schlecker? Nee. Schlecker ist tot und das ist immer noch so verdient.

Der Grund für die Warenschwemme nach so einer Geburt ist natürlich nicht, dass die Gesellschaft Ihr Baby so gerne hat (hat sie nicht), sondern Product Placement, präziser: Namedropping – also das, was die Wirtschaft mit käuflichen Food-, Mutti- oder Autoteileinfluencern macht. Hallo Internetfuzzi mit den 80.000 gekauften Botfollowern, hier, nimm und nenn‘ meinen Namen, bitch, egal wie, nenn‘ meinen Namen und ich schenk‘ dir das Teil dafür. Und Zehntausend via Paypal kriegste dazu.

Und für die paar echten Follower von dem Schmock heißt das: Hier. Ich habe ein bisschen Zeug für billig beim duckfaceigen Influencer abgeladen, dem du folgt. Los, sieh‘, was der da empfiehlt, lies‘ meinen Namen, Label, Brand, lies, bitch, er soll sich einbrennen, damit du danach kaufst. Und deshalb auch hier, neue Mutter, neuer Vater, nimm ein Pröbchen und freu dich drüber. Nivea. Wileda. Und natürlich Penaten. Penaten ist ganz groß dabei. Meine ganze Geburtsgeschenkbox aus dem Krankenhaus vor zehn Jahren war voller Penatenkram in mikroskopischen Dosen. Babyöl. Shampoo. Badezusatz. Und bah. Diese Creme. Die verdammte Penatencreme. Stinkt wie meiner toten Ommas Salbe für die rissigen Warzen am Fußballen, setzt sich auf jeder Haut fest wie Sprühlack und geht einfach nicht mehr ab von den Fingern. Sie brauchen Terpentin, um den Penstencremescheiß in den Ausguß zu ätzen, verdammt, was ist da drin?

So. Hallo Penaten. Wileda. Nivea. Ich hab‘ euren Produktnamen genannt. Krieg‘ ich jetzt was geschenkt? Aha. Und warum nicht? Ah. Stimmt, das hier ist ein Blog und Blogs sind tot. Lange schon tot, töter als Totholz, ich sende hier quasi wie ein CB-Funker als Uraltfrequenz an ein paar letzte zielgruppenirrelevante Scheintote mit RSS-Zombiereader, die immer noch nicht einsehen wollen, dass sie gegen das minderjährige Publikum von Insta, YouTube und Tik Tok inzwischen nur noch so fresh sind wie ein Doppelkassettendeck im Renault Clio.

Doch ehrlich, wie kann man nur Werber sein? Wie kann man so einen Job machen und sich nicht den ganzen Tag zur Wiedergutmachung dafür ritzen? Ich habe lieber einen schienbeinfickenden Köter an der Hose hängen als einen Werber im Bekanntenkreis. Bah. Werbung. Ohne Ende Werbung. Überall Werbung. Wer in einer Stadt wie meiner wohnt, kann nur irgendwann abschalten, um die ruinierte geistige Gesundheit nicht noch mehr zu ruinieren. Plakate, Laufschriften, Leuchtgedöns, blink blink, kauf mich, barcodescann mich, klick mich, fick dich. Doch mich erreicht das nicht mehr, ich blende das aus, ich kann das, ich schiebe den Augenmüll zur Seite, klicke weg, schaue weg, übertöne alles, auch den um sich greifenden Akustikmüll aus Lautsprechern oder einfach nur dumm trompetentrötende geldschnorrende U-Bahn-Combos, höre ich alles nicht mehr, weg, ausgeknipst aus der Wahrnehmung, dank ohrenversiegelnder Kopfhörer und Metallica, Onkelz, Slipknot, müssen sie verstummen, aus, Ende, nix, sie kriegen mich nicht mehr, ich schalte ab, ich höre und sehe nichts mehr, mein Sichtfeld hat sich natürlicherweise so eingeengt, dass ich nur noch meinen Weg sehe und nicht mehr die mit Werbung verseuchte Umwelt. So ein menschlicher Körper baut offenbar, wenn man ihm ein wenig hilft, mit den Jahren erfolgreich Abwehrschilde gegen niederträchtige Beeinträchtigungen seiner Sinnesorgane auf. Nix Banner. Nix Banner. Es herrscht Bannerblindheit auf höchster Stufe.

Auch die Wegelagerer der Tierschutzaboverticker, die Winkeknilche vom Malteser Hilfsdienst oder die besonders Dreisten von Amnesty International, die sich den Leuten, die zur S-Bahn wollen, inzwischen nicht mehr nur in den Weg stellen, sondern ihnen gerne mal am Ärmel ziehen, hinterherlaufen und dabei mit den studentischen Patschehändchen wedeln, zuletzt schimpfen, wenn sie nicht beachtet werden, blende ich aus. Ich sehe die nicht mehr. Meistens bin ich der Einzige, dem sie in der Masse der Einkäufer nicht mehr mit wedelnden Armen in den Weg springen: „Huhu hallooooo Duuuu-huuuuuuuuu, hast du mal…?“, weil ich inzwischen mehr denn je durch die Stadt laufschrittig gehe wie der Leibhaftige auf Koks und keinen Zweifel daran lasse, dass ich den ersten, der sich mir in den Weg stellt, umpflüge wie Fahrradfahrer die Laufsportler an den Häuserecken von Prenzlauer Berg.

Keine Ahnung also, wann ich resistent gegen die alle geworden bin. Schleichend ging das dort hin und irgendwann nahm ich das Trommelfeuer der Werber nicht mehr wahr, außer ich wollte es mir vorsätzlich geben, zum Ironisieren oder so, weil wir alle den ganzen täglichen Trash inzwischen entweder ignorieren oder ironisieren. Weil Werbung Krebs ist. Analkrebs. Eine Wucherung. Erdacht und platziert von Arschlöchern. Für deren Auswurf ich bin nicht mehr empfänglich bin. Ich bin eine Anti-Zielgruppe. Unerreichbar. Mich kriegen die nicht mehr. Ich ignoriere alles weg. Die letzten drei tapferen Konsumforschungsscheißköpfe, die mich abends um 21 Uhr fragen wollten, welche Tagescreme ich mir um meine verhärmte Fresse schmiere oder ob ich lieber zu Galeria Kaufhof oder Peek & Cloppenburg für meine Businesshemden gehe, habe ich am Telefon über quälende Minuten so lange angeschwiegen, bis sie vollkommen fertig aufgelegt haben. So mache ich das. Ich ignoriere zu Tode. Ich schweige. Ich schweige alle nur noch an, ich sage gar nichts mehr, keinen Ton, keine Kommunikation. Absolute Veweigerung jeglicher Replik. Jeder körperlichen Reaktion. Weil sie das so schön irritiert und mich das dann so still wie ich immer gerne bin freut.

Diese Technik des ausdruckslosen Ignorierens können Sie trainieren und sie ist so hilfreich, denn es gibt dafür auch andere Anwendungsbereiche wie nervende Mütter in Prenzlauer Bergs Öffentlichkeit, die mich erziehen wollen, wenn ich mit Kind unterwegs bin (das sagt man doch nicht, das tut man doch nicht, das geht doch nicht bla bla). Leiert eine davon mich voll, mache ich immer nur eines: Ausdruckslos schauen. Mimik ausgeknipst. Worauf sie immer insisieren. Und ich daraufhin noch eine Nuance ausdrucksloser schaue, während ich innerlich fast platze vor Schadenfreude, wenn sie dann irgendwann hochgehen. Patzig werden. Irgendwas blöken. Schließlich aufstehen. Die Arena räumen. Mir wieder meine Ruhe lassen, die ich so gerne habe.

Ich bin nämlich der mit dem dröhnenden Schweigen.

Oder nehmen wir den Obergentrifizierer aus der Nachbarschaft, der mir mitteilen will, dass demnächst wieder irgendetwas luxussaniert werden wird, das keiner braucht, aber das sie sicher auf alle Wohnschlümpfe kostenmäßig umlegen werden, ein mit handpolierten Natursteinen aus Chisibubikaio gepflasterter Weg zu den Mülltonnen etwa, Takka Tukka-Fliesen aus den Anden für den Aufgang oder ein Himalayalamahaarteppich für die Kellertreppe, was weiß ich denn, mir egal: Ich schaue den ausdruckslos an. Mit dem Ich-knüpf-dich-irgendwann-an-der-Straßenlaterne-auf-Blick. Sage nix. Bis der endlich geht. Weil ich den Typen hasse.

Auch die ewig nervende Nachbarin mit ihrer Veganmission: Kein Wort mehr von mir. Friday for Future-Lehrer: Mir egal. Ich hasse die alle, aber ich sag‘ nix. Blökende Bauarbeiter, Ordnungsamtnazis, ein scheiß Rentner, der mich darauf hinweist, dass das Parken entgegen der Fahrtrichtung auch in 30er-Zonen verboten ist. Egal. Nix. Von mir kein Wort. Ich hasse euch, aber ihr kriegt von mir keinen Ton mehr. Keinen Mucks. Nicht mal ein Zucken.

Ich bin der mit dem dröhnenden Schweigen.

Ich schweige sie inzwischen alle an, Telefonwerber, Unterschriftensammler, Missionsmütter mit dummen Flugblättern für oder gegen irgendwas, Wutbürger mit dummen Flugblättern gegen oder für irgendwas, Zeugen Jehovas, Scientology, Kinderschutzbund, WWF, Rotes Kreuz, Johanniter, Typen mit Abos für bedrucktes Papier, irgendwelche Leute an meiner Wohnungstüre, die mir irgendeinen Schrott verkaufen wollen, ich bin durch, ich rede nicht mehr, ich nehme sie nicht mehr wahr, sie sind weißes Rauschen, Großstadtrauschen, nicht besser als die drecks balzenden Frühlingsvögel vor meinem Schlafzimmerfenster, die mich ein paar Wochen lang nach der beschissenen Begrünung der verdammten energetischen Fassaden gegenüber noch gestört haben. Hör‘ ich nicht mehr. Seh‘ ich nicht mehr. Ich bin ein Meister der Bannerblindheit geworden, Werbung erreicht mich nicht mehr. Niemand erreicht mich mehr. Keiner, der was will, dringt mehr durch. Ich seh‘ nix mehr. Ich hör‘ nix mehr. Nirgendwo. Ich bin raus.

Halt.

Doch.

Eine schon.

Eine Gruppe Werber kriegt mich.

Und ich kann nichts dagegen tun.

Bin machtlos.

Es sind die Autoschieber.

Diese Autoschieber klemmen kleine Zettel an mein Auto. Direkt in die Türöffnungsgrube. Oder ans Seitenfenster. Unter den Scheibenwischer. Jeden Tag einen. Immer in einer anderen Farbe. Und immer anderswo. Seit ich wieder ein Auto habe. Kriege ich das Zeug. Scheißen sie mir die Karre zu. Jeden Tag einen Zettel. Manchmal zwei. Mache ich einen weg, habe ich zwei Stunden später den nächsten dran. Je mehr Zettel ich wegmache, desto mehr machen sie ran.

Wir kaufen Ihr Auto. Wir kaufen jedes Auto. 

Wir kaufen Autos.*

Und ich kann sie da nicht hängen lassen, ich kann sie nicht ignorieren, ich kann sie nicht ausblenden, ich muss sie einfach zwingend wegmachen, weil sie stören, weil ich eine Zwangsneurose habe, weil die da weg müssen, weil jemand Müll an mein Auto pinnt, den ich nicht da hängen sehen kann ohne dass er mich in den Wahnsinn treibt und ich mich kratzen will bis ich blute, weil es Müll ist, der da weg muss, der muss da weg, weg muss der. Ich muss das wegmachen.

Und beim Wegmachen lese ich was sie wollen: Mein Auto kaufen.

Glückwunsch.

Aber ich arbeite dran. Ich arbeite an mir. Die letzte Werbung, die allerletzte, die mich kriegt, triggert, stresst, hirnfickt, muss ich lernen zu ignorieren, damit ich irgendwann auch sie so routiniert ausblenden kann wie alle anderen Werber, Stresser, Nöler, Wichser, ich muss an mir arbeiten, auf dass ich alle diese Zettel unberührt am Auto hängen lassen kann bis die Karre irgendwann vollgepinnt mit Zettelmüll durch Berlin gurkt und die Drecksdinger bei 100 auf der Stadtautobahn abfallen und ein Herbstlaubblätterinferno in meinem Windschatten produzieren, wonach mich Hamsteropa Kowalke aus Tegel, der mit seinem Dreckspassat hinter mir gurkt, wahrscheinlich wegen Umweltverschmutzung anzeigen und mich der scheißgrüne Bezirksstadtrat zum Sozialdienst in die nächste vegane Biokinderkuchenmanufaktur verdonnern wird. Zum Manufakturieren. Weil jeder Mist hier in meiner Gegend inzwischen Manufaktur heißt als würde es das Produkt besser machen. Karottenkuchenmanufaktur. Suppenmanufaktur. Selleriemanufaktur. Salatmanufaktur. Arschlochmitgesichtspenismanufaktur. Argh. Ja. Ich arbeite, ich arbeite an mir. Bald stören sie mich nicht mehr, die Zettel. Die verdammten Zettel. Die Bastarde. Hurensöhne. Bastardhurensöhne.


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