Q wie Quarantäne (IX)

Der gute Wille kann ebenso viel Schaden anrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist.

endlich ein Zitat des verdammten Albert Camus untergebracht


Ich habe keinen Bock mehr auf Quarantäneposts. Satt. Schnauze voll. Geht mir auf den Zünder. Allein schon weil ich bald damit anfangen muss, die römischen Zahlen für die Nummerierung dieses Mists hier zu googeln. Kann doch keiner damit rechnen, dass sie das so lange so stoisch so vehement so konsequent durchziehen.

Dann habe ich Ökoklopapier bekommen. Im Scheißbioladen. Weil Lidl auch nach Wochen immer noch keines verkaufen kann. Zumindest nicht zu der Tageszeit, zu der ich einkaufe. Weil die versammelten Scheißer morgens schon alles abgreifen. Oder den Laster schon an der Rampe abfangen. Oder gleich auf der Autobahn von Frankfurt/Oder aus Richtung Weißrussland auf die Standspur drängen und ausrauben. Oder direkt in Minsk alles von der Palette barkaufen und auf Leiterwagen in Hamsterkolonne über die grüne Grenze in die Laubenpieperkolonie Glück Auf Neukölln schmuggeln. Was weiß ich denn was sie immer noch mit diesem Klopapier haben. Warum das nach all den Wochen immer noch rationierte Engpassware ist. So viel scheißen kann kein Mensch. Heit. Menschheit. Scheißmenschheit. Und als Schattenwährung für den offenbar immer noch erwarteten gesellschaftlichen Komplettuntergang taugt das Zeug doch wohl auch nicht. Viel zu unhandlich. Dann lieber Spirellinudeln. Statt Münzen. Gegen Brot.

Das Ökoklopapier ist natürlich ein übler Schrott. Es geht nicht unter. Ich spüle. Es geht nicht unter. Ich spüle noch einmal. Es geht immer noch nicht unter. Dann nehme ich die Bürste, doch das Ökopapier zerfetzt und verteilt seine Fetzen in den Bürstenborsten, wonach ich die Fetzen mit der Hand im Waschbecken unter dem Wasserstrahl aus den Bürstenborsten herauspulen muss. Hass. Am Arsch die Räuber. Warum ist Öko immer Schrott? Ökoklopapier. Vom Bioladen. Glückwunsch. Nächstes Mal lieber Tageszeitungen für die verklebte Rosette, sofern die Zeitungstypen ihren Papiermüll überhaupt noch produzieren.

Dafür spielt das Scheißkind von gegenüber immer noch seine hässliche Autotunepestbausamucke vom Balkon. Ich kontere mit Lockdownnirvana aus dem Teufel Boomster XXL, weil das sowohl hardware- als auch musikgenremäßig lauter ist als sein fieses Kindermuckegequietsche. Bitte gerne. Friss das. Eine Stunde lang. Kochbegleitend durch mein Küchenfenster. Assignom. Pubertärer. Keine Ahnung, ob er die Bullen gerufen hat. Oder wer anders. Niemand kam. Natürlich nicht. Wegen so eines Mists kommt seit Corona keiner mehr, weil die Bullen voll damit beschäftigt sind, Joggerdreiergruppen anzuhalten und die Verkaufsflächen von C&A-Filialen zu vermessen.

Oha. Die Playstation hat Tekken 7 für 9,99 in den Playstore geknallt. Was ideal zur Triebabfuhr ist. Bam Bam. Fresse. Auf die Fresse. Tekken. Wie damals mit 15. Weiterentwicklung? Was? Ich? Nein. Nie. Überhaupt keine Lust. Ich entwickle mich nirgendwo mehr hin. Mir reicht das so. Ich will nicht mehr als das jetzt.

Vor lauter Langeweile habe ich damit begonnen, mir Autos zu mieten, die ich noch nie gefahren bin, sinnlose Cabrios, einen noch sinnloseren Dogde und am Ende sogar einen unendlich sinnlosen Land Rover, mit denen ich stundenlang durch Orte fahre, in denen ich noch nie gewesen bin. Strausberg. Neuhardenberg. Wriezen. Einfach so. Auch weil der Sprit unfassbar billig geworden ist. Gas. Spaß. Nur der Mietmaserati fehlt mir jetzt noch. Mit dem würde ich 210 fahren. Auf Mecklenburgs schon zu normalen Zeiten gähnendleeren Autobahnen.

Wenn Sie wissen wollen, wer am Coronavirus schuld ist, dann fahren Sie nach Wedding. Dort auf dem unwirtlichen Platz zwischen S- und U-Bahnhof steht eine fette Frau in kunterbunten Leggins mit ausgelatschten türkisen Sneakers, Plastikflasche voller Sprit und einem fleckigen rosa Hoodie. Diese Frau sagt Ihnen (auch wenn Sie nicht fragen), wer an allem schuld ist, ach was sagt, sie brüllt diese Ungeheuerlichkeit quer über den Ort: Die Zia-Eh.

Ja.

Zia-Eh.

Jetzt kucken se, nech? Ja sicher die Zia-Eh. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst. Ist doch klar. Der hat das Virus in die Welt gesetzt. Als Biowaffe. Gegen die Deutschen, denen natürlich mal wieder alle schaden wollen. Ich schaue mir das Elend des quietschbunten Krakeelgoblins eine Bierdose lang an, bin einen Moment sogar versucht, mit ihr ein Gespräch zu beginnen und sie zu fragen, wie die Theorie mit dem doch ungleich heftigeren Outbreak in den Vereinigten Staaten zusammenpasst, aber dann fällt mir wieder ein, dass ich nicht mehr mit blökenden Politaktivisten diskutiere und gehe die Treppe hinab zum Bahnsteig.

Ich habe irgendwo gelesen, dass das alles jetzt eine tolle Bestätigung für die Chaostheorie sei: Irgendwer frisst in China einen Pangolin und die ganze Welt begibt sich in eine Rezession. Das ist schon einleuchtend.

GLS ist auch geil. GLS. Der übeleste aller nach Prenzlauer Berg liefernden Lieferdienste. Ich bin tagsüber zuhause. Immer. Meistens. Oft. Den ganzen Tag. Ich Quarantänejoe. Quarantänekevin. Quarantänedjango. Dann klingelt GLS. Die der Tracker angekündigt hat. Ich drücke den Summer. Und keiner kommt hoch. Zwei Minuten später freut sich der Tracker mir mitteilen zu können, dass ich leider nicht angetroffen wurde und deswegen meinen Scheiß jetzt irgendwo in der ausgestorbenen Touristenwüste von Simon-Dach-Kiez abholen darf. Streichholz an den Summer geklemmt. Ich runter. Summer funktioniert. Der Typ hätte die Tür aufdrücken können. Er hatte nur keinen Bock. Oder eher keine Zeit mehr, seit Prenzlauer Berg vor lauter Ödnis das Internet leerbestellt und er nicht mehr hinterher kommt mit den Paketen voller Leinsamen, Gojibeeren und Kurkumaknollen. Also klingelt er pro forma und geht wieder. Weiter. Häkchen. Zack. Nächstes Haus. Und so fort. In meinem Paket drin ist Fleisch. Und Wurst. Weil ich jetzt so dekadent bin und meine Leckerleichenstücke im Internet bestelle, seit sich die maskenclownige Coronaspinnerschlange bei Fleischer Erchinger um die Ecke die Marienburger hoch rollt.

Der Müll im öffentlichen Raum hat seit Lockdown spürbar zugenommen. Überall Kartons mit Unrat und einem euphemistischen Schild „Zu verschenken“ draufgeklebt. Nur will den Scheißdreck keiner haben. Unbrauchbare Papierbücher. Regalböden. Röhrenkleinfernseher. Speckige Matratzen. Eine Sammlung ausgelatschter Schuhe, an denen offenbar nicht mal Fetischisten schnüffeln wollen. Klar: Wer Zuhause schmort, hat endlich Zeit zum Ausmisten. Ich habe auch Zeit, die zwei stinkenden Biotonnen im Hof mit ausgemustertem Unrat zu füllen. Mit den alten Grafikkarten aus dem längst durchgeschmorten Stand-PC, dem alterschwachen polnischen Stabmixer und den einzelnen Socken, die seit Jahren in der Nische meines Wäscherecks vor sich hin verfaulen. Fuck the fucking Müllzettelnazi. Immer noch gerne.

Das Meinungsbild über die gesellschaftlichen Umstände steht an der Trinkertonne vom Späti, in dem wir jetzt alle mit Sturmhaube, Turbanschals und Chirurgengesichtspampers maskiert unser Bier kaufen, wonach wir draußen unmaskiert zusammen das Bier trinken, nach wie vor bombenfest: Übertrieben. Alles. Hysterisch. Jeder. Verarschung. Durchgeknallt. Alle doof. Scheiß Hypochonder. Dann noch einen Pfeffi.

Die Werbefritzen haben derweil schon längst auf die neue Ausgangslage reagiert. Sie drücken, um ihr Zeug zu verkaufen, penetrant den medial schon längst wundgescheuerten Verantwortungsknopf. Verantwortung übernehmen. Für 9,95 die Maske. Die 12er-Packung gibt’s schon für nen Hunni. Hey, bitte. Verantwortung muss Ihnen was wert sein. Kaufen. Kaufen. Kaufen. Jetzt. Was? Sie kaufen nicht? Nein? Sie sind verantwortungslos.

Einige denken, das Denunziantentum, das in Zeiten von Corona den Anscheißern ganz neue Wirkungskreise eröffnet, sei wiedergekommen. Ich sage: Es war nie weg. Ich habe Mülltrennungsermittler in der Nachbarschaft, die die Restmülltonne nach illegal dort deponierten adressierten Papierschriftsätzen durchwühlen, um die namentlich Ermittelten (mich) der Hausverwaltung zu melden, die wiederum wirkungslose Ermahnungsschreiben verfasst, die keinen interessieren. Und ein Saufkumpel von mir ist Steuerfahnder. Ich habe ihm natürlich schon längst die Frage gestellt, die ihm jeder stellt: Wo kriegt ihr eigentlich eure Hinweise her? Die Antwort: Zu 100% als Anscheißerei aus der Bevölkerung. Nochmal: 100%. Geschwister. Nachbarn. Arbeitskollegen. Neid. Missgunst. Anscheißer. Mehr steuerfahnderische Anscheißerei als sie bewältigen können. Eingesandt vom Denunziant. Immer da. Nie weg.

Dafür habe ich in der Kommentarspalte eines freundlichen Blogs einen erfrischend nüchternen Kommentar gelesen:

Wenn das eine Pandemie ist, dann ist das ja wohl die langweiligste Pandemie in der Geschichte der Menschheit. Wenn schon eine Pandemie, dann eine mit etwas mehr Action, so wie in World War Z. Bei diesem Witz von einer Pandemie sterben die Leute ja nicht an Corona sondern an Langeweile.

Gnarf Gnarf.

Finden Sie nicht witzig? Tjo. Richtig so. Witze haben wieder einmal keine Konjunktur in diesen bitterdeutschernsten Zeiten. Witze sind Subversion. Und wer jetzt noch lacht ist ein Aluhut.

Haha. Jaaaa. Geil. Ich bin angeschissen worden. Mit Kind auf dem Bolzplatz. Von einem Anscheißer. Feist. Fiese kleine knopfige Schweinsäuglein. Stand er da.

„Sie dürfen da nicht spielen.“

„Warum?“

„Ist verboten.“

„Wo steht das?“

„Steht da nicht. Aber ist verboten.“

„Nochmal: Wo steht das?“

„Ist Gesetz.“

„Na das ist doch schön. Rufen Sie dann doch einfach die Bullen.“

„Ich mach das.“

„Bestimmt.“

Zwanzig Minuten später waren sie tatsächlich da. Ein paar unsicher Uniformierte. Junge Beamte. Pausbäckchen. Schmale Schultern. Schiefe Mütze. Kucken. Stellen fest, dass das Benutzen öffentlicher Sportanlagen schon seit Anfang der Woche regelkonform ist und gehen wieder. Traurig schon, wenn sich nicht mal mehr die unterbehemdeten Falschparkeraufschreiber mit den so wichtigen Regeln auskennen.

Natürlich hat das Kind diese Situation kurz danach hinterfragt. Weil das Kind inzwischen alles hinterfragt. „Papa, war das wirklich verboten jetzt?“ „Kein Ahnung, ist mir egal.“ „Warum ist dir das egal?“ „Ist bei mir so. Mir sind manche Dinge auch mal egal.“ „Auch wenn es verboten ist?“ „Unbedingt. Gerade dann. Ich mache nicht immer einfach alles was sie sagen. Wenn es mich nicht überzeugt, mache ich es nicht. Außer sie bezahlen mir Geld dafür, etwas zu machen was mich nicht überzeugt, wovon ich dir dann einen neuen Fußball kaufen kann, weil der alte hier ein beschissenes Ei ist.“

Cool. Neuer Fußball. Sagt das Kind.

Cool. Rabulistik. Sage ich. Einfach ablenken, Nebelkerze zünden, wenn das Kind eines der dünnen Eisthemen anspricht. Hier, kuck mal, neuer Fußball. Neue Sneaker. Gerne auch drei Kugeln Eis. Gummibärchen. Ich kaufe mich aus zu frühen Politdiskussionen raus (sie werden so schnell groß). Noch klappt das gut.

Sie sehen, ich versuche aus meinem Kind mit kleinen Interaktionen so kurz vor der Pubertät einen angehenden Punk zu machen. Geht hoffentlich bald los mit dem bockigen Protestalter. Aber wahrscheinlich bekomme ich aus Protest nur ein vollkommen angepasstes Kind. Bausparvertrag. Eigenheim. Wählt in 20 Jahren wie alle immer noch Angela Merkel, die dann immer noch da oben sitzen wird. Schreibt im Internet ein superbetroffenes Blog über behutsamen Veganismus, regionalen Anbau, den immer richtigen Weg der christdemokratischen Regierung und vor allem über die eigenen Befindlichkeiten zwischen Lebensmittelunverträglichkeiten, Penatencreme und diesen knuffigen Tomaten-Basilikum-Aufstrichen von Denns Bioladen. Elektroauto in Carsharing. Tassenuntersetzer. Birkenstockschlappen. Salzteigschild an der Tür. Max Giesinger-Konzertkarten. Glasperlenspiel. Revolverheld. Zwei Katzen. Einen Kaninchenstall. Noch einen angepassteren Scheißbürojob als der Papa. Und immer die Maske beim Rausgehen auf. Mein Kind wird bestimmt Vorbild. Um den Papa zu ärgern.

Dann war ich im Mauerpark chillen. Wenn es dort dunkel wird, verpissen sich die Mütter und es kommen die Verchecker. Weniger als sonst, aber immerhin. Ich finde das einen schönen Service. Wenn Sie das Dope vergessen, aber trotzdem Bock haben, einen zu buffen, können Sie direkt was kaufen. Mein Berlin. Doch. Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Ich mag es hier schon. Oft. Manchmal. Immer mal wieder. Wenn sie Zeug zum Buffen im Mauerpark an den Start bringen.

Neue Wörter über neue Wörter werden irgendwelchen wahllosen Leuten im Internet an den Kopf geworfen. Neben den üblichen langweiligen Bezichtigungen „Aluhut“, „Mörder“ und „Coronaleugner“ gibt es jetzt brandheiß was Neues für alle die, die immer noch nicht alles Vorgesetzte unzerkaut schlucken: Lockerungsdrängler. Stark. Wie sie immer noch jeden sofort labeln, der nicht immer gleich mithüpft. Klima. Gender. Ramelow. Jetzt das Virusgegängel. Immer besser gleich sofort jeden labeln, der sich nicht blind einreiht. Immer sofort drauf. Keine Gefangenen. Den Anderen einfach aushalten ist so 90er.

Jogger gelten in der ganzen Aufregung inzwischen auch als aerosolige Virenschleudern. Und das Attribut wirkt. Ich schaue auf der Laufrunde jetzt in völlig verängstigte Gesichter, deren Gedanken ich greifen kann – „Hülfe! Zu Hülfe! Er will mich töten! Er will mich töten!“ Laufsport ohne entsetzte Gesichter können Sie im Moment vergessen, zumindest in Prenzlauer Berg.

Ein paar Blocks weiter oben Ecke Michelangelostraße versteckt sich die erste verrückte Prenzlauer Berg-Vettel völlig entgeistert vor mir hinter einem Auto. Meine Güte, sie duckt sich wirklich ungelogen ernsthaft halbhoch hinter das Auto, von wo aus sie mir einen pfeilscharf vorwurfsvollen Blick über die Motorhaube des kleinen roten Clios wirft – „Wegen dir muss ich mich hier verkriechen“ sagen diese aufgerissenen Augen, „wegen dir!“

Die nächste aus dem Irrenhaus ausgebrochene Geistesgestörte brüllt mich bereits aus drei bis vier Metern Entfernung an: „Abstand! AAAAAAABSTAND!“ Panik. Überdreht. Nervenschwach. Der aktuelle Daueralarmzustand bekommt ihnen allen nicht. Von der geschürten Panik bekommen die Leute Panik. So sind die Leute eben. Ich frage mich, was passiert, wenn sie den Hype noch ein paar Monate weiterdrehen. Dann setzt es Schellen. Kloppereien. Noch mehr Koller. Vermutlich.

Was machen sie da mit den Leuten? Natürlich bekommen die Angst, wenn man ihnen Angst macht, drehen durch, kopflos, hysterisch, komplett verrückt, aber hey, was interessiert mich das, es ist euer Häuschen, eure Konstrukion, eure Gesellschaft, deren soziale Gummibänder, Gurte und Netze ihr da gerade zerschneidet, mir ist das egal, ich mag es, wenn ihr alle Abstand nehmt, weg bleibt, mir meine 2 Meter Radius lasst, mir ist das sehr recht, nur glaube ich nicht, dass es euch recht sein kann. Ihr kommt doch alle so vereinzelt, neurotisch und paranoid nicht halb so gut klar wie ich. Das könnt ihr doch gar nicht. Ihr zersetzt euch mitsamt eurem früher mal mühsam austarierten Gefüge gerade selber.

Wie immer in interessanten Ausnahmezeiten regnet es, um auch da noch einen draufzusetzen, aus dem Internet absolut irre und für jeden unter normalen Umständen sichtbar überzogene Horrorgeschichten, die jeden Xavier Naidoo in den ewigen Schatten stellen. Die schrillsten werfen derzeit die Maskenbefürworter auf den Markt. Eine Twitterstory jagt die nächste über Leute, die andere mit voller Absicht anhusten. Frontal. Direkt ins Gesicht. Gerne bei den Supermarktfenchelkisten von hinten über die fremde Schulter gebeugt. So glaubwürdig wie nur eine Twitterstory im Internet sein kann. Geschichten über Geschichten aus allen möglichen Paulanergärten der Welt. Den Regler auf Anschlag. Alles immer maximal schlimm. Weiß gegen Schwarz. Aufmerksamkeitsüberdrehungen. Klick. Klick. Mich. An.

Aber natürlich maskiere ich mich. Sehr gerne sogar. Inzwischen überall. Ich mag meine Sturmhaube sehr. Sie gibt mir noch mehr Raum als sowieso schon. Die Leute weichen noch mehr zurück. Nicht mal der übliche S-Bahn-Spritti krakeelt mich mehr an, sondern schleicht stumm vorbei. Niemand blökt mir zu. Kein Gerempel. Keine unverlangte Ansprache mit fremden, ewig uninteressanten Lebensgeschichten. Ich erwäge, die Maskerade mit der Sturmhaube einfach beizubehalten, wenn sie alle wieder von ihrem Paniktrip runterkommen und ihren herbeigebrüllten Karneval wieder aufheben. Dieser Abstand. Dieser Respekt plötzlich. Endlich Distanz. Sie sollten das mit der Maskenpflicht sowieso auf ewig beibehalten. Für besondere Orte. Kollwitzplatz. Café Anna Blume. Die Verhärmtenschlange vor Alnatura. Und auf jeden Fall für ganz Berlin-Mitte. Damit ich sie alle nie mehr sehen muss.

Und schließlich nicht ganz zuletzt macht jetzt im Mai dann auch der Borgwürfel wieder auf. Demnächst. Vorsichtig. Stufenphasenartig. Mit der Hälfte der Belegschaft. Und vielen Regeln, die jeden Tag neu gefasst und rundgeschickt werden. Ich werde einer der ersten sein, der von den Nachhausegeschickten wieder rein geht. Wenn sie mit ihren täglichen Regelneufassungen so weiter machen vermutlich bald mit Maske, Einweghandschuhen, Schweißerbrille und Ohrenschützern. Oder sie geben endlich Homer Simpsons Strahlenschutzanzüge aus, auf die ich warte.

Nur die Homeofficemütter werden aus Mütterschutzgründen noch eine Weile von Zuhause aus das weitermachen können, was sie seit Wochen machen: Sinnlose stundenlange Telefonkonferenzen über nicht ausgelastetete Kinder, dumme Schulen, die nix auf die Reihe kriegen, und die quälende Frage, was es morgen zu Mittag geben wird.

Berlin-Prenzlauer Berg. Blauer Himmel. Kleine Brise. Keine 20 Grad mehr. Der Spatz vom Balkon ist weitergezogen. Unten brüllt ein Kind über Minuten nach der Mama. Mehr Menschen wieder. Bahnen voller. Straßen voller. Spielplätze sowieso. Die Dinge laufen wieder an. Museen. Malls. Mauerpark. Bald auch die Gastronomie. Die ersten illegalen Saufpartys, die Sie wegen der polizeirufenden Anscheißer natürlich nicht in Prenzlauer Berg machen können, gab es auch schon. Sehr gut. Dann jetzt die Rechnung bitte. Danke. Wir zahlen bar.


Q wie Quarantäne (VIII)