Q wie Quarantäne (VIII)

Vermutlich wird man nach der Krise eine ganze Menge alter Leute vorfinden, die sich in ihren vier Wänden umgebracht haben. Sich oder ihren Partner.

Jens I.


35, 36, 38 Tage. Besser wird das alles nicht. Viele machen im Berliner Maskenkarneval den Laschet und lassen ihre Nase frei. Manche die Hälfte vom Mund. Andere tragen das Ding als Accessoire um den Hals. Meine Güte, ehrlich, wenn schon überdrehen dann macht das doch bitte richtig. So kaufe ich euch euren Hype noch weniger ab als sowieso schon.

Ich vermumme mich dafür jetzt sogar abseits des Einkaufens mit der Sturmhaube. Weil mir immer mehr ängstlich umherstarrende supervermummte Homer Simpsons wie aus einem Atomkraftwerk ausgebrochen begegnen. S-Bahn. Bäcker. Obi. Ich mach‘ mit. Da bin ich voll dabei. In Kombination mit dem Ledermantel und den alten Kampfstiefeln sehe ich jetzt aus wie ein Bilderbuchschulmassakerkandidat. Oder einfach ein Verrückter. Oder beides. Das hat den Vorteil, dass die Leute noch mehr auf Abstand gehen als sowieso schon. Sie fliehen fast. Ich teile das Gehwegmenschenmeer. Tolle Zeiten. Ehrlich. Ich fühle mich wohl. Endlich darf ich protegiert, gepampert und voll gesellschaftlich akzeptiert freidrehen.

Manchmal habe ich noch mehr von dieser furchtbaren Langeweile und bekomme so unendlich Bock darauf, noch mehr zu überdrehen. Weil ich so richtig ausrasten will, wenn jetzt alle ausrasten. Und immer noch ein Jota mehr ausrasten will als die größten Hypochonderausraster bei mir im Block. Also setze ich mir morgen schon für die Bäckerschlange den Motorradhelm auf den Kopf. Visier unten natürlich. Ich binde mir Mülltüten über die Hände. Wickle Frischhaltefolie um die Beine. Dann werden sie mich endgültig anschauen wie einen ausgebrochenen Irren. Aus ihren eigenen irren Vermummungen heraus. Hey, wat denn? Warum denn? Werde ich dann sagen. Ich mach‘ doch nur mit. Lasst mich doch bitte mitmachen. Ich will doch nur dabei sein.

Chill Chinchilla. Trollolo.

Hier, keine Atempause, Weiterbildung: Es gibt ein sehr schönes schickes neues Wort aus dem Internet für diejenigen, die immer noch keine Maske tragen: Gesichtsnackt. Sehr gut. Sehr gute Wortschöpfung. Los jetzt, Internet. Geschichte wird gemacht. Ruf wieder den täglichen Dschihad aus. Disst sie. Die Verweigerer. Abweichler. Nichtmitmacher. Mobbt sie. Labelt sie. Hängt sie höher. Scheiß Gesichtsnacktnazis.

Ein Irrenhaus.

Was so ein Monat angstgesteuerte Gruppenparanoia gekoppelt mit Grenzschließungen und Kontaktsperren so alles anrichten kann, wird mir immer gegen Abend deutlich. Die Stadt ist mir sehr fremd geworden. Auf jeden Fall so wie ich sie auf keinen Fall kenne. Zurückgefahren. Weniger Menschen im Durchschnitt. Es fehlen die selfiestickfuchtelnden Touristen, die sonst einen erheblichen Anteil der immer zu vielen Menschen in der Stadt ausmachen. Die osteuropäischen Bauarbeiter sind nicht mehr zu sehen. Deren Baustellen verwaist. Auch die italienischen und spanischen Jobber sind vermutlich zuhause. Denn Gastronomieservice hat immer noch Auszeit. Nix zu holen. Nix an den Tisch zu bringen. Sowieso sehe ich viel weniger Autos, weniger Laster, weniger gestörte Fahrradsalafisten auf den Gehwegen. Die Stadt wirkt auf mich, wenn es Abend wird, noch geisterhafter als zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn 80% von Prenzlauer Berg nach Westdeutschland zur buckligen Verwandtschaft fährt.

Ich habe immer noch keine westdeutsche Verwandtschaft und sitze in meinem dunklen Block herum und der einzige, der etwas von mir will, ist ein Spatz, der den Winter überlebt hat und mich auf meinem Balkon um ein Stück von dem Käsekuchen anbettelt, den ich gebacken habe und nun zusammen mit einem irischen Kaffee in den Händen halte. Piep Piep, werfe ich ein kapitales Stück Kuchen in Richtung des Spatzes, das ihn erschreckt und er wegfliegt, wonach nun ein Stück Käsekuchenmatsch auf meinem Balkonboden liegt und die nächsten zwei Wochen vor sich hin verfaulen wird. Vogelspatzhurensohnficker. Verreck‘ doch einfach nächsten Winter.

Ich laufe mehr als sonst. Laufen. Laufsport. Jeden zweiten Morgen, außer ich bin zu verkatert, um das Bett vor Mittag verlassen zu können. Ich sehe auf meiner Runde sehr viele Läufer jetzt. Viel mehr als sonst. Quasi an jedem zweiten Häuserblock einen. Und alle grüßen freundlich. Zusammen mit den weniger gewordenen Fahrradnazis (die vermutlich gerade alle der buckligen westdeutschen Verwandtschaft auf den wundgescheuerten Zünder gehen) erkenne ich meine Stadt auch aus sportlicher Sicht nicht wieder. Sie wirkt fast normal. Normaldeutschtot. Wie Gießen. Bad Bevensen. München.

Nur einen gibt es, der mich anbrüllt, weil es nicht sein darf, dass mich mal keiner anbrüllt. Es ist ein Fahrradhitler, der mich von der Straße auf den Bürgersteig driftend erst von meinen Füßen auf die Bodenplatten rammt und dann „Was soll der Scheiß?! Bleib zuhause! Und halt Abstand!“ brüllt. Der Widerspruch, den er selbst darstellt, fällt ihm gar nicht auf. Und das ist normal. Die eigenen Widersprüche fallen selbst denen nicht auf, die gerne auf die Widersprüche anderer hinweisen. Ich kenne das. Bin nie anders. Mir fallen meine eigenen Widersprüche auch nur selten auf und wenn, dann sind sie mir egal. Und natürlich darf man, weil Reden nie was bringt, solchen Leuten trotzdem nicht einfach aufs ewig zu große Maul hauen (schade, ehrlich, sehr schade, diese Konventionen), also setze ich mich auf und den Weg wortlos fort. Was auch sonst. Es bringt ja nix. Es bringt ja nie was. Nichts bringt je irgendwas. War immer so.

Probeweise laufe ich von Blankenburg kommend statt auf dem von den maskierten Fahrradnazis belagerten Bürgersteig auf der immer noch stark befahrenen Malchower Chaussee, um die Fahrradfahrer in ihrer Selbstentfaltung nicht mehr zu beeinträchtigen, doch das führt nur dazu, dass jetzt die Autofahrer reihenweise ausrasten. Ein Hupkonzert. Gebrülle aus dem Autofenster. Arschloch. Fick dich. Fapissda. Huhrensohn (mit drei h, ich hab’s deutlich gehört). Eine ganze Triggersinfonie. Und als Krönung auch noch die Bullen. Halten an. Machen eine Gefährderansprache.

Was glauben Sie denn was Sie da tun?

Laufsport.

Und warum hier?

Ich halte mich an eure bescheuerten Abstandsvorschriften.

Sie dürfen hier nicht laufen. Das kostet zehn Euro.

Ist okay. Kann ich mit Smartphone zahlen?

Leider nicht.

Bargeld hab‘ ich nicht mit.

Ausweis bitte.

Hab‘ ich auch nicht mit.

Das ist schlecht jetzt. Sagen sie.

Und ziehen sich zurück zur Beratung in den erbärmlich kleinen Polizeiopel.

Lassen mich zwei Minuten schmoren.

Kommen dann nochmal für eine Moralpredigt heran. Verwarnung. Mündlich. Informell. Dann lassen sie von mir ab. Fahren hinfort. Denn der Verwaltungsaufwand, für lausige zehn Euro Bußgeld auf der Wache umständlich meine Personalien festzustellen, ist ihnen zu hoch. Und ich bleibe ratlos zurück. Berlin wieder. Viel Blabla und dann doch wieder nur heiße Luft. Ich kann das nicht ernst nehmen, tut mir leid, ich kann einfach nicht. Kann ich nie. Kuschelkekse. Können kaum selber ernst bleiben bei dem was sie sagen. Noch ums Millennium herum hätten die mir locker eine Schelle mitgegeben. Und die Nacht auf der Wache. Wegen, keine Ahnung, Widerstand oder so. Widerstand ging doch bei denen immer.

Lame.

Aber der Sport ist gut. Er tut das Werk, das Sport immer tut. Gleicht aus. Reduziert Last. Schafft Zufriedenheit. Das Gewicht, das ich mit mir herumtrage, pendelt sich inzwischen auf ein paar Kilo unter dem Normalwert des von adipösen Fettaktivisten im Internet so verpönten, definitiv faschistischen Bodyhitler-Mass-Index ein, was zum letzten Mal mit 16 der Fall gewesen sein dürfte. Oder mit Elf, Acht, keine Ahnung, und sicher, ja, ich weiß, man kann nie dünn genug sein, aber es ist ein Anfang.

Die fehlenden Kilos haben zur Folge, dass meine Hosen jetzt an den Stellen, die im Dezember noch mein schinkenpolnischer Arsch ausfüllte, unmotiviert herabhängen. Was die Frauen in meinem Umfeld nicht müde werden zu betonen und insistieren, dass ich mir endlich neue Hosen kaufe. Kein Arsch mehr. Schlabbert. Unmöglich sähe das aus. Geht gar nicht. Kauf neu. Kauf mehr. Kauf Kauf Kauf. Sagen die Frauen. Und immer die Frauen. Das war immer schon so. Meine ewige Konstante. Frauen sagen mir was ich tun soll. Wie ich aussehen soll. Was ich kaufen soll. Tragen soll. Wegschmeißen soll. Männer machen das wie immer nicht. Männern ist scheißegal, was ich für eine Hose trage. Hauptsache ich trage überhaupt eine.

Auf einer dieser unzählig gewordenen und sich Stunden ziehenden Laufrunden, auf denen ich mein Gehirn abschalten kann wie bei kaum einer Beschäftigung sonst, sehe ich irgendwo in einer Blankenburger Laubenpieperkolonie die Flagge der Antifaschistischen Aktion an dem Fahnenmast eines Gartens hängen. Ich wundere mich 30 Meter lang über diese unpassende Kombination Antifa/Laubenpieper, bis ich näherkomme und feststelle, dass es sich um eine Flagge des FC Bayern München handelt und meine Augen offenbar einfach nur beschissen sind.

Und ich habe herausgefunden, dass Sie eine Zweiergruppe kunterbunter Walkerinnen, die so tun als trieben sie Sport, aber doch nur den engen Malchower Feldweg blockieren, mit einem beherzten Corona-Hearalike-Huster auf den Grünstreifen vertreiben können, so dass Sie ihre nun vor Panik geweiteten Gesichter endlich überholen können. Toll. Corona ist toll. Ich huste und Menschen verpissen sich. Klasse.

Als zusätzlich zerstreuende und trotzdem bewegungsfördernde Beschäftigung habe ich das Spazierengehen mit den wenigen noch nicht hysterisch gewordenen Freunden zu zweit entdeckt. Das ist in der Kombi vollkommen legal in meiner supergeilen Laissez-faire-Stadt. Bier in der Hand. Oder Dose Colajack. Oder gleich die ganze Flasche Single Malt. Lietzensee. Tegeler See. Weißer See. Scheiße quatschen. Betrunken werden. Tag rumkriegen.

Manchmal, wenn ich wieder fassungslos auf das blicke, was in den letzten Wochen so alles an degenerativer Entwicklung um mich herum geschehen ist, frage ich mich, ob ich nicht Teil meiner ganz persönlichen Trumanshow bin, in der ich eines Tages vor die Türe trete und da steht dann Dirk Bach, der in Wirklichkeit gar nicht gestorben ist, sondern von dessen Tod sie mir nur erzählt haben. Er hält mir unter dem Gejohle des degenerierten RTL-Publikums ein Mikrofon unter die Nase und fragt mich, ob ich denn wirklich nicht geahnt habe, dass das alles hier, die ganze absurde Lockdownsituation, der fortschreitende Irrsinn aller möglichen Leute, die alarmistischen Nachrichtenportale, das Hamstern, Anscheißen, das Denunzieren, am Ende diese bekloppten Masken, einfach nur alles Fassade war und ich die ganze Zeit live im TV ausgestrahlt wurde und sich alle Zuschauer ein zweites Loch in den Arsch gelacht haben, wie ich mich an die vollkommene Aussetzung wirklich aller meiner früheren Rechte gehalten habe, alles wie ein normaler Fenstersitzer befolgt habe, alle diese heiligen unverrückbaren Grundsätze über Bord geworfen und nicht wieder eingefordert habe, diese Rechte, von denen sie mir doch in der Schule erzählt haben, dass man sie gar nicht aussetzen kann.

Und hey, spätestens als Merkel diese Rede gehalten hat, da hätten Sie es doch merken müssen. Merkel. Rede. Haha. Merkel und ’ne Rede. Mensch Zimmermann, also echt. Die hamma übers Bild drübersprechen lassen. Von einem Stimmdouble. Heutzutage kein Problem. Gar nicht mal teuer. Grient der Dirk Bach. Und knufft mir jovial gegen die Schulter.

Lachen werden die Leute im Publikum dann, wie man so doof sein kann, das alles glauben kann, den Anweisungen folgen kann, die ganze ins komplett Absurde hochgepitchte Situation, geschlossene Blumenläden, verrammelte Gastronomie, Klopapierkrise, Atemschutzpolizeibeamte, plärrende Presse, ängstlich straßenseitenwechselnde Nachbarn, Virologen, Soziologen, Psychologen, der Söder, aber auch kein Stück durchschauen konnte. Lacht der Dirk Bach. Wie kann das sein, dass Sie das nicht gemerkt haben, Herr Zimmermann? Strahlt er mir feist ins Gesicht. Und Sie haben wirklich nicht einmal irgendwas geahnt? Wenigstens ein bisschen? Kam Ihnen gar nix komisch vor? Nicht mal als alle bei Denns Biomarkt mit diesen ganzen absurden Masken winterschalumwickelt herumgelaufen sind und da am Eingang ein in einen Turban eingewickelter Typ stand, der Ihnen den Einkaufswagen mit Glasreiniger einsprüht hat? Echt jetzt? Nichts geahnt? Sie haben wirklich nichts geahnt? Hahaha.

Die Milgram-Identität würde die Sendung heißen. Stelle ich mir vor. Die Milgram-Identität. Moderiert von Dirk Bach und Sonja Zietlow (die in Wirklichkeit gar nicht den Konsens in Frage gestellt hat, nein, das würde sie nie tun, das haben sie mir nur so gesagt). Und ich bin der Pilot. Der volle Erfolg. Der RTL wieder an die Spitze katapultiert. Der zeigt, dass das geht. Funktioniert. Sie immer noch damit durchkommen. Dass auch ich folge. Dass jeder folgt. Immer. Egal was sie wollen.

Dann nehme ich einen Schluck von dem Talisker Port Ruighe, den mir DHL heute morgen geliefert hat, und die Paranoia macht wieder der satten Zufriedenheit Platz, die die Zuschauer vor den Flachbildschirmen immer langweiliger finden als die lustigen neurotischen und inzwischen sogar latent paranoiden Zwiegespräche auf der Couch im Wohnzimmer mit mir selbst. Zapp Zapp.

Ich war kürzlich recht guter Dinge, denn ich habe herausgefunden, wie man aus diesen bräsigen Telegramlabergruppen rausfliegt, in denen schwachköpfige Arbeitskollegen den ganzen Tag Coronakitschvideos und Glückskeksspruchbildchen mit der Welt und vor allem mit mir teilen: Einer hat – vermutlich aus purer Verzweiflung – ein Video eines dieser abweichenden Virologen gepostet, jener Leute, die sie gerade überall auf die Reputationsstufe von Reichsbürgern stellen. Nach einer kurzen Diskussion, dass und warum das nicht ginge, flog er vom Admin gekickt raus. Danach kamen recht zügig wieder coronasingende Homeofficemütter. Als Videocollage. Mit Gitarre. Und dazwischenquäkenden Kindern. Prenzlauer Berg-Biedermeier. Als Kanon des Armageddons. Stayin‘ Alive. You’ll never walk alone. Keine Ahnung mehr was sie da schräg gesungen haben. Den Müttern folgte das Video eines jonglierenden Affen. Diesem ein Bild mit Kerze, das irgendwas von Zusammenhalt in schweren Zeiten beschwor. Dann kam mein Video mit einem anderen abweichenden Virologen. Damit ich auch rausfliege. Was nicht geklappt hat, denn ich bin immer noch drin in der Gruppe. Sie haben mich nicht rausgeworfen. Den anderen schon. Mich nicht. Versteh ick nich. Vielleicht brauche ich einen zweiten abweichenden Virologen. Notfalls einen dritten. Ich verschwörungsvirologe sie einfach so lange zu, bis sie mich endlich auch aus ihrem Idiotenchat kicken und mir keine kitschigen Sprüchebildchen und debil zusammengeschnittenes Gesinge vor immer viel zu gut ausgeleuchteten Homeofficemonitoren mehr zusenden können.

Buh. Cut. Reicht für heute. Bleibt ein Kochexkurs. Kochepilog. Ich habe, weil ich nach wie vor zu viel Zeit habe, die Ochsenbäckchen von Astrid aus 2009 nachgekocht. Weil der Erchinger auf der Greifswalder Ochsenbäckchen hatte. Und Astrid das Rezept dazu. Hut ab. 5 Stunden Arbeit, aber das Ergebnis ist umwerfend. Danke. Gerne. Schüss. Das waren die Tage X bis Y im Lockdown. Seit 100 Millionen Tagen Gefangener im Wohnzimmer. Deckenhöhe niedrig. Verstand am Abkeimen. Hirn porös. Arsch natürlich offen. Und immer eine Nummer blöder als notwendig ist. Blep Blep.


Q wie Quarantäne (VII)