Q wie Quarantäne (VII)

„Mama, was hast du eigentlich 2020 gemacht, als es den Corona-Ausnahmezustand gab?“ „Ich habe meine Pronomen in meine Twitter-Bio geschrieben und den Wissenschaftler beleidigt, der den Test dagegen entwickelt hat, weil er nicht gendert.“ „Wo ist eigentlich Papa?“

Quelle: Internet


Ding Dong Dackelhirn. Die Tage habe ich aufgehört zu zählen und kann sie längst nicht mehr unterscheiden. Nur den Montag erkenne ich daran, dass der Getränkelaster für den Späti vorfährt und die üblichen zehn Kisten Coronabierpisse auslädt, was die ganzen superironischen Bescheuerten, die hier den ganzen Tag vor dem Späti herumlungern, trinken als würde es schmecken.

Ich habe das Gefühl, die Decken der Zimmer meines Altbaus, in dem ich seit Wochen verlaust, müffelnd und nur von wenigen sinnlos nüchternen Einschüben betrunken vor mich hinvegetiere, sind niedriger geworden. Das waren mal Dreizwanzig. Fühlt sich jetzt an wie Zweizehn.

Ja. Blank. Die Nerven. Noch nie ist mir meine Wohnung so sehr auf den Sack gegangen wie jetzt. Ich habe jede schäbige Ecke dieser Butze in den letzten bleiernen Wochen 800 Mal gesehen, jeden seit Jahren kaputten Kram repariert, saniert, gewischt, ausgebessert, entwollmaust, neu lackiert und finde es hier immer noch zum Kotzen. Wenn das alles hier irgendwann doch mal vorbei sein wird, werde ich nicht nur Alkoholiker sein, sondern auch einer bleiben. Und das ist okay. Eigentlich suche ich nur einen Grund, eine Flasche zu öffnen oder eine bereits geöffnete Flasche zu leeren. Und den habe ich hier dauerhaft auf dem Silberlöffel drapiert geschenkt bekommen. Sowas von. Mein Li La Laune Lockdown. Nix zu tun. Also tanze ich besoffen durch die Küche, schlorze mit Olivenöl um mich und koche alles was ich schon immer mal kochen wollte, doch nie dazu kam. Und saufe den Rotwein, der eigentlich in den Bräter zur Lammkeule kommen sollte. Für mich. Nur für mich. Ist doch eh alles egal.

Ich arbeite auch schon lange nicht mehr produktiv, sondern sitze nur noch in fiesen öden Telefonmeetings mit blasierten Vollidioten und quakenden Schnepfen herum, während denen ich vor lauter Langeweile über Stunden in einer Art Wachkoma meine Vorhaut vor und zurück schiebe und mich frage, wie lange wir die Farce noch so weitermachen können, während um mich herum das Kleingewerbe gerade zusammen mit den Selbständigen auf der Rutschbahn zur Privatinsolvenz Platz nimmt.

Eine mir sehr entgegenkommende Folge dieser ganzen Social Distancingmanie für meine berufliche Bühnenshow wird sein, dass der wanzige Körperkontakt, der Ihnen in den Borgwürfeln dieser Stadt bei jeder Begegnung, jeder Verhandlung, jeder schwülstigen Supersymposiumsveranstaltung nie erspart wird, auf Jahre verpönt sein wird. Verbrannt. Inexistent. Nicht mehr sozial akzeptiert. Für Introvertierte, wie ich sehr gerne einer bin, ist die Distanz, die sie plötzlich aus Angst vor einer Ansteckung an den Tag legen, die Erfüllung. Keine ständigen dummen Umarmungen parfumgebadeter Botoxfressen mehr, keine Bussi links Bussi rechts-Schickeriascheiße, mit der in den krawattigen Borgwürfeln dieser Stadt jetzt sogar schon Männer anfangen. Selbst das Schütteln von dicken schweißigen Anzugträgerhänden wird auf lange Zeit so nicht mehr stattfinden. Es wird eine Gesellschaft aus kontaktscheuen Zwangsintrovertierten werden, die zueinander auf Abstand bleiben. Zumindest vorübergehend. Yes. Thank you so much. Eat this. All of you. Jahrelang wanderte ich durch diesen Selbstdarstellerzoo aus extrovertierten Socialisingpavianen und musste mich einordnen, anpassen, Bussi-Bussis ertragen, mich jeden Tag 89 Mal umarmen lassen, angrabbeln, befummeln und abknutschen lassen, now it’s all over, baby blue, Schluss, aus, vorbei, jetzt schleicht ihr durch meine Welt und könnt nicht mehr überall jeden einfach angrabbeln.

Ärgerlich.

Verstehe schon.

Nein, verstehe nicht. Ich finde das einfach nur gut. Euer Drive muss lange anhalten. Idealerweise bis zu meinem Tod. Danach ist’s egal. Dann könnt ihr wieder Bussi Bussi mit allem und jedem machen. Mit den Anzugträgern, den Schnepfen, Vetteln, euren überzüchteten Hunden, von mir aus auch mit meiner Leiche, wenn ihr auf sowas abfahrt. Egal. Ich merke das ja nicht mehr.

Hier. Die Kommunisten bei uns im Block plakatieren tatsächlich tagesaktuell. Jetzt haben sie gerade Corona als Aufhänger. Letztes Jahr Klima. Davor Frauenstreik. Die AfD. Finanzkrise. Sogar das Kiffen haben sie vor ein paar Jahren mal als Vorlage für eine ihrer entsetzlichen Buchstabenbleiwüsten genommen, die sie hier immer an Mülleimer, Stromkästen und Glascontainer pappen als wäre immer noch 1917 und Plakate würden irgendwen interessieren.

Ich bewundere solche Menschen. Die machen einfach immer weiter. Hier ein Vehikel, dort ein Aufhänger. Hören nie auf. Kämpfen für ihr Ding, das nie eine Chance haben wird. Bibeltreue Christen. Die Zeugen. Yogische Flieger. Meine vegane Nachbarin. Helga Zepp-Larouche (lebt die noch?). Oder die Sozialistische Alternative Voran. Plakate über Plakate, Flugblätter, Wachtürme, Denkschriften. Ehrlich, ich bewundere das. Ich bewundere alle Menschen, die Dinge tun, die ich nicht bringe. Könnte ich nicht. Immer wieder gegen Mauern rennen. An etwas festhalten, das sich nie durchsetzen wird. Und vor allem nie damit aufhören, andere Leute von etwas überzeugen zu wollen, was ich als richtig erkannt habe. Geht mir völlig ab. Ich würde nie irgendwen von irgendwas überzeugen wollen. Ist wirklich so. Mir ist es völlig egal was Sie denken. Wen Sie wählen. Was Sie sagen. Was Sie arbeiten. Einkaufen. Essen. Welches Klopapier Sie nehmen. Machen Sie doch bitte was Sie wollen.

‚Menschen schützen, nicht Profite‘ mahnen sie hier an. Auf ihrem Plakat. Mehr kann ich nicht lesen, weil ich meine Lupe, die es gar nicht gibt, gerade nicht dabei habe. Menschen schützen, nicht Profite. Das ist zwar grundsätzlich richtig, aber versteh ick trotzdem nich, denn die Profite gehen gerade den Bach runter. Maredo ist insolvent. Esprit. Vapiano. There will be much more blood. Profite gibt es erstmal nicht mehr. Bis auf weiteres. Bis auf Amazon. Lieferando. DHL.

Vielleicht meinen die Kommunisten auch die Zeit danach. Nach der ganzen Scheiße. Denn die Profite kommen auf jeden Fall wieder. Für weniger Trusts als vorher natürlich, denn was gerade passiert ist eine klassische darwinistische Marktbereinigung. Wer sich selbst in guten Wirtschaftszeiten bilanzmäßig gerade mal eben so durchlaviert hat, der kackt jetzt ab. Geht drauf. Unter. Über den Jordan. Maredo. Esprit. Vapiano. Übrig bleiben die mit den Reserven. Und die mit dem digitalen Geschäftsmodell, bei dem keine Hände geschüttelt werden, sondern Buttons auf Bildschirmen geklickt werden müssen. Wenn die Merkel das Land wieder freigibt, geht alles weiter wie vorher. Das Geld verdient dann nur ein anderer. Gut, wen es nicht mehr geben wird ist der Schreibwarenladen umme Ecke. Und der Bastelladen fürs Kind, der ist auch durch. Fotoladen. Lampenverkäufer. Kinderklamottenbutze. Mareikes handgemalte Keramik. Und jede Menge reservelose Gastronomie. Fuuusch. Weg. Die Rezession wischt einmal feucht durch. Dann geht das weiter was immer weiter geht.

Unheimlich. Irgendwie unheimlich wie jetzt plötzlich überall diese Verhaltensregimeglotzer in den Ecken stehen, aus denen sie glotzen und übel nehmen. Mir entgegenkommen. Sich an die Häuserwände drücken. Rüberäugen. Misstrauisch. Ziehen Sie doch mal im Supermarkt kurz die Nase hoch, weil Sie wieder (wie ich eigentlich immer) kein Taschentuch fürs juckende Näschen zur Hand haben. Oder husten Sie mal kurz einen Verschlucker auf der Treppe vom S-Bahnhof in die Armbeuge. Diese Blicke jetzt. Jeden Kinderschänder glotzen die nachsichtiger an. Huhu. Bleib zuhause. Sagen die Blicke. Und steht überall in die Fenster gemalt. Hört man. Sagen sie. Und bekommt man auch geschickt. Als Messengerbildchen. Mit einem vom Ast hängenden Faultier. Dann diese Plakate an den Schaufenstern. Selbst von der drecks Hipsterkaffeebude auf der Schönhauser Allee schreit es: „Stay the fuck home!“ Und wie immer, wenn alle bei irgendwas gleichschrittschreiten, habe ich ein schlechtes Gefühl dabei. Was? Was? Hey Sie! Was machen Sie draußen? Was? Go the fuck home.

Jetzt auch noch die Maskennummer. Wie der Druck langsam erhöht wird. Maske hier, Maske da, ich soll mich jetzt auch draußen vermummen, sagen sie, schreiben sie, begutachten sie, soll nicht nur zum Spaß mit der Sturmhaube maskiert herumkaspern, sondern ernsthaft. Gibt schon die ersten Vorschläge, wann wo überall Vermummung befohlen werden soll. Flankiert wie immer abgesprochen mit der üblichen Hauptstadtpresse, die mehr denn je nur noch nachkaut und das einpeitscht, was beschlossen werden soll. Das kommt auch. Das mit den Masken. Natürlich kommt das. Werdet mal alle Maskenclowns. Ich werde Sturmhaubenclown. Bankräuberstyle. Geht auch. Soll nochmal einer was sagen.

Sie haben es auch geschafft, dass selbst die größten Großmäuler in meinem Umfeld nun eingeschüchtert zuhause sitzen und auf Anweisungen warten, wie sie sich als nächstes verhalten sollen. Das sind Leute, die mir nie vorkamen als würde man sie so schnell brechen können. Mündige Leute. Selbstbewusst. Kritisch doch auch. Meckerköppe. Bärbeißer. Großschnauzen. Drei Wochen Sperrfeuer und ich erkenne sie nicht wieder. Devot. Folgsam. Schatten. Regelpochend. Und Masken auf. Alle zahm. Auch im Internet. Was vermutlich daran liegt, dass wieder jeder niedergebrüllt wird, der abweicht, jetzt sogar die Dschungelcampfrau, die sonst immer alle mögen. Zack. Falsches Posting. Scheißesturm. Profil platt. Schlimm geworden in den letzten Jahren. Das Niederbrüllen. Niederschreiben. Denunzieren. Lächerlich machen. Das sofort in die Ecke zu den Reichsbürgern stellen, wenn mal einer nicht die Mehrheitsmeinung vertritt. Hey, ja klar, eine Meinung kannst du schon haben, du musst halt nur den Sturm aushalten können, den deine Meinung nach sich zieht. Das Outen. Beprangern. Anscheißen beim Arbeitgeber. Bist auch selber schuld. Sag halt besser nichts, dann wirst du auch nicht beschimpft. Geoutet. Angeschissen. Jeder weiß, dass das so funktioniert. Und hält sich dran. Klappe halten. Mitmachen. Warum machst du das nicht auch? Es macht alles viel einfacher.

Im Übrigen, was auch immer sie da schreiben, dieses Kontaktdingsdabums funktioniert gar nicht. Das Abstand halten. Funktioniert nicht. Zumindest bei der Mehrheit nicht. Zumindest in Berlin nicht. Woher ich das weiß? Ich war draußen. Ich bin oft draußen dieser Tage, weil ich meine Wohnung hasse. Und ich sehe da draußen Menschen. Viele. Sehr viele. Mega. Ohne Ende Menschen. Fahrradfahrer, die wie üblich im Millimeterabstand an den Passanten vorbeirasen, Virenschleuderjogger, die das kein Jota anders machen. Gruppen hier, Gruppen da, volle U-Bahn, Gedränge bei Lidl vor der Kiste mit dem Fenchel, Geschubse vor der Fleischtheke bei Euro Gida in Wedding, Verbrüderung der Säufer und Kiffer vor dem Späti. Und ich mittendrin. Stoßen wir an. Wie viele. Kinder mit Roller dort. Ein verdreckter Schlucki rempelt mich in der S-Bahn an. Sitzplätze voll belegt. Menschen an Menschen an Menschen bei bestem Wetter neben noch mehr Menschen. Echt mal. Die Einsfuffzig Abstand könnt ihr euch klemmen. Klappt nicht. Nicht ein Stück. Jeder sieht das, während die Berliner Panzerbärpresse immer noch wacker begeistert schreibt wie vorbildlich die Berliner sich an die Kontaktsperre halten. Hömma. Ick fühl mich verarscht. Ein Monat Alarm und kaum 5.000 Infizierte haben wir im Dreieinhalb-Millionen-Loch Berlin. Curve flattened.

So wie die Berliner in der Mehrheit kein Stück anders als früher aneinander vorbeigehen, in Vierergruppen vor den Fenchelkisten der Stadt stehen, in Trauben im Nahverkehr herumgurken, müssten wir hier längst bayerische Verhältnisse haben. Haben wir aber nicht. Und das versteh ick nich.

Des Nachts haben wir ein anderes Bild. Ich erkenne Berlin nicht wieder. Es wird jetzt sehr leer nachts hier im Bezirk, wenn ich meine Runden vom Rosenthaler über die Kastanienallee in die gute alte Danziger ziehe. Wenn ich Mitternacht hinter mir gelassen habe, begegnet mir kein mehr Mensch auf meinem Weg. Bis auf die lächerlichen kleinen blau-weißen Opels der Berliner Bullen alle zehn Minuten.

Wenn sie mir entgegenkommen, drosseln sie die Geschwindigkeit, lugen misstrauisch aus den Seitenfenstern. Fahren sie in die Richtung, in die ich gehe, kann es sein, dass sie ein paar Meter mit mir mitfahren. In Schrittgeschwindigkeit. Und lugen. Was der Verdächtige da macht. Meine nächtlichen Spaziergänge sind jetzt ideal zum Paranoiaschieben. THC verstärkt das bei mir traditionell. Ich. Bersarinplatz. Niemand außer mir. Das orange Licht der Berliner Straßenlaternen. Die Menschenleere. Die cruisende Polizei. Meine fünfzehn Gramm Gras im Beutel, die ich dabei habe, weil ich vorhin in Friedrichshain beim Verchecker war. Wieder Bullen. Fahren wieder langsam. Also rein in die Seitengasse. Kurz in die Hofeinfahrt. Warten. Vorbeifahren lassen. Schnell über die Landsberger. Kniprodestraße. Arnswalder Platz. Hufelandstraße. Wie der Verbrecher, für den sich in normalen Zeiten kein Schwein in Berlin interessiert. Jetzt mache ich Aufriss. Umwege. Sehe zu dass ich ihnen aus dem Weg gehe. Denn was ich nicht brauchen kann nachts um zwei in meinem bebufften Zustand ist ein Gastspiel bis zum Morgengrauen beim LKA am Flughafen Tempelhof wegen ein paar blöden Grasgramm, eingleitet von ein paar gelangweilten Donutcops, denen nichts besseres für ihre sich quälend ziehenden Nachtstunden eingefallen ist als den einzigen Irren abzufischen, der hier überhaupt noch rumläuft. Will ich nicht. Würden Sie auch nicht wollen. Will keiner.

Wohl mir, wenn ich entscheide, nicht mehr zum leergefegten Rosi runter zu laufen, sondern mich einfach nur vor das Thälmanndenkmal zu setzen, Marsimoto zu hören und den Rausch, den ich so mag, bewegungslos in diesem wie noch nie vorher ausgestorbenen nächtlichen Prenzlauer Berg zu spüren. Niemand hält an, wenn ich hier abseits der Greifswalder unter Teddys monumentaler Büste sitze. Niemand lugt. Niemand fährt Schritttempo im peinlichen blau-weißen Opel. Mich sieht hier niemand, ich bin unsichtbar. Der einzige Mensch.

Wieder tagsüber rund um den Arnswalder Platz fällt mir auf, dass Sie eigentlich nicht mehr vernünftig einkaufen können. Allerorten Schlangen wie im Osten. Vor Rewe. Vor Bäcker Biesewski. Fleischer Erchinger. Halbe Stunde Anstehen. Beim Frischeparadies oben Ecke Eldenaer Straße wickelt sich die Schlange sogar bis auf den Parkplatz von Getränke Hoffmann. Hoffnungslos, hier mal schnell ein Hühnchen zu holen. Oder eine Lammkeule. Eine Stunde Schlange locker. Zu meiner Freude jedoch ist die größte Schlange bei den Ökoschlunzen von Alnatura, die natürlich das strengste Regime gegen ihr eigenes Klientel fahren und nur zehn verhärmte Sellerievetteln zugleich in die Räume lassen.

Osten.

Alles Osten.

Echt.

Wer das noch kennt.

Mit dem Unterschied, dass es die Langeweile der zuhause sonst verschimmelnden Leute ist, die sie zum dauernden Einkaufen treibt. Oder immer noch die Angst vor dem Mangel, nicht der Mangel selbst. Und der vermutlich immer noch routinemäßig jammernde Einzelhandel macht ganz sicher gerade das Geschäft des Jahrtausends mit den Bekloppten und Bescheuerten, die kaufen als wäre morgen schon alles geplündert.

Der Irrenanstaltseinkäuferschwachsinn bedeutet, dass Sie die Zeiten abpassen müssen, zu denen es keine Schlange gibt. Das ist eine halbe Stunde nach dem Öffnen der Fall. Und zehn Minuten vor dem Schließen. Sonst stehen Sie. Und warten blöd. Oder müssen statt soliden Bäckerhandwerks die Kackfabrikschrippen vom unmöglichen Backshop fressen, der keine Schlange hat, aber von dessen Produkten mir Exzeme an Mundwinkel, Eiern und dem Arschloch wachsen, wenn ich sie dauerhaft esse.

Schauen Sie mal. Deutschland ist mal wieder voll Deutschland und noch mehr Deutschland als jemals. Sie sehen das an dieser um sich greifenden Anschwärzerei, bei der die versammelten Anscheißer im Land so stark aufdrehen, dass selbst die Berliner Bullen über Twitter darum bitten müssen, beim Anscheißen doch ein wenig, bitte, Leute, nur ein wenig Maß zu halten. Weil sie wieder übertreiben. Oder alte vergammelte Rechnungen begleichen. Oder einfach nur gerne andere Menschen erziehen.

Wahn. Koller. Durchdreher. Anschwärzer. Vollvermummer. Es wird Zeit jetzt, wirklich Zeit, dass es endet mit dem Wahn, dass sie ablassen, sich locker machen, alleine schon dass dann dieser ganze Coronakitsch endet, mit dem sie mich bombardieren: Dumme Zuhausevideos dummer Zuhausefamilien. Singende Vollidioten. Tanzende Geistesgestörte. Klimpernde Vetteln. Bastelnde Bastelheinis. Videos über Händewaschen, Maskenstricken, Handschuhehäkeln. Und was am besten als Klopapierersatz taugt. Ein Käfig voller Irrenhäuser. Durchhalteparolenschilder an den Fenstern. Balkonklatscher. Balkonsänger. Balkonwichser. Und natürlich Berlins infantilste Opas, die immer auch ihren Beitrag zu jeder Scheiße abgeben müssen, mit dem ich gleich drei Mal auf verschiedenen Kanälen penetriert werde. Einer hat mir sogar Merkels Ansprache als YouTube-Link ins Telegramfenster gewürgt. Ja. Den ganzen supersendungsbewussten Müll schicken sie mir.

Wieder.

Wie früher.

Ich habe vor Jahren Whats App deinstalliert, wegen der vielen debilen Chatgruppen, in die sie mich ohne vorher zu fragen gesteckt haben und in denen sie ihre unwitzigen Glückskeksspruchbildchen und ihre noch unwitzigeren Kackvideos mit mir teilten, die sie immer aus der Debilenschleuder Twitter rauskopieren. Vorbei die Herrlichkeit. Da sind sie wieder. Jahrelang war es auf Telegram so schön ruhig, weil da kaum einer der Bildchenspammer war, jetzt wechseln die alle und fangen wieder damit an, mich in ihre Laberbildchenvideoclipgruppen zu stecken, um wieder mit mir ihre Kackvideos und die superunwitzigen Tweets von Bruder Kevin, Nachbar Ronny oder Tante Schakelyne zu teilen, von deren Blödheit sich mir der Magen umdreht und er sich entleiben würde, hätte er ein Messer zur Hand. Jetzt feuern sie mich täglich mit Coronascheiße ins Koma. Jeden Tag. Singer. Klatscher. Vollspacken. Tralala. Man müsste mal einen Psychologen fragen, was diese Menschen mit dieser videogewordenen Ersatzhandlung bezwecken. Was sie wollen. Und warum sie eigentlich ihren Akustikmüll mit mir teilen.

Ich mache übrigens auch bald eines dieser superviralen Coronavideos aus dem Home Office. Sturmhaube auf dem Kopf. Kotzeimer in der Hand. Schild um den Hals, auf dem in krakeliger Analphabetenschrift „Seit 30 Tagen Gefangener von superbeschissenen Kackvideos“ steht. Und mit der Bauschaumpistole in der Hand dichte ich mir vor laufender Smartphonekamera die Ohren ab. Und das Machwerk wird nur eine Botschaft haben, die wie fallende Aktienkurse bei n-tv in Laufschrift übers Bild scrollt: Hört auf zu singen, ihr Kloppis! Bitte! Nicht! Mehr! Singen! Weil ihr nervt!

So. Singen. Gugge. Randy Newman möchte im Mai in den Admiralspalast kommen. Ich glaube nicht, Randy, nein, ich glaube nicht.

Auch eine sehr auffallende Lageveränderung ist: Die Leute stinken mehr. Oder mehr Leute stinken. Schweißig. Im Lidl. Beim Bäcker. Mockern wie ein S-Bahn-Penner. Und es sind immer Männer. Ganz normale Männer. Tut mir ja auch leid. Was soll das? Duschen die nicht mehr? Ich meine hey, ich stinke auch, aber natürlich nicht, wenn ich einkaufen gehe. Dann dusche ich mal. Alle drei Tage etwa. Klar. Das ist eine Frage der Selbstachtung. Restwürde. Nennen Sie das wie Sie wollen.

Und noch eine Frage gleich hinterher: Haben Sie eigentlich auch gemerkt, dass die Preise angezogen haben oder sind Sie zu beschäftigt mit dem Angsthaben? Mein normaler Lidleinkauf für die nächsten drei Tage mit der üblichen Scheiße in meinem Einkaufswagen: Früher 20 Euro. Jetzt über 30. Und ich kaufe immer den gleichen Mist, weil ich langsam alt und gewohnheitshonkig werde. Und die Sachen werden teurer. Sagt Ihnen wieder keiner, aber ich merke das. Weil ich mehr zahlen muss. Was kein Wunder ist, wenn das Angebot einbricht, jedoch die Nachfrage steigt und die Lieferketten dazu noch aufwändiger werden. Mehr Kosten. Weniger Angebot. Mehr Leute, die mehr Sachen kaufen. Preise hoch. Reinstes BWL und VWL, Baby. Haben Sie nicht gemerkt? Warum nicht? Zu viel Geld? Oder sind Sie froh, dass es überhaupt was zu kaufen gibt? Oder überlegen Sie sich, wovor Sie als nächstes Angst haben können?

Schlussspurt. Da die Führungskräfte im Borgwürfel, dem fürsorglichsten aller Arbeitgeber, offenbar auch großen Bock darauf haben, während der quälenden arbeitsimulierenden Laberkonferenzen, die wir alle zwei Tage zelebrieren, zu popeln, sich am Arsch zu kratzen oder zu onanieren, machen wir jetzt keine Videokonferenzen mehr, sondern die guten alten Telkos über die Smartphones. Ruckelt dann auch nicht mehr so. Wegen Deutschland. Internetentwicklungsland und so.

Das kommt mir entgegen. Man sieht mich jetzt nicht mehr beim Grimassenschneiden. Und ich kann jetzt, während die üblichen Scheißequatscher durch mein linkes Ohr rein und durch das rechte wieder raus ihre übliche Scheiße quatschen, aus dem Haus gehen, auf dem Balkon herumlümmeln, Whiskysaufen, baden oder meinetwegen auch wichsen, was aber schwer ist, wenn die Kreissägenstimme der Genderkönigin, die sie uns vor die Nase gesetzt haben, durch das Smartphone quietscht. Keine Chance. Wenn die spricht, kann ich nicht. Weil es nichts unerotischeres gibt als das. Abgesehen vielleicht von einem knallroten Pavianarsch in einer Doku auf Arte. Oder einer blöd grinsenden Schildkröte in einer Doku auf Arte. Oder Arte generell.

Neulich saß ich auf dem Scheißhaus mitten im Kacken während der Telefonkonferenz. Das war nicht ganz so eine gute Idee, weil ich nicht damit gerechnet habe, irgendwas gefragt zu werden.

„Mark? Sagst du was zu deiner Planung fürs zweite Halbjahr?“

(Oh fuck. Gerade jetzt. Ah. Au.)

„Mark?“

(Gnagnagna. Los. Mach hin. Raus da jetzt. Meine Güte.)

„Mark? Bist du da?“

„Mark ist nicht da.“

„Mark?“

„Mahark!“

„Krrrk. Bin da (ächz). Zweites Halbjahr. Ja. Puh. Moment…“

Memo: Kacken ist eine schlechte Idee für die Telko. Ich könnte was sagen müssen. Und dann hilft mir auch kein ausgeschaltetes Mikro. Denn ich werde es einschalten müssen, wenn man mich anspricht. Und dann hört man es plumpsen.

Dafür spielen die telefonkonferenzenden Homeofficemütter wie immer die sterbenden Krähen. Alles ist furchtbar. Immer. Total. Alles schlimm. Die Belastung hoch wie nie. Menschenunwürdig ihr Zustand. Die Kinder. Der Mann. Die Wohnung. Das Wetter. Die Bauklötze. Alles. Furchtbar. Schlimm. Elend. Not. Kreuz. Last. Mühsal. Atlas ist ein Scheiß gegen die. Ich habe das Gefühl, dass die Situation der Homeofficemütter immer schlimmer wird, je mehr von dieser hippen Work-Life-Balance-Scheiße die IT-Fuzzis für die Tröten installieren. Denn das Geleier wird immer lauter je mehr Geld das alles kostet. Ein entsetzlicher Zustand muss das sein, von Zuhause arbeiten zu müssen. Ich bewundere die Mütter. Wie die das meistern. Diesen Abgrund an Belastung. Das unmenschliche Pensum. Notebook an. Geschirrspüler aus. Notebook aus. Geschirrspüler an. Ich könnte das nicht, wirklich, und bin froh, dass ich zwischen den Kalkulationen im Friedrichshainer Borgwürfelgebäude nur wochenlang durch Deutschland touren muss, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer, Züge, Flüge, Autobahn. Und den Geschirrspüler, die Wäsche und meine Post ganz entspannt um 23:30 Uhr machen kann, wenn mich das Taxi aus Tegel gelandet von Frankfurt nach Hause gebracht hat. Meine Güte Home Office. Ich hoffe, der Arbeitgeber weiß, was er ihnen allen da antut und verdoppelt wenigstens den Bonus.

Manchmal lese ich während solcher Kreissägenkonferenzen Dinge. Lesen geht sowieso gut gerade. Camus bietet sich an. Albert Camus. Die Pest. Das Buch, das in allen seinen Beschreibungen der Beschränkungen so seltsam gut passt und dessen Parallelen zu dem was gerade passiert sehr augenfällig sind. Dieses lese ich. Oder lasse es mir besser vorlesen. Hier zum Beispiel von irgendwelchen Österreichern. Was gut gemacht ist und mich in diesem Wust aus viralen Coronascheißclips endlich mal überzeugt, wenngleich einige von denen des Lesens doch sehr ungeübt sind, was aber so ungelenk wie sympathisch bei mir ankommt. Und es ist für lau, kostet nix und soll noch ein paar Tage online bleiben. Vertreibt die Zeit. Wenn Sie wie ich auf meinem beschissenen kleinen Balkon auch so viel Langeweile haben.

Und doch noch einen, schau mal, lies mal mehr, immer mehr, noch mehr, sage ich mir und krame nach Jahren wieder in alten Blogs, die ich mal las, bevor ich sie eine Weile aus den Augen verlor. Viele sind es nicht mehr, viele weg, gelöscht, verwaist, tot, zu Insta geswitcht, nach Twitter rübergemacht und was übrig ist, geht mir nicht selten schon nach drei Sätzen von der immergleichen Brühe auf den Sack, doch hier, schön, Sunflower ist noch da. Rotewelt auch, auch wenn sie gerade auf Abstand geht, virtuell. Beide sind aus meiner alten Qypeblase, von der keine Handvoll mehr schreibt. Da sind sie noch. Gut so. Und hier noch, weil es so schön ist, eine sehr gut nachempfindbare Liste von Corona-Hassfiguren, über die ich mich sehr gefreut habe.

Soweit bis hierhin. Ich bin dann mal raus. Müllmänner beklatschen. Lidlkassiererinnen besingen. Und in das Urban Gardening-Beet von dem Sellerieficker aus dem Ersten scheißen. Auswurf bleibt Auswurf. Olé Diarrhö. Mit ö.