Q wie Quarantäne (VI)

Sleep is good, death is better; but of course, the best thing would to have never been born at all.

Heinrich Heine


Tag Irgendwas. Verblödungstag. Tag des offenen Arschs. Ehrlich keine Ahnung was heute für ein Tag ist. Freitag. Sonntag. Immermehrvollkommenegaltag. Balkon gewischt. Dabei eine Spinne samt Netz vernichtet, die in der Hoffnung auf ein paar Frühlingsjungblutinsekten eine Ecke besetzt hat. Hatte. Nicht mehr hat. Den Sims abgeschliffen und neu lackiert, auf den sich noch vor dem Trocknen ein paar alles ruinierende Frühlingsjungblutinsekten gesetzt haben, die womöglich der längst getöteten Spinne geschmeckt hätten. Zu Mittag die letzten Weißweinflaschen ausgetrunken. Zum Fischdünsten. Ein Drittel in den Fond, den Rest in den Hals, wobei mir ein Becher Bautzner Kacksenf aus dem Kühlschrank entgegen kippte, auf den Boden fiel, seinen Deckel verlor und einen unmenschlichen und gegen alle physikalischen Gesetze verstoßenden Quadratmeter Senf auf den Küchenboden ejakulierte. Danach habe ich eine Chili halbiert, entkernt und mir dann in die Jogginghose an das juckende linke Ei gefasst, was schnell begann zu brennen als wöllte es sich enthäuten. Und weil das nicht reicht, habe ich mir erst in den Finger und danach Knoblauch gehackt. Was in dieser Reihenfolge nicht weniger brennt. Jeder weiß das. Ich nur oft nicht. Das alles hier ergibt keinen Sinn. Dieses Budenhocken ist unsediert nicht zum Aushalten. Ich habe noch zwei Kisten Rotwein. Und noch drei Flaschen Single Malt. Und mit der Flasche Wermut und dem Rammstein-Wodka, der seit Jahren wie dieser überflüssige Beutel Kardamomkapseln hier rumsteht und nie leer werden will, kann ich immer noch einen Martini mixen, wenn nichts mehr geht. Da niemand, wirklich niemand bei Rewe Oliven hamstert, bin ich grundsätzlich guter Dinge was das Martinimixen angeht. Eis. Olive. Glücklichsein. Das geht. Auch jetzt.

Andere Mischungen von Stoffen, die sonst so rumliegen, sind selten sinnvoll. Eigentlich weiß ich das ja. Von den meisten Kombinationen muss ich abraten. Zu toxisch. Einige funktionieren. Speed abwechselnd mit Koks geht bei mir zusammen sehr gut. Bei vielen, die ich kenne, nicht, bei mir schon. Alkohol und Gras geht auch gut. Nie Probleme gehabt. Andere haben mit so einer Mélange de folie zu kämpfen, ich nicht. Nie. Ich bin der Mischungsmann. Ich mische manchmal nur, um zu sehen was passiert.

Jetzt hier in dieser idiotischen Isolation habe ich in einem meiner berühmten Anfälle von Manie Dinge gemischt, die bei mir nicht funktionieren. Und zwar alles was da war. Weil’s da war. Ecstasy. Zwei Tüten ungestrecktes Gras. Einen Rest Speed (leider alle jetzt). Und der übliche Alkohol. Das Ergebnis dieser Unvernünftigkeit kam zuerst als dumpfer Wahn. Mein delierendes Hirn in einem bewegungslosen Sack von Körper. Zu kurz später unpassendes Herzklopfen. Unregelmäßiges. Unangenehmes. Unschönes. Eher ein Rasen. Von innen gegen die Brust. Dumpf. Hart. Zu laut. Ein Hydraulikhammer. Bang Bang Bang. Uptempo, ungeduldig, unnachgiebig. Schweiß am Rücken. Auf der Stirn. Nacken. Kimme. Null Kontrolle. Hyperaktivität ohne Ventil, ohne je aufstehen zu können. Kotzestücke auf dem Teppich. Von der Geisterbahn, in der ich fahre. Hoch, runter, Monster Mütter Mutationen, Linkskurven, Achterlinien, neue Runden, immer wieder. Und das Herz hämmert mir so laut und massiv heim, dass es nicht normal sein kann. Und ich darauf warte, dass es endlich mit dem Schlagen aufhört. Oder sich überschlägt und dann stoppt. Weil es Zeit wird. Aufhören soll. Irgendwann dann plötzlich paralysiert, ganz ruhig und erstaunlich klar dem entgegensehend was als nächstes kommen wird. Ich glaube, so muss es sein, daran zu krepieren. So mag sich das möglicherweise anfühlen. Oder nicht. Vielleicht. Keine Ahnung.

Bei mir kommt offenbar Heine, wenn es soweit ist. Irgendwo mal aufgeschnappt und nie vergessen. Das alte Suicidezombiezitat. Dürfte ich den Therapeuten momentan sehen, würde ich ihn fragen was das soll, um ihn sagen zu hören was ich schon lange weiß. Na sieh an, hallo, da kommst du und gräbst dich an die Oberfläche, schwarze Lady, grab, los grab doch. Und sag mir was anliegt.

Sagen Sie nichts. Ich weiß ja. Ich weiß das alles. Nicht mischen. Besser nie mischen. Schon gar nicht in meinem Zustand. Hier. Im Quarantäneshit. Und Ecstasy in der Wohnung zu nehmen ergibt gleich gar keinen Sinn. Ist von allen Seiten betrachtet bescheuert. Zu wenig Platz. Ich passe dann nicht mehr in diese Räume.

Lockdown. Shutdown. Braindown. Die Neigung zum Exzess und sicher auch zur episodenhaften Selbstzerstörung, alles, was ich immer schon ganz da drin mit mir führe, das nie weg war, nie weg gehen wird und immer auf passende Momente wie solche lauern wird, an denen ich mich nicht im Griff habe, ist dieser Tage fataler als zu normalen Zeiten. Dummerweise funktioniere ich so. Ich will auf diesem Weg, den ich gehen muss bis es irgendwann nichts mehr zu gehen gibt, möglichst viel Rausch mitnehmen. Und möglichst wenig Normalität. Auch das war immer schon so. Anders kann ich nicht. Und aus irgendeinem Grund macht der Körper das mit. Nimmt mir selten die Nächte übel. Bleibt immer noch besser in Schuss als manches Prenzlauer Berg-Schneewittchen mit seinen tausend hafermilchigen Wohlstandsunverträglichkeiten, was natürlich auch am Laufsport liegt, den ich dieser Tage, weil ich so viel Zeit, Zeit, verdammt noch einmal viel Zeit habe, distanzmäßig ausweite wie nie. Blankenburg. Karow. Bogen über Hohenschönhausen und Weißensee. Ich fresse Kilometer wie die Nachbarsmütter Seitanschnitze. Das ist der Deal mit mir und dem Körper. Die Disziplin und der Exzess. Tag und Nacht. Der die Extreme tanzt. Und die Hülle als Ottomotor. Zuverlässig. Solide. Nicht aus der Spur zu bringen.

Meistens.

Außer die Sache gerät aus der Spur.

Nur einen Tag später nach meinem persönlichen Shutdown klart der Himmel auf und ich Homofürst trage superironisch, anstelle der Hipster, die es in Berlin dieser Tage gar nicht mehr gibt, weil sie mitsamt ihres Craftbeers, des Espressobaristageposes und diesen ganzen dümmlichen Dutts in den Untergrund (oder bereits jetzt in die Insolvenz) gegangen sind, Coronabier durch Prenzlauer Bergs Straßen. Und Coronabier schmeckt wirklich so übel wie alle sagen. Lightbierpisse. Sparkling Shitbrew. Was keine Rolle spielt, denn der Spätimann kommt momentan mit dem Nachbestellen kaum noch nach. Jeden Tag vertickt er locker vier Kisten von dem wässrigen Brauunfall an verpeilte Stricher wie mich. Angebot. Nachfrage. Preis. Volkswirtschaft für Pleppos. Der Preis für eine Flasche dieser ernsthaft ekelhaften Pisse liegt inzwischen schon bei 3 Euro. Die 0,33 Flasche. Ich schwöre. Und die Quarantänespinner kaufen es trotzdem. Machen Fotos. Superironische. Für Insta. Oder dumme Blogs, die keiner liest.

Ich habe dem Spätimann gesagt, er könne fünf Euro für die Zwergenflasche von dem Blödspackenbier verlangen, ich hätte es bezahlt, doch er hat nur gelacht.

Es tanzt die Bi Ba Borderline. Meine Kiezneurose steht sowieso in voller Blüte. Ich mag ständig überdrehen. Einen draufsetzen. Scheiße bauen. Durch die Gegend trollen. Weil mir langweilig ist. Und weil jetzt alle überall ausrasten und mir diese vorwurfsvollen Gruppendruckblicke der versammelten Vollvermummten auf meine hypersensiblen Eier pressen, will ich auch endlich mitspielen und trage nun zum Einkauf eine aus dem Gammel der untersten Schublade hervorgezogene Sturmhaube aus Autonomenzeiten. Ein fieses Ding. Eine klassische Hasskappe. Mit leicht abgeschabtem Anarchie-A an der Seite. Das hat den Effekt, dass mich die Bekloppten mit den Atemschutzmasken anschauen wie einen Bekloppten mit Sturmhaube. Und Moses teilt das Meer. Rüpelrentner Kowalke weicht mit eingezogener Hackepeterplautze in den Seitengang mit dem Osterproduktemüll aus, Mütter ziehen ihre Kinder weg und der drollige Securitygnom mit der Sagrotansprühflasche zuckt kurz zusammen als ich seinen Lidl betrete, weil er mich wohl für einen fehlgeleiteten Bankräuber hält.

Ein verwegener Einkäufer spricht mich vor den Gemüsekisten auf der Höhe des Fenchels an:

Finden Sie das nicht übertrieben?

Fragt er.

Auf gar keinen Fall. Alle wollen, dass wir ausrasten, also raste ich aus. Das ist doch klar. Da mach‘ ich doch mit. Wenn Drosten sagt Maske auf, dann Maske auf. Dat is doch logo.

Sage ich.

Sie sind bescheuert.

Er wieder.

Ich weiß. Ist mir aber egal. So wie Sie. Sie sind mir auch egal. Kann ich da jetzt durch?

Doch mir reicht das noch nicht. Hallo Amazon. Ich brauche eine Gasmaske. Und einen Strahlenschutzanzug. Nur wegen des Typs da am Fenchel. Um den zu stressen. Damit der nochmal so dumm kuckt.

Die Maskenpflicht ist in Berlin übrigens endgültig vom Tisch. Erledigt. Platt. No crappy way. Fuck the fucking fuck. Wird nicht kommen. Woher ich das weiß? Weil die AfD das will und beantragt hat. Was ausgesprochen prima ist, denn damit liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das kommt, komplett bei Null. Wird routinemäßig zu den Akten gelegt. Zu den anderen Dingen, die die AfD so alles will. Sehr gut. Hier die Liste der Dinge, zugunsten derer ich mir noch AfD-Anträge wünsche, weil die dann nie wieder eine Rolle spielen werden: Bankenrettung. Diätenerhöhung. Wohnungsbauprämien. Rundfunkbeiträge. Hafermilchwerbung. Seitenbachermüsli. Junggesellenabschiede. Fußpilz. Arschkrebs. Stinkende Spritbirnen in der S-Bahn. Quietschende Kreissägenstimmen in Telefonkonferenzen. Deutschpoeten im Autoradio. Bausa vom Balkon. Zwei Millionen drecks Fliegen unter meiner Wohnzimmerlampe am ersten Frühlingstag. Und meine dumme Nachbarin. Sowieso Veganer als solche. Also bitte her mit den AfD-Anträgen. Auf dass ich von denen da auf dieser Liste nie wieder was höre.

Ja. Chill. Die Basis. Es kann sein, dass ich den ganzen allgemeinen Wahnsinn, der immer mehr Leute in den Straßen beim Anblick von anderen Menschen panisch um sich blicken lässt, nicht ernst genug nehme, es kann wirklich sein, dass ich total falsch liege und bald tot bin. Weil die Paniker Recht haben und draußen feindlich ist. Wirklich möglich. Vielleicht liegt diese teilnahmslose Ruhe zur ganzen aufgeregten Lage, die plötzlich mein Steuer übernommen hat, schlicht daran, dass es mir tatsächlich egal ist, ob ich daran oder an etwas anderem sterben werde. Und auch wann das sein wird. Das war immer schon so. Denn ganz sicher werden wir sterben. Alle. Sie übrigens auch. Der vollvermummte Durchdreher da unten, der keinen Bürgersteig mehr benutzt, sondern auf der nach wie vor gut befahrenen vierspurigen Greifswalder Straße hoch zum Lidl läuft, in dessen Warenschluchten er zwischen Regelreihen ausweicht und sich hinter Kühlvitrinen zusammenkrümmt, nicht weniger. Der stirbt auch irgendwann. Garantiert. Und wann das sein wird, wann wir alle, jeder, Sie, er, sie, es, unsere Segel einholen und uns einsargen gehen, ist streng genommen egal. Weil das Ergebnis (tot) keinen Unterschied macht, außer der Menge an Zeit, die bis dahin verstreicht.

Und mir ist das egal, weil ich den Sinn dieser ganzen Existenz hier immer noch nicht verstehe. Verstehen Sie den? Ich nicht. Habe ihn noch nie verstanden. Was soll das? Geboren werden. Robotten. Geld verdienen. Geld ausgeben. Mehr Geld verdienen. Mehr Geld ausgeben. Lebensversicherung ausbezahlt bekommen. Alles auf den Kopf hauen. Abtreten. Deckel drauf. Feierabend. Ergibt keinen Sinn. Erklären Sie mir das. Ich verstehe es nicht.

Manche füllen so eine Zwischenzeit, die das Leben ist, mit Labern. Mit Weltbilderbauen. Missionieren. Erfinden einen Gott. Mit Paradies. Himmel. Hölle. Harfen. Oder einen Gesellschaftsentwurf. Um die eigene Existenz erträglich zu machen, deren Sinnlosigkeit sie nicht aushalten.

Ich leider nicht. Habe ich nie. Ich bin keiner mit Weltbildern, Ikonen, Dogmen, oder Gesellschaftsentwürfen, ich bin nur einer, der sich betäubt. So fülle ich das Sinnvakuum. Oder blende es aus. Lege Nebelmaschinenschwaden drüber. Mir hilft das. Anderen hilft ein Gott. Eine Ideologie. Gefühlte Wahrheiten. Oder Arbeiten bis zur Erschöpfung. Das Ergebnis (tot) bleibt trotzdem gleich. Tut mir ja auch leid.

Ich finde, dass bei den Irren dieser Stadt, die immer noch wie Walking Dead-Komparsen durch die Straßen geiern, noch mehr Aggressivität um sich greift als üblicherweise. Im Internet sagen alle, dass alle Leute jetzt überall wahnsinnig nett zueinander sind und jetzt irgendeine Art von zwischenmenschlichem Paradies erreicht werde, an dem sich alle ganz irre lieb haben werden. Wahrscheinlich waren alle diese Leute dieser Tage nicht in Wedding. Oder sie neigen einfach nur wieder zur Romantisierung unromantisierbarer Dinge.

Nein ehrlich, die Irren der Stadt haben sogar noch eine Schippe draufgesetzt die letzten Tage. Liegt vermutlich daran, dass sie weniger Publikum als üblich haben, an Rezipienten nehmen müssen was kommt und da dann voll aufdrehen.

Ich war vorgestern mal kurz auf dem Leopoldplatz telefonieren. Ein Kunde. Der wissen will, wann ich wieder vorbeikommen kann. Nach Düsseldorf. Kann ich gerade nicht. Nach Düsseldorf kommen. Weil ich sonst, was weiß ich denn, eingeknastet werde, wegen, keine Ahnung, unbefugtem Ausgangssperrenumherfahren oder so. Oder es warten an der Stadtgrenze aufgehetzte Brandenburger mit Mistgabeln, die mein Berliner Auto aufspießen wollen. Egal. Das Telefonat war nervig. Nicht wegen des Kunden, sondern wegen des Weddings. Denn ich wurde drei Mal unterbrochen. Jedes Mal von einem anderen Aggressionsschubfreakkind. Erst eine fette verwahrloste Frau mit lichten Zottelhaaren: „Uääääh! Gnugnugnäää! Ätnä ätnä.“ Kommt sie in ihren speckigen Leggins angewackelt und geht mich an, nachdem sie mich vorher minutenlang, wahnsinnig wie sie ist, fixiert hat. Ich suche die Weite der Müllerstraße, doch da kommt schon ein verwachsener Zweimeterjunk mit seltsamem Gebiss, wirft theatralisch seine Jacke gegen Karstadt, den verwanzten Pulli hinterher, nur um mich anzubrüllen. Auch irgendwas mit Gullää Gullää oder Gnagnagnarf. Ätnä. Scheißegal. Nix verstanden. Ich fliehe in die Antonstraße, nur um von einem goldbeketteten Borderliner erst angepeilt, dann angerempelt und zuletzt angebrüllt zu werden. Was ich will. Was ich will.

Was willst du? Häh? Was willst du? Komm doch.

Ätnä.

Für das Karma ist diese Zeit auf keinen Fall gut. Zu viele Durchdreher. Ich bin oft in Tegel in letzter Zeit. Im Freiluftaltersheim Tegel. Dort bringt mich die menschenleere U6 hin. Ans Wasser. An eine Stelle, an der wenige Menschen sind. Dort werfe ich Steine in den Tegeler See, denke an nichts und trinke ein Bier. Oder zwei. Drei. Vier an schönen Tagen. Sie haben Tyskie dort. Bekommen Sie inzwischen fast überall. Ich weiß Tegel seit Neuestem zu schätzen. Zumindest so lange der Wedding den Koller hat.

Dennoch bin ich gelegentlich sehr glücklich. Manchmal sogar jetzt. Denn der Lidl hat Chocomel im Grabbeltischregal. Den Kifferkakao schlechthin. Ich habe den immer in Amsterdam getrunken. Dem Nullerjahreamsterdam. Nicht in dem potemkinschen Abziehbild von Touristenhirnfick, der Amsterdam heute ist. Gras und Chocomel sind natürliche Partner. Sie passen so gut zusammen wie wenig sonst.

Lirum Larum. Es dreht und dreht und dreht die Zeit wieder diese endlosen Runden. Neun Uhr. Elf Uhr. Vierzehn Uhr. Abend. Nacht. Sinnlose Telefonkonferenzen mit sinnlosen Leuten. Kaffee. Kacken. Was kochen. Auf dem Balkon die steigende Temperatur testen. Netflix. Prime. Witcher. Tekken. Horizon Zero Dawn. Gran Turismo. Meistens letzteres. Hirnloses Rundendrehen auf immergleichen Grand Prix-Strecken. Immer wieder. Ich habe einen Tenniszeigefinger inzwischen. Rechts. Vom permanenten Gasgeben. Außerdem komme ich mit der Kombination Frontmotor und Heckantrieb nicht zurecht. Habe das in den vielen tagelangen Stunden immer noch nicht in den Griff bekommen. Null Fahrgefühl. Ein wackeliges Geeier wie auf Eiseierflächen. Es ist ein Fahrzeug, mit dem ich den Nürburgring nie in Würde beenden kann. Sondern im Gras. An der Bande. Dann diese permanenten Dreher. Frontmotor und Heckantrieb. Ich kacke ab. Gehe unter. Kann das nicht. Aber egal. Alles egal. Macht doch nix. Niemand mag Gewinner.

Sie sehen, ich mache sehr viel Blödes. Den ganzen Tag. Doch eines nicht: Ich klatsche nicht vom Balkon für Leute, die der Gesellschaft zu normalen Zeiten so sehr am Arsch vorbei gehen, dass sie sie für die zermürbenden Doppelschichten immer schon unanständig schlecht bezahlt. Ich sage das nur, weil Berlin jetzt so wohlfeil wellnessaktivistisch aus der Vereinzelung heraus vom Balkon klatscht. Für das Sanitätspersonal. Als kostenlose Geste. Für die. Von denen. Außer mir. Ich klatsche nicht. Ich finde das bescheuert. Sollen sie ihre ewig eitlen Selfiebacken halten, die Profis arbeiten lassen und dafür sorgen, dass die Pfleger und Schwestern nach der ganzen Scheiße endlich besser bezahlt werden als immer schon. Statt der Banker. Statt der BWLer. Der Controller. Der Immobiliengeier.

Was jetzt schon klar ist noch bevor er richtig begonnen hat: Dieser Frühling 2020 wird als Frühling des Dauerkiffens in meine Geschichte eingehen. Ich habe noch nie so viel Gras gebufft wie momentan. Jeden Tag. Mehrmals. Oft morgens schon. Ich erkenne mich kaum wieder, wenn der Flurspiegel mir meine eigene Verkommenheit ins Gesicht speit. Ungesund sehe ich aus. Bleich. Dürr. Fleckig. Der Vollbart wird immer länger, so dass mich selbst meine hässliche dumme Mutter für einen untergetauchten Salafisten halten würde, und ich dusche manchmal bis zu drei Tage lang nicht, einfach weil ich überhaupt keinen Bock auf Duschen habe, und nehme erst dann ein Bad, wenn meine linke Hand, die ich auf der Couch zum Daddeln gedankenverloren zwischen meinen Beinen aus der Boxershort hervorhole, nach käseschorfgrindigem S-Bahn-Penner stinkt, was mich so sehr ekelt, dass mir sogar meine seelenlose Waschmaschine leid tut, die meine tagelang nicht gewechselten Klamotten (Was denn? Für wen denn? Hä? Für wen?) sauberkochen muss. Ich habe einen dicken rissigen Ketchupfleck von einer prekären Tiefkühlsalamipizza die letzten drei Tage auf meinem haarigen Oberschenkel spazieren getragen ohne dass der sich in dieser Zeit nennenswert verändert hätte. Ich habe mich fast erschreckt als der beim Waschen noch abging. Ich. Der. Das bin ich gerade.

Haarwachs. Maßschneiderei. Riccardo Cartillone. Glattrasur. Drakkar Noir. Dass ich sonst zu Bürozeiten jeden Tag den Superseriösen auf der Bühne der Eitelkeiten gebe und mir den alle irgendwann wieder ohne Probleme abnehmen werden, ist ein Witz, über den ich selbst am längsten lache.

Im Gegensatz zu mir ist die Stadt sauber geworden, seit kaum noch wer draußen ist. Zu sauber. Keiner macht mehr Dreck bei uns im Block. Weil keiner mehr draußen säuft. Das ist nicht mehr mein Berlin. Ich habe jetzt angefangen, bei jedem Herumstreifen irgendwas irgendwohin zu werfen. Eine Plastiktüte. Einen Tetrapak. Eine Weinflasche. Ich kaufe sogar Kippen, reiße die Filter ab und werfe sie in der Gegend herum. Weil das so nicht geht. Berlin muss Berlin bleiben.

Es endet. Die Scheiße endet. Es riecht schon danach. Müffelt aus allen Ritzen. Kräht von allen Balkons und unkt aus Kellerverschlägen. Es geht zuende. Denn auch Karls Erdbeerhof verkauft jetzt Masken, genauer gesagt supersüße Stoffmasken mit unserem Lieblingsmotiv, der Erdbeere. Ehrlich, wenn jetzt schon Karls Erdbeerhof Erdbeermasken verkauft und jetzt auch noch schnell auf das Irrenanstaltskarussell aufspringt, dann geht es zuende, dann klingt alles ab, dann ist der Hype offiziell over. Mehr als das war nicht. Und kommt nicht.

So ist das. Wie immer alles also. Nix bleibt. Alles fließt. Also lesen Sie doch noch ein wenig was bis zum Zellenaufschluss. Lesen Sie den für mich bisher mit Abstand beeindruckensten Text zu der ganzen Virusgrütze, die immer noch vor meinen teilnahmslos gewordenen Augen abläuft wie ein dystopischer Film. Lesen Sie. Der schreibt in einer bemerkenswerten Übereinstimmung das, was mir im Magen liegt, dieser Chronist. Guter Mann. Immer schon. Immer noch.

Credits für uptempo, ungeduldig, unnachgiebig