Gedankensudelei 03/20

Drogenhandel zählt in Berlin übrigens zur Grundversorgung und ist deswegen von keinen Verboten betroffen.

Ahoi Polloi


Berlin. Tag Drei des Kontaktverbots. Gruppen von mehr als zwei Leuten sind verboten. Doch weil hier Berlin ist, ist das egal. Ich begegne Trauben vor dem Späti, Trauben vor Lidl, Trauben vor dem Eisladen. Volkspark Friedrichshain. Marienburger Straße. Oben am Planetarium in der Sonne. Und hinten Fröbelstraße hecken ein paar Penner was aus. Was wir hier sehen, ist die übliche Berliner Linie. Sie haben mühsam erarbeitete Verbote für unwirkliche Zustände erlassen, aber die Bullen fürs Controlling nicht am Start. Also scheißegal. Alles. So ist es immer bei uns in dieser Stadt. Es gibt Unmengen an Regeln und keinen, den das juckt. Keine Ahnung, ob Berlin mal anders war, aber zumindest nicht seitdem ich lebe. Wir sind eben einfach nicht München. Wenn Sie München wollen, gehen Sie nach München. Dann kriegen Sie München.

Die Berliner Onlineportale faseln derweil immer noch tapfer von den disziplinierten Berlinern, die es gar nicht gibt. Was nehmen die für Hallus? Fressen die, weil die Nudeln von Lidl weggehamstert sind, vergorene Pilze aus den Mauerritzen ihrer Jugendstilappartements und schauen den freigelegten Backsteinen dabei zu, wie sie sich in grünblaue Elefanten mit lila Propellern zwischen den wuchtigen Segelohren verwandeln? Sicher, bekannt, Berliner Journalisten haben es nicht so mit Realität, schon seit mindestens April 1945 nicht, als die Russen schon in Lichtenberg standen, und sie schrieben, dass die kämpfende Hauptstadt mutig dem Ansturm der bolschewistischen Horden standhält. Das birgt eine bewundernswerte Konsequenz. Realitätsverweigerung ist des Hauptstadtjournalismusses Chateaubriand. Im Borchardt. Wenn Olaf Scholz am Nebentisch sitzt und sich mit dem Zahnstocher einen Rest Filet aus dem Zahn polkt. Hallo Hauptstadt. Berichtet wird im Zweifel lieber das, was der Leitung gefällt. Und wenn es sein muss, malen sie den Rasen dafür saftig grün an. Oh diese Berliner. So diszipliniert.

Auf dem Helmholtzspielplatz ist das laminierte Sperrschild derweil auch schon wieder abgepolkt und die Kabelbinder, die den Zugang verhindern sollten, sind durchgeschnitten. In einer Ecke spielen ein paar beherzte Väter und ein paar beseelte Mütter Ball. Dafür mag ich Berlin schon wieder. Ein klares Signal. In jeder kleinen Geste. Piss off, Obrigkeit. Scheißegal, ob deine vielen Anweisungen sinnvoll sind oder nicht, wir befolgen sie sowieso nicht. Mein Berlin.

Dieser neue Abstandsregelmist im Supermarkt funktioniert übrigens nicht. Weil immer einer drängelt. Meistens Rentner. Die mit dem althergebrachten Drängelrecht. Zack. Von der Seite rein. Kriegen Sie nie mehr raus aus der Kassenschlange ohne Ihr Gesicht zu verlieren. Weil die einfach Fakten schaffen und wissen, dass ihnen keiner was darf. Drängelrentner. Daher der Name. Weil sie es nicht können.

Einen Einkauf später prügeln sich fast zwei Honkis aus Gründen eines Disputs über die Länge des einzuhaltenden Abstands.

Dit sin’n keene annathalb Meta!

Der eine.

Klar sin’net dit! Du Affe!

Der zweite.

Dann geht es auch schon los. Halt doch die Fresse! Selber Fresse! Kommdo hea! Und so weiter. Bis der Marktleiter kommt.

Koller.

Viele.

So wie der Arsch, der in der Frühlingssonne herumblökte, weil ich mit dem Spätiverkäufer und seiner Frau zusammenstand und die Weltlage sondierte:

Zwei Leute! Nur zwei! Ihr seid drei!

Goldene Zeiten für die Gängler. Die Korinthenpuler. Anscheißer. Verhaltenskontrollettis. Sie haben Aufwind wie nie. Jetzt nicht mehr nur mit der Moral im Rücken, sondern mit dem Gesetz.

Ich bin seit dreizehn Tagen Gefangener im Homeoffice. Und ich verwahrlose zunehmend. Die Bude sieht aus wie Schlumpf. Alte Socken weisen den Weg ins Badezimmer. Geschirr möchte in den Spüler geräumt werden und wird es doch nie. Ich selber laufe den ganzen Tag in Unterhose herum und trinke zu viel. Auf und ab. Notebook an, Notebook aus. Playstation. Netflix. Restaurant raussuchen. In Jogginghose und Flip Flops zum Späti auf ein Vormittagsbier. Meine Bude geht mir auf den Sack. Hart. Ich überlege, die Wände mit dem Schlagbohrer zu bearbeiten. Einfach so. Um mich zu spüren.

Ich lese im Internet, dass der Schnitter gerade wieder Extraschichten fährt. Gabi Delgado-López ist tot. Den habe ich 2017 noch im Astra Kulturcraphaus gesehen. Dieses Jahr wollte er wieder kommen. Wieder ins Astra. Und ich auch. Gabi, der olle EBM-Opa. Jetzt ist er auch tot. Kann den Mussolini in der Tonne tanzen. Ich tanze derweil noch ein bisschen auf der Oberfläche durch die Gegend. Immer noch ohne irgendein Symptom. Wenn ich die morgendlichen Entzugssymptome – oh ja, Realitätsverweigerung kann ich gut – ausblende. Wenn der amtliche Ausnahmezustand tatsächlich noch einen Monat Bestand haben wird, brauche ich Urlaub bei meiner Freundin Betty Ford. Für eine ordentliche Entgiftung. Oder ich mache genau so weiter und sage irgendwann Hola zu Gabi. Geht auch.

Ich habe mal in die Statistiken von diesem Bloggolem hier geschaut, die der Anbieter WordPress so auffährt. Ich habe 65 Follower, von denen die überwiegende Anzahl derer, die ich zuordnen kann, Frauen sind. Oft mit eigenem Blog, deren doch sehr seriöse Inhalte ich so gar nicht mit dem Mist in Einklang bringen kann, den ich hier ins Internet würge. Ehrlich, die Demografie überrascht. Und irritiert. Gefällt denen der Auswurf hier wirklich oder sind es versammelte Fehlklicks? Oder ist es faszinierter Ekel? Wie bei einem Autounfall. Wenn man nicht wegschauen kann, wenn da ein abgerissener Arm rumliegt. Doch, schon irritierend.

Back to the roots. Eine alte Tradition noch einmal aufnehmend. Dumme Friseurnamen, die Sie inzwischen in jeder beliebigen Bilderklickfickstrecke von Buzzfeed, Vice oder Watson finden können und was aus genau dem Grund schon lange nicht mehr witzig ist. Trotzdem, der alten Zeiten wegen einen noch: HaarSpree. Sie sehen: Auch Besitzer von dummen Friseurläden mit noch dümmeren Friseurladennamen müssen offenbar Autos haben, die sie mit den dummen Friseurladennamen ihrer dummen Friseurläden beschriften können. Diese Schöpfung hier ist ein bräsiger Wortspielverkacker aus der Gruft, der könnte von dem alten versoffenen Hausmeister von meiner Schule kommen, der irgendwann im Rausch vom Dach gefallen ist. Genau den habe ich vor Augen, zahnlos, ein Atem aus Goldkrone, blutunterlaufene Augen: Fastehnse? Fastehnse? Haar. Friseur. Unde Spree. Die Kloake, um die se Berlin rumjebaut ham. Macht zusamm’n? HaarSpree. Wie dit Spray. Wat se uffe Haare ruffmach’n könn’n. Haarspray. Pssssscht. HaarSpree. Hahahaha. Ick piss ma fast ein.

Eine Runde Musik. Und eine Wasserstandsmeldung: Ich werde weich. Ich habe Ari Mason gehört, fand es gut und habe mir alle ihre Alben gekauft. Es ist Electropop. Und ich. Habe alles davon gekauft.

Ein neues Lieblingslied habe ich auch. Heuer Hip Hop. Läuft hoch und runter und noch einmal und wieder und einmal noch Repeat: Goldroger – Friede den Hütten:

Wir war’n doch eben noch dumme Jugendliche
Jetzt stehst du vor mir mit Gehrock, Dutt und ’ner Bluse
Mit den Perlenohrringen, dem Schal von Burberry
Siehst du aus wie jemand der mal
sagte: Ich schwöre so werd‘ ich nie, Miri
Was wurd‘ aus Steine schmeißen und Rebellion
Billigem Bier, literweise Weißwein bei Rewe holen.

Gold, Roger. Echtes Gold.

(Bandcamp)

Mehr Musik, jetzt ganz endzeitstimmig:

Die Monate reichen sich lustlos die Hände
Mit todmüden Augen seh‘ ich die Jahre vergehen
Es gibt kein Zurück und ich komm‘ nicht voran
Auf Sonne folgt Regen
Und dann fällt der Schnee
Dann fällt der Schnee

Ich kotze meine Existenz
In U-Bahn-Lüftungsschächte
Ich schlage mir die Nächte und die Sterne
Kräftig ins Gesicht
Ich treffe falsche Freunde
Und manchmal sogar ein paare echte
Manchmal sogar Frauen
Doch die gefallen mir alle nicht

Vergeben
Heißt nicht vergessen
Doch mit der Zeit
Tut’s nicht mehr ganz so weh
Ich fahr‘ noch immer
Die selben Flüsse auf und ab
In der Hoffnung
Den Lauf der Dinge zu verstehen

Die Monate reichen sich lustlos die Hände
Mit todmüden Augen seh‘ ich die Jahre vergehen
Es gibt kein Zurück und ich komm‘ nicht voran
Auf Sonne folgt Regen
Und dann fällt der Schnee
Dann fällt der Schnee

Isolation Berlin. Mögen sie das auf meiner Beerdigung spielen. Auf dass sich alle noch im Aufbahrraum mit den rostigen Nägeln der Holzbänke die Pulsadern aufritzen.

Netflix-Empfehlung des Monats ist Systemsprenger. Ich klinge jetzt zwar wie eine dahergelaufene Esoterikschnepfe mit Batikhosen und schmierigen Dreadlocks, aber ich habe den Film gespürt. Es ist so derb, wie das Verhalten von Eltern in den jungen Jahren der Kinder so einer Entwicklung einen Drive geben kann, der später nur schwer einzufangen ist. Ich habe mit 12, 13, 14 Jahren bis zur 15 und 16 Sperrholztüren verschiedener Schulen kaputt getreten, Mülleimer angezündet, jede greifbare Fläche zersprayt, Briefkästen gesprengt und alle möglichen Dinge zerschlagen. Weil ich der Meinung war, ich müsse mich wehren. Ich habe heute immer noch Gewaltimpulse, ausgelöst durch bestimmte Reize, nur habe ich sie in meiner Kontrolle. Die Gewaltimpulse, die immer wieder durch irgendwas ausgelöst auflodern, werden nie weg gehen, das weiß ich, aber ich kontrolliere sie. Schaffe regelmäßige Ventile. Routinen, mit denen ich sie innerlich abmoderiere. Muss immer aufmerksam sein, um wegen eines dahergelaufenen Auslösers nicht zu explodieren. Das geht auch nie wieder weg. Das weiß ich. So bin ich jetzt.

Die Schuld an dem Zustand haben natürlich die Psychos, die meine Eltern waren und es endlich nicht mehr sind. Ich war Kind. Ich hatte keine Schuld.

Ich bin froh, dass mein Kind nicht gestört ist. Es biegt jetzt in die letzte Kurve vor der Pubertät ein und zeigt keine Anzeichen einer vergleichbaren Störung, die bei mir schon mit 6, 7 Jahren für jeden deutlich zu sehen hätte sein und behandelt hätte werden müssen. Der doch bisher gute Verlauf meiner Versuche, meinem Kind möglichst viel von meinem alten, hässlichen Ballast und der damit zwangsläufig einhergehenden emotionalen Hypothek, die ich mit mir herumschleppe, zu ersparen, ist nicht selbstverständlich bei einem Vater, der als Kind sehr gestört war. Insofern darf ich doch froh sein, dass mein Kind nicht so ist. Ich ziehe auch wieder einmal den Hut vor dem Erziehergewerbe, das versuchen muss zu reparieren, was Eltern so alles verkacken. Systemsprenger. Nochmal. Großer Film. Für mich. Das Thema möge Ihnen am Arsch vorbei gehen, mir leider nicht.

Ich habe es letztes Jahr nach vielen Jahren des Herumtragens und Gärens geschafft, den Text über meine scheiß Mutter fertig zu schreiben. Das tat gut, das war quasi der Abschluss des ganzen unheiteren Reigens meines seelenzerfickten Aufwachsens und jetzt ist diese Frau einfach nur ein Mensch wie alle anderen geworden, den ich einfach nur nicht leiden kann. Sie ist nicht mehr der mich bestimmende Faktor. Hat keinen Einfluss mehr. Kann nicht mehr verletzen. Nichts mehr werfen. Nicht mehr höhnen. Und sie ist für mich ganz persönlich jetzt endlich schon zu Lebzeiten beerdigt. Nach wie vor ein gutes Gefühl.

Den nicht weniger fälligen Text über meinen Vater bringe ich noch nicht, vielleicht bringe ich den nie, vielleicht ist die Figur auch zu komplex, um sie in einen Text für diesen Ort hier zu pressen. Diese auf ihre ganz spezielle Art erbärmliche Gestalt war, das glaube ich heute, gar nicht von Grund auf beschissen wie seine Frau, sondern nur ein sehr schwacher Mensch ohne Mitte, dessen passiv-aggressives Verhalten dennoch auf jeden Fall einen ordentlichen Teil zu dem Desaster beigetragen hat, den ich nun einmal meine Jugend nennen darf. Scheiß drauf.

Noch eine Empfehlung für diese tollen Netflixtage: Der Schacht. Mit allen Filmregistern erklärt, warum Kommunismus mit diesen ganzen Egoratten, die hier rumlaufen, nicht funktioniert. Nochmal: Funktioniert nicht. Wird. Nie. Funktionieren. Eins. Elf.

Wie immer zuletzt das Essen. Ich habe tief in Astrids Archiv gewühlt und habe Lachs mit Spitzkohl und grünem Thaicurry hervorgeholt. Ausgezeichnet.

Und, wie schon irgendwo die Tage geschrieben, einen Space Cake habe ich gebacken. Laut Rezept der Beste der Welt. Ja. Passt. Böngt. Ich habe das Ding mit viel Vanille und Schokostreuseln verfeinert. Nur eines musste ich modifizieren: Das THC im Backofen in einer feuerfesten Form zu lösen stinkt wie Sau die Bude nach Gras voll, so dass Sie damit rechnen müssen, dass die Dummköpfe von Nachbarn die Bullen rufen, weil sie eine Plantage in Ihrer Hütte vermuten. Also habe ich umdisponiert, die Bude stoßgelüftet und das THC in heißer Butter auf dem Herd gelöst. Geht auch. Und stinkt nicht so.

Ich habe zehn Gramm verbacken. Wertvoller Hinweis in dem Kontext: Zehn Gramm sind zu viel. Damit schießen Sie sich mit nur einem Kuchenstück komplett ab. Sie schlafen quasi einfach ein. Nicht sinnvoll.

Kurz noch ein Eiseinschub. Ich bin in Mitte in einem Ökoschnösel- und Selleriemütterpuff gelandet. Grauenhafte Leute. Alle da, die ich nicht mehr sehen kann. Aber das Eis ist ganz hervorragend, ganz ohne die übliche Berlin-Scheißmitte-Gorgonzola-Rucola-Sorbeegrütze, hier: Cuore di vetro. Sehr gut. Und nein, ich bin nicht am Umsatz beteiligt (der beachtlich sein muss, weil so viele hippe Stullegesichtseltern mit zu viel Geld dort abhängen).

Bekochen lassen, so lange es noch ging, habe ich mich hier:

Korean Food Stories, koreanisch, Prenzlauer Berg: Ich Blindfisch. Muss mich erst der Tagesspiegel darauf aufmerksam machen, dass ich so ein kleines unscheinbares und dabei so geniales Ding in meiner Hood rumliegen habe, an dem ich immer achtlos vorbeilief. Wie gut das ist. Ich bin kein großer Freund der koreanischen Küche, nie gewesen, aber der hier ist großartig. Lange blieb der feine Geschmack der Dinge im verfressenen Maul zurück, ohne dass ich eines der üblichen nachmahlzeitigen Pfefferminzdrops nehmen wollte. Starker Auftritt. Nicht übermäßig billig, aber die Gewerbemiete muss ja irgendwoher kommen. 2 Personen, 45 Euro. Die sich lohnen.

Schlimm ist natürlich wieder das Publikum, na klar, es ist meine dumme Hood. Alle da. Die ganzen Hackfressen. Mit lauter Kreissägenstimme durchs Lokal telefonierende Idiotenveganzottelfrisuren, die irgendwas über ihre beschissene Vernissagen in den Raum sprechkoten, quäkende in der längst ausgetrockneten Startup-Euphorie hängengebliebene Inzwischen-Enddreißiger aus irgendeinem senatsquerfinanziertem Kackloft hierher geschwemmt und natürlich kuhgesichtige Hostelhordentouristen, die immer noch nicht wissen, dass Berlin schon lange nicht mehr cool ist. Und Sie können der Gruselarena nicht entkommen, denn der Raum ist winzig und Sie sitzen Rücken an Rücken mit den ganzen Horrorclowns, die hier essen.

Aktuell können sie hier bestellen, online bezahlen und das wirklich sehr gute Essen zum Mitnehmen abholen. Machen Sie das. Unterstützen Sie die Gastronomie. Because there will be blood.

Treptower Klause, deutsch-mediterran, Treptow: „Lass mal auf ein Abendessen treffen“ sagt der Banker, bestellt mich vor dieses Ding und ich denke, ich fall‘ tot um. Das Teil sieht von außen aus wie eine alte ranzige Eckkneipe, in der Wirt Stulle das potthässliche Schultheißbier serviert, aber nicht wie etwas, das Essen an den Tisch bringt, das der Banker essen würde. Oder ich. Oder überhaupt wer.

Ambitioniert sind sie hier, allein das Essen ist bestenfalls okay, preislich zu hoch angesetzt, vor allem für die doch nach wie vor angenehm rustikale Gegend, was dafür spricht, dass auch hier bald sukzessive aufgewertet werden wird. Vielleicht war ich auch lange genug nicht mehr hier und die Lawine rollt schon längst durch Alt-Treptow. Hipsterburger, Bioladen, Baugruppen, alles schon da. Wird der Mietendeckel wegen Verfassungswidrigkeit aufgehoben und das freie Spiel der Märkte kehrt in die Mietskasernen der Stadt zurück, wird die Gegend preislich explodieren. Und alle wegspülen, die sich jetzt noch an ihren alten Kiez klammern. Alle Parameter dafür sind da. Wait for it.

Diese Klause hier? Lohnt wirklich nicht. Tut mir leid. Ein paar sparsame Gnocci mit sehr öligem Pesto und dem unvermeidlichen Rucola für neun Euro. Das kann ich selber besser. Mit ein paar Kartoffeln für Einsfuffzig. Bitte nicht nochmal.

Falls doch: Auch hier aktuell Fensterverkauf.

Koshary Lux, afrikanisch, Charlottenburg: Die fabelhafte Transfrau und ein übereifriger Kollege möchten hier immer wieder essen und der Laden nervt mich dann immer aufs Neue. Geschmacklich über alle Maßen banal, kaum Gewürzgeschmacksexplosionen wie ich sie sonst von der afrikanischen Küche kenne, dafür kleine, aber immerhin auch nicht allzu teure Portionen, aber gerade Mittags grauenhaft überlaufen mit zu vielen Menschen. Auf Ihren Teller mit Pampe, deren Zutaten alle schon fertig vorbereitet sind, warten Sie gerne mal 20 Minuten, was Ihnen Mittags wertvolle Sekunden kostet, wenn der 13:30 – Termin bereits seine Benachrichtigung in die Smartphoneleiste tönt.

Und ich weiß nicht, ob das Absicht ist oder Schlumpfigkeit, aber eine Pampenzutat ist bei mir immer kalt, oder hart, oder kalt und hart, meistens die Kichererbsen, die sie über fast alles drüberstreuen. Ich kann nix dafür, ich mag afrikanisches Essen sehr, aber ich mag den Laden nicht. (Mein Lieblingsreviewblog war auch schon da. Sorry, mate. Gefällt mir nicht.)

Falls Sie mögen: Auch hier Fensterverkauf.

Aroma, chinesisch, Charlottenburg: Absurd, diese riesige Speisekarte. Sie überfordert mich. Würde ich mich entscheiden, sie komplett durchzufressen, dürfte ich die nächsten zehn Jahre beschäftigt sein. Ich beschränke mich auf Dim Sum. Kolja Kleeberg sagt, das seien die besten Dim Sum Berlins. Das mag sein. Ich esse das nicht so oft, um das beurteilen zu können. Aber sie sind gut, gutes Essen hier, ungemütlich und irgendwie 80er-museal ist der Gastraum, aber mir egal, ich will doch nur essen. (keine Webseite zum Verlinken, nur Facebook).

Ob auch sie momentan Fensterverkauf machen, weiß ich nicht.

Palmyra, libanesisch, Prenzlauer Berg: Empfohlen von hier und, seit mein Phönizier in der Eberswalder gestorben ist, mein bevorzugter Libanese. Klein, familiär und auf jeden Fall sehr gut. Arabisch esse ich sowieso am Liebsten. Sehr gutes Lokal. (keine Webseite zum Verlinken, nicht mal Facebook).

Tegernseer Tönnchen, bayerisch, Wilmersdorf: Einen Tag vor der Restaurantsperre besucht. Irgendwann mal fallen gelassen hat das der Chris. Das Schnitzel sei gut. Weil nicht trocken. Nein. Nein. Nun wirklich nicht. Dick. Schwein. Trocken. Geschmacklich sehr arm. Bis auf die Panade, die schmeckt nach verbranntem Öl. Dazu reichen sie staubige Frosta-Lookalike-Pommes und einen erbärmlichen Eisbergsalat mit Fertigdressing. Ja. Es ist fahrlässig, wenn man Empfehlungen so lange liegen lässt. 2017. Da kann viel passieren in der Zeit. Nicht gut. Lohnt nicht. Bis auf das Tegernseer vom Fass. Das lohnt. Aber das lohnt auch in der Flasche vom Späti.

Villa Kellermann, deutsch, Potsdam: Ebenfalls kurz vor dem Shutdown bin ich bei Tim Raue in Potsdam gewesen, eher gesagt bei Günther Jauch, der eine Villa gekauft und renovieren hat lassen und Tim Raues Lakaien dort dessen Kindheitsrezepte kochen lassen lässt. Und auch das tut mir leid, doch es überzeugt mich nicht. Ja, ja und ja, es war durchaus gut, okay eher, Königsberger Klopse, Eintopf, Tartar, Räucheraal und so weiter, durchaus anständig gemacht, schönes Flair hat das hier auch, bla bla, Spitzenwein, schöner Haussekt, ja ja, alles okay, aber 450 Euro. Für vier Leute. Für doch recht banale Kompositionen, gute Klopse, ja, gute Rote Beete und so, ja ja, aber nicht gut genug für die Klasse, in der sie dort kochen wollen. Nicht so wie der Name Tim Raue es verspricht. Nicht wofür ich Tim Raue kenne und mag.

Der Service ist auch arg schlumpfig für das Niveau, das sie darstellen wollen. Wein vergessen. Crémant vertauscht. Oft nicht nachgeschenkt. Quälende zehn Minuten auf die, zugegeben, originellen Speisekarten gewartet. Doch nee. Ich würd’s nicht nochmal machen. Zu dem Preis gibt es besseres. Das hier trägt nicht.

Yo. Salut. Buchstaben aufgebraucht. Das war der dumme März. In dem Ausgangssperre jetzt Kontaktverbot heißt. Weil es die Dinge immer besser macht, wenn man ihnen neue unbelastete Namen gibt. Bleiben Sie gesund und bringen Sie die diesjährige Grippewelle mit Würde hinter sich. Ich tue das auch.