Q wie Quarantäne (III)

Die Freude, die viele Menschen empfinden, wenn sie gehorsam sein dürfen, erstaunt mich immer wieder.

Chris K.


Tag Neun. Ich habe heute fünf Mal das Badewasser durchgespielt. Mit verschiedenen Zusätzen. Totes Meersalz mit Rosmarin. Dove Samtweichmichfett. Tetesept Muskelentspannung. Erdbeerbubblebadeperlen vom Kind. Und am Ende des Wahnsinns Eukalyptus. Weil ich kurz mal gehustet habe. Eukalyptus hilft da, statt Bachblüten, sagt das Internet. Interessant, nicht? Ja sicher. Ich verblöde hier sehr langsam. Budenkoller-o-rama.

Husten.

Mein Scheißhauspapier ist alle. Es gibt auch keines mehr in Prenzlauer Berg. Nicht bei Lidl, nicht bei Rewe, Kaufland, Netto, nicht mal der schnafte Bioladen hat mehr sein handgeschöpftes Reibeisenpapier aus dem superfairen Handel mit Chisibubikaio, das mir bereits nach dem zweiten Kacken so gerne die Rosette blutig reißt. Nix. Mehl gibt es auch keines mehr. Keine Ahnung, was Prenzlauer Berg damit anstellt (wer sagt als erstes Spätzle, wer?). Das gibt’s doch nicht. Irgendwann müssen die Spinner doch die Hamsterbuden bis obenhin mit Scheißhauspapier und Mehl vollgestellt haben, so dass sie damit bis 2035 kacken und backen können. Hallo Volkswirtschaftslehre, irgendwann muss doch mal Marktsättigung eintreten. Irgendwann ist’s doch mal gut. Schon der Lagerkapazitäten wegen. Was wollen sie mit dem ganzen Papier? Und diesem Weizenstaub? Versteh ick nich.

Husten.

Ich habe noch Taschentücher. Küchenrollen. Feuchtes Papier. Zur Not nehme ich für das zarte Arschloch die Büchersammlung aus Hirschhausen, Däniken, Hegel Gesamtausgabe und Klaus Wowereit, die irgendwer bei uns als Sperrmüll in einer Kiste in den Hof gestellt hat, wie das alle hier machen, die ihren alten Shit nicht zur BSR in die Behmstraße bringen wollen. Und wenn das Zeug aufgebraucht ist, stelle ich mich eben nach jedem Scheißen in die Dusche und brause mir das Arschoch mit dem Duschkopf ab, so lange bis die ganzen Verrückten damit aufhören, sinnlos Scheißhauspapierlastwagenladungen zu kaufen, meine Güte. Was ist das für ein analfixiertes Land.

Dann war ich im Bioladen. Um was zu kochen zusammen zu klauben. Weil ich dachte, dass der Bioladen wegen der Preise vermutlich als letztes leergehamstert würde. Gefehlt. Sehr weit. Leer. Konserven. Bohnen. Linsen. Brühe. Pasten. Selbst die Mandelmilch. Weg. Sie wollen mit Bioscheiße preppern? Vergessen Sie’s. Prenzlauer Berg hat alles hinfortgekauft.

Husten.

Yup. Wird schon Corona sein.

Zum Thema allgemeines Durchdrehen: Sie glauben, dass die Türken gelassener sind? Sind sie nicht. Ich war bei Euro Gida drüben in Wedding. Badstraße. Lammkeulen kaufen. Leergefegt. Konserven weg. Reis weg. Nudeln weg. Milch weg. Aber Lammkeulen da. Für Vegetarier gäbe es noch Kichererbsen. Im 10 Kilo-Sack. Getrocknet. Guten Appetit. Dann lieber Lamm. Sowieso natürlicher. Nahrungskette und so. Chop Chop.

Hallo Hamster. Hallo Deutschland. Chill doch mal die Basis.

Fool.

Fools.

Dieses Rumsitzen und den Drogenvorrat aufbrauchen macht mich schlaff. Ich bin übelst müde. Kriege kaum die Augen auf. Habe ich denn jetzt das Coronavirus? Ist es da? Ist Müdigkeit ein Symptom? War der Huster der Vorbote oder doch nur ein verklemmtes Stück Sammys American Supersandwichschrott im Hals?

Ich bin vergrätzt. Sie haben nach dem Berliner Halbmarathon Anfang April auch den Airportrun am 18.04. abgesagt. Ich habe ihnen lange schon 28 Euro für 21 Kilometer bezahlt, die ich auch nicht wiederkriegen werde, wegen Höheregewalthurensohnrückzahlungsausschluss oder so. Und womöglich war das auch die letzte Chance, auf den Lande- und Startbahnen des berühmtesten aller Geisterflughäfen namens BER den halben Marathon zu laufen, bevor sie die Infrastrukturversuchswitzfigur nach 200 Jahren doch mal eröffnen. Und das ist wirklich schade. Landebahn. Laufsport. Ich. Hätte ich den hoffentlich nie geboren werdenden Enkeln von erzählen können. Bei jeder Landung mit Kurzstrecke.

Mein Solarium hat auch zu. Schweine. Jetzt muss ich in die echte Sonne. Rien ne va egal. Türkischer Gebäckmann dicht. Blumenvietnamese dicht. Griechische Schneiderin dicht. Spanische Burgerbutze dicht. Thaimassage dicht. Und der alte weißrussische Hausfrauenpuff in der Danziger auch. Nur Mehas Döner hat auf. Gratulation. Heute Dürüm mit Scharf. Morgen mit Knoblauch. Übermorgen Kräuter. Soll noch einer sagen es gäbe keine Abwechslung in der Quarantäne.

Krächz. Krrrk. Mein Hals ist trocken. Juckt auch. Kommt das vom Schlafen mit offenem Mund oder habe ich jetzt endlich Corona? Ist es denn jetzt bitte da? Oder ich trinke zu wenig Cola, das kann auch sein.

Was in so einer Zeit ganz gut geht, ist das Durchwinken von Sauereien drüben im Regierungsviertel. Eine haben wir schon: Die Erhöhung der überflüssigen Rundfunkgebühr. Wo bleibt die Mehrwertsteuererhöhung, während alle gerade von der Massenpsychose abgelenkt sind? Bundeswehreinsatz in Syrien. Libyen. Sudan. Oder die Verlängerung des sinnlosen Afghanistaneinsatzes. Diätenerhöhung. Ausbau der Handyüberwachung. Neue Bankenrettung. Notfonds für Immobilienhaie. Journalisten. Genderkrieger. Vorstandsquotensesselfurzer. Alle anderen Förderprogrammprinzessinnen. Weil die alle immer so schön jammern können. Kommt schon. Echt mal. Rundfunkfunkgebühr. Und der steinalte Hindukusch. Hallo bitte. Das war’s doch noch nicht. Ihr habt doch sicher noch irgendwo irgendein Kassengift rumliegen, das ihr immer durchgedrückt haben wolltet, aber einen Zeitpunkt wie diesen braucht, um es realisieren zu können.

Ich habe Kopfschmerzen. Ist es Corona? Ja? Ist es da?

Sie sagen, ich soll von Zuhause arbeiten. Per Notebook verbunden mit dem Borgwürfel. Allerdings haben sie die Zielmarken lagebedingt ausgesetzt. Denn es passiert außer nervigen Rundmails mit null null komma nada Inhalt eh nix. Weil momentan kaum einer was von uns will. Also arbeite ich nicht. Die können mich mal. Ich bin sowieso quasi mittags schon besoffen, Netflix läuft, Pizza kommt und ich prüfe ab und zu, ob irgendeine wichtige E-Mail gekommen ist. Nein. Nix kam. Nix kommt. Nix ist wichtig. Niemand schreibt wichtige Dinge im Moment. Was ich betreibe ist bezahltes Chillen. Mein eigenes bedingungsloses Grundeinkommen. Rumhängen. Geld kriegen. Dass das so nicht mehr lange gut geht, weiß ich selber. Hier, tanzend, ich.

Mein linkes Ei juckt. Ich kratze. Es juckt weiter. Sieht nach Corona aus. Es ist da. Ganz sicher. Testen lassen? Nee. Ich habe keinen Bock, in dieser überforderten Stadt sechs Stunden auf einer der wenigen Anlaufstellen mit anderen verstrahlten Zombiegesichtern rumzuhängen, also gehe ich nach Hause. Ich habe noch einen Rest des Space Cakes rumliegen und eine angebrochene Flasche Wein. Prioritäten. Müssen sein.

Doch, schon. Manchmal gehe ich raus. In die Stadt. In den Nahverkehr, gurke herum und sehe gestresste Hirnis. Wenn ich in der S-Bahn huste zum Beispiel. Oder im Supermarkt einen Freund anrufe und ihm von meinem Fieberschub erzähle, den es gar nicht gibt. Diese Gesichter dann. Wie sie sich endlich entfernen. Mir endlich mal Raum lassen. Dieser Hype um das superfreshe Idiotenidiom „Social Distancing“ (muss ein BWLer erfunden haben) ist für Introvertierte wie mich ein Segen. Pure Freude. Glück definitiv. Endlich Abstand. Hauptsache weniger Menschen. Ich mag das. Es könnte immer so sein. Auch ohne Viren. Wir könnten einfach so verharren, so schön … distanziert.

Harndrang. Zwei Liter Wein getrunken, drei Liter rausgepisst. Das ist nicht normal. Ganz sicher Corona. Es ist auf jeden Fall jetzt da. Ich rufe bei der Hotline an, um das Symptom zu hinterfragen. Doch ich komme nicht durch.

Ich weiß übrigens, warum den Leuten (bis auf denen bei Twitter, die sind immer megawoke und unfassbar aware) der Virus scheißegal ist. Weil es denen geht wie mir. Seit es diesen Socialmediakrebs gibt, keine Ahnung, seit 15 Jahren oder so, wird permanent gebrüllt. Alarm geschlagen. Wegen jedem Mist. Alles ist immer maximal schlimm. Der Untergang. Das definitive Ende. Was da mit Leuten wie mir passiert ist, ist schlicht Gewöhnung. Abnutzung. Wundgescheuere. Wenn jetzt seit 15 Jahren die Sirene heult und erst das ganze letzte Jahr lang quasi täglich die neueste (wenn auch sicher nicht die letzte) ihrer Weltuntergangssekten in ihren lustigen Faschingskostümen mit ihren Schildern „Das Ende ist nah!“ durch Socialmedia und die angeschlossenen Papierjournalismusreste getrieben wurde, kann den Leuten, die man so lange nun schon mit dem (jetzt aber nun wirklich) Untergang penetriert hat, so ein Virus nicht mehr als ein Arschrunzeln abringen. Was? Ist denn jetzt wieder? Ach so, die Welt geht unter. Und das Internet ist laut. Ist noch Bier da?

Coronashaming müsste von den so bekannten wie beliebten Aktivisten übrigens auch mal thematisiert werden. Das ufert ein wenig aus in letzter Zeit. Ich fühle mich oppressed.

Nicht das erste Mal fällt mir auf, dass die Menschen in der echten Welt viel gelassener sind als das Internet. Schauen Sie mal auf Twitter unter den achzigtausend Coronahashtags. Ein Gruselkabinett. Ein Unkentümpel voller Unker. Eine sich selbst verstärkende Echokammer. Apokalyptiker. Rassisten. Vollhonks. Hysterienschleuder. Regierungsgroupies. Und über allem schwebt die Panik. Eine schriller als die nächste. Fassen Sie sich ein Herz. Gehen Sie doch mal nach draußen an die frische Luft: Lachen. Witze. Galgenhumor. Improvisation. Tischtennisspiel. Ein Bier beim Späti. Gespräch mit dem Penner, der hier immer sein Sterni säuft: Lage ruhig. Aussichten bedingt optimistisch. Weiß auch nicht was das soll. Die Scheiße ist irgendwann vorbei. So wie jede Scheiße. Bis dahin betäuben wir uns. Er. Ich. Andere. Ich mag den Spätipenner und kaufe ihm immer, wenn ich ihn sehe, ein Sterni mit. Sterni. Ja. Das will er so. Das Imperialistenbier Tannenzäpfle (das ich trinke) mag er nicht. Da ist er eigen. Sein Recht.

Der Penner und ich sitzen das aus. Das kann die Gastronomie nicht. Da sieht es übel aus. Ich bin die letzten Tage, als man noch in Restaurants gehen konnte, aus Spaß die menschenleere U-Bahn nach Wilmersdorf gefahren, ins Tegernseer Tönnchen, von dem der Chris vor Ewigkeiten mal schrieb, dass das Schnitzel dort gut sei (geht so). Die Inhaberin klagte über Stornierungen. 70% für morgen. 100% für die Tage danach. Und jetzt ist ganz dicht. Nur noch Straßenverkauf aus dem Fenster. Das wird hart für die Gastronomie. An mir kann es nicht liegen, ich habe aufgehört zu kochen und fahre jetzt durch Berlin zu den Restaurants, die Essen zum Mitnehmen aus den Fenstern verkaufen, und esse das Zeug auf Parkbänken. Vielleicht überleben ja ein paar der Lokale, die mir in den Jahren ans Herz gewachsen sind.

Frage: Haben Sie gedacht, dass die Gender-Dauerbeschallung jetzt endlich auch mal Sendepause hat? Hat sie nicht, hier: Frauen tragen natürlich auch momentan die Hauptlast dieser Welt. Vergessen Sie Müllmänner. Berufskraftfahrer. Informatiker. Techniker. Gas. Wasser. Scheiße. Alles Quatsch. Die Helden sind momentan wie immer: Frauen. Mein Herz quillt über. Frauen sind einfach großartig. Ich bin so dankbar.

Leseempfehlung aus einem der wenigen Blogs, denen ich noch folge: Corona Clickbait (hihi, er hat Lobo gesagt).

Hier noch ein Ausrechenservice: Reicht mein Klopapier? (danke Nessy). Hätte ich 24 Rollen, würden die laut Rechner 360 Tage reichen. Ick hab‘ aber keene. Egal. Denn was ich habe sind Taschentücher. Küchenrollen. Und Eckart von Hirschhausen.

Und wenn dann doch mal gar nichts mehr geht, geht immer noch Merkelwave. Zum Einlullen. Möge mir das Gras nie ausgehen. (via kfmw)

Bada Bing. I salute you.