Q wie Quarantäne

Und da sind wir nun. Da bin ich. Zuhause. Deutschlands fürsorglichster Arbeitgeber aller Zeiten, el famoso Borgwürfel, hat mich heute nach Hause geschickt. Berlin fährt sich runter. Nichts ist mehr wie sonst. Ich bekomme in der Ringbahn tagsüber einen Sitzplatz, was quasi seit den Nullerjahren nicht mehr vorgekommen ist, mein Fitnessstudio ist bis auf einen Paranoiker mit Atemmaske und Gummihandschuhen völlig verwaist, bei Rewe in der Ostseestraße ringeln sich die Kassenwarteschlangen der Scheißhauspapierkäufer mittlerweile in die Gänge mit dem Dosenfraß und den Drecksnudeln, von denen inzwischen nur noch die grünen glutenfreien veganen Spinatfüsili in den Regalen stehen, die keiner will, weil die zum Kotzen schmecken, und zuletzt wird mein Halbmarathon Anfang April, für den ich seit Monaten trainiere, ausfallen. Wegen Dingsda. Ansteckung.

Ihr geht mir auf den Sack.

Alle.

Vor allem das Internet.

Denn sie drehen schon wieder durch. Von Rechts bis Links. Von Rechts feuern sie wieder gegen die greise Merkel, die an allem wieder schuld ist, und für Links ist wieder jeder Abweichler sofort ein wiedergeborener Adolf Hitler, nur weil er das kursierende blöde Ding einfach als das sieht was es ist: Nur ein Virus. Nicht das Ende.

Das alles wirkt auf mich noch mehr als sonst wie eine irrationale Massenpsychose, die dieses Mal nicht von den öffentlich-ganzjahresgrünen Medien orchestriert wird, sondern in einer völlig absurden gruppendynamischen Reaktion komplett außer Kontrolle geraten ist und sich durch die Welt potenziert. Quasi ein Klimawandelhype in groß. Und international. Wieder einmal eskaliert von der Krakeelmaschine Internet. Ich kann keine vernünftige Stimme mehr hören. Nur noch befohlene Verdunklung. Rationalität hat Sendepause. Und wer hustet ist ein Mörder.

Das ist das Schlimme an diesen Hypes, die immer schriller werden. Keiner glaubt denen mehr was, weil es am Ende doch immer nicht so schlimm kommt wie krakeelt. Was lief hier schon alles durch: Schweinepest. Vogelgrippe. Rinderwahn. Geflügelrosettengulli. Und jedes Mal rasten sie alle komplett aus, drehen völlig frei und rufen das dieses Mal aber nun wirklich vor der Türe stehende endgültige Ende dieser Welt aus.

Puh.

Pfft.

Das hier ist jetzt Hype Nummer 3.728.627, seit das Internet besteht, und ich lebe immer noch. Was wollt ihr ständig von mir? Was schreit ihr mir dauernd ins Ohr? Wem nutzt das Geplärre?

Ich weiß, was als nächstes kommt: Mein Osterurlaub mit dem Kind wird platzen. In Tirol. Ich habe ohne Reisebüro gebucht und kann nicht kostenlos stornieren. Ich muss das zahlen, auch wenn ich nicht dort hin darf. Weil sie alle durchdrehen. Von Ost nach West, von Süd nach Nord. Und ich nicht verstehe was das soll. Was sie wollen. Wem das nutzt. Und was das bringen soll.

Vielleicht denke ich zu einfach, bin dumm (kann ja sein), durchblicke die Lage nicht (auch das kann sein) und bin schon gar keiner der neuen 78 Milliarden Virusexperten in Deutschland, aber möglicherweise wäre es gut gewesen, die Alten und sonstigen Risikopatienten sofort zu trennen, zu isolieren und dann natürlich gut zu versorgen und den Rest, der das auf jeden Fall überleben wird, in Ruhe immun werden lassen. Ja. Huhu. Immun. Antikörper und so. Wie ich das meistens mache. Ich nehme kaum Medikamente, ich lasse bei den meisten Sachen, die mir in Nase, Mundraum und auf die Eichel fliegen, den Körper kämpfen und siegen. Weil der Körper das bringt. Und ich würde mir gerne endlich das dämliche Hypervirus holen, damit der Körper es erfassen, einkreisen und neutralisieren kann. Ich überlege mir sogar, morgen einmal die Schönhauser Allee runter wahllos irgendwelche Leute zu umarmen und mich von ihnen anhauchen zu lassen, um mir das Ding endlich zu greifen, zu nehmen, damit es rum is‘, damit auch mal gut is‘, damit der Körper anfangen kann zu arbeiten, meine Güte. Bissken Husten. Bissken Fieber. Krankmelden. Abhängen. Netflix glotzen. Flasche Primitivo aufmachen. Austrinken. Noch eine aufmachen. Arschlecken. Dann wieder rausgehen und jeden, der mag, anstecken, damit sie auch immun werden. Und irgendwann haben sie einen Impfstoff für die Scheiße und dann holen wir die alten, siechen Quarantäneheinis aus den Löchern, in die wir sie gesteckt haben, und impfen die einmal voll durch. Nein? Doof? Geht nicht? Ging nicht? Vorbei jetzt? Ja, nun, dann bleibt jetzt wohl nur noch das traurige „Jetzt ist das Virus nun mal da, jetzt müssen wir mal sehen“-Mantra in den Pressekonferenzen. Kann ich auch nix für. Das Krisenmanagement im ersten Angriff haben sie wohl vergurkt.

Alles was ich jetzt noch lese ist blankes Chaos. Kopflose Entscheider. Dazu das übliche Hysteriegeklingel. Das Krakeele. Die ersten Asiatenhasser kommen aus ihren Asiatenhasserkabuffs und hassen Asiaten. Und es kursieren auch schon wieder Nazivorwürfe. Hitlervergleiche. Die gute alte Loboblase mit der guten alten Lobolitanei. Alphonso. Sixtus mal wieder. Tom Radtke jetzt auch. Alles zusammen die übliche Schmiercreme mit der üblichen Agenda, die ich schon zu viele Jahre nicht mehr sehen kann. Schlimmer als Bild. Merkel muss weg. Spahnsche Grippe (hoho Wortspielhölle) olé. Oder alles Faschos außer Mutti. Und dann das Melden. Blocken. Sperren. Nicht zu vergessen zwischendrin – stopp, ein Shitstorm muss sein, bittesehr, dankesehr – Bahlsen! Die seit Jahrzehnten einen ausgewachsenen Nazikeks im Sortiment haben. Rausgekriegt hat das das Internet. Boar, was bin ich froh, dass wir das Internet haben. Das Internet der Kleingeister. Schrebergärtner. Heckentrimmer. Diese ganzen tapferen Moralkrieger. Und die vielen fleißigen Melder. Innen. Genderkeks. Da lobe ich mir fast die Enkeltrickwichser, die so spontan wie flexibel sind und ihre Oma-Abziehmasche nun auf das Virus umlabeln (Hallo Omma. Ick hab‘ Corona. Lieg‘ im Urban Krankenhaus. Schick‘ ma‘ Jeld büdde). Diese mafiesken Gestalten kommen gegen das Internet fast aufrecht daher.

Let’s go Quarantäne. Was juckt mich das. Ich habe noch genug Weinflaschen. Und fünf Buddeln Single Malt vom letzten Geburtstag. Plockwurst. Steinalte Salami. Bis November haltbaren Hartkäse. Beef Jerky-Packungen in der Minibar. Massenhaft vor Jahrhunderten eingefrorene Suppen im Tiefkühler. Kartoffel. Kürbis. Gulasch. Pilz. Hühnersuppen. Und einen Borschtsch. Ist mir alles egal. Muss ja alles mal weg. Sitze ich hier. Kucke blöd. Onaniere vor mich hin. Das dritte Mal schon heute. Wie langweilig. Deshalb mache ich noch eine Flasche auf. Manoro. Primitivo. Und warte bis ihr alle wieder runtergekommen seid.