Dortmund / 2020

Ich muss nach Dortmund. Wie immer möchten sie, dass ich Müll vor sich wichtig gebärdenden Leuten rede, in deren wichtiger Gegenwart auch ich mich wichtig machen muss, weil das zum Ritual gehört. Dem Spiel. Der Gepflogenheit. Brauchtum. Sitte. Tradition. Pluster your Gefieder, Baby.

Das ist okay. Ich kann nichts anderes als das. Scheiße labern. Dinge aufblasen. Geld dafür bekommen. Essen kaufen. Essen verbrauchen. Wieder Scheiße labern. Geld. Essen. Scheiße. Geld. Essen. Wieder Scheiße. Der ewige Kreislauf, der nie endet.

Seit der Borgwürfel, mein vom Sudan bis Tahiti frenetisch gefeierter Gottkaiser von Arbeitgeber, mal wieder medienwirksam einen Stellenabbau annonciert hat, geht die Panik um. Wer geht? Wer bleibt? Wen haben sie gar nicht auf dem Radar? Rauschen. Stille. Zirp Zirp. Hier. Mich. Haben sie nicht. Auf ihrem Radar. Denn seit die avisierte Personalrasur durchgestochen wurde, wende ich meine patentierte Counterstellenabbautaktik an, die ich alle paar Jahre aus der Gruft hervorkrame, wenn mein Sektor, in dem ich herumschlumpfe, mal wieder in das Visier der Stellenabbauer gerät: Ich tauche unter. Mache Akquise. Reise dumm durch die Gegend. Und erfülle die Kennzahlen von weit weg, so dass ich nicht im Raster zusammen mit denen hängen bleibe, die sie in der heißen Phase der Eruption mit ein paar Kröten in der Hand freistellen werden, weil sie sich zu sicher gefühlt haben, zu oft mit dem Finger im Po (Mexiko!) Maulaffen feilbietend gesehen wurden oder man einfach nur ihre Hackfresse zu oft im Fahrstuhl angetroffen hat, so dass die Entscheider sie nicht mehr sehen mögen und aus ihrem Sichtfeld entfernt haben wollen.

Tick. Tock. Mein Seismograph schlägt aus. Ich habe feine Antennen für Schwingungen. Wann es Zeit wird abzutauchen. Die Atmosphäre wird kaum merklich ungemütlicher. Weniger hell. Wolken ziehen auf. Die Arbeitnehmerherrlichkeit der letzten zweihundert Merkeljahre, in denen jeder, der nicht zu doof war, ein paar Kalkulationen zu frisieren, quasi machen konnte was er wollte, weil die Personaler froh waren, dass sie nicht vor lauter Arbeitsmarktverzweiflung irgendeinen Säufer von der Straßenecke, einen Freigänger von der Reinickendorfer Heilanstalt oder am Ende sogar noch einen Berliner Abiturienten einstellen mussten, geht zu Ende. Jetzt frischt der Wind auf. For change. Der in die Gesichter weht. Sie heizen dem Frosch das Wasser wieder nur langsam auf. Es wird somit Zeit, kurzfristig mehr auf Tour zu gehen. Weg aus Berlin. Saarbrücken. Celle. Bremen. Schwerin. Stuttgart. Hallo Dortmund.

Als keine zweite Chance für den ersten Eindruck fällt mir auf, was für einen hässlichen Hauptbahnhof Dortmund hat. Hässlich oben. Hässlich im Untergrund. Hässlich dazwischen. Warum tut man das? So ein Hauptbahnhof ist doch die Visitenkarte einer Stadt, in der Leute wie ich deutsche-bahn-verspätet ankommen und, anstatt sich zu freuen, sofort noch depressiver werden. Dortmunds Visitenkarte hat Ausschlag. Dicke pulsierende Furunkel, die ständig aufplatzen. Blasenpflaster. Hämorrhoidensalbe. Blutgerinsel. Nässende Flechten. Und stinkt irgendwie nach … nach Kot und Kotze. Ein unguter Ort.

Des Borgwürfels fiese Reisebuchungstulpen haben mich mal wieder an der Rosette der Stadt einquartiert. Irgendwo an der Westfalenhalle neben einer sechsspurigen stinkenden Stadtstraße. Ich frage Google nach Puffs in der Nähe, um mich ob der puren Betondepression des zerschundenen Stadtpanoramas ein wenig zu zerstreuen, doch ich finde im Umkreis nur eine 54jährige Domina im Lacklederkrankenschwesteroutfit, die aussieht wie meine Oma selig in einem Lacklederkrankenschwesteroutfit.

Ich sinniere dumm vor mich hin. Würden sie mich zwingen, ein Dortmunder Autokennzeichen haben zu müssen, würde ich es mit OF kombinieren. DO OF. Hat keiner. Ich sehe kein Auto damit. Warum nicht?

Dann mache ich eine Runde um den Block. Es zieht. Wolken. Beton. Autos. Grelles Laternenlicht. Eine hässliche Frau kommt mir entgegen. Dann ein hässlicher Typ. Dortmund. Westfalenhalle. Autoglas. King of Kebab. Live-Wetten. Ruhrpott-Schnitzel. Viel Ladenleerstand. Howard Carpendale kommt dieses Jahr noch. Andrea Berg. Kapelle Petra. Und die Sparkassen Chess Trophy 2020 findet in Dortmund statt. Mega.

Dortmund. Das was sie Innenstadt nennen. Primark. S.Oliver. Tally Weijl. Tabledance. Und ein Dornenbusch weht vorbei. Ich kaufe beim sterbenden Realdiscounter ein Dosenbier. Die liebe Lindemann-Apotheke in der Lindemannstraße hat den Läusealarm ausgerufen. Liebeläuselindemann. So eine Alliteration ist ein gerne genommener billiger Effekt.

Dortmunder Frauen kommen mir sehr groß und ein wenig verwachsen vor, Dortmunder Männer schlumpfig. Halblange Haare. Ungekämmt. Knallrote Socken zu braunen Schuhen. Oder hellblau. Auch zu braun. Bunte Hemden. Hawaii. Jürgen von der Lippe. Ich falle auf. Ich trage schwarz. Zu weißem Hemd. Sie müssen mich einfach für einen Bestatter halten. Oder einen Kellner.

Es tut mir leid, aber Dortmund ist nicht schön.

Überhaupt nicht schön.

Verwachsen wie ein Gnom.

In Grund und Boden neugebaut. Und dann sich selbst überlassen.

Ich war schon mal in Gießen. Gießen ist hässlich. Wirklich sehr. Aber nichts gegen Dortmund.

Ich bin trotz raumgreifender Kollektivhysterie unterwegs in Deutschlands öffentlichem Raum, weil der Termin lange feststeht und wir trotz der unentkommbaren virusbedingten Aufgeregtheit keine feststehenden Termine platzen lassen, weil das noch unprofessioneller aussähe als wir sowieso sind und wir wollen unbedingt professionell aussehen, auch wenn jede Klitsche mit einem Zehntel von unserem Marketingbudget professioneller arbeitet als wir. Nur weiß das keiner. Und von dem Illusionszauber leben wir.

Die Führungspanikerinnen im Borgwürfel haben in einem sich innerhalb eines Arbeitstages in überreizten Wellenbewegungen hochschaukelnden gruppendynamischen Prozess, dem Sie mit Rationalität ab einem bestimmten Punkt nicht mehr beikommen und den ich mir zuletzt fasziniert wie einen Autounfall bemerkenswert unbeteiligt angeschaut habe, fast alle Veranstaltungen, für die noch nicht verbindlich eingeladen wurde, gecancelt. Sie sagen, dass wir auch keine neuen Auswärtstermine mehr machen sollen. Erstmal zuhause bleiben. Nicht mehr reisen. Bahnhöfe meiden. Flughäfen auch. Gerne ab ins Home Office. Einigeln. Bettdecke bis zur Nase. Sie sehen: Wir machen jetzt schon Selbstmord aus Angst, dass uns das Virus tötet. Höre ich eine Gewinnwarnung? Einen fallenden Kurs? Oder rauscht da nur ein Gasleck?

Diese ständige Angst vor allen möglichen Dingen des Lebens inzwischen irritiert mich und ich schaue perplex auf unsere Kommandobrücke, auf der leitende Angestellte aus Überforderung mit der doch nur ein wenig unruhigen See aufgescheucht herumrennen wie in einer Legehennenbatterie, vor der ein Fuchs herumschleicht. Ich kann das nicht ernst nehmen und wünsche mir die alten, weißen, gefühllosen Männer zurück, denen egal war, ob ich auf Reisen mit dem ICE entgleise, mit dem Flugzeug abstürze, mit dem AMG gegen eine Betonwand rase, an einem Virus verrecke oder ob ich überhaupt lebendig aus Westdeutschland zurück komme. Die frühere immer recht verlässliche Ignoranz, die mir am Ende immer die Bewegungsfreiheit ließ, die ich brauche, war besser als die kopflose Panik gepaart mit diesem neumodisch-übergriffigen Nannyreflex, womit überforderte Leitungsschneeflöckchen, die je nach Windrichtung oder Spiegel.de-Pushnachricht wirbelsäulenlos hin und her wippen und heute dies und morgen was ganz anderes entscheiden, dieses alte Borgmutterschiff untauglich versuchen zu steuern. Wo sind die alten Lotsen, wo sind sie geblieben? Sie würden den Dampfer ruhig durch den Sturm lenken, bis in ein, zwei Monaten jedem aufgehen wird, dass der ganze mediale Fieberwahn nebst aller verloren gegangenen Nerven wieder einmal sehr überflüssig war.

Es tut mir gut, aus Berlin raus zu sein. Denn wir haben im Moment noch schlimmere Irre als sonst, die in der Öffentlichkeit herumstreunen und sich lächerlich machen. Wir haben jetzt hysterisch gewordene Irre. Wie die beiden Idioten in einer Schöneweider Straßenbahn, die sich Hände, Gesicht und Nacken mit stinkender Desinfektionscreme eingerieben haben. Oder diese mit Schals, Handschuhen, Kapuzenpullikapuze und Beanie achtfach verhüllten Vollidioten in der S-Bahn. Oder die Deppen, die im Borgwürfel unter dem Türbogen meines Büros stehend mit düster unkendem Unterton Sätze sagen wie „Das ist noch lange nicht der Peak“ und dazu alle möglichen Fallzahlen rezitieren, die immer noch zehnfach niedriger sind als bei einer normalen blöden Grippe. Und nicht zu vergessen die Supersprallos vorgestern Abend, die bei Lidl aufgeregt entschieden haben, doch heute wegen der akuten Ansteckungsgefahr lieber nicht zum Deichkindkonzert in die Max-Schmeling-Halle zu gehen, für das sie bezahlt haben. Atemmasken. Gummihandschuhe. Dosensuppen. Spirellinudeln. Klopapier. ABC-Alarm. Alle bescheuert. Alle irre. Ehrlich, ich bin froh, aus Berlin raus zu sein. Dreht der Rest der Republik durch, setzen wir in der fieberwahnsinnigen Hauptstadt immer noch einen drauf.

Das Schönste an Dortmund finde ich einen alten vergammelten Hydranten. Der jedoch kommt von den Vereinigten Armaturenwerken in Mannheim. Gestiftet im Jahr 1908. Und das dürfte auch das letzte Highlight hier in Dortmund gewesen sein. Wenn Sie den langweiligsten Sport der Welt nach Golf (= Fußball) einmal beiseite lassen.

In meinem Player läuft die ganze Zeit Slipknot. Es erscheint mir passend. Slipknot hat sehr hässliche Masken. Slipknot ist das Dortmund des Metals.

Ich darf das alles sagen. Ich bin aus Berlin. Der hässlichsten Stadt Deutschlands. Die noch hässlicher ist als Dortmund.

Was was heißen mag.

Als ich einen Aufkleber studiere, der das Thema Stadionverbot ins öffentliche Bewusstsein rücken will, spricht mich ein junger Mann an. Ob ich denn wüsste was es damit auf sich hat. Und ob ich ein Problem damit hätte. Ja. Ich weiß Bescheid. Und nein, ich habe grundsätzlich keine Probleme mit gar nix. Das findet er gut und klärt mich über Pyrotechnik auf. Die kriminalisiert werde. Mit Stadionverboten. Und Strafverfahren. Und er prangert das an. Ich stimme ihm zu. Aber nur, damit er geht, weil ich Hunger habe und verzweifelt versuche, irgendwo in Dortmund etwas vernünftiges zu Essen zu ergoogeln.

Die Bordellstraße heißt hier Linienstraße und sieht so elendig aus wie Bordellstraßen immer aussehen. „Ich bin leider schwul“ kontere ich die Avancen der so dortmundpassend gar nicht mal so Schönen mit der Laufmasche in ihrer Strumpfhose. „Das macht nichts, das ändern wir.“ Kommt der Spruch, der mich immer noch zum Schmunzeln bringt. Ich mag es oft mal darauf ankommen lassen, tue es aber heute doch nicht.

Ich suche immer wieder die Nähe zu Huren. Auch hier in Dortmund. Das war immer schon so. Die besten Gespräche hatte ich mit welchen. Es ist eine Verbundenheit, ja doch ein Wunsch nach Nähe, den ich nur schwer erklären kann. Möglicherweise eine Art von Verwandtschaft, nur anders. Ich bin immer sehr freundlich zu ihnen und sie zu mir. Ich fühle mich wohl bei ihnen und sie registrieren diese Konstellation, nennen wir sie irgendeine seltsame Form von Kumpanei, auch. Ich spüre das. Huren mögen mich. Fast immer. Das war nie anders. Auch zieht mich nie eine ab, sondern gibt mir manchmal, wenn es geht, mehr Zeit als bestellt. Für einfach so. Zum reden. Meistens nur zum reden. Und zum gemeinsam trinken. 300 Euro für zwei, drei, manchmal vier Stunden angenehme, stets unkomplizierte Gesellschaft. Ohne Theater. Ohne Schauspielenmüssen. Ohne Maske. Mehr passiert da oft nicht und es ist in Ordnung, alles ist in Ordnung. Ich bin ich fremden Städten, anders als in Berlin, nicht gerne alleine und Huren sind die bessere Gesellschaft. Viel besser als Smalltalker. Netzwerker. Luftschaufler. Dicke schwitzende krawattierte Vertragsverhandler. Oder irgendein Säufer an irgendeiner Bar. Ich kann nur bei den Huren der sein, der ich wirklich bin. Weil ich weiß, dass wir uns danach nie wiedersehen werden.

Ein unheimlich hässlicher warziger Typ kommt mir mit einer ungewöhnlich gutaussehenden Brünetten mit auf irgendeine komische Art süßen rosa Barbiepuppensneakers entgegen. Als ich das wirklich bemerkenswert ungleiche Paar eine Sekunde zu lange mustere, legt er seinen Arm um sie und stiert mich an. Ja. Na klar. Deine. Isch weiß. Meine Güte.

So schlecht wie es aussieht kann es Dortmund nicht gehen. Ich habe zwei Biomärkte gesehen. In einer Straße. Und daneben ein Fair Trade-Café mit ChariTea und LemonAid im Angebot. Also scheint es hier zumindest eine marginale bündnisgrüne Oberschicht zu geben, die das Zeug kauft.

Jedoch habe ich kein Craft Beer gesehen. Weder in den Kiosken noch in den Bars. Und keine Männerdutts. Nicht mal im Kreuzviertel. Danke für das.

Puh. Böh. Die Hackfresse von Coffee Fellows hat hier in Dortmund ein eigenes Hotel. Zum Glück hat mich der Borgwürfel dort nicht eingebucht, sondern unfassbarerweise im dicken fetten bonzigen Steigenberger oben an der Westfalenhalle. Was ist da los? Gewinn immer noch zu hoch? Müssen noch Verluste generiert werden? Darf ich die Minibar leersaufen?

Im Hotel kann man die Fenster nur kippen. Es ist also ein Nanny-Hotel. Damit wir Gäste uns nicht vor Frust über die Tatsache, heute in Dortmund sein zu müssen, aus dem Fenster werfen. Schade. Ich habe gerade mit dem Gedanken gespielt. Und das Steigenbergerhotel hat verhindert, dass ich mich töte. Gratulation. Deswegen kann ich das hier schreiben und liege nicht unten als Körpermatsch auf dem Asphalt. Danke, liebe Nanny, sehr vorausschauend. Und so einfühlsam.

Dortmund macht mich so depressiv, dass ich mich sinnhaft betrinken muss. Das mache ich in Hövels Hausbrauerei zu einer dicken geilen ungesunden Spanferkelbrotzeit, gebracht von einer strahlenden polnischen Blondine, die das R genau so rollt wie ich es mag. Nach dem fünften Bier bin ich in sie verliebt, was ich ihr nicht sage, weil ich ja weiß, dass das morgen schon nicht mehr so sein wird und ich mich vor mir selbst ekeln werde, während ich überlege, wie ich sie wieder los werde. Bier Bier Schnaps Bier Bier Schnaps Schnaps und noch ein Bier, dann stehe ich auf, um schlafen zu gehen, weil ich morgen noch eine Powerpoint zu bedienen habe, während mein Körper einstudierte Sätze von sich geben wird, über die ich schon längst die Kontrolle verloren habe. Hallo? Zahlen, bitte. Ich bin so dicht, dass ich das Pissbecken nicht treffe, was mir leid tut, aber wogegen ich im Moment nichts tun kann, so dass ich hilflos versuche, eine zu auffällige Pisspfütze mit der Schuhsohle von Riccardo Cartillone trocken zu reiben, was nicht funktioniert, sondern was sie durch den Schuhsohlendreck nur noch auffälliger werden lässt. Ich versuche ersatzweise, ein gekräuseltes Schamhaar von meinem Vorpisser vom Pissoirrand wegzupissen, nur gelingt mir nicht einmal das mehr, bevor ich endlich umfalle.

Doch doch, denke ich, als ich versuche, mir früh die Augenringe aus dem Gesicht zu waschen, Dortmund kann man sich schön saufen, man braucht nur ein wenig mehr Zeug dafür. Und die Nacht. Die braucht es auch. Weil sie die schlimmsten Beulen ausblendet. Und das mag ich schon wieder. Was Koks für mich ist, ist die Nacht für Dortmund. Balsam. Make up. Lässt Dortmund und mich so erscheinen wie wir gar nicht sind. Gibt uns für den Moment das Gefühl von Glamour. Einmal nur zumindest. Bis ein paar Stunden später wieder viel zu früh die Sonne durch die Lamellen scheint und irgendwer schon wieder den Rechner für die verdammte Powerpoint hochgefahren hat, auf deren Startfolie Times New Roman meinen Namen geschrieben hat.