Schrägparkereien

Hier in Berlin-Prenzlauer Berg kommen mir jetzt schon die ersten Hysteriker mit Gesichtsmasken vermummt und übergestreiften Gummihandschuhen die Greifswalder Straße entgegen. Verrückte Zeit. Diese ständig überdrehten Leute immer. Angst. Seele. Essen. Auf. Ehrlich, es geht mich ja nix an, aber ich weiß nicht wie die Deutschen mit der Mentalität zwei Weltkriege vom Zaun brechen, Steckrübenwinter, Mauer, schießende Grenzer, gefechtsbereite Russen hinter Helmstedt und NATO-Doppelbeschlüsse überleben konnten ohne sich dabei ständig einzunässen und ununterbrochen in der Gegend herumzuplärren. Wahrscheinlich ging das nur deshalb, weil es damals kein Internet mit sich selbst verstärkenden Echokammern und 25.000 Minuten Aufmerksamkeit pro Stunde für jeden dahergelaufenen Twitterhonki gab, der im Wohnzimmer vor dem Monitor zwischen Netflix, Call of Duty und Pizzabestellen seine unmaßgebliche Sicht zur Weltlage zum Besten gibt, was er früher auf dem Klo maximal sich selber erzählt hätte oder seiner zu ihrem Glück dementen Oma am Krankenhausbett.

Egal. Alles egal. Lass sie hyperventilieren, ausrasten, sich gegenseitig zu immer absurderen Superlativen aufstacheln, durchdrehen, freidrehen, rumrotieren, diese ganzen Klopapierhamsterkaufweirdos im Bezirk, ich habe hier jeden Tag ganz andere Probleme, viel drängendere, massivere, notstandsartigere und über jedes Normalmaß hinaus störendere Probleme als euer komisches supermarktregalleerendes Hyperventiliervirus.

Denn zu den Dingen, die der Berliner nicht kann, gehört das Einparken. Ja. Größere Probleme habe ich derzeit nicht. Als das Einparken. Denn das können sie nicht. Zu viele von denen. Keiner. Kaum einer. Alle. Viele. Bla. Hier ist Autonulpencity. Nixblicker Gulch. Keiner kann es. Ständig sehen Sie hilflos am Lenkrad Herumkurbelnde in der Mitte der Fahrbahn herumstehen, vor und hinter sich einen Stau und ein paar Schaulustige fabrizierend, die sich nicht trauen, über die Straße zu gehen, weil keiner weiß, ob das Fahrzeug nun vor- oder zurücksetzt und irgendetwas zu tun außer einfach stumpf zu warten bis diese Menschen, von denen niemand weiß, welcher Wahnsinnige ihnen den Führerschein gegeben hat, ihr immer wieder aufs Neue faszinierendes Stümpermanöver beendet haben, wäre fahrlässig.

Die meisten Schräg-und Schiefparker gibt es natürlich auch in Berlin. Nirgendwo sah ich bisher mehr serienmäßige untaugliche Parkreihen wie schiefe Kauleisten von welchen, die als Schüler keine Zahnspange tragen wollten (verständlich). Kreuz. Quer. Anarchie. Was okay ist. Grundsätzlich. Ich war in Rom schon Autofahren. In Paris. Barcelona. Anarchie ist machbar.

Überall eigentlich.

Nur nicht in Berlin.

Weil der Berliner mit Anarchie nicht umgehen kann.

Weil er dann komplett versagt.

Weil ihm für Anarchie die nötige Lockerheit fehlt.

Und die auf jeden Fall nötige Umsicht.

Ich weiß das.

Denn sie parken immer wieder meine Fahrertüre zu.

Fahrertüre. Ja. Meine.

Und das passiert so oft, dass ich mich ritzen möchte.

7:00 Uhr in der Frühe. Da stehen Sie nach nur zweieinhalb Bechern handgeröstetem Fair Trade-Schlumpfkaffee vor Ihrem Fahrzeug und bekommen die Türe nur einen jämmerlichen Spalt von ein paar untauglichen Zentimetern auf, weil Ihre Mitmenschen wieder das verweigern was sie sowieso nie tun, weil sie es gar nicht können: Mitdenken.

Inzwischen habe ich mir das Längsparken – für Süddeutsche: Das Parken in der Fahrtrichtung – angewöhnt, auch wenn der Längsparkplatz zwei Blocks entfernt ist, denn ich habe überhaupt keine Lust mehr, beim Querparken direkt vor meiner Haustüre immer wieder über den Beifahrersitz zu klettern, weil wieder einer es nicht kann. Autofahren nicht kann. Parken nicht kann. Gar nichts kann. Ein Honk ist.

Manchmal arbeiten zwei dieser Spackos zusammen und parken mich von beiden Seiten ein. Rechts. Und Links. Dicht. Keine Chance, das Fahrzeug zu betreten, außer durch den Kofferraum meines bekackten billigen asiatischen Kleinwagens unter der ausgehängten Hutablage hindurch, über die Rücksitzrückenlehne und die Handbremse zwischen den beiden Vordersitzen schließlich hinter das Lenkrad zu robben, um zuletzt mit eingeklappten Seitenspiegeln aus der Parkbucht zu schleichen und schon wieder diese unbändige Lust auf eine gute alte wirkungsvolle Vendetta zu entwickeln, die Windschutzscheiben dieser Stümper mit der Hundescheiße vom Bürgersteig einzuseifen, ihre Autotüren mit Bauschaum zu versiegeln oder einfach mit dem dem Edding „Du bist eine hässliche Missgeburt von Hurensohn und kannst gar nix“ auf die Motorhaube zu taggen.

Aber das bringt ja auch nichts, denn sie können es einfach nicht. Lernen es auch nicht mehr. Keiner von denen. Weil wir Berlin sind und immer Berlin sein werden. Wir hier leben Inklusion und geben einfach jedem den Führerschein, der will. Genauso wie unser Abitur. Haben Sie noch keins? Kommen Sie vorbei, schreiben Sie Ihren Namen auf ein Blatt und erhalten Sie noch heute die allgemeine Hochschulreife. Und einen Führerschein dazu.

Ach Berlin, du ewiger Stümper, was du so alles noch nicht kannst in dieser nie endenden Liste an Defiziten, von der ich immer noch nicht weiß, wann sie je komplett sein wird. Flughafen. S-Bahn. Schulen. Kitas. Instandhaltung der Straßen. Der Gehwege. Der Brücken. Schienenwege. Fahrstühle. Rolltreppen. Dieses allgemeine Unvermögen. Autofahren bei Regen. Autofahren bei Schnee. Autofahren bei Wind. Oder überhaupt Autofahren. Und Parken. Querparken. Und wegen mir auch der Umgang mit einem schnöden Virus, von dem jeder jetzt schon weiß, dass Berlin sogar bei so etwas komplett versagen wird. Weil wir es nicht können. Weil wir wirklich nix können. Und schon gar kein Krisenmanagement, in dieser Stadt, für die ein ganz normaler Wochentag schon Krise genug ist. So. Was juckt mich das. Ich bin da raus. Fröhliches Husten zusammen. Schniefen. Tröpfcheninfizieren. Lungenembolieren. Hyperventilieren.