Gedankensudelei 02/20

Keine Zeit zu leben
Keine Zeit zu träumen
Keine Zeit zu denken
Keine Zeit für dich
Jeder will dich zähmen
Dich Zucht und Ordnung lehren
Alle sind wie Lämmer
Junge auch du bist am verlieren

Chaos Z, von 1995, aktueller denn jemals


Ich frage mich, ob auch Sie 2020 immer noch Tattoos durch Berlins Bezirke schautragen und denken, Sie sind cool? Hier die Auflösung: Sind Sie nicht. Nicht cool. Kein Stück. Jede pastinakenpürierende Rohkosthausfrau in meiner Nachbarschaft läuft bemalt durch die Marienburger Straße und zeigt stolz ihre selbstgegoogelten Maori-Ornamente vor. Jede mütterbloggende Birkenstockterpe auf einer unbehandelten Holzliege im Weinbergspark hat sich ihre esoterischen Heilzeichen auf die Haut tackern lassen. Sogar die heruntergewirtschafteten Berliner Bullen tragen jetzt Tribal zu kurzärmeliger Uniform. Es tut mir daher sehr leid, aber Tattoos sind damit jetzt ganz hochoffiziell und für immer unabänderbar peinlich. Lassen Sie Ihres weglasern, wenn Sie wieder cool sein wollen. Kostet nur genauso viel wie das traurige From-Dusk-til-Dawn-Clooney-Memorial-Ding, das Sie sich in der ersten Tattooeuphorie der Nullerjahre auf die Haut geschissen haben. So wie ich.

Schon mal Schweizer Hip Hop gehört? Zum Wegschmeißen witzig. Und ich verstehe kein Wort. Vermutlich ist es Deutsch, könnte aber auch Indonesisch sein oder ein afrikanischer Klicklautdialekt, egal, bei der sprachlichen Zuordnung steige ich intellektuell aus.

Hier, ich habe folgendes herausgefunden: Sehr gut für eine endorphinhaltige Laufrunde voller gehirndrogenbasiertem Rückenwind sind Volbeats alte Alben. Ganz besonders so ein Brett wie A warriors call. Das war die Musik, die Volbeat gemacht haben, bevor ihnen aufging, dass sie mit butterweichkeksigem Kleinmädchenkuschelrock mehr Geld machen können.

Ich habe bei einem Konzert einen alten Bekannten getroffen. Einen Nullerjahrebekannten. Einen aus der damaligen Umlaufbahn der engeren Blase aus Leuten, die meine Freunde sind. So ein Immer-wieder-mal-irgendwie-dabei-Typ, bei dem es – wenn man böse sein will – egal war, ob er da war oder nicht. Nennen wir ihn Jan. Ich bin damals mit Jans Ex-Frau ins Bett gegangen ohne dass ich wusste, ob sie noch seine Frau war. Sie sagte, sie sei es nicht mehr, doch offenbar war sie es noch oder nur als einseitige Ansichtssache oder egal, spielt keine Rolle, es war keine gute Idee, diese Konstellation ist nie ein guter Move sowieso, ich räume das ein.

Das alles kam natürlich raus, worauf er nach mir fahndete und, als er mich fand, eine Auseinandersetzung begann, die damit endete, dass wir uns nie wieder sahen. Bis jetzt. 2020. Fünfzehn Jahre nachdem er mir aufs Maul hauen wollte und damit nicht durchkam, weil ich mich immer wehre, wenn mir jemand aufs Maul hauen will (kann ich empfehlen, es verhindert, dass man aufs Maul bekommt).

Wir sehen beide jetzt anders aus, haben uns dennoch schnell erkannt und standen für eine halbe Stunde doof und unbequem nebeneinander im Publikum herum, er vermutlich so angespannt wie ich und auf den ersten Schlag wartend, um die Sache von vor fünfzehn Jahren zu Ende zu bringen. Passiert ist nix. Ich ging irgendwann einen neuen verwässerten Colajack holen, dann war er weg. Mit der Frau im Arm, die er eine halbe Stunde vor mir spazierengeführt hat. Geister. Von früher. Plötzlich stehen sie da und es ist so dämlich alles.

So. Da ist es. Das Limit. Ich bin einer, der gerne seine Grenzen austestet. Bis wohin bringe ich es? Was kann ich ertragen? Wie weit gehst du, Fool? In Fortführung dieser Maxime habe ich Herrn Mosers Käseseminar für Mutige besucht. Und ich habe mein Limit erreicht. Moser hat mich an die Grenze dessen herangeführt, was ich kulinarisch ertragen kann. Sein Käse steigert sich im Seminar innerhalb von irgendwas um die 20 Portionen von einigermaßen heftig bis vollkommen unerträglich. Ausgestiegen bin ich bei Nummer 18, einem vergorenen braunen schmierigen Stück Ammoniakgestank, das ich nicht mehr ohne Würgen in den Magen bekommen habe. Ein übles Vieh von Nahrung und für mich nicht verzehrbar. Limit. Da ist es nun. Gut zu wissen wie weit ich gehen kann. Weiter ging nicht. Ich hätte sonst gekotzt. Aus dem Mundraum gespült habe ich den Ammoniak mit einer halben Flasche sehr guten Weißweins, den Herr Moser zu meinem Glück zu seinem mutigen Käseseminar reicht. Seit vielen Jahren bin ich nun immer wieder bei Herrn Moser zu Gast. Gute Stube. Guter Mann.

Huh. Sie haben die versoffene alte Berliner Biermeile in Friedrichshain gekillt. Mit Auflagen. Über Auflagen. Und noch mehr Auflagen. Grünflächenauflagen. Gut, streng genommen ist es nicht schade um das ewig siffige Gröhler-, Säufer-, Kotzer- und In-Hauseingänge-Pisserfest, aber irgendwie wurmt es mich doch, dass ausgerechnet die verbiesterten Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksamtsgendertorten mit ihren bräsigen Grünflächenauflagen (in einer Stadt, die sich sonst für den Zustand ihrer Grünflächen einen Scheißdreck interessiert) das Ding gekillt haben. Hallo lieber Herr Erdogan. Ich habe von meinem türkischen Spätiverkäufer gehört, dass du ein beliebtes türkisches Weinfest bei Istanbul mit unerfüllbaren Auflagen zum Aufgeben gebracht hast. Eat this. Das können wir auch.

Mein Spätimann sagt übrigens, er dürfe mir Sonntags keinen Kasten Bier mehr verkaufen, weil er als Backshop fungiert und den Bierverkauf dürfe er aufgrund von Vorschriften nur von Montag bis Samstag machen. Also bin ich zur Tanke gefahren wie vor 20 Jahren. Ehrlich. Welcher Affe macht solche Gesetze? Wem nutzt das?

(Den Tankstellen)

Me, myself and Umweltsau. Ich habe endlich mal wieder die Ballaststoffbombe Dal Makhani gekocht. Linsen. Bohnen. Bohnen. Noch mehr Bohnen. Und Erbsen habe ich auch noch reingeworfen, weil die weg mussten. Auf der Laufrunde am nächsten Morgen habe ich im Minutentakt so viel CO2 in den Blankenburger Morgenhimmel gebläht, dass Deutschlands Klimaziele jetzt endgültig Makulatur sind. Ich glaube, wegen mir ist auch ein Berliner Straßenbaum gestorben. Oder er wurde von Hunden totgepisst, kann auch sein.

Und dann habe ich noch Jörg Draeger bei einer Weinprobe getroffen. Der hatte eine Gameshow als ich Kind war. Sehr netter Kerl. Gerne gesehen damals. Und gerne mit ihm angestoßen. Wikipedia sagt, der sei 1945 geboren. Er wird demnach 75 dieses Jahr. Nicht übel.

Zum Thema Alkoholmissbrauch fällt mit der beste Whisky der letzten Jahre ein, von dem ich jetzt leider keine Flasche mehr zuhause habe, weil die versoffenen Hurensöhne, die ich meine Kumpels nenne, sie an einem Abend leer gegluckert haben: Es ist der Ardbeg Uigeadail. Er ist perfekt. Wer ihn komponiert hat ist Legende. Und mein Held. Danke.

Es ist jedoch keine so gute Idee, direkt am Montag nach so einem Wochenende mit Whisky, lustigen kleinen Kokslinien auf dem Glastisch und hintergeworfenem MDMA vor dem Cannabistütchen zum Runterkommen zum jährlichen Checkup zu gehen, in dessen Rahmen sie mir immer auch Blut fürs Labor und Pisse im Becher abnehmen. Meine Hausärztin leitete die Auswertung mit der Frage „Welche Drogen nehmen Sie?“ ein. Super. Ich brauche also eine neue Hausärztin, weil ich weiß, dass sie das in meiner Patientenakte vermerkt hat und ab jetzt meinen Drogenkonsum jährlich abfragen und kommentieren wird. Und ich brauche ein besseres Terminmanagement. Keine Exzesse mehr vor dem Checkup.

Im Haus meiner derzeitigen Wochenweise-On/Off-Partnerschaft wohnt einer, der mit Nachnamen Foudzinbath heißt. Ja. Ich weiß. Ich denke auch immer dran, wenn ich aufs Klingelschild sehe. Fotzenbart. Natürlich. Und dann grinse ich mich die Treppe hoch und kriege das Grinsen den ganzen Tag nicht mehr aus dem Gesicht.

Nein, ich habe kein Niveau. Nie gehabt. Wird auch nix mehr.

Das Schöne an Berlin ist ja, dass Sie Ihren sperrigen Mist loswerden, ohne viel dafür tun zu müssen. Ich hatte kürzlich noch ein Kinderfahrrad, das kaum benutzt vor sich gammelte, so dass sich zuletzt die verrosteten Schrauben zum Verstellen von Lenker und Sattel nicht mehr drehen ließen. Unverkäuflich, das Ding. Dafür gibt mir keiner auch nur einen Zehner bei Ebay. Also wohin damit? Zur BSR? Nee, nervig. Schrotthändler? Nee, auch nervig. Ich nahm die Berlin-Methode, habe es draußen vor der Türe an einen Fahrradständer angeschlossen und mit einem Kumpel gewettet, wann es weg sein würde. Ergebnis: Eine Nacht. Eine Nacht und es ist geklaut. Mein Berlin. Hat das Ding fachgerecht entsorgt. Im Kosovo. Weißrussland. Niederländische Antillen. Chisibubikaio. Keine Ahnung wo das Kinderfahrrad jetzt ist. Hauptsache ich bin es los. Toll.

Zrrrrrrrckblabrmpf habe ich vor gut fünf Jahren geschrieben. Über die verkackte Berliner S-Bahn, die nicht funktioniert. Geändert hat sich nichts. Zum Guten entwickelt erst recht nicht. Es ist immer noch so wie immer und sogar noch mehr: Voll. Voll. Voll. Schlumpf. Ich weiß nicht warum ich überhaupt noch was dazu schreibe. Berlin ist das was Berlin immer ist. Ein Schlumpf.

Verkehr in Berlin ist sowieso schräg. Meine Trainingsrunde für die Halbmarathons dieses Jahr (ja, für den vollen Marathon bin ich immer noch nicht gut genug) führt durch die Blankenburger Bahnhofstraße, von deren Bürgersteig mich die Radfahrer auf die Straße klingeln, wonach die Autofahrer mich wieder auf den Bürgersteig hupen. Ratlos bin ich in dieser Konstellation. Was soll ich tun? Den bimmelnden Radfahrer vom Rad rammen oder den Autofahrer aus dem Auto zerren und in die Panke schmeißen? Oder doch wieder gar nix, weil alle hilfreichen Optionen illegal sind.

Ich mag nach langer Zeit mal wieder gute Sachen verlinken. Bitte. Lesen Sie doch mal anderswo. Hier zum Beispiel: Die Auflösung der Sprechkultur oder ein Wiener Hipster- Dialog. Schöne Grüße.

Und ich habe schon wieder völlig bekifft Hadmut Danisch gelesen. Heuer einen Text über kontaktloses Bezahlen. Ich bin vor Lachen total dicht vom Sofa gefallen. Bitte, lesen Sie das Ding nicht nüchtern, es führt zu nix, kiffen Sie. Ein Ding, zwei Dinger und lesen Sie dann. Dimensionen. Metaebenen. Und das Handschuhparadoxon. Ich sag‘ Ihnen, hammer. Ich bau‘ noch einen, einen noch, nur einen.

Na? Panisch? Wegen Virus? Auch schon eine Palette Hühnersuppe in Dosen für den Küchenschrank gekauft? Die Abstellkammer bis zur Decke mit Klopapiergroßpackungen zugeschissen? Und eine Urinaufbereitungsanlage neben der Dusche installiert? Prima. Hier noch ein bisschen mehr Hysterie. Und nicht vergessen: Wir werden auf jeden Fall alle sterben. Alle. Schwöre.

Die Viruspanik hat einen unschlagbaren Vorteil: Mein Fitnessstudio ist leer wie nie. Weil die Hysteriker Hamsterkäufe machen und sich zuhause verbarrikadieren vor Angst. Okay, zugegeben, wenn Sie hier auf einmal nix mehr lesen, bin ich tot, war zu leichtsinnig und Sie dürfen gerne lachen, aber das ist dann auch schon wieder egal.

Im Borgwürfel ist man sich einig, dass, wenn hier die Pande- oder Epidemie ausbricht, Berlin es auf jeden Fall völlig verkacken wird. So wie Berlin 2015 als einzige Stadt die Flüchtlingswelle komplett verkackt hat, bei der die Hilfesuchenden wochenlang vor der mit ihren Aufgaben überforderten Ausländerbehörde gecampt haben, weil nichts mehr ging und alle Verantwortlichen mit allen zur Verfügung stehenden U-Booten auf Tauchstation zum Korallenkucken gefahren sind, derweil die Favelas auf den Wiesen wuchsen. Über Wochen. Ein Administrationsdesaster.

Wenn die Verwaltungsnullen jetzt damit anfangen würden, hier in Berlin ganze Wohnviertel abzuriegeln, werden die Leute aller Voraussicht nach in ihren Quarantänelöchern verhungern, weil Berlin zu blöd sein wird, irgendwen von den Abgeriegelten zu versorgen und wahrscheinlich erst mal fünf verschiedene Stellen wochenlang über Zuständigkeiten, Finanzierung und Formularwege streiten werden. Doch, ja, ich bin auch der Meinung: Haben die Hysteriker Recht und das Zeug bricht hier aus, sind wir verloren. Was wieder für Hühnersuppen in Dosen spricht.

Weiter in der Runde durch die Internetnachbarschaft. Manchem hängt Diverses zum Hals raus. Ganz so würde ich es nicht formulieren, allerdings ist die Vehemenz, mit dem das Thema in alle Kanäle gedrückt wird – es gibt kaum noch eine Netflixserie ohne unterschwelligen oder plakativen schwulen oder lesbischen Content – dann doch ermüdend. Ich meine hey, ich drücke mich immer noch in der queeren Szene um den Nollendorfplatz herum, in Transbars, schwulen Cafés oder auf der schrillen Geburtstagsfeier einer zauberhaften Transfrau, die letztes Jahr den Schritt gemacht und jetzt auch auf Arbeit sichtbar als Frau unterwegs ist, ehrlich, ich bin nach allen Seiten offen wie man nur offen sein kann, allerdings beginnt die Allgegenwärtigkeit des Themas jetzt auch mich zu nerven. Zu vehement. Zu penetrant. Nach den ganzen Jahren. Überfressen. Übersäuert. Übernölt.

Hallo Generation Golf. Kennen Sie noch die Piraten? Also die Partei? Piratenpartei? Sie schreibt immer noch Vernünftiges. Will aber keiner mehr hören. Vernunft hat nämlich keine Konjunktur, sondern nur das Gebrüll. Geseier. Gegeifer. Und die Plaketten, die sie Menschen anheften. Etiketten. Labels. Schubladen. Everything louder than everyone else. Es gibt nur noch zwei mögliche Standpunkte. Schwarz. Weiß. Gut. Böse. Akzeptabel. Inakzeptabel. Wir haben Polarisierung. Durchgehend. Und es ist nach wie vor schade drum. Und ich werde ihnen allen niemals verzeihen, dass sie die Piraten ins Nichts gesprengt haben, die ganzen Entristischen, die jetzt weitergezogen sind, zum nächsten Wirt. Nie verzeihen werde ich ihnen das. Die Piraten wären eine gute, kluge und vor allem notwendige Opposition gewesen. Jetzt habt ihr die AfD. Glückwunsch. Habt Spaß.

Lesen Sie hier einen der berühmten immer sehr liebevollen Nachrufe des Tagesspiegels. Es geht um Jacki, den Punk von der Oranienstraße.

Und zu Hanau schreibt Chris das was zu schreiben ist. Das zusätzlich Schlimme für jeden, der den Fehler macht, es nicht aus zu lassen, ist das Internet nach einer solchen Sache. Die einen Brüller hoffen sofort empathielos, dass es ein Nazi war, um ihre Rituale abspulen zu können, die anderen Brüller hoffen nicht weniger empathielos, dass es ein Einwanderer war und spulen ihre Rituale ab, noch bevor der Attentatsurheber überhaupt fest steht. Ihr seid alle so klein. Und hässlich.

(Wenn ich gerade dabei bin, über den Bierseidelrand zu schauen, würde ich mich freuen, wenn Sie damit aufhören würden, Zeug von hier durch die Twitterkloake zu nudeln. Das fühlt sich jedes Mal an wie in Hundescheiße zu treten. Wäre nett. Danke.)

Und dann gab es zuletzt noch kalt servierte Rache: Böhmermann hat eine alte Rechnung beglichen und Erdogans Anwalt aus Ziegenfickergedichtszeiten abgeschossen. Knips.

Haha. Arschlochkontakt. Vorletztes Wochenende habe ich einen Immobilienaffen auf einer Party getroffen. Fett. Reich. Großes Maul. Ein Unsympathenshitlord aus dem Unsympathenlehrbuch, der seit Jahren stolz wie Göring durch seine Berliner Ländereien pflügt und jeden verachtet, der kein Eigentum erwirbt. Bah. Ich konnte nicht anders. Ich musste die Gegenposition einnehmen und habe über sozialen Wohnungsbau fabuliert. Mieterrechte. Und den Deckel. Und dass der ganze Immobiliensumpf ausgetrocknet gehört, weil er keinen Nutzen für die Stadt hat und diese feudalen Gestalten nun wirklich keiner leiden kann, außer sie sich selber. Trollolo. Und ein Schluck Scotch. Ich bekam was ich wollte. Der Fotzenfritz wurde sauer. Verlor die Contenance. Fing an zu blöken. Dass wer sich Berlin nicht leisten könne hier auch nicht wohnen solle, sondern dort wo er hingehört. Zirp Zirp. Und noch ein Schluck Scotch. Maske gefallen. Gesicht gesehen. Das fand ich gut. Ich mag Immobilienheinis nicht. Keinen von denen. Die hier bei mir wie Lüderitz durchs Treppenhaus laufen und Werte taxieren. Mag ich nicht. War immer schon so. Und wenn ich einen von denen sehe, muss ich trollen, ich muss, geht nicht anders.

Wo wir gerade bei unappetitlichen Dingen sind: Es gibt ein Selfie-Museum in Berlin. Und wo ist das? Na klar, bei mir in Prenzlauer Berg, wo sonst. Hier können sich die gelangweilten Oberschichtler verkleidet vor irgendwelche Kulissen stellen und sich selbst fotografieren. Für Insta. Für die Omma. Oder den maximal uninteressierten Bekanntenkreis aus genauso versnobten oberflächlichen Flachköpfen wie sie selbst. Für 29 Euro die 90 Minuten. Was ich immer sage: Ihr habt alle zu viel Geld.

Viel besser war da der Saionabschluss am 23. Februar im Horst-Dingsda-Eisstadion in Wilmersdorf. Es hat himmelsgepisst was die Wolken hergaben, was keine Rolle spielte, da ich beim Eislaufen ziemlich besoffen war, weil ich davor Heilbuttfilets mit Oliven, Kartoffeln und kleinen knuffigen Tomaten in einer Weißweinsoße ertränkt habe, wobei ich vor lauter Euphorie eine Flasche Weißwein in der Küche während des Kochens tanzend bei viel zu lauter Musik gekillt habe und für den unvermeidlichen Sud eine weitere Flasche öffnen musste, von der ich wieder die Hälfte aussoff, bevor das Essen fertig war.

Zum Eislauf nach dem Essen gab es kleine Pfeffiflaschen aus Jackentaschen. Und so schlingerten ein paar Erwachsene hackevoll auf dem Eis. Regen. Alkohol. Kaum Leute. Nur diese versoffenen Typen, die ich natürlich auch an solchen verregneten Tagen meine Freunde nenne. Und mittendrin auch noch mein Kind, das von allen Beteiligten noch am besten Schlittschuh gefahren ist. Fantastisch. Gelungener Tag.

Servicelink: Jugendamt Pankow. Na los doch, Sie wollen es doch auch.

So. Wetter ist räudig. Und der Frühling noch nicht da. Insofern bleibt Netflixglotzen. Frage: Sie haben genug von diesen ganzen superkorrekten, vor Befindlichkeit und Betroffenheit triefenden Genderpopenderdiversitykackserien? Schauen Sie Vikings. Einfache ehrliche gut gemachte Handlung ohne den so unauthentischen aber trotzdem so üblich gewordenen zeitgeistigen Soziologiestudentinnensermon, den sie inzwischen überall beimischen, um die Leute zu erziehen.

Netflix-Scheißdreck des Monats ist Der schwarze Diamant, einer von Adam Sandlers monatlichen Filmen bei Netflix (der muss Kompromat gegen die Bosse in der Hand haben, so viel wie der für die abdreht). Das Ding schaut sich zäh wie das Drehbuch, das wohl von drei untalentierten Filmstudenten zwischen Mensaparty und Heiagehen nach Hause in Mamas Einliegerwohnung runtergeschrieben wurde. Ich habe mich zuletzt in Celle so gelangweilt. Im Hotelzimmer. Beim Onanieren. Zu einem uninspirerenden Arschfickvideo auf Pornhub. Einziger Lichtblick des Films: Adam Sandler wird am Schluss erschossen. Wait? What? Ja. Spoiler. Sorry. Egal.

Und dann war da noch Hot Dog. Ich weiß. Ich soll keine Matthias-Schweighöfer-Filme kucken. Ich soll keine Matthias-Schweighöfer-Filme kucken. Ich soll keine Matthias-Schweighöfer-Filme kucken. Ich soll keine Matthias-Schweighöfer-Filme kucken. Auf dass ich mir das hundertmal hinter die Löffel oder auf die dicken Arschbacken meiner Exfreundin schreibe. Schlimm. Und dann auch noch Til Schweiger. Der wieder einmal nur Til Schweiger, den Supercop, spielt. Und dazu noch seine nie schauspielern könnende Tochter im Film verklappt, die ihre hölzernen Sätze wie in einem Kindertheater in die Linse stammelt. Meine Güte, lerne ich es endlich: Ich soll keine Matthias-Schweighöfer-Filme kucken. Und keine, in denen Til Schweiger auftaucht. Und seine Tochter.

Und die größte Scheiße der Fernsehwelt planen sie jetzt ganz neu: Sie gendern Schimanski. Den Arschgesichtern ist nichts heilig.

Witzige Musik gehört: Sneaks. Irgendwas mit Hip Hop, Trip Hop, Crap Hop, kein Plan, aber total gut. Kiffen, hören und dabei Danisch lesen. Perfekte Kombi.

Eine neue Scheibe haben die Jungs von Ben Racken aus Magdeburg veröffentlicht. Noch finde ich sie nirgendwo zum Download, aber lange kann es nicht mehr dauern. Darf es nicht. Darf nicht mehr lange dauern.

Konzerte habe ich auch besucht. Und zwar an einem Abend Dimmu Borgir und Amorphis, als Vorgruppe die bemerkenswert gute Combo Wolves in the throne room. Kack Name, aber schönes Gebolze. Amorphis können Sie sich schenken, im Vergleich zu Dimmu und diese sehr guten Wolves kommen die Finnen wie 80er-Jahre-Bumsrock daher. Sehr schlimm.

Dimmu spielte solide wie erwartet, nudelte aber vergleichsweise gelangweilt das Set runter und verschwand schnell ohne Zugabe. Schwach. Bitte nicht nochmal.

Slipknot haben auch gespielt. Ein paar Tage später. Sehr nice, nur der Einlass ist in den großen Hallen der Stadt inzwischen ein paranoider Wahnsinn und eine gnomige Armee an kleinen Diederich Heßlings inszeniert ihre kleine süße Handvoll Macht über einlassbegehrende Bittsteller. Schlimmer als jede Flughafensecurity. Konzerte in den großen Arenen der Stadt sind die Pest geworden. Dass sie mir nicht gleich noch den Finger ins Arschloch bohren, um zu schauen, ob ich dort einen Sprengsatz deponiert habe, fehlt mir zur Vervollständigung.

Die Vorgruppe von Slipknot gab Behemoth. Umgedrehte Kreuze, Pentragramme und der Ruf „Hail Satan!“. Vielleicht werde ich langsam alt, aber das wirkt so affig. Damit provoziert doch keiner niemanden mehr. Das ist 80er, damals hat Oppa Kowalke noch Uromma Erna mit den ganzen blöden Satanistenbands zur Weißglut provoziert. Heute haben wir das Provo-Blatt komplett überreizt. Es hat sich einfach ausprovoziert, seit als einzige erfolgversprechende Provokationsmöglichkeit nur noch die indiskutablen Nazis übrig geblieben sind. Wir haben die Provokation als Option schlicht durchgespielt. Und den Endboss besiegt. Womit wollen Sie irgendwen noch schocken? Wir hatten alles. Fickende Kühe als Bühnenvideo. Abgebissene Taubenköpfe. Kotzende Gitarristen. Aufgeschnittene Brusthaut. Kunterbunte Gesichtstattoos. Hail Satan. Gähn.

We are family! We are one big metal familiy! brüllte Slipknot ganz schlimm ins Mikrofon. Puh. Echt jetzt? Family? Nee. Sind wir nicht, we are not family, Honki, ich will mir von euch nur was vorspielen lassen und ihr wollt nur mein Geld, deswegen bewerbt ihr vor eurem Konzert von den riesigen Bildschirmen eine debile Slipknot-Kreuzfahrt auf einem dummen Dampfer von Barcelona nach Neapel. Nizza. Chisibubikaio. Mir egal. Wer glaubt euch so einen Mist mit Family? Immer dieses Rockbandgelalle. Ihr seid das beste Publikum. Wir sind alle eine Familie. Börlin you are awesome. Awesome! It’s so great to be here! Börlin! Meine Güte, haltet doch einfach die Fresse und spielt.

Zu Slipknot tanzten vor mir auftoupierte überschminkte Schnepfenpüppchen irgendeine Art von Discofox. Barbiechickendance. Der Pizza Hut, der Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken und der Pizza Hut. Echt mal. Wer schleppt die mit? Das ist nicht mehr mein Metal. Ich wollte die Tulpen umpogen, doch die Begleitung ließ mich nicht, sondern hielt mich mutwillig davon ab. Doch ich bleibe dabei: Man müsste wieder mehr umpogen.

Dann war ich noch einmal in der Arena des Herstellers der besten Autos der Welt. Beim Sport. Alba. Basketball. Sie haben Göttingen verputzt. 96 zu 71. Was auffiel: Sie haben keine Cheerleader mehr. Abgeschaft wegen Dingens … Gender. Ein Mädchen und zwei Frauen, die mit mir dabei waren, verstanden das nicht und waren enttäuscht. Hallo 2020. Willkommen bei den Gesellschaftsmodifizierern. Die jetzt wirklich in jeden Bereich reingehen. Gerne auch in den Sport. Hey, ich kann mit Cheerleadern ja nix anfangen, es sei denn sie haben Schwänze unter den Röckchen, aber andere mögen das, fanden das gut und die Cheerleader sich selbst auch, aber das geht nicht mehr, wegen Dingsdabums, so dass sich die Tänzerinnen jetzt ein neues Hobby suchen dürfen. Pro-Tipp: In Charlottenburg gibt es die Tabu Bar. Die hat Stangen. Und Separées. Boar. Sagen wir doch ruhig noch einmal wie es ist: Doof. Ihr seid so doof. Was seid ihr doof. Ihr Evangelen. Ihr eifrigen. Ihr seid wie Immobilienheinis. Ich kenne wirklich keinen, der euch mag.

Zum Ende der elenden Elegie wie immer etwas zu essen.

Hier. Das kommt davon, wenn Sie nachbacken, was Ihnen Google auf der Startseite von Chrome empfiehlt, weil der Algorithmus denkt, dass ich das mögen könnte: Fuck the fucking Eiweißbrötchen, weil Mehl offenbar auch schon wieder No-Go ist, wegen, keine Ahnung, mehlverachtend vermutlich, weil die süßen kleinen Körnchen dafür geschrotet und gemahlen werden. Meine Güte. Egal. Schmecken beschissen, die Dinger. Wie ein mit zu viel Sahne gestrecktes Omelett wegen der ganzen Eier da drin (wobei Eier ja auch No-Go sind wegen Eierraub, Mutterglück und Kükenschreddern und so). Eiereiweißbrötchen. Ein beschissenes Zeugs. Wie kann man das nur essen? Das Kind fand es räudig, ich fand es räudig, wir haben den Unsinn weggeworfen und ein paar Croissants aus der Dose aufgebacken. Backen Sie den Scheiß nicht nach, er ist schlimm.

Essen gegangen bin ich dort:

Storchencafé, Biodingens, Malchow: Schule wirkt. Mein Kind ist jetzt öko und fängt an, mich zu nerven. Das Auto tötet brütende Vögel. Mein Steak rottet Bienen aus. Meine Fliegerei belastet schwangere Lurche. Oder umgekehrt. Egal. Die Schulaktivistenlehrer machen jetzt ganz viele aktivistische Dinge mit meinem Kind. Freitags statt Unterricht zur Demo ins Regierungsviertel, verbrämt als Projekttag, Klimawochen, Transparentemalen im Kunstunterricht und in Sachkunde erzählen sie den Kleinen, dass so ein Auto ja mal gar nicht mehr geht. Und das Kind plärrt das nach und jetzt bekomme ich die Gesinnungsdröhnung nicht nur aus allen Rohren aus dem Internet, sondern ganz neu auch zuhause beim Abendbrot, bei dem das Kind fordert, dass auch ich mal in diesen Superökonaturgarten nach Malchow gehen müsse, um mir bedrohte Pflanzen und einen verschissenen Bienenstock anzuschauen. Und man könne dort auch gleich essen. In einem Storchencafé. Und weil ich ein zumindest zu meinem Kind freundlicher Mensch bin, tue ich das. Schaue mir Pflanzen an, die ich schon als Kind blöd fand, lese die öden Belehrungstafeln und blättere lustlos in stupiden Recyclingbroschüren. Aber Essen machen sie gutes. Natürlich.

(Memo: Gegensteuern muss ich. Die Schule nervt über Bande mit Ökoscheiß und so geht das nicht. Ich will bald zum Kartfahren hoch nach Templin. Ein paar Runden drehen. Megaviel Benzin verballern. Wenn das Kind mag, darf es mitfahren. Und möge danach bitte dem Lehrpersonal davon erzählen.)

Atlantik Fischrestaurant, Schöneberg: Mitten in dieser 80er-Jahre-Westberlin-Betonhölle am Innsbrucker Platz steht eine hängengebliebene 80er-Jahre-Westberlin-Restauranthöhle. Was für ein Ding. Fake-Backsteingemäuer, vergilbte Weinflaschen in komischen Holzregalen, Säuselpanflötenindianermusik, ein Kaminfeuer vom Bildschirm und der Gipfel: Eine bebilderte Speisekarte. Wenn ich bebilderte Speisekarten sehe, gehe ich normalerweise gleich wieder da raus und in die nächste Dönerbude rein. Weil das da auf jeden Fall besser sein wird als in einem Restaurant, das seine Speisekarten bebildert. Es ist kein ganz schlechtes Restaurant mit guten Pommes, gutem Mittagsfilet, wenn auch mit kleinen Schwächen wie dem für die 20 Euro zu winzigen und geschmacklich einfallslosen Fischteller mit dem in der Pfanne doch ungut verbrannten Olivenöl, das am Fisch klebt und das Sie schmecken. Gut, dass sie Ajoli dazu reichen, mit dem ich das zutackern und vor allem bei der Heimfahrt die Ringbahn mit Knoblauchmodder vollstinken konnte. Was sie auch in diesem Lokal nicht schaffen – ein weiteres Mal nicht, willkommen im Westberlin der 80er – ist das bargeldlose Bezahlen, so dass ich die 80 Euro für zwei Personen mühsam aus Resten zusammengekratzt habe. Stimmt, hier ist Deutschland. Haben Sie bitte ausreichend Papiergeld einstecken. Nochmal hierher? Doch nicht, nein.

Imera Grill, türkisch, Kreuzberg: Keine Webseite, nur Facebook und das verlinke ich immer noch nicht. Das winzige Ding steht in der Kreuzberger Wrangelstraße, in der ich immer mal wieder nachts versacke, weil in der Ecke immer noch Leute wohnen, die ich kenne und die noch nicht raus nach hinter Königs-Wusterhausen gentrifiziert wurden. Und ja. Machen. Hingehen. Endlich mal wieder volksnahes Essen. Es gibt nichts besseres als gutes türkisches Essen zu einem besoffenen Abend. Danke. Gut. Klein. Versteckt. Freundlich. Für 5-6 Euro gutes Zeugs.

Xudu, vietnamesisch-französisch-fusiondingens, Kreuzberg: Die Enthipsterung ganzer Viertel Friedrichshains und Kreuzbergs nimmt Fahrt auf. Keine Ahnung wo die alle hin sind. Nach Kraków. Oder Wrocław vielleicht. Oder Ústí nad Labem vielleicht. Egal. Hauptsache weg. Jetzt haben wir überall nur noch glattgebügelte Anzugborgs wie mich. Doch halt. Hier in der Schlesischen Straße sitzen sie noch. Die Nullerjahrescheißer mit Vollbart und stickerbeklebtem Notebook. Nur ohne Dutt inzwischen wieder. Ich mache es kurz: Guter Laden. Ohne Abstriche. Es stimmt alles. Auch das einfache Zahlen mit NFC. Und die hängengebliebenen Hipster, die das hier immer noch für 2010 halten, blende ich einfach aus.

Zur Haxe, deutsch, Prenzlauer Berg: Ungewöhnlich. Ein Fleischrestaurant. In meinem Veganerbezirk. Und es hält sich. Muss ich sagen, dass es gut ist? Vermutlich schon. Es ist gut. Triggerwarnung für zarte Schneeflöckchen: Kein Safe Space. Wir essen Tiere dort. Und mögen es sehr.

Ja. Das war der Februar. Mehr war nicht.