Mittags. Pause in Schnösel City (2)

Darauf beruht unser System: Auf Männern, die ihren Job hassen.
William Gaddis


Die Mittagspause ist der einzige Moment an meinem Arbeitstag, an dem ich tatsächlich einen Augenblick lang Ruhe habe, an dem ich keine Maske trage, die den versteckt, der ich bin, an dem ich nah bei mir bin und nicht freundlich zu Menschen sein muss, die ich nicht leiden kann, an dem ich keine banalen Geschichten aus noch banaleren Leben ertragen muss, die mir andere ungefragt aufnötigen, weil sie denken, ich sei ein großer Freund von Zerstreuung durch Small Talk.

Dabei ist das nicht so. Dieser Wust an sinnlosen Informationen, die nie einer angefordert hat, wirkt wie schleichendes Gift an meinem seelischen Gleichgewicht. Ich beginne die zu hassen, die es mir ins Ohr schütten. Im Flur. In der Teeküche. Fahrstuhl. Im schlimmsten Fall S-Bahn. Auf dem Weg nach Hause. Wenn mich einer von denen am Bahnsteig abfängt, um mir Informationen über sich auszuhändigen, die mir das Hirn verkleben und von denen ich nicht weiß was ich mit ihnen anfangen soll. Kuckemal. Hier meine Kinder. Hier mein Auto. Hier meine Beförderung. Hat Ihr Haufen auch diesen Monat den Teambonus erhöht bekommen? Nein? Oh.

Hier in der Mittagspause muss ich niemanden beeindrucken, hier muss ich mich mit niemandem messen, mich von niemandem bewerten lassen und hier muss ich vor allem kein sinnloses Geseier sinnloser Menschen über einen sinnlosen Zeitraum hinweg ertragen. In Zeiten, in denen niemand mehr einfach das Maul halten und Stille ertragen kann, ist das ein echter Gewinn. Und so selten. Stille. Diese Stille.

Immer geht das nicht. Ich muss zumindest einmal in der Woche mit den anderen Pinguinen Mittagspause machen. Sonst fällt das auf. Den Windmachern, den Pseudoteamworkern, den Stuhlsägern, den Intriganten, den Vorne-freundlich-sein-und-dann-hinten-Stinkbomben-Legern, den rückgratamputierten schleimenden Azubis, den paranoiden Nichtskönnern von Führungsfiguren. Denen fällt so etwas auf. Fingerspitzen. Eiertanz. Quasidiplomatisches Protokoll. Jemand wie ich darf sich nicht dauerhaft separieren, sonst fressen sie jemanden wie mich auf. Machen mich ein. Und scheißen mich aus. Am Arbeitsplatz separiert zu sein, ein von der Herde Ausgeschlossener zu werden, ist auf lange Sicht ein beruflicher Bankrott. Also gehe ich mit ihnen mittagessen, lausche ihren unerträglichen Geschichten über unerträgliche Menschen, die natürlich gerade nicht im Raum sind, oder über unerträgliche Prominente, die ich nicht kenne, oder über den stinkenden Hausmeister, den sie alle nicht leiden können, weil er der letzte ist, der noch raucht, kleine Pfeffis säuft und mit Yoga nichts am Hut hat. Der steht bestimmt auf kleine Jungs, wird über die Vierkäsepizza hinweg kolportiert. Dann gemeinsames Lachen. Schluck aus der Diätcola. Serviette.

Ich habe einmal gesagt, dass ich den Hausmeister gut finde, weil er nicht so ist wie alle anderen. Sie haben es nicht verstanden und geglotzt wie Kühe. Ich habe es seither nicht noch einmal erwähnt. Es bringt nichts, Dinge zu sagen, die niemand versteht. Es bringt nichts, sie glotzen zu lassen wie Kühe. Ich bin kein Missionar, war ich nie. Sie verstehen es sowieso nicht. Niemand versteht solche Dinge hier, also habe ich recht zügig auf Schauspieler umgeschult. Ich grinse blöd über dumme Witze von dummen Vorgesetzten. Ich schaue mir dumme Babyfotos von dummen Schnepfen an. Sage, dass das aber auch wirklich ein hübsches Baby ist, obwohl ich Albträume von dem Gnom bekommen werde, den sie mir da ins Gesicht hält. Ich gratuliere Menschen zum Geburtstag, die mir scheißegal sind, alles Geburtstage, an die mich mein mit allen möglichen Terminen zugeschissener Smartphonekalender erinnert, weil ich mir diesen Morast aus überflüssigen Erinnerungen an irgendwas nicht eine Sekunde merken könnte. Dann die Umarmungen. Bussi-Bussi-Scheiße. Dieses verdammte Angrabbeln immer. Und der furchtbare Kuchen, der nur vom furchtbaren Kaffee übertroffen wird, aber der immer gelobt werden will. Schmand. Zucker. Tiefkühlhimbeeren. Boar ist der lecker. Der ist aber lecker. Wat is‘ der leckeeeer. Ja. Hallo. Bitte sehr. Das bin ich. Ich spiele die Klaviatur sozial erwünschter Verhaltensweisen wie ein Großmeister. Lächeln als würde ich es so meinen. Kumpel sein als wäre ich nichts lieber als der Kumpel von einem krawattierten Schmerbauch mit Senfresten am Mundwinkel. Immer jovial. Immer stimmlich normaltemperiert. Verlässlich. Vertrauenserweckend. Loyal. Ein Freund. Ich kann das wirklich total gut inzwischen und das muss ich auch, denn es gehört zum Jobprofil. Meinem Jobprofil. Und würde es kein Geld dafür geben, würde ich es nicht tun. Dann wäre ich gar nicht hier. Sie zahlen Schmerzensgeld für den Mist hier. Für diese Gesellschaft. Sonst macht den Job doch keiner.

Den Rest der Woche, wenn ich die stupide Simulation von gegenseitiger Sympathie in einer idiotischen Herde voller businesslunchvertilgender Lackaffen vorzugsweise bereits am Montag hinter mich gebracht habe, verbringe ich für gewöhnlich alleine den Mittag. Nur ich, ein Teller asiatische Pampe, ein grüner Tee und Musik im Ohr. Ich sitze in einem nachrangigen Lokal mit Absicht ein wenig abseits vom Borgwürfel. Ich muss weiter als sonst gehen bis ich hier bin, doch meistens lohnt es sich. Selten ist jemand da, den ich kenne, also muss ich kein Geseier ertragen, kein Gerede, kein Getratsche über irgendwas, das ich schon zehn Sekunden später vergessen habe, weil es Unsinn ist, Blech, Wortmüll, oder Small Talk wie sie es nennen – Small Talk, dieser fiese soziale Kitt jeder Arbeitsstelle. Routiniertes Schaffen von Gemeinsamkeit. Machen sie alle gerne. Nur ich nicht. Bei mir erzeugt ziellose Kommunikation nichts als Abneigung. Labern Sie mich voll, werde ich unvermittelt damit beginnen, Sie zu hassen, weil Sie mir mit Ihrem oberflächlichen Geseier körperliche Schmerzen bereiten, ich bekomme Ausschlag, ein Exzem am Arsch, Hirnkrebs, Hodenlepra, und so eine Lust darauf, den ganzen Laden mit einem Glas Single Malt in der Hand in einem plötzlich aus vielen Erdspalten quillenden Lavasee absaufen zu sehen. Was wummert dieser Wunsch so sehr von innen gegen die Brust, dass sich doch endlich die Erde auftäte und diesen Zirkus der Eitelkeiten endlich verdampfen ließe und darüber denkend kommt mir plötzlich gute Laune. Ich würde zu gerne am Rand des Lavalochs stehen und hysterisch lachen wie ein Irrer.

Manchmal denke ich, dass ich der Einzige bin, der so denkt, solche Dinge denkt, der den ganzen Laden verdampfen sehen möchte, doch dann denke ich wieder, dass ich gar nicht der Einzige sein kann, sondern nur meinesgleichen nicht gut genug erkenne, meinesgleichen, die es hassen, dass die Dinge so sind. Dass sie alle so sind. Die den ewigen Kuchen hassen. Babyfotos hassen. Betriebsfeiern hassen. Gespräche über das Wetter hassen. Staubige Kekse auf öden Meetings hassen. Eitle Erzählungen eitler Vorgesetzter hassen. Diese ganzen Simulationen hassen. Die Ellbogen. Die Intrigen. Die Haifische. Ich kann nicht der Einzige sein. Ich weigere mich zu glauben, dass ich der Einzige bin. Noch jemand da? Irgendwer? Hallo?

Der innere Konflikt zwischen dem, der ich bin und dem, der ich sein soll, ist zu drastisch als dass er allein durch das Geld, das sie zahlen, befriedet werden könnte. Alkohol hilft da. Und alle anderen Drogen natürlich. Vorzugsweise Aufputschzeug. Um die Maschine am Laufen zu halten. Wenn Sie keine stabile Familie auffängt, haben Sie nicht viele Möglichkeiten. Manche machen Yoga. Bergsteigen. Tiefseetauchen. Skifahren. Ficken sich durch Hafenbars. Oder werden religiös. Ich habe davon keine Ahnung. Ich beherrsche nur das Betäuben.

Der Horror ist, wenn sich einer der kuhärschigen Führungskräfte, die ich vermeide wo ich kann, zu mir ins Abseits verirrt. In mein Exil. Mein Lokal. Zu meiner asiatischen Pampe. Weil er doch mal weiter als immer nur um die Ecke ins wundgescheuerte Borgwürfelhurenlokal gelaufen ist, in dem sie alle sitzen. In dem sie immer alle sitzen.

Und dann steht der da rum. An der Tür. In meinem Lokal. Meinem Exil. Und wenn ich ihn schon da an der Türe den Raum nach bekannten Gesichtern scannen sehe, drehe ich mich weg, weil ich nicht will, dass sich dieser Wichtigtuer neben mich setzt. Weil dann zwangsläufig Gespräche übers Wetter folgen. Oder seinen beschissen teuren letzten Urlaub. Sein beschissen teures neues Auto. Und seine verfluchten Kinder, deren Schicksal mir nicht egaler sein könnte. Oder er kommt mit Benchmark-Buzzwords aus der Cluster-Matrix für proaktive Milestone-Evaluierer angeschissen. Jobsprech. Technokratenusbekisch. Luftschauflerlatein. Immer wenn sich so einer nähert, sollte ich eine vorher präparierte Tasche auf der Eckbank deponieren, auf die ich Bedauern heuchelnd verweisen kann. Sorry. Besetzt. Leider leider besetzt. Untröstlich. Bin ich. Da kommt bald noch wer. Jaja. Und dann mache ich vor lauter Euphorie über meinen Vollidiotenvermeidungscoup kulinarischen Lärm, um noch einen drauf zu setzen. Essensgeräusche sind gesellschaftlich akzeptiert, seit wir Besuch aus China hatten, denn alles, was aus China kommt, finden wir jetzt total gut. Also wird die Suppe geschlürft, mit dem Tee wird im Mund herumgegurgelt, kurz aufgestoßen und dann werde ich zu allem Überfluss den Player auf eine Lautstärke stellen, die mir selbst Angst macht, damit selbst der empathieloseste Bommelslipperteamleiter, der sonst nie was rallt, begreift, dass er mich stört und besser einen Tisch weiter geht.

Aber nein, so läuft es nicht. Auf keinen Fall läuft es so. Es läuft so wie es immer läuft: Ich lächle verbindlich, wenn er mich entdeckt und winkt. Rutsche. Biete den Platz an. Lausche, während ich das Essen schlinge, irgendwelchen Dingen, die keine Rolle spielen. Kinder. Urlaube. Der anstehende Frühling. Meeting. Konferenz. Symposium. Clustermilestonebenchmarkfickmichweg. Und spiele in Gedanken die Optionen für die nächste Mittagspause durch, in der ich mich unbedingt noch weiter entfernt von ihren Umlaufbahnen absetzen muss. Noch eine Straße weiter runter ist eine Trattoria. Vielleicht kann die was. Und viel wichtiger: Vielleicht schaffen sie es nicht dorthin. Sie.

Sie.

Ich habe früher mal gedacht, dass sich die an den Schaltstellen Herumdilettierenden eigentlich schämen müssten, wenn ihnen bewusst wird, wie wenig sie können, wie nackt sie sind, wenn der Maschinenraum mal wieder eine ihrer superstrategischen Fehlentscheidungen ausbügeln muss, die sie mit ihrem Vierfachen vom Netto des Maschinenraums so unbedarft fabrizieren. Aber nein. Nix. Gefehlt. Weit gefehlt. Tun sie nicht. Sie schämen sich nicht nur nicht, sondern finden sich selbst ausdrücklich gut. Als Führungskraft, deren Mist andere wegräumen. Vermutlich fühlen sie sich ihrer Leistungen wegen sogar zu wenig honoriert. Sind nicht zufrieden. Weil sie keiner für ihre Existenz würdigt, sondern ihnen nur allzu offensichtlich in den Arsch kriecht, um ein wenig von der Sonneneinstrahlung der Macht zu profitieren. Um zu zecken. Nachzufolgen. Angehoben zu werden. Auf einen höheren Ast des Baums zu wechseln. So ist unser Terrarium. So ist es hier bei uns. Jeder Affenfelsen hat mehr Klasse.

Sie haben mir vor eine Weile zum zweiten Mal angeboten, einer von ihnen zu werden. Sie suchen Leute, die Dinge können, die ich kann. Und die deshalb anderen Leuten sagen, dass sie Dinge tun sollen. Oder nicht mehr tun sollen. Rechts um. Links um. Zwo. Drei. Für mich eine Weggabelung. Ein Abzweig führt nach oben. Mehr Geld. Weniger Zeit. Mehr Frankfurt. Unendliche Pinguine inmitten von noch mehr unendlichen Pinguinen, die unendliche Pinguindinge sagen. Vorträge. Berichte. Fristen. Neue Zielmarken. Und vor allem mehr Mittagessen mit Unsympathen. Und mehr Weisungsempfänger, die dann mit mir essen gehen müssen, um sich nicht zu separieren und deren Namen, Anzahl der Kinder, Vorlieben, Fähigkeiten und Unfähigkeiten ich mir auch noch merken muss, um den Puff, für den sie mir die Verantwortung gegeben haben, am Laufen zu halten.

Ich habe es wieder nicht gemacht. Der Zug ist noch einmal vorgefahren, hielt kurz an und ich bin nicht eingestiegen. Wieder nicht eingestiegen. Denn es schüttelt mich, irgendwann einer von ihnen zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch in den Spiegel schauen könnte oder doch nur das Spiegelschauen verlernen würde, um mir stattdessen ein gephotoshopptes Zerrbild von mir selbst zu machen, das überhaupt nicht mehr nicht dem entspricht was ich geworden bin.

Nur mit Kindern als Begründung kommen Sie in einem Laden wie unserem mit der Ablehnung solch einer Einladung durch. Sogar als Mann. Inzwischen geht das. Kinder. Sie sind der einzige Grund, den Sie vorschieben können, warum Sie die Hand, die sie Ihnen reichen, nicht ergreifen. Kinder. Zeit. Kümmern. Ich bin untröstlich. Leider nein. Ich bedanke mich für das Vertrauen, doch ich kann das im Moment nicht tun. Mein Kind. Sie verstehen?

Wenn Sie mit dem Kind kommen, sind Sie zwar ein Sonderling, aber ein sympathischer und dürfen bleiben was Sie sind. Sie dürfen überhaupt bleiben.

Im Moment setzt sich keiner von ihnen mehr neben mich. Sie haben mich im Moment nicht als einen der ihren gebucht. Ich fliege unter ihrem Radar. Keine Wettergespräche. Keine Buzzwords. Kein Promi-Flash. Keine Windmacherei. Vermutlich auf absehbare Zeit keine Angebote mehr. Game temporary over. Ich habe Zeit gewonnen. Leider nur Zeit.

Mittags. Pause in Schnösel City (2014)

Epikur