Kleine Eiszeit

Diesen Sommer ist es wieder soweit: Vor der Kleinen Eiszeit in Prenzlauer Berg findet wieder der tägliche Müttercrosslauf statt. Wem der Hindernislauf vor dem auch schon wieder weggentrifizierten Saluti da Berlino oder dem Zipfelmützenzentrum Hokey Pokey zu popelig ist, hat hier die Möglichkeit, sein Können unter erschwertem Einsatz seines Körpers zu beweisen.

Der Schwierigkeitsgrad wurde drastisch erhöht: Im Umkreis der Kleinen Eiszeit rotten sich im Sommer täglich gleichzeitig bis zu 200 Original-Prenzlauer-Berg-Mütter mit je 1 bis 3 Zwergen zusammen, die ihre Kinderwagen und Prenzlmütterfahrräder mit Zwergenkisten vorne dran quer zur Laufrichtung so verkeilen, dass der ambitionierte Sportler auf einer Linie von etwa 150 Metern zwischen parkende Autos auf die halbstark befahrene Stargarder Straße ausweichen muss.

Teilnehmen dürfen auch die berühmten Prenzlauer Berg-Fahrradnazis, die hier aufgrund der verkeilten Kinderwagen und Zwergenkisten die Fußgänger ausnahmsweise nicht auf dem Bürgersteig im GTA-Style umholzen können, sondern völlig ungewohnt und sachfremd auf der Straße, was aber in der Wertung die gleiche Punktzahl (Bodycount motherfucker) ergibt.

Gewonnen hat jeder, der a) den Crosslauf ohne Blessuren überlebt und b) nicht unmittelbar danach in den Waffenladen in die Schönhauser Allee rennt und sich eine Pumpgun holen will, die der dort gar nicht hat.

Der Gewinn ist nix. Hier gibt’s nix zu gewinnen, maximal ein selbst bezahltes Eis.


Das ist tatsächlich noch ein Relikt vom untergegangenen Bewertungsportal Qype des Jahres 2010, als ich zum ersten Mal begonnen habe, regelmäßig irgendwas ins Internet zu schreiben. Lag noch auf einer alten externen Festplatte rum. Nostalgie, Baby. Sie haben das Ding damals aufgrund der üblichen Beschwerden ziemlich schnell gelöscht, vermutlich wegen der Pumpgun im Text. Oder weil ich was über ihre heiligen Mütter oder ihre superheiligen Fahrradmobber auf ihre Plattform ejakuliert habe. Oder kein Wort über Eis, sondern nur über das dümmliche Publikum des Eises verloren habe. Naja, Social-Crap-Portale halt. Das Löschen von Content, nur weil Meldehonkis Dinge melden, war schon vor zehn Jahren normal, das ist gar nicht so neu wie Sie vielleicht denken und insofern beileibe kein Phänomen von heute. Es gilt bei den Stromlinienstrichern heute wie damals: Immer erstmal löschen. Immer Angst. Immer weich. Immer flausch. Da machense nix.

Hier ist das Ding also wieder, einfach aus schieren Dokumentationsgründen und aus Prinzip ergänzt um meine Lieblingseisdiele Hokey Pokey, die ich leider besser finde als die Kleine Eiszeit gegenüber, die ich hier als Aufhänger benutzt habe. Seit Hokey Pokey hier platzhirscht, ist bei der Kleinen Eiszeit auch gar nicht mehr so viel los, so dass das Ding, immerhin seit 20 Jahren vor Ort, vermutlich nicht mehr lange durchhalten wird.

Es ist halt immer das Gleiche. Alles fließt. Nichts bleibt. Den Waffenladen in der Schönhauser Allee gibt’s auch nicht mehr.

Die Zeit der dummen Geschichten über dumme Prenzlauer Berg-Abziehbildmütter läuft sowieso zunehmend ab, denn es gibt immer weniger von denen, seit die Brut der Massenmütterplage 2005 bis 2010 jetzt sukzessive beginnt zu pubertieren und kiffend mit gepitchter Kackmucke aus der Boombox lärmend durch die so aufwändig befriedeten Straßen von Prenzlauer Berg zieht und ihre bräsig um halb zehn schlafen gehenden Eltern mit ihrer reinen Existenz anpisst. Ich habe auch immer weniger Berührungspunkte mit den paar versprengten Nachwuchsmüttern, die in Supermärkten, vor Schulen oder in der S-Bahn vor sich hin erziehungsdilettieren, da mein Kind plötzlich und vermutlich unvermeidbar damit beginnt, eigene Wege zu gehen und ich mich zunehmend in der Rolle des Beobachters (und des Stauners) wiederfinde. Krabbelgruppe, Kindercafé, Spielplatz, Eingewöhnung in der Kita, Brüllzwerg im Kinderwagen beim Einkaufen, alles vorbei, deswegen erlebe ich mein altes Feindbild maximal noch als kinderwagenbewehrte Mütterabwehrblockade auf Bürgersteigen, zum Beispiel vor der Kleinen Eiszeit, so dass sich der Kreis jetzt auch schließt. Bitte sprechen Sie jetzt nach: Sie. Werden. So. Schnell. Groß.

Die Kleine Eiszeit macht wieder im März wieder zur Eissaison auf. Wenn Sie mögen.

https://www.kleine-eiszeit-berlin.de/ (aber nein, für den blöden Link bekomme ich kein Geld, natürlich nicht, wozu auch…)