Verkacker auf Schienen – die Berliner S-Bahn

Vor ein paar Tagen habe ich einen Prototypen der neuen Baureihe der Berliner S-Bahn auf dem Ring herumgurken gesehen. Eingesetzt werden die Züge wie ich lese erst nächstes Jahr. Dabei wäre es so sehr Zeit für mehr Material. Für die Massen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich das seit über zehn Jahren unhaltbare, aber trotzdem von allen Verantwortlichen ignorierte S-Bahn-Desaster nach der Auslieferung der neuen Züge tatsächlich bessern wird, denn es ist ein Strukturproblem, an das offenbar keiner ran will: Die verrottete, mit betriebswirtschaftlichem Vorsatz in Grund und Boden gerockte S-Bahn Berlin ist ein gelungenes Beispiel missratener Privatisierung im Monopol und ein handfestes Argument, warum manche Dienstleistungen der Daseinsvorsorge besser doch in den Händen der Stadt bleiben sollten. Trinkwasser. Stadtreinigung. Und auf jeden Fall S-Bahn. Denn sie können es nicht. Das halbstaatliche, aber dennoch gewinnmaximierte Konstrukt ist sichtbar scheiße. Es funktioniert nicht. Wenn Sie mit der S-Bahn durch die Stadt pendeln, weil Autofahren in der Autohasserstadt Berlin tatsächlich noch nervenstrangzersetzender ist, dann spüren Sie es jeden Morgen. Und jeden Nachmittag noch einmal. Den Grind. Die Krise. Die Verwahrlosung. Das konservenbüchsige Durchberlingurken auf Verschleiß.

Freitag Vormittag zum Beispiel hing ich in Potsdam fest wie ich öfter mal irgendwo festhänge, weil ich immer noch so blöd bin, meine Kundentermine in Berlin nebst Potsdam mit der S-Bahn zu planen. Es ging wieder nichts. Weil wieder irgendwas kaputt war. Eine Weiche. Ein Signal. Oder wieder ein Zug. Meine Nerven. Ihre Nerven. Egal. Mir egal. Ich kann die ständig spontanen Ersatzfahrten mit Uber als Spesen abrechnen. Sie auch? Nein? Das ist schade. Dann blieben Sie wegen der S-Bahn wohl am Bahnhof Griebnitzsee zurück. Frage, weil es gerade so gut passt: Hat die Lastschriftabbuchung für das Monatsticket funktioniert? Sind die 63 Euro von Ihrem Konto verschwunden? Ja? Glückwunsch. Sie zahlen für Scheiße. Wie ich. Ich zahle auch für Scheiße.

Ich habe das nagende Gefühl, dass das Trauerspiel ganz einfach unreguliert der Dauerbrenner bleibt. Der S-Bahn ist es gelungen, von einem Vorzeigebetrieb mit einer Reputation wie Donnerhall, der Weltkrieg, Blockade und Westberliner S-Bahn-Boykott überlebt hat, zu einer chronisch bemitleidenswerten Klitsche in permanentem Krisenzustand bis hin zum ständigen Totalausfall zu verkommen. Es fällt schwer, noch ruhig zu bleiben im täglichen Wahnsinn aus mit Menschen vollgestopften Sardinenbüchsen, Stummelzügen, Ersatzverkehren und Zugausfällen. Ich frage mich manchmal, warum es nicht mehr Randale an den berstenden Bahnhöfen gibt. Warum sind die alle wie ich und rasten nicht aus? Wahrscheinlich einfach nur, weil sich keiner von den krawattierten Vorstandsnichtskönnern dort blicken lässt und der Pendlerpöbel bei aller Rage doch zu anständig ist, nicht die unterbezahlten kleinen Bahnhofsrestangestellten zu teeren und zu federn. Oder sie haben einfach alle resigniert und nehmen den ganzen täglichen Stumpfsinn hin. Wie alles. Wie immer. Wie ich.

Ich verstehe nicht, dass das immer einfach so weiter geht. Die Berliner S-Bahn fährt, da die Gewinnabschöpfung an den Mutterkonzern Deutsche Bahn der vernünftigen Wartung ihrer Fahrzeuge vorgezogen wurde, seit mehr als zehn Jahren am Limit ihrer technischen und personellen Möglichkeiten und teilweise darüber hinaus. So ist es 2009, als sie mit ihrem S-Bahn-Dauerkrisenmodus begonnen haben, zum ersten Mal seit den letzten Kriegstagen während der Schlacht um Berlin passiert, dass es auf der Stadtbahn, auf der immerhin so nebensächliche Stationen wie der Bahnhof Zoo, Friedrichstraße oder Alexanderplatz bedient werden, keinen S-Bahn-Verkehr gab. Nix. Keine S-Bahn. Über Wochen. Wegen Verschleiß. Unfähigkeit. Folgenloser Imkompetenz. Und wie immer ist niemand verantwortlich.

Wenn ich das Wikipediahalbwissenportal richtig verstanden habe, fiel die S-Bahn zwischen der Belagerung durch die Rote Armee und der Kapitulation der Wehrmacht nur ein paar Tage aus und das auch nur, weil die Gleise zerbombt und dadurch unpassierbar waren. Da ist die S-Bahn heute weiter: Sie fällt einfach so aus – ganz ohne Krieg und Bomben.

Ich sehe auch keine Verbesserung, seit den ganzen Jahren nicht, in denen ich tatsächlich immer noch S-Bahn fahre, ich sehe nur immer noch vollere Züge, an deren Bahnsteigen immer öfter Leute zurückbleiben, weil es keinen Platz mehr im Wagen für sie gibt. Und der Grund ist klar, nur registriert den keiner. Berlin wächst und wächst und wächst noch mehr, doch auf vielen Linien fährt nach wie vor nur eine Stummel-S-Bahn mit der Hälfte der eigentlichen Wagenkapazität, die ganz verloren während des Halts nur einen kümmerlich kleinen Teil des Bahnsteiges ausfüllt und in der sich die Pendler nicht nur ungemütlich zusammendrücken dürfen, sondern in den Kurven aufgrund der eingesparten Haltestangen munter durcheinandergewürfelt werden.

Aber auch auf Linien wie der Ringbahn, die immer noch wie 2009 mit einem traurigen Dreiviertel der früheren Wagenlänge durch die Gegend tuckert, sieht es nicht besser aus. Auch hier darf munter gedrückt, gedrängt und gewürfelt werden, es fliegen Biertrinker auf die Kinderwagen, Rollkoffer gegen die Schienbeine, von Idioten auf dem Rücken getragene Rucksäcke gegen meine Brust und Fahrräder rundum gegen alle. Das Aussteigen, wenn Sie sich nicht stategisch clever direkt an der Tür platziert haben, ist zu Stoßzeiten ein Survivaltraining mit Stadionatmosphäre, quasi als würden Sie im Hertha-Fanblock während eines seltenen Torjubels versuchen, die Toilette zu erreichen – maximal geeignet als Konfrontationstherapie für Klaustrophobe. Schweiß, Bierdunst, Mettbrötchenhauch, bis aufs Letzte verbrauchte Luft. Ein Dritte Welt-Transport. Unwürdig. Blamabel. Und sicher kein Aushängeschild.

Betreibt dieses Land noch Entwicklungshilfe? Will also anderen zeigen wie es geht? Versteh ick nich. Eigentlich müsste China Entwicklungshilfe hier in Berlin leisten. Weil wir es nicht können.

Der Service ist bei diesem Nahverkehrssuperschmock inzwischen sogar noch mieser geworden als er sowieso schon zu Zeiten war, als die S-Bahn wenigstens noch umfassend, schnell, pünktlich und mit voller Wagenlänge fuhr. In englischer Sprache angesagt werden nur die Wege zu Hauptbahnhof und den Flughäfen sowie der stupide und von niemandem beachtete Hinweis, bitte nicht zu rauchen, ansonsten darf sich der fremdsprachige Berlinbesucher über leise, von den Fahrgeräuschen übertönte und daher nichtssagende Bandansagen auf Deutsch freuen, was aber immer noch besser ist als dieses kasernenhofartige Gebelle vom Abfertiger auf den Bahnsteigen:

„AAAAAAAANSTABLLLLLLL!!!!“ (Einsteigen bitte)

„ZRRRRRRKBLABLLLLLL!!!!“ (Zurückbleiben bitte)

Das ist ein tolles Erlebnis für Rekruten auf Heimaturlaub, die bleiben im Training, sonst klingt es einfach nur bescheuert. Als würde einer der vielen durch die Stadt irrenden Psychopathen einen der Touristen anblöken. Oder Schulkinder. Sie. Mich. Irgendwen.

Zwischen dem ZRRRRRRKBLABLLLLLL!!!! und dem Schließen der Türen vergeht gerne mal eine halbe Minute, was den Sinn und Zweck der Ansage (Zurückbleiben) völlig konterkariert. Denn nie bleibt auch nur einer zurück. Warum auch? Niemand ist so doof und bleibt vor einer offenen Türe stehen, an der sichtbar nichts passiert.

Doch das verstehen die Betreiber nicht, denn manchmal, wenn einer nach dem kasernenhofigen Geschnarre doch noch einsteigt, weil er es kann, brüllt der Abfertiger völlig entnervt „ICK HABE JESAGT ZRRRRRRKBLABLLLLLL!!!! ZRRRRRRKBLABLLLLLL!!!!“ in sein Mikro, lässt die Türen dabei aber weiter offen. Berlin Berlin, meine Güte, das ist schon kein Kafka mehr, das ist eine Groteske im Kreuzberger Experimentaltheater. Oder ukrainische Darmflötenkunst. Pussy Riot. Keine Ahnung. Niemand, der bei Verstand ist, kann sich so etwas ausdenken. Welchen Sinn hat das? Was machen die da?

Ich war mal in Wien. Da läuft das so: „Zug fährt ab!“ – Boom! – Tür zu. Bahn fährt weg. Gone in 3 seconds. Ausgezeichnet. Hier in Preußen muss vermutlich bei jedem Halt auf einem Bahnhof ein Antrag ausgefüllt und von der Aufsicht nach eingehender Prüfung nebst Vier-Augen-Prinzip bewilligt werden, bevor eine S-Bahn den Bahnhof verlassen darf. Diese Nullgeschwindigkeit in der Abfertigung ist nicht Hauptstadt – das ist Küstrin-Kietz. 1911.

In konsequenter Weiterführung des Entschleunigungsprinzips tuckert die S-Bahn mit maximal 80 Stundenkilometern ihres holprigen Weges, weil die maroden Wagen für die Regelgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zu unsicher sind und das Eisenbahnbundesamt Schnelligkeit deshalb untersagt hat. Manchmal, wenn sie mal wieder besonders viel Mist gebaut hat, darf die S-Bahn nur noch 60 fahren, alles andere wäre zu gefährlich für diejenigen armen Irren, die für diesen ganzen Scheiß auch noch bezahlen müssen.

Überhaupt habe ich den Eindruck, das das Eisenbahnbundesamt die Berliner S-Bahn nach mehreren Crashs, verlorenen Rädern und Auffahrunfällen inzwischen argwöhnischer beäugt als der Bewährungshelfer einen notorischen Triebtäter.

Seien Sie also froh, dass es das Bundesamt gibt und es noch nicht privatisiert ist.

Aber hey, auch Schleichgeschwindigkeit reicht der S-Bahn noch nicht, es muss immer noch weniger sein: So werden wichtige Linien, wie zum Beispiel die zum Flughafen Schönefeld, nicht nur mit einer heruntergekommenen S-Bahn aus DDR-Beständen bedient, sondern gerne auch mal im 20-Minuten-Takt, so dass die Touristen, die Berlin von dort aus besuchen wollen, gleich mal einen Eindruck davon bekommen was sich die deutsche Hauptstadt so unter Effizienz vorstellt: Langsames Vor-Sich-Hin-Tuckern in einer Taktfolge wie in ausgestorbenen Käffern in Ost-Mecklenburg kurz vor der polnischen Grenze.

Wenn sie denn mal kommt, die S-Bahn.

Denn sie fällt eben auch gerne mal aus. Nicht nur eine. Zwei. Drei. Oder gleich der ganze Betrieb. Und dann gerne auf Linien, die sowieso nur noch alle 20 Minuten bedient werden. Manchmal steht sie aber auch nur blöd in der Gegend rum, entweder im Bahnhof oder auf freier Strecke und nichts geht mehr. Und wenn das passiert, bricht dann sofort und unvermittelt das völlige Inferno aus. Informationen, warum die Büchse jetzt gerade mal wieder 15 Minuten irgendwo zwischen zwei Bahnhöfen herumsteht und Sie sich wieder einmal einen Termin in die Kimme stecken können, gibt es erstmal gar nicht und schon gar keine Informationen darüber, wie Sie das Hindernis eventuell umfahren kann, es herrscht völlige Konfusion und Paralyse. Nicht bei den Fahrgästen, aber nein, bei denen, die das Trauerspiel betreiben.

Die Informationspolitik während einem der ständigen Ausfälle spottet wirklich jeder Beschreibung. Ich kann da nicht einmal vernünftig drüber lustig machen, weil es so erbärmlich ist, dass ich mir Pentragramme in den Unterarm ritzen möchte. Laut S-Bahn-Anzeigetafel ist an so einem plötzlichen Stillstand des Verkehrs natürlich nie der jämmerliche Zustand der Wagenflotte oder der wilhelminischen Gleisanlagen schuld, sondern wahlweise Sturm, Schnee, Hitze oder auch nur warmer Regen. Oder die Polizei. Der Notarzt. Mehrmals am Tag. Ich warte auf die Ansage, dass die S41 leider ausfallen muss, weil Vollmond herrscht oder der 15. des Monats auf einen Donnerstag fällt. Oder die Mutter des Fahrdienstleisters menstruiert. Wir bitten um Verständnis.

Das Personal auf den Bahnhöfen ist bei einem der ständigen Ausfälle ebenso überfordert wie die Technik, weiß überhaupt nie, was nun wieder los ist, verbarrikadiert sich als Putativreaktion auf potenziell orientierungslose Fragesteller auf dem Bahnhof gerne mal bunkergleich im Kabuff oder schmeißt wild mit Nebelkerzen um sich (Polizeieinsatz, Weiche blockiert, Baum umgestürzt, Betriebsstörung, Kühe auf den Gleisen, Meteoritenabsturz oder eine Demonstration feministischer Vaginalaktivistinnen auf der Frankfurter Allee) anstatt einfach zuzugeben, dass wieder einmal etwas kaputt gegangen ist oder einfach niemand Ahnung hat, was das jetzt nun wieder soll.

Sie könnten mir ja einfach mal meine monatlichen 63 Euro zurück geben. (Haha, ich weiß, ja, hahaha, nee klar, komm‘ ich selber drauf, niemand gibt mir je irgendwas zurück, da können sie versagen wie sie wollen, ich muss immer weiter zahlen und es hört nie auf.)

Inzwischen behauptet die Anzeigetafel ja fast jedes Mal, wenn wieder keine Bahn mehr fährt, stumpf einen Polizeieinsatz. Polizeieinsatz als Dauerschleife. Polizeieinsatz geht immer. Ist ja Berlin. Muss man glauben. Die S-Bahn ist jedenfalls nie schuld. Polizeieinsatz. Polizeieinsatz. Glaub mir, Fahrgastpöbel, Polizeieinsatz. Die Polizei ist schuld. Tschilp Tschilp. Ehrlich, Freunde, das alles hat ungefähr die Glaubwürdigkeit von gephotoshoppten Politikern auf Wahlplakaten, so viele Kriminelle kann es selbst in Berlin nicht geben, dass dazu jeden Tag mehrere Polizeieinsätze auf den Gleisanlagen notwendig sind. Ich glaube euch gar nichts und es dürfte auch keinen Fahrgast älter als fünf mehr geben, der diesem rollenden Comical Ali namens S-Bahn noch irgendetwas glaubt, wenn er etwas sagt. Was da an den Bahnsteigen herumsteht, sind nur noch leere Gesichter. Ausfall. Bahn voll. Wagen defekt. Türstörung. Weichenstörung. Signalstörung. Achseltubastörung. Die Leute schimpfen nicht einmal mehr, sondern blicken nur noch ins Leere, sie sind abgestumpft, mürbe gemacht, grau geworden und das Dauerdesaster ruft bei jedem nur noch ein müdes Arschrunzeln hervor. Alle wissen, dass nicht viel kommen kann und warten nur noch auf die Erlösung.

Wie 45.

Und je länger das Gesieche dauert, desto größer wird die Vorfreude, wenn sie der S-Bahn irgendwann doch endlich die Konzession für ihre rollenden Guantanamozellen entziehen und dieser ausgelutschte, schäbige, heruntergekommene Privatmonopolist für jemanden Platz machen muss, der was von Öffentlichem Personennahverkehr versteht.

Die BVG vielleicht.

Die chinesische Staatsbahn.

Oder die rumänische.

Oder die von Nordkorea meinetwegen.

Und dann würde es besser werden.