Nein, ich rege mich nicht auf

Es gibt Tage, da bin ich ganz ruhig. An solchen Tagen kann alles passieren und ich entwickle nicht einen Moment den Wunsch, nervigen Mitmenschen den Zusammenhang zwischen einer Stricknadel und stechendem Schmerz im Augapfel nahe zu bringen. Nichts. Niemand bringt mich aus der Spur. Sie können an einem solchen Tag alles mit mir machen und ich bleibe jede Ruhe selbst.

Lidl ist gerne der Ort, der das auf die Probe stellt. Es fängt schon furchtbar an. Irgendein Hirntoter hat einen Einkaufschip von Netto in die Wegfahrsperre gesteckt und blockiert damit eine Reihe Einkaufswagen. Die andere Reihe hat keinen Einkaufswagen mehr. Und jetzt hantiert er rum. Klick Klack. Nichts passiert. Da steht er und montiert. Minutenlang. Ich habe damit kein Problem, denn ich kaufe zur Not ohne Wagen nur mit einem dieser dummen Ökoscheißerjutebeutel in der Hand ein und das ohne wie die Mehrheit meiner Mitmenschen das Gefühl zu haben, ein Dieb zu sein, wenn ich die Garantiert-Nicht-Hafermilch zum Käse und den Eiern in den Beutel packe. Weil es wirklich egal ist, mit welchem Utensil der Mensch jagt und sammelt. Und noch nie einer in den Beutel reinschauen wollte. Ich klau‘ ja auch seit ich 16 bin keine Dinge mehr aus Supermärkten. Das sieht man vermutlich. Aura. Karma. Keine Ahnung.

Im zweiten Gang bei den Kühltruhen terrorisiert einer der gewohnt verwöhnten Prenzlauerbergzwerge seine nervenblanke Mutter. Der Zwerg möchte Dinge haben, Eistüten, Apfelringe, Kinderriegel, und polemisiert gegen das angebotene vollkommen überteuerte Obstpüree und diese ranzigen Biotrend-Dinkelkekse im Einkaufswagen. Will ich nicht. Will ich nicht. Bäh! bringt er allen Umstehenden seinen unbedingten Unwillen zur Kenntnis. Mich betrifft das nicht. Denn ich habe Musik dabei, die Ohren sind jetzt zu, weil ich die Musik lauter und den Keifzwerg und seine überforderte Leiermutter, die in ihrer hilflosen Defensive – ich weiß das jetzt schon – die Auseinandersetzung mit dem kleinen Keifer verlieren wird, damit kalt stelle. Lana del Rey singt „Summertime sadness“ in my brain. Kein Song könnte mir im Moment besser reinlaufen. Ich sehe den Prenzlauernölzwerg sich nun auf den Boden werfen und zum Prenzlauerbrüllzwerg upgraden. Normalerweise bekommen sie spätestens jetzt ihren Willen und genau das passiert auch. Es fliegen Goldbären und ein kapitaler Barren Toffee-Nuss-Schokolade in den Wagen. So ist das. Erziehung kann hier keiner mehr. Sie bekommen alle so gut wie nichts mehr durchgesetzt, schon gar nicht gegen die eigene Brut. Eltern als oberste Wünscheerfüller. Diese ganzen Kinder werden später alle Irgendwasbeauftragte an irgendwelchen geisteswissenschaftlichen Fakultäten oder in den mit allen möglichen Beauftragten vollgeschlumpften Berliner Landesbehörden. Da können sie dann mit voller Leidenschaft keifen wie meine bescheuerte hässliche Keifweltmeisterexfreundin, die ich nach drei Monaten Trommelfeuer entnervt rausgeworfen habe, und bekommen alle von den Steuern auf meine Überstunden desto mehr Geld je lauter sie keifen.

Nein, ich rege mich nicht auf.

Gar nicht.

Heute nicht.

Auch nicht als eine junge kunterbunt wie Pocahontas gekleidete Eule ihr geschlechtsbedingtes Vorrecht auf Vorrang nutzt und mir den Weg zu den Kühltruhen mit den widerlichen vegetarischen Burgerpatties abschneidet, die ich sowieso dort drin liegenlassen wollte. Ich muss abbremsen, um nicht zu kollidieren. Das macht sie kurz darauf vor der Truhe mit dem neuseeländischen Lamm noch einmal, so dass ich warten muss. Lykke Li singt jetzt „I will follow“. Ich habe einen Poptag heute. Frauenstimmen säuseln in den letzten Zügen des so angenehm milden Winters schöne Sommersongs in mein entzündetes Gehirn. Marilyn Manson hat heute Pause. Slipknot auch. Dimmu Borgir. Nailbomb. Nix. Ich rege mich nicht auf.

An der Kassenschlange später treffe ich die Pocahontaseule wieder. Ich stehe in einer Reißverschlusssituation, in der zwei Schlangen aufgrund der Ganganordnung zu einer werden. Das begreift sie natürlich nicht und fädelt sich hinter ihrer Vorderfrau und vor mir ein. Des Rindviehs Stimme nennt das Drängeln, aber es ist egal. Ich frage Marilyn Manson, ob er einen Song für mich hat. Er bietet „The love song“ an und das passt. Ich habe heute meinen ruhigen Tag. An normalen Tagen möchte ich solche Menschen gerne foltern, mit Lötkolben und Kneifzangen, aber nicht heute. Ich rege mich heute wirklich nicht auf.

Da berührt mich die Oma hinter mir wie zufällig. Ich drehe mich um. Sie hat aufgrund der Blockade durch den überfordeten Einkaufschiphonk auch keinen Einkaufswagen bekommen und balanciert die gleiche Anzahl an Waren, die ich im Beutel habe, mit ihren Händen und Armbeugen. Ihr Gesicht ist ein menschgewordener Sauertopf und sie mosert irgendwas in meine Richtung, das ich nicht verstehe. „Wollen Sie vor? Bitte sehr.“ bin ich freundlich wie ich nur freundlich sein kann an meinem plakativ guten Tag und sie rauscht ohne ein Wort an mir vorbei. Sie wird nur Minuten später direkt vor mir die Musteroma mimen und ihr Münzfach des Portemonnaies auf dem Warenscanner ausleeren, um umständlich quälend lange nach passenden Münzen zu suchen, aber das weiß ich noch nicht.

Ich wundere mich selbst wie ruhig ich bin. Mich bringt momentan nichts in Rage. Gar nichts. Ich war auch letzten Mittwoch sehr ruhig. Irgendwann schrieb einer in irgendeinen Gruppenchat, dass mal wieder ein neues Armageddon drohe. Weil irgendein nachrangiges Bundesland einen Regierungschef einer nachrangigen Partei statt den vorher vorgesehenen Kandidaten gewählt hat. Ich habe das Internet daraufhin den ganzen Mittwoch lang aus gelassen. Und den Donnerstag dazu. Bis heute. Ich habe nicht einmal reingeschaut, um einen der vorhersehbaren Kommentare irgendwelcher der üblichen Ereiferungsautomaten zu lesen. Weil ich ja wusste, was kommen wird. Kräh. Mehr Kräh. Am Krähesten. Chicken Run. Durchs ganze Onlinemediengehege. Outrage in the hood. Sie würden mit Sicherheit schreiben, was sie seit Jahren immer wieder schreiben, wenn irgendetwas außerhalb der Choreographie geschieht. Die Welt würde sicherlich mal wieder untergehen. Nicht weniger als die endgültige Katastrophe würde geschehen. Der Höllenschlund. Tod, Teufel, Tagesthemen. Untergang. Verderben. Zusammenbruch. Das Waterloo von allem. Dengel Dengel Blök Blök. Wir. Werden. Alle. So was von sterben. Alerta Alerta und vielstimmiges Sirenengeheul und meine Mudder hat ein Furunkel mitten auf der rechten Arschbacke, das sich nicht ausdrücken lässt. Und die Tagesschau mit ihrem immer so vorwurfsvoll in die Linse lugenden Journalismusnachwuchs ist bestimmt wieder ganz vorne mit dabei. Analysen. Kommentare. Haltungshäppchen. Also das darf doch wohl nicht wahr sein. Die Lage ist so schlimm wie nie. So dürfte es gewesen sein die letzten Tage. Ich weiß das. Denn es gibt jede Woche einen neuer Aufreger. Und sie toasten jedes Mal mein Hirn mit dem immergleichen Ablauf. Alarm. Sirene. Voll aufgedreht. Voll überreizt. Im Duktus nicht mehr steigerbar. Und ich kann das inzwischen alles nicht mehr lesen. Ich mag das alles nicht mehr sehen. Den ganzen Eifer. Den so aufwändig betriebenen Aufwand, mit dem sie immer noch eine Schippe draufsetzen im permanenten Alarmzustand. Die bitterernste Mühe. Diesen verbissenen Willen, Unlenkbares lenken zu wollen, statt einfach nur zu berichten was passiert. So dass ich es wieder lesen würde.

Ich weiß somit bis heute nicht, was sie zu dem Thüringer Kuriosum so alles umtreibt und wozu sie was sicherlich gewohnt endzeitstimmungsengagiert geschrieben haben und das ganze Getöse ist auch schon wieder vollkommen egal geworden, weil das Irrlicht von Kandidat schon wieder eingeknickt ist, so dass sie bald irgendwen anderes oder sogar den vorher vorgesehenen Kandidaten in das vorgesehene Dienstzimmer wählen werden, so dass doch wieder alles nicht so schlimm ist.

Das mit dem nicht mehr im Internet lesen nach solchen Ereignissen hat bei mir vor ein paar Jahren angefangen. Ich kann sie einfach nicht mehr sehen, diese ganze aufgesetzte Aufgeregtheit, das Geplärre, die wohlfeile Schablonenempörung zwischen Bento, Watson, Tagesschau und zeit.de über inzwischen wirklich jeden Scheiß, der sich immer gleich so liest, dass jeder unbedarfte Mittelstufenabsolvent denken muss, dass jetzt nun wirklich endgültig alles, Gesellschaft, das Gefüge, Gleichgewicht, nicht weniger als wir alle zusammen jetzt aber nun wirklich den Bach runter gehen.

Ich kann nichts machen. An mir geht das vorbei. Das Anwerfen der ständigen Politsirene hat sich bei mir komplett abgenutzt wie die Bremsbeläge meines prekären Autos, ich höre nur noch Lärm auf allen Kanälen, überall dieses permanente Geheule, das Immer-wieder-Alarmauslösen, das Dauergenöle, Gejaule, Krakeele, die überschäumenden Emotionen in ihren Brandreden, diese dauernde Irrationalität in ihrem apokalyptischen Denken ist nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel geworden, was dazu geführt hat, dass mir nahezu alles egal geworden ist von dem, was so alles passiert, wer was zu wem kommentiert, wer wieder was gesagt hat und welche Säue von wem mit welcher Reichweite durch welche Kommentarspaltgassen getreibtjagt werden. Scheißegal. Hat mit mir nichts mehr zu tun. Findet auf einer Bühne statt, deren Zuschauer ich nicht mehr bin. Und ich höre am Wochenende vor gut eingeschenkten Bieren sitzend, dass es vielen so geht. Kaum einer hört mehr hin. Mag das mehr lesen. So alleine bin ich wohl gar nicht, denn andere schalten auch das Geblöke ab. Und das Internet erst gar nicht mehr ein, so dass die ganze Blase in ihrer jeweiligen Echokammer zunehmend vom Publikum ungelesen vor sich hin keimt. Und gärt. Und twittert.

Wenn es Abend wird, sitze ich vom Tag wundgenudelt und wundgescheuert mit einem Käsebrot in der Hand auf einem quietschenden Küchenstuhl und schalte das Internet immer öfter stumm wie einen nervigen Gruppenchat voller stußschreibender Arbeitskollegen, die den immer wieder schubweise mit dämlichen Bildchen von Kerzengedecken und Blumenbouquets mit Glückskekssprüchen unterlegt fluten. Denn wenn ein Ereignis passiert, spulen sie alle immer ihr ewig routiniertes Programm ab. Journalisten. Aktivisten. Empörte über Empörte. Dauertippende Politiker von braun bis grün. Die Gendertröte. Der Twittergoebbels. Facebookuser Poperze79. Hans-Georg Maaßen. Claudia Roth. Kubicki. Kipping. Esken. Maas. Memel. Etsch. Belt. Stegner. Gauland. Gabriel. Sixtus. Alphonso. Spuckikleber Rollo aus Marzahn-Hellersdorf. Poschardt. Lobo. Erika Steinb … Klick. Mute.

Stille.

Sie haben also dem Höcke das Feld bestellt. So viel kann ich verstehen, ohne irgendwas von all den Positionierungen gelesen zu haben. Alle zusammen haben sie sein Feld bestellt. Die Kungler. Die Satten. Die Selbstzufriedenen. Die Stümperscharadespieler. Und zuletzt die versammelten wohlfeil Empörten, die das alles wieder rückgängig gemacht bekommen haben. Ich glaube nicht, dass das alles klug war, von keinem. Ich glaube auch nicht, dass das, was sie jetzt machen werden, klug sein wird. Ich glaube vielmehr, dass es zum Gegenteil von dem führen wird was sie wollen. Ich glaube ernsthaft, dass sie in ihrer Borniertheit und Vorhersehbarkeit dem Troll der Trolle das Feld bestellt haben und der darf sich jetzt freuen, denn er ist der Einzige, der aus machttaktischer Sicht wohl keinen Fehler gemacht, sondern sie von der Flanke her klassisch ausgespielt hat und das ist das Erbärmliche an der ganzen Nummer. Der sitzt als einziger da und grinst, isst einen Erdnussflip und wartet auf die nächste Auszählung von Stimmen. Oder wann sich die Gelegenheit für die nächste Stinkbombe ergibt. Oder das nächste Furzkissen. Weil dem scheißegal ist, was irgendwer zu ihm schreibt. Weil das eh nur Leute lesen, die ihn gar nicht wählen werden. Weil dem das alles nützt. Und weil der sich nicht nach jedem Twittersturm neu ausrichten muss. Sondern weil der einfach so weitermacht. Stimme für Stimme. Mandat für Mandat. Und der hat wirklich noch viel Zeit.

Ruhe. Nein. Bah. Weg. Ich mag nicht mehr. Wirklich. Wer bin ich schon, dass ich hier irgendwas ruderreiße. Ich lese nix mehr. Ich rege mich nicht mehr auf, ich will auch gar nix mehr zu irgendwas sagen, zu irgendwem, kein Höcke, kein Dings, kein Bums, ich will meine Ruhe, will nicht mehr über Stöckchen springen, mich nicht mal mehr aufregen, auch nicht hier im Lidl, als er hinter mir steht, er, der da, der sichtbare Alkoholiker, der sich gerade sehr darin gefällt, mir seinen Einkaufswagen in die Hacken zu fahren, während ich so schön stumpf in der Kassenschlange über das Bundesland der Klöße vor mich hin denke. Dong. Ferse. Dong. Nochmal Ferse. Ich setze ein wenig weiter vor. Er setzt nach und fährt mir wieder in die Hacken. Ich setze weiter vor und stelle fest, dass ich nun einen unanständig kurzen Abstand zur münzenpulenden Oma vor mir habe, was diese mit einem Schulterblick quittiert, der Elitekämpfer in Schockstarre versetzen könnte, würde man diese Oma in Libyen zur Konfliktlösung einsetzen, während der Alkoholiker mich von hinten mit seinem Wagen penetriert. Ich sitze quasi in der Falle, bin aber immer noch erstaunlich ruhig. Wie ich immer öfter ruhig werde in letzter Zeit, wenn ich mich eigentlich aufregen müsste. Ville Valo singt jetzt „Don’t fear the reaper“. Lebt der eigentlich noch? Ville Valo? Der niedliche Finne?

„Können zu mir kommen!“ ruft eine neu geöffnete Kasse, ich folge dem Ruf und verlasse vor allen anderen den Lidl. Sogar vor der Oma, die immer noch in ihrem Münzberg kramt. Also doch. Irgendwie geht es doch immer weiter. Und oft ist es dann doch nicht so schlimm wie zunächst gedacht.

Es ist leicht windig heute in Prenzlauer Berg. Aber die Sonne scheint. Paar Wölkchen. Der Winter ist mild. Gleich werde ich mir im Berliner Zoo kleine Babypandabären anschauen. Sie haben für Sonntag einen Sturm angesagt. Von Westen. Böen. Orkane. Ragnarök. Wir werden wieder alle sterben. Doch ich werde mich auch nächste Woche, wenn wir alle immer noch leben werden, immer noch nicht aufgeregt haben.


propz