Pest Pocke Post

Hut ab, meine beschissene Postfiliale hier in Prenzlauer Berg zieht alle Register, Kunden abzuschrecken, zu vergraulen oder, wenn diese sich nicht abschrecken oder vergraulen lassen oder einfach aufgrund des Quasi-Monopols zum Aufenthalt dort gezwungen sind, allen diesen Ausgezehrten vor ihren Toren ihre ganze Verachtung spüren zu lassen.

Zunächst wird auch hier das patentierte und bei Jung und vor allem Alt beliebte Deutsche Post-Warteschlangenmanagement zelebriert, dessen Ziel es ist, die Warteschlange unabhängig von der Anzahl der Kunden immer gleich lang zu halten – in etwa in einem Bereich zwischen Ausgang und Rolltreppe. Zehn Meter Minimum, gerne zwanzig, zu Stoßzeiten dreißig.

Erst wenn das benachbarte Nagelstudio nebst dämlicher Rossmannfiliale die Postkunden nicht mehr von den Kunden für widerliche Plastikfingernägel oder nichtsnutzige Gesichtscremes unterscheiden kann, überlegt die Postfiliale, einen weiteren Schalter aufzumachen.

Droht die Schlange zu kurz zu werden und die Wartezeit auf unter 20 Minuten zu verkürzen, so werden ein bis zwei Schalter geistesgegenwärtig dichtgemacht. Die Beteiligten oder jetzt wieder Unbeteiligten bewegen sich dann in den hinteren Bereich, in dem sie irgendwelchen mysteriösen Tätigkeiten nachgehen oder einfach vor sich hin existieren in stoischer Erwartungshaltung, erst ihren Schalter erneut zu öffnen, wenn die Schlange endlich wieder ausreichend lang genug ist.

Perfide ist auch die Anordung des Geldautomatens, des viel zu teuren und damit sinnlosen Bürokrimskrams und des Automatens für Briefmarken. Diese sind exakt so platziert, dass sich die Schlangen für beide Automaten und die für die Schalter mit den tatsächlich an Postdevotionalien Interessierten in die Quere kommen und niemand weiß, in welcher Schlange er gerade überhaupt steht. Pöbeleien, Rempeleien, Keilereien, Polizei, Schuss- und Stichwunden – anything goes und die Post feixt.

Haben Sie es – mittlerweile schäbig unrasiert und mangels Dusche stinkend – irgendwie geschafft, den elenderlösenden Schalter zu erreichen, müssen Sie feststellen, dass bei weitem nicht alle Bankgeschäfte dort abgewickelt werden können, sondern Sie für manche Dinge einen Termin beim Bankberater benötigen, der allerdings weniger Zeit hat als der Papst und wenn, dann nur zu Zeiten, in denen Sie Ihren Arbeitsplatz nur unter akutem Abmahn- oder, wenn Sie wie ich schon zwei Abmahnungen auf Tasche haben, Kündigungsrisiko verlassen können.

Ich weiß nicht, ob sich die Situation durch noch mehr Wettbewerb verbessern würde, wahrscheinlich wird dann nur wieder das Personal schlechter bezahlt bei erhöhter Arbeitszeit, aber der Service bliebe mangels Motivation genauso schlecht. Ein Teufelskreis, aus dem ich auch keinen Ausweg kenne, außer irgendwann erfindet doch jemand eine praktikable Drohnenlösung, irgendein fliegendes Ding, das mir meinen Scheiß vom Balkon klaubt, zum Empfänger fliegt und mir die Kosten dafür bei Paypal wegbucht. Bis dahin wäre vielleicht doch wieder die alte Bundespost eine Lösung, wobei mir auch keiner sagen kann, ob damals das Menschenschlangenmanagement besser war, genauso hirntötend oder ob damals sowieso alles egal war, weil ja die Sowjets mit ihren Atomsprengköpfen draußen in Brandenburg standen. Weiß ich nicht. Zu lange her. Und ich kenne auch keinen, der das noch kennt. Ich will da nur nicht wieder hin. In die Filiale. Ich will da weg. Pest Pocke Post. Jeder Tag, an dem ich nicht hier sein muss, ist ein Gewinn.